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Bücherschau

Vom Lesen und vom Menschsein

Claudia Bettina Wadlegger über Lesen als eine Form der Zwischenmenschlichkeit

Durch die hohen Gänge kam ich mir winzig vor, was die Architektur eines Palastes schließlich bewirken sollte. Die eigenen Schritte hallten inmitten der Stille der unbekannten Flure in meinen Ohren wider und es schien als gelangte ich in ein geheimnisvolles, sagenumwobenes Land. In meinem Kopf wiederholte sich die Stimme des Portiers „Am Ende des Ganges links“ und auf mein Klopfen hin öffnete sich die letzte der vielen endlos hohen, weißen Türen.

Der Duft der Bibliotheken lockt*
Durch die hohen Gänge kam ich mir winzig vor, was die Architektur eines Palastes schließlich bewirken sollte. Die eigenen Schritte hallten inmitten der Stille der unbekannten Flure in meinen Ohren wider und es schien als gelangte ich in ein geheimnisvolles, sagenumwobenes Land. In meinem Kopf wiederholte sich die Stimme des Portiers „Am Ende des Ganges links“ und auf mein Klopfen hin öffnete sich die letzte der vielen endlos hohen, weißen Türen. Der Geruch alter Holzkästen, noch älterer Bücher und des Denkens vergangener Jahrhunderte strömte heraus; orangefarbene Jalousien ließen zwischen den Büchern eine Sonne vermuten, die nie Einlass in die wohlige, friedliche, ehrwürdig-alte Bibliothek finden sollte. Der Bibliothekar legte mir im Vorraum zu dieser Wunderwelt ein geöffnetes Buch vor die Nase. Darin vermerkt waren all jene Bücher, die er mir bedächtig in die Arme stapelte, nachdem ich die Entlehnung unterschrieben hatte. Mehr als den Weg nach draußen bekam ich damals nicht zu sehen. Es war derselbe, den ich herein genommen hatte, bloß nun weniger spektakulär.

Freilich war die Volksschulklasse einmal in der kleinen Bibliothek der Pfarre unweit der Schule. Und auch die Buchhandlung war bekannt, weil die Mutter dort Bücher kaufte und man bestellte selbst gerne welche vom Taschengeld, das man aufgrund der entstandenen Zahlungsverpflichtung nun nicht mehr für Stickeralben, Barbiekleider oder Süßigkeiten ausgeben durfte. Die große Freude brach aus, wenn am Festnetztelefon der Anruf kam - das Buch ist da. Aber wer wartete das schon ab, wenn man auf dem Weg von der Schule nach Hause, anstatt draußen frieren oder schwitzen in der Buchhandlung nachfragen und "nur ein bisserl schauen" konnte. Die Schulbibliothek des Gymnasiums war praktisch und alt, mitsamt dem Holzkastengeruch, den grünen Filztischdecken und den typischen kupfernen und mit weiß-grünen oval-länglichen Glasschirmen versehenen Leselampen.

In der Universität konnte man seine Weltenreise in die Hauptbibliothek mit den Ausmaßen einer Bahnhofhalle, den mächtigen Regalen, zahllosen Leitern und der ehrfurchtgebietenden Architektur unternehmen. Oder man suchte am jeweiligen Institut die passende Lektüre und/oder Atmosphäre. Zwischen Metallregalen, Computern, Kopierern, grauen Seminartischen, liebevoll gestalteten Informationsplakaten und bemüht heimeligen Sofas wurde man versehen mit dem guten, leisen Rat der Bibliothekarinnen, den Mantel und den Rucksack in die Schließfächer zu sperren, hier leise zu sprechen und sich dem Kurs anzuschließen, der die Geheimnisse des Auffindens der gewünschten oder zumindest gesuchten Lektüre lüften sollte. Wer sich als wiederkommend und freundlich erwies, bekam immer hilfreiche - leise ausgesprochene - Zusatzinformationen.

Lesen und Lesen lassen
Gute-Nacht-Geschichten und die Bibel wurden im Bett aus Interesse an der verbindenden Funktion dieser Lektüre unter den Mitmenschen und aus Mangel an Fernsehsendungen (eine sinnvolle Maßnahme meiner Eltern) im jugendlichen Alter gelesen. Alle Literatur (mit großem L), die der Schulvorstellung einer Allgemeinbildung entsprang, musste sich in Bussen, im Park, im Gehen, in Pausen, aber niemals auf einem Sofa, im Bett, auf dem WC oder während des Essens bis zu Ende lesen lassen. Die Herausforderung - das Glasperlenspiel von Herrmann Hesse - musste Post-its, Eselsohren und Notizzettel überleben und das Gilgamesch Epos fand den Atlas und ein Geschichtsbuch als erhellendes Moment an seiner Seite.

Gedichte - von mir für mich geschrieben und auf Zettel, in Büchlein oder im Computer getippt aufbewahrt - wurden bis zu sechzehn Jahre nach ihrer Entstehung erstmals öffentlich gelesen: Der Saal, der Veranstalter, das Publikum machten diese Lesung aus, nicht nur der Text, meine Stimme, mein Vortrag. Im Radio oder bei „Open mic“ Veranstaltungen lese ich meist kein fixes Programm, sondern auf den Moment abgestimmt und in den Stimmen hörbar, die ich beim stillen Lesen in meinem Kopf erdenke.

Diese Stimmen nach außen zu tragen und umgekehrt das von außen zu uns Kommende in unsere Gefühlswelt einzubauen ist ein wunderbares Wechselspiel, die Psychologen nennen es Bibliotherapie. Doch „Gefühlsübersetzer“ sind wir in allen Künsten. Aus dem eigenen Fühlen zum Abstrahierten, Enkodierten und über die Dekodierung und somit die Übersetzung in das eigene Fühlen; so vermag das schöpfende, aktive und das passive Genießen von Kunst Hilfe - ja ein „Verstanden-Sein“ trotz des Fehlens eigener Worte - zu bieten. Es bewahrt davor, das „zu Persönliche“ anderen Personen gegenüber preisgeben zu müssen und ermöglicht doch zu teilen. Es lassen sich Charakterzüge überdeutlich in der Literatur erkennen und reflektieren, ohne selbst namentlich angesprochen zu werden. Auf die Art und Weise, wie Menschen handeln lässt sich liebevoller reagieren, wenn man die Vielzahl der möglichen Vorgeschichten präsenter hat, auch ohne genaues Wissen um die konkreten Hintergründe. Das schafft die Vielfalt der Literatur ohne dabei das vorgefertigte visuelle Element des Films mit in den Kopf zu bringen.

Lesarten einmal anders
Fühlen. Ständig tun wir es, aber nicht immer suchen wir uns bewusst aus, was wir fühlen. Nicht immer wollen wir gerade jetzt ausgerechnet das fühlen. Wir sind Menschen und wollen uns die Welt gemeinsam oder auch alleine erschließen und so probieren wir aus, fragen und suchen fühlend.

Lesen. Ständig tun wir es, aber nicht immer suchen wir uns bewusst aus...ich befürchte, Sie wissen schon, was jetzt kommt. Ersetzt man also im ersten Absatz das Wort „fühlen“ durch das Wort „lesen“, was sagt dies dann über die Bedeutung des Lesens aus? Wie stark ist der eigene Antrieb zu dieser Tätigkeit? Was ist der Nutzen daraus? Was trägt das Lesen zum Menschsein bei? Welche Art der „Notwendigkeit“ zu lesen verspüren wir?

Das „Gebrauchslesen“. Es befähigt zum Handeln und führt zur stetigen Erweiterung des Handlungsspielraumes. Eben praktische Alltagsschriften wie Gebrauchsanleitungen, Formulare etc. Doch jedes Lexikon hilft auch Herz und Seele.

Das „Lustlesen“. Es befähigt zum „Lesen Mögen“ zusätzlich zum reinen Lesevermögen. Das Lesen als positiv besetzte Handlung zu empfinden, weil es über das „Gebrauchslesen“ hinaus zu komplexeren Gedanken, Erkenntnissen, Empfindungen  und Taten befähigt, ist ja ein besonderes heuristisches Erlebnis. Literatur, welche dieses Heureka aufgreift, wird durch den Inhalt oder die Technik des Erzählens wiederum zu gerne Gelesenem für alle, die Ähnliches erlebt haben.

Das „Verbindungslesen“. Es befähigt uns zu einem Austausch in alle Richtungen; zu intermedialem,  interdisziplinärem, interlingualem, interkulturellem „Querdenken“. Gemeint ist einerseits das Verstehen eines Textes mit Hilfe von Wörterbüchern, Geschichtsbüchern und informativen Texten zu gedankliche Strömungen, Naturphänomenen etc. und andererseits das Verbinden von „Gebrauchslesen“ und „Lustlesen“.

Worturlaub
Mit dem geschriebenen Wort Urlaub machen, will meinen, dass man es an außergewöhnliche Orte trägt, wie Lesungen, Projekte im Bereich Audio, visuelle Kunst, haptisch Erlebbares. Es will vorschlagen das geschriebene Wort Aktivitäten erleben zu lassen (2-stimmiges Simultanlesen), es das gesamte Spektrum der verfügbaren Garderobe ausnützen zu lassen (Installation, fühlbarer Text, auf einer Leinwand, aus oder auf verschiedenen Materialien), sodass es mit den RezipientInnen Momente erleben darf, von denen diese berührt werden.

Ohne den Alltag - aus dem das geschriebene Wort kommt und in den es wieder zurückkehrt - wäre aber der Urlaub wohl kaum etwas Besonderes. Oft sind Kinder schon von einem Kurzurlaub erfreut, wenn abseits des Alltäglichen das geschriebene Wort trotzdem als solches erkennbar ist. Mimik, Gestik und Stimmvielfalt als Bereicherung des Vorlesens oder das Auftreten des Vorlesens an unerwarteter Stelle erfreut durchaus Kinder und Erwachsene, wenn es Letztere auch zuweilen irritiert.

Eine Form der Zwischenmenschlichkeit
Wie Menschen mit Büchern, Bibliotheken und Texten umgehen, ist eine Form der Zwischenmenschlichkeit, eben eine Umgangsform. Die zu Beginn beschriebene Wunderwelt einer ehrwürdig-alten Bibliothek im Stift Klosterneuburg, wie sie auf mein 16-jähriges Ich wirkte, wurde inzwischen renoviert. Der neue Glanz und der wunderbare Arbeitsgeist der dort forschenden Menschen lädt zum Lesen ein. Die vielen Kontakte mit dem Text haben mich auch aktiv werden lassen: 2016 habe ich ein Buch geschrieben, dass sich mit verschiedenen Materialien und künstlerischen Realisierungen von Text beschäftigt. Indem ich es der Schulbibliothek geschenkt habe, wurde ich ein Teil davon.

Gefühle, Zeit, Raum, das Mögliche und das Unmögliche teilt man also mit der Lektüre. Doch auch das Teilen unter LeserInnen im gegenseitigen Empfehlen von Lektüre, im Anstecken zum „Lustlesen“ und zum „Gebrauchslesen“ ist wichtig, im (Selbst-)Lesen und im Vorlesen (lassen). Das Lesen empfiehlt sich als „Welterschließer“, genauer gesagt als „Selbstentdeckungsermöglicher“ und „Mitmenscherforschungsgehilfe“. Was uns in der Realität fehlt, finden wir im Text und verwirklichen es manchmal, was wir als Realität kennen und in einem Text als unmöglich beschrieben wird, lässt uns bewusster leben.

Die Frage, nach der Motivation zu Lesen hängt wohl davon ab, welche Orte (Bibliotheken, das persönliche Bücherregal) und Atmosphären, welche Textsorten (Prosa, Lyrik, Sachbücher), welche Inhalte (Fachwissen, emotionale Inhalte), Erkenntnisse und Gefühle man mit dem Lesen verbindet. Ein „Dem-Ausgesetzt-Sein“ ist Voraussetzung. Inhalt und Zweck des Lesens sind freilich wichtig, der Motivation des Lesens liegt aber sicherlich auch das emotionale Erleben des „Leseuniversums“ zu Grunde. Das Lesen trägt also zum Menschsein bei, weil es Verbindungen in einem Menschen und auch nach außen schafft.

*„Die Luft der Freiheit weht“ ist das Motto der Stanford University, nach dem Satz „videtis illam spirare libertatis auram“ in den Invektiven von Ulrich von Hutten (Humanist 1488-1523). Der erste Präsident der Universität, David Jordan,  interpretierte losgelöst vom ursprünglich reformatorisch-religiös behafteten Satz: „Das Recht auf eigene Interpretation ist die Anerkennung der eigenen Individualität.“ Fußnote 28 und Gerhard Casper, Präsident im Jahr 1995 wiederum meinte, dass Jordan als höchste  Freiheit „Das Streben nach Wissen ohne Einschränkungen der Mittel und Felder“ (Fußnote 30 auf http://web.stanford.edu/dept/pres-provost/president/speeches/951005dieluft.html) empfand.

http://wirlesen.org/artikel/warum-lesen/lesen-gesellschaft/vom-lesen-und-vom-menschsein


 

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