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Bücherschau

Thomas Ballhausen - Wie vermittelt man den „Krieg der Bilder“?

Bemerkungen über Archive, Sammlungen und Öffentlichkeit. Von Thomas Ballhausen

Schon in der Frühzeit des Films machten sich die Verantwortlichen und Produzenten Gedanken, wie Material dauerhaft bewahrt, sinnvoll archiviert und wieder zugänglich gemacht werden könnte: Der Wunsch nach der adäquaten Sicherung, Lagerung und weiteren Bearbeitung unter Achtung der dualen Verantwortlichkeit gegenüber den Beständen als auch der Öffentlichkeit – der Kernaufgaben eines jeden Archivs – ist bereits für das späte 19. Jahrhundert dokumentiert. Für eine zeitgemäße Erleichterung im seriösen Materialzugriff bieten wissenschaftliche Editionen und das Internet hervorragende Voraussetzungen. Insbesondere am Beispiel der österreichischen Filmquellen zum Ersten Weltkrieg lassen sich die Vorzüge beider Vermittlungsoptionen verdeutlichen.

Archiv: Herausforderungen und Denkmodelle
Da Archive nicht selten rein aus dem limitierten Selbstverständnis der Forschungsermöglichung diskutiert werden, soll hier nun ein anderer Weg vorgeschlagen werden. Aufbauend auf prinzipiellen Überlegungen zum Archiv wird deshalb die notwendige Aktivsetzung, das Denken des Archivs als technë betont: In der richtigen Verpflichtung gegenüber den Beständen als auch der Öffentlichkeit hat es sich das Archiv in der Erfüllung seiner vielfältigen Pflichten vorsätzlich schwer zu machen. Die produktive Arbeitsschizophrenie, die sich aus der Unterstützung seriöser Arbeiten in der Gegenwart und dem langfristigen, generationenübergreifenden Erhalt des jeweiligen Erbes ergibt, prägt die Tätigkeiten der Archive und die Notwendigkeit einer hochsensiblen ethischen Haltung. Insbesondere in Zeiten technischer Neu- und Weiterentwicklungen – denen man sich als Archiv keineswegs verschließen darf, die aber auf jeden Fall einer konstruktiv-kritischen Prüfung bedürfen – gilt es, sich die historischen Realitäten, die Herausforderungen und Optionen mit besonderem Nachdruck zu vergegenwärtigen. Die aktive Öffnung des Archivs zugunsten der Öffentlichkeit bedeutet dabei aber keineswegs eine Abschaffung der Expertinnen und Experten oder gar ein Verschwinden des Archivs als spezialisierte Form intellektueller Logistik. Insbesondere in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung muss das Thema der Langzeitarchivierung ebenso von Bedeutung sein wie das deutliche Angehen gegen das Limitieren des Archivs auf eine Rolle des reinen Zuträgers wissenschaftlicher Fachdisziplinen.
Die Vermittlungsarbeit des Archivs muss daher nicht nur die inhaltliche bzw. medienspezifische Sensibilisierung im Rahmen der jeweiligen Vermittlungsagenden berücksichtigen, sondern sich zusätzlich gegen Unterminierung, Vereinnahmung und die Irrtümer neopositivistischer Quellenmanie stemmen. Öffentlichkeit und Sammlung bezeichnen dabei die als produktiv anzusetzenden Pole eines Spannungsverhältnisses der Verantwortung und der tagtäglichen archivspezifischen Herausforderung. Dieses dichotome System gilt es in einem Verständnis des Archivs als intellektuelle Logistik auch zu erhalten – die Bestände an sich schlicht als noch nicht realisierte Öffentlichkeit interpretieren zu wollen ist eine Limitierung, die weder der Öffentlichkeit, der man verpflichtet ist, gerecht wird, noch der zu erhaltenden Sammlungsbestände selbst. Eine solche Verwischung käme einer klaren Missachtung der notwendigen, materialspezifischen Erhaltungsbedingungen der Bestände gleich und somit einem völligen Versagen in ethischer, konservatorischer und nicht zuletzt auch politischer Hinsicht.
Vielmehr gilt es, sich für die Position eines erweitert zu denkenden Archivs stark zu machen, in dem sich die Begriffe von Sammlung und Öffentlichkeit positiv verbinden lassen und in letzter Konsequenz diese Form von dualer Verpflichtung für die institutionelle Selbstreflexion und alle angestrebten Vermittlungsagenden und der bereits oben erwähnten technischen Neuerungen mitgedacht werden kann – und auch wird. Die Konvertierung von Filmsammlungen in digitale Formate, deren entsprechende Anreicherung mit für die Interoperabilität notwendigen Beschreibungsdaten, der Aufbau von Digital Libraries und die möglichst offene Zuverfügungstellung ist nicht nur ein Reagieren auf eine technologisch veränderte Öffentlichkeit, die soziale Netzwerke, das Medienbündel Internet und die Vorzüge von Mobilität für sich entdeckt hat – und sich nicht zuletzt auch entsprechend artikuliert. Vielmehr lösen Archive in der proaktiven Auseinandersetzung mit ihren zwangsweise heterogenen Beständen ihre Rolle als Akteure innerhalb sich verändernden Wissenschaftslandschaft ein: Innerhalb des wissenschaftlichen Betriebs treten Archive beispielsweise mit der Durchführung von Projekten, der Zurverfügungstellung von Materialien oder der Entwicklung von Standards hervor; hinsichtlich einer breiteren, nicht-fachlichen Öffentlichkeit, haben sich die Archive im Bereich einer umfassenden, feingliedrigen Vermittlungsarbeit einbringen können.

Filmarchive: Geschichte und Praxis
Bis zum Ende der zwanziger Jahre des Folgejahrhunderts kommt es weltweit zur Einrichtung von Abteilungen für audio-visuelle Medien innerhalb bestehender, etablierter Institutionen und auch zur Gründung neuer, meist staatlicher Stellen mit Arbeitsschwerpunkt auf dem Medium Film. In den dreißiger Jahren öffnen in fast allen klassischen filmproduzierenden Ländern Filmarchive ihre Pforten, die zugleich die ersten Mitglieder des auch heute noch bestehenden Dachverbandes der Filmarchive (FIAF) darstellen. Das Filmarchiv Austria wurde, damals noch unter dem Namen Österreichisches Filmarchiv, in seinem Gründungsjahr 1955 Mitglied der FIAF, in der es damals wie heute aufgrund seiner Aktivitäten und Bestände eine wichtige Position einnimmt. Gemäß der Materiallage und der unterschiedlichsten Teilsammlungen, die den Grundstock des inzwischen um ein Vielfaches angewachsenen Filmbestand des Filmarchivs ausmachen, konzentrierte man sich in den ersten Jahren auf grundsätzliche Basisarbeiten – Aufgabenbereiche, die auch heute noch wahrgenommen werden: Der schon erwähnte Kreislauf aus Sammeln, Bewahren und Zugänglichmachen bestimmt die filmwissenschaftliche Arbeit des Hauses, die um wesentliche Tätigkeiten ausgebaut wurden. Insbesondere in der Vermittlung, Lehre und Forschung hat sich das Filmarchiv seit 1997 neu positioniert und sich dabei – stets seine Kernagenden wahrend – im Dienste des Films und der interessierten Öffentlichkeit eingebracht.
Mit der Einrichtung eines Studienzentrums als aktive Schnittstelle und mit weitreichenden Kooperationen definiert das Filmarchiv zusammen mit seinen Partnern neue Möglichkeiten akademischer Zusammenarbeit und fördert damit nicht nur die (inter-)nationale Forschung, sondern auch den wissenschaftlichen Nachwuchs und Arbeiten im Bereich der Digital Humanities. Nur auf diesem Weg – also unter  der als unverzichtbar einzustufenden Wahrung der wissenschaftlichen Arbeit als zentraler Faktor seriöser archivarischer Arbeit im Dienste von Öffentlichkeit und Sammlung – kann gleichermaßen der Verpflichtung zur Öffentlichmachung und der dauerhaften Sensibilisierung für Film als wertvolles, eigenständiges und eigengesetzliches Quellenmaterial nachgekommen werden. Grundlage dieser Idee einer permanenten und steten Verlebendigung des Archivguts im Sinne der Benutzer und des zu bewahrenden Materials ist eine Balance aus Bewahren und Verfügbarmachen der umfassenden Bestände, in denen Spielfilme ebenso eine fixe Größe sind, wie Amateuraufnahmen, dokumentarische Arbeiten oder eben auch die für diesen Text im Mittelpunkt stehenden Wochenschauen. Es muss in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, dass trotz massiver, politsch-öffentlicher Maßnahmen, nationaler Gesetzgebungen und internationaler Vereinbarungen immer noch für Film als Quelle und Medium Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit geleistet werden muss.

Strategien: Edition und Portal
Nachdem sich europäische Filmarchive seit Jahren verstärkt der Digitalisierung sowie Verbreitung ihrer Filmbestände via Internet zuwandten, bot es sich an, diese Aktivitäten im Sinne der Benutzerfreundlichkeit zu bündeln. Wesentlich für Bewältigung dieser Aufgabe ist das Portal EFG – EUROPEAN FILM GATEWAY, dessen Entwicklung mit EU-Mitteln des eContentplus-Programms der Europäischen Kommission unterstützt wurde. Im Zentrum dieses Forschungs- und Entwicklungsprojekts stand eben die Entwicklung eines Portals, das Zugang zum facettenreichen europäischen Filmerbe – vom Bewegtbild bis zum Zensurdokument – ermöglicht. Die unerlässliche Balance zwischen Verlebendigung der Bestände und konservatorisch einwandfreier Bewahrung des Materials kann dabei bestmöglich gewahrt bleiben. EFG als zentraler Ausgangspunkt ermöglicht die individuelle (Neu-)Erschließung der einzigartigen Bestände europäischer Filmarchive und ist in das strukturell übergeordnete Portal EUROPEANA eingebunden. Damit werden die Sammlungen der europäischen Filmarchive mit Beständen der Bibliotheken, Archive und Museen Europas vernetzt und in einen gesamt-kulturellen Kontext gestellt. EUROPEANA bietet derzeit Zugang zu mehr als 20 Millionen digitalen Objekten. Der Erfolg des EFG-Portals und das nachgewiesene Userinteresse an seriös aufgearbeitetem und zugänglich gemachtem Filmmaterial waren Mitgründe für eine thematische Weiterführung: Mit dem im Frühjahr 2014 erfolgreich abgeschlossenen Erweiterungsprojekt EFG1914 wird der ohnehin schon beachtliche Bestand des EUROPEAN FILM GATEWAY um Schwerpunktmaterialien zum Ersten Weltkrieg sinnvoll erweitert. Hier ist auch eine Auswahl aus österreichischer Quellen einsehbar. Deutlich umfangreicher wird der historische Bereich in der eben erschienenen Edition „Krieg der Bilder“ erschlossen: Neben einem eigens produzierten Dokumentarfilm enthält die Edition zwei DVDs mit historischen Materialien, die zu nicht unwesentlichen Teilen erstmals wieder zu sehen sind.

Leitlinien: Film und Erster Weltkrieg
Die kriegführenden Parteien bedienten sich bei der Vermittlung des Ersten Weltkriegs der Massenmedien in einem bis dahin ungeahnten Ausmaß. D.h. die Propaganda wurde nicht über ein einziges Leitmedium transportiert, vielmehr kam es zu einer intensiven Nutzung des bestehenden bzw. eines noch zu installierenden Medienverbundes. Auch das österreichische Kriegspressequartier, das umfangreiche Aufgaben in einem großen geografischen Gebiet zu bewältigen hatte, arbeitete mit den bereits bestehenden Verflechtungen der unterschiedlichen Medien und etablierte somit eine frühe Form intermedieller, informationsbezogener Kriegsführung. Die Geschichte der österreichischen filmischen Kriegsberichterstattung im Ersten Weltkrieg lässt sich aufgrund der bisher vorliegenden Forschungsergebnisse in zwei größere Abschnitte unterteilen: eine Phase bis etwa 1916, in der vor allem die Präsentation von Technik von Bedeutung war, und der Zeitraum der letzten Kriegsjahre, in dem sich eine stärkere Einbindung narrativer Elemente in der filmischen Propaganda bemerkbar macht. Die Wochenschauen der ersten Kriegsjahre waren nach den Richtlinien und Ansätzen der zivilen dokumentarischen Berichterstattung konzipiert. Folglich findet sich in den Produktionen dieses Zeitraums die eindringliche Darstellung der Kriegsmaschinerie, die als Folge eines ebenso notwendigen wie positiven Fortschritts vermittelt werden sollte. Das detaillierte Zeigen von Abläufen und Gegenständen erfüllte einen zweifachen Zweck: die Begeisterung mit dem gezeigten Ablauf und die Faszination durch den Gegenstand selbst. Ab der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs tritt die Reflexion der Technik zugunsten einer narrativen Gestaltung der Kriegswochenschaubeiträge zurück. Gründe dafür waren u.a. die Kriegserfahrung heimgekehrter Soldaten und die Erkenntnis, dass die Technik offensichtlich nicht den erhofften, schnellen Sieg gebracht hatte. Die mittels des Portals und der Edition zur Verfügung gestellten Quellen bieten nicht nur einen umfassenderen Einblick in eine historisch hochgradig relevante Zeitspanne, sondern laden sowohl die Forschung als auch die interessierten Öffentlichkeit zur weiteren Auseinandersetzung mit den Quellen und ihren Kontexten ein.



Bibliografische Angaben

DVD-Edition
Thomas Ballhausen, Günter Kaindelstorfer, Ernst Kieninger, Hannes Leidinger, Verena Moritz, Karin Moser, Nikolaus Wostry (Hg.)
Krieg der Bilder. Der Erste Weltkrieg im Film
3-DVD-Box, Codefree, insgesamt ca. 250 min.
ISBN 978-3-902781-37-6
EUR 39,90


Weiterführende Links
www.europeanfilmgateway.eu
www.europeana.eu
www.filmarchiv.at


Weiterführende Literatur (Auswahl)
Ballhausen, Thomas & Günter Krenn (2003). „Kriegs-Bilder und Bilder-Kriege. Die kinematographische Kriegsberichterstattung Österreich-Ungarns während des Ersten Weltkriegs“. KINtop. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films 12: 143-150.
Ballhausen, Thomas (2012). „Im Dienste der Öffentlichkeit und der Sammlungen. Strategische Vorüberlegungen zur Erschließung des Archivs als Lernraum“. In: Blaschitz, Edith; Brandhofer, Gerhard; Nosko, Christian & Gerhard Schwed (Hg.)(2012). Zukunft des Lernens. Wie digitale Medien Schule, Aus- und Weiterbildung verändern. Glückstadt: Hülsbusch, 207-215.
Ballhausen, Thomas (2014). „Wissensorte im Wandel. Paralipomena zu Corporate Social Responsibility aus der Sicht des Archivs“. Medien und Zeit 1: 34-45.
Burdick, Anne et al. (2012). Digital_Humanities. Cambridge, MA: The MIT Press.
Cilliers, Paul (1998). Complexity and Postmodernism. Understanding Complex Systems. London: Routledge.
Lanier, Jaron (2013). Who Owns the Future? London: Penguin.
Rainie, Lee & Barry Wellman (2012). Networked. The New Social Operating System. Cambridge, MA: The MIT Press.
Witten, Ian H.; Bainbridge, David & David M. Nichols (2010). How to Build a Digital Library. Second Edition. Amsterdam: Elsevier/Morgan Kaufmann.




 

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