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Bücherschau

Die Virtuelle Bücherei Wien

Auszug aus der Projektarbeit von Florian Rettenegger

Die moderne öffentliche Bibliothek versteht sich als Zentrum für Bildung, Kultur, Information und soziale Integration. Um diesem Verständnis gerecht zu werden bedarf es einem hohen Sensibilisierungsgrad hinsichtlich gesellschaftlicher Veränderungen. Die Aufgaben, die einer öffentlichen Bibliothek zukommen gehen bei weitem über das Erschließen und Bereitstellen publizierter Literatur hinaus. Bibliotheken sind inzwischen umfangreiche Serviceeinrichtungen und dabei durchaus sehr erfolgreich. Mit der fortschreitenden Digitalisierung der Inhalte und Verfügbarkeit im Internet, laufen öffentliche Bibliotheken jedoch Gefahr ihren Rang als Medienvermittler zu verlieren. Für eine breite Schicht der Gesellschaft steht das Internet zur Informationserschließung an erster Stelle. Die Distribution elektronischer Medien über das Netz ist heute Selbstverständlichkeit. Immer mehr Texte, Musik und Filme werden per Download bezogen. Onlineshops boomen ebenso wie Internettauschbörsen. Die Entwicklungen hinsichtlich verfügbarer Medienarten und Erwerbsmöglichkeiten sind rasant. Die Bibliotheken reagieren auf die veränderten Bedürfnisse und positionieren sich ebenfalls im Internet. Der Webauftritt der Büchereien ist obligatorisch und immer öfter sind sie in sozialen Netzwerken vertreten. Mit der Virtuellen Bibliothek positionieren sich Büchereien ebenfalls als eMedien-Anbieter.
Die Vorteile sind offensichtlich: Die Nutzer der Virtuellen Bibliothek sind weder an Öffnungszeiten gebunden, noch müssen sie die Bücherei selbst besuchen. Der elektronische Medienbestand braucht keinen physischen sondern lediglich Speicherplatz. Der Leihvorgang wird automatisch erledigt, womit für Ausleihe und Rückgabe kein Bibliothekspersonal benötigt wird.
Die Büchereien Wien betreiben seit Oktober 2010 die „Virtuelle Bücherei“ mit der „Onleihe“ der Firma DiViBib, welche sich im deutschsprachigen Raum auf ein digitales Leihsystem für öffentliche Bibliotheken spezialisiert hat.
Die vorliegende Arbeit soll einerseits einen Überblick über die Möglichkeiten einer virtuellen öffentlichen Bibliothek schaffen und andererseits Aufschluss über den bisherigen Erfolg der Virtuellen Bücherei liefern. Die Arbeit untergliedert sich in drei Hauptteile. Im ersten Teil wird auf den Markt elektronischer Medien eingegangen. Wie sieht der deutschsprachige eBook-Markt aus, welche Medien sind im Handel verfügbar und in welchen Formaten? Der zweite Teil beschäftigt sich mit elektronischen Leihsystemen, wobei vor allem auf die Onleihe der Firma DiViBib eingegangen wird, welche auch bei den Büchereien Wien zum Einsatz kommt. Der letzte Teil betrachtet die Virtuelle Bücherei Wien. Neben einem Überblick über das verfügbare, virtuelle Angebot, wird auch versucht Aussagen über die Nutzer zu treffen. Um den Umfang und Nutzung des virtuellen Angebots in Relation zu setzen werden die Daten der Virtuellen Bücherei Wien jenen anderer Bibliotheken gegenübergestellt. Den Abschluss der Arbeit bildet eine Betrachtung der Öffentlichkeitsarbeit im Zusammenhang mit der Virtuellen Bücherei. Es wird der Frage nachgegangen, wie die Bücherei neue Nutzer für ihr virtuelles Angebot gewinnen kann.

Datenmaterial
Die Bestands- und Nutzeranalyse der Virtuellen Bücherei Wien bezieht sich auf den Zeitraum seit Inbetriebnahme im September 2010 bis Ende des Jahres 2011. Grundlage der Arbeit bilden die Monatsstatistiken der Virtuellen Bücherei und die statistische Auswertung zum einjährigen Bestehen der Virtuellen Bücherei im Oktober 2011. Die Bestands- und Entlehnzahlen wurden in der Analyse in Relation zu den Daten anderer Bibliotheken mit Onleihe-System gesetzt, welche im Vorfeld von den Bibliotheken Würzburg, München, Bremen und Salzburg zur Verfügung gestellt wurden.
Dabei ist zu beachten, dass die statistischen Daten der Onleihe, die über ein eigenes Statistiktool der Firma DiViBib erstellt werden, nur eingeschränkte Rückschlüsse über die Nutzer zulassen. So beinhalten die Daten zur Ausleihe keine Informationen über die Nutzer selbst, wie beispielsweise Alter oder Geschlecht der Nutzer. Die Onleihe überprüft bei Anmeldung eines Lesers im System lediglich die Gültigkeit des Leserkontos und bezieht so keine personalisierten Daten mit ein. Deshalb wurde zusätzlich auf Ergebnisse schon vorhandener Studien, der Bibliothek Chemnitz, Bremen und dem Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz zurückgegriffen, die in Form einer Nutzerumfrage erstellt wurden. Des Weiteren wird auf eine Arbeit, die an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Regensburg verfasst wurde eingegangen, welche in Form einer Nutzerumfrage und Experteninterviews in fünf Städten (Frankfurt/Oder, Göttingen, Hamm, Straubingen und Weiden) durchgeführt wurde.

Die Ausgangssituation
Ebooks

Spätestens seit der Frankfurter Buchmesse 2010 sind Begriffe wie eBooks und eReader aus dem Buchhandel nicht mehr wegzudenken. Während auf der Seite der klassischen Verlagswelt der Tod des physischen Buches wehmütig vorausgesagt wird und das Verschwinden des sinnlich-haptischen Elementes beklagt wird, reagieren die Käufer von eBooks nur zögerlich auf die neuen Angebote. Der Anteil der verkauften eBooks in Deutschland entspricht mit 21,2 Millionen Euro Umsatz nur 0,5 Prozent des gesamten Buchmarktes im Jahr 2010. Die eBook Verkäufe österreichischer Verlage sind so gering, dass sie häufig nicht in die Verkaufsstatistiken aufgenommen werden.
Der deutschsprachige eBook-Markt befindet sich noch in den Kinderschuhen. Richtungweisend sehen die dreistelligen Umsatzsteigerungen im eBook Segment des US- amerikanischen Buchmarktes aus. Damit sind eBooks in den USA hinter Taschenbüchern auf Platz zwei im Verkaufsranking geklettert. Von einer derartigen Umwälzung des Marktes ist im deutschsprachigen Raum noch wenig zu spüren.

Entwicklung am deutschen eBook-Markt
Aufgrund von Uneinigkeit über eBook-Formate und Vertriebswege ist die Entwicklung zögerlich. Das Interesse der Leser an eBooks hängt stark vom Angebot und der Verfügbarkeit der Titel ab. Hinzu kommt eine gewisse Skepsis von Seiten der Kunden, für die das haptische Erlebnis des Buch-lesens dominiert und die eBooks deshalb nie akzeptieren werden. Stark buchaffinen Käufer bekennen sich deutlich zu den physischen Angeboten. Verlage und Handel zeigen sich angesichts der verhaltenen Nachfrage, abwartend.
Derzeit drängt eine Vielzahl an eReadern zu durchaus erschwinglichen Preisen auf den Markt, denn das Lesen von eBooks auf dem Computerbildschirm ist unkomfortabel. Doch die eReader-Hersteller setzen auf jeweils unterschiedliche Formate und nicht jeder Reader kann jedes Format lesen. Berühmtes Beispiel hierfür ist etwa Amazons erfolgreicher eBook-Reader „Kindle“, der sich auf die eigenen Produkte beschränkt. Hinzu kommt die steigende Popularität von Tablet Computern und Smartphones, die sich als portables Lesegerät für eBooks grundsätzlich eignen. Die Verbreitung dieser unterschiedlichen potentiellen Lesegeräte steigt massiv. Inwieweit auch die Akzeptanz steigt, Gedrucktes vom Bildschirm zu lesen, wird sich erst zeigen müssen.
Am heimischen Markt ist das von Adobe entwickelte Portable Document Format (PDF-Format) am weitesten verbreitet. 90 Prozent aller eBooks sind in diesem Format erhältlich. Daneben werden Publikationen im EPUB-Format (50 Prozent) und mobi-Format (15 Prozent) angeboten. Es bleibt abzusehen, ob die Formate parallel bestehen bleiben oder ob sich eines der Formate gegenüber den anderen durchsetzt.
Vor diesem Hintergrund steht der Buchhandel beim deutschsprachigen eBook-Sortiment noch am Anfang. Zwei Drittel der deutschen Buchhändler haben den Handel mit digitalen Büchern noch gar nicht in ihr Geschäft miteinbezogen. Vorerst setzen überwiegend die großen Buchhandelsketten auf den Verkauf von eBooks. Als Hauptgrund für die Zurückhaltung de Buchhändler wird die noch zu geringe Nachfrage der Kunden angeführt. Die Nutzer von eBooks suchen und ordern aus Selbstverständnis ihre elektronischen Bücher in Online-Shops. Die Umsätze der meisten Buchhändler werden hingegen durch den Verkauf der physischen Bücher in ihren Filialen erzielt. Demzufolge werden eBooks von Buchhändlern oft als unerwünschte Konkurrenz zum gedruckten Buch betrachtet.

Der eBook-Markt aus Sicht der Verlage
Auf Seiten der Verlage ist jedoch, zumindest in Deutschland, schon ein Aufbruch in Richtung elektronischer Publikationen zu erkennen. Zwar scheuen noch viele, vor allem kleinere Verlage, die erforderlichen Investitionen oder verfügen nicht über das notwendige Know-how, dennoch wollen 80 Prozent aller deutschen Verlage in den kommenden Jahren eBooks anbieten. Derzeit führt nur etwa ein Drittel der deutschen Verlage eBooks, dies sind überwiegend große Häuser.
Abwartender geben sich österreichische Verlage. Nur 17 Prozent bieten eBooks an, über ein Drittel plant nicht einmal in den eBook-Markt einzusteigen. Zudem erscheinen nur etwa 20 Prozent der österreichischen Neuerscheinungen als eBook, während der Anteil in Deutschland bei 40 Prozent liegt. Bezüglich der Formate sind sich die Verlage uneins. Vorerst werden noch mehrere Formate parallel angeboten, doch sollte sich eines durchsetzen, dann werden dem EPUB die größten Chancen zugerechnet. Bezüglich der Frage, was die Verlage als eBook publizieren, wird klar, dass das Engagement deutlich in Richtung Fach- und Wissenschaftstitel geht. Publikumstitel im Bereich Belletristik oder Kinder- und Jugendbücher werden hingegen jeweils in nur etwa 10 Prozent der Verlage als eBook publiziert.

Andere elektronische Medien
Ganz anders sieht der Markt im Bereich der audiovisuellen Medien aus. Gerade im Musikbereich hat sich längst das mp3-Format etabliert. Seit der Markteinführung des iPods sind portable Player weit verbreitet und seit einiger Zeit auch in Mobiltelefonen integriert. Musik wird immer öfter über das Internet bezogen und CD-Verkäufe gehen weiter zurück. Mit dem Internet und insbesondere dem digitalen Audiocodec mp3 entstand ab den 1990er Jahren die Entkoppelung von Musik und physischem Tonträger, was die Verbreitung digitaler Musik erleichterte und in Folge die Musikverlage ins Straucheln brachte. Hier ist auch ein Grund für die Skepsis der Verlage am eBook-Sektor zu suchen. Tauschbörsen, die Musik über das Internet unautorisiert verteilen, brachten die Tonträgerindustrie, die zuvor ihre Profite über CD-Verkäufe erlangten, kurz vor der Jahrtausendwende in Zugzwang. So gelang es ihr einerseits eine Verschärfung des Urheberrechtsgesetzes durchzusetzen, andererseits konzentriert sie sich verstärkt auf einen neuen Vertriebsweg – den kostenpflichtigen Musikdownload. Heute werden Audio-Titel ganz selbstverständlich als mp3-Downloads angeboten und verzeichnen Zuwächse.
Schnelle Internetverbindungen erlauben es auch, größere Datenmengen und somit auch Video-Formate komfortabel zu verbreiten. Auch hier versucht man, immer neue autorisierte Vertriebswege zu finden, die allen Beteiligten gerecht werden. Fest steht, dass es mit dem Internet und der Digitalisierung der Inhalte für die Konsumenten eine Selbstverständlichkeit geworden ist, Informationen und Content jeder Art online zu beziehen.


Die gesamte Projektarbeit von Florian Rettenegger (Büchereien Wien) kann unter http://www.projektarbeiten.bvoe.at/RetteneggerFlorian.pdf eingesehen werden.



 

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