Bücherschau

Tauber, Max - Nach mehr als neunzig Jahren

Ein lebendiges Stück Zeitgeschichte

Die von seinem Neffen Gustav Freudmann aufgezeichneten Erinnerungen von Max Tauber sind ein lebendiges Stück Zeitgeschichte. Tauber, geboren 1920, emigrierte 1935 nach Palästina und kehrte 1948 wieder nach Wien zurück.
Beschrieben wird die karge Kindheit einer Arbeiterfamilie: Der Vater ist Schuster, die ohnehin viel zu kleine Wohnung dient auch als Werkstätte. Eine Waschküche befindet sich in einem anderen Haus, am Wochenende wird das Tröpferlbad aufgesucht, denn (schmutziges) Wasser gibt es nur am Gang. 1934 verliert der Vater seine politischen Funktionen und seine Aufträge. Er emigriert nach Palästina, die Familie kommt ein Jahr später nach. Der junge Max schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, ehe er durch Zufall das Handwerk seines Vaters lernen kann.
Immer wieder schlägt in der Erzählung die Sehnsucht nach der Heimat durch, aber die Nachrichten sind trist. Das Jahr 1938 wird aus der Entfernung erlebt, aber auch der Kriegsverlauf kritisch aufgenommen und kommentiert. Nach seiner Rückkehr engagiert sich Max in der KPÖ und in der Gewerkschaft. Sein Schuhmacherhandwerk muss er nach dem Niedergang des Gewerbes irgendwann einmal aufgeben; zuletzt arbeitet er bei der Post.
Das Buch, versehen mit einigen Anmerkungen, zeigt deutlich die Schwierigkeiten des Lebens in der Emigration auf, aber auch, dass das Österreich in der Nachkriegszeit auf Leute wie ihn nicht gerade gewartet hat.
Peter Autengruber

Tauber, Max - Nach mehr als neunzig Jahren
new academic press 2013. 252 S., br., € 19,90
ISBN 978-3-99036-002-6

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