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Bücherschau

Das E-Book auf dem Weg zum Benutzer

Exzerpt der Projektarbeit von Gerda Stecher, AK-Bibliothekarin in Innsbruck

Die Österreichische Arbeiterkammer hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bei der Verwirklichung der Vision von „Libraries Without Walls“ bundesweit zu den Ersten zu zählen. Eingedenk der Tatsache, dass die AK-Länderkammern zu den wichtigsten Trägern des öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliothekswesens in Österreich gehören, wurde unter Nutzung der vorhandenen Infrastruktur im März 2011 die erste überregionale digitale Bibliothek Österreichs mit einem Erstbestand von 3.800 Titeln und 7.000 Exemplaren ins Leben gerufen. Eine gezielte Benutzerbefragung in Tirol verfolgte ein halbes Jahr nach Einführung der E-Medien zwei Ziele: einerseits eine erste Evaluierung der AK Bibliothek digital durchzuführen, andererseits die Basis für konkrete Verbesserungsmaßnahmen beim Bestandsaufbau und für das Marketing zu schaffen. Verantwortlich für die Arbeit zeichnet Gerda Stecher, Mitarbeiterin der AK-Bücherei Innsbruck, Tirols zweitgrößter Öffentlicher Bibliothek. Das Projekt entstand im Zuge ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin des gehobenen Fachdienstes, die vom Büchereiverband Österreichs zusammen mit dem Bundesinstitut für Erwachsenenbildung, dem Österreichischen Bibliothekswerk, dem ÖGB-Büchereiservice und dem BMUKK angeboten wird.

Die dreigeteilte Umfrage
Die Befragung wurde nach den verschiedenen Typen von Usern differenziert. Dies erforderte die Entwicklung dreier verschiedener Fragebögen: Einer richtete sich an aktive User, also Personen, die die digitale Bibliothek kannten und nutzten, ein zweiter an potenzielle User, also an jene, die das Angebot zwar kannten, aber nicht nutzten, und der dritte an Nicht-User, das heißt an Personen, die das E-Book-Repertoire weder kannten noch nutzten.
Passend zum Thema war von Anfang an eine E-Mail-Befragung geplant. Sie wandte sich an alle User der AK Bibliothek digital tirolweit, sowie an alle mit E-Mail-Adresse erfassten BenutzerInnen der konventionellen Bücherei in Innsbruck. Insgesamt 9.600 Personen wurden im Herbst 2011 erreicht. 1.247 von ihnen retournierten einen ausgefüllten Fragebogen. Mit dem erfreulichen Rücklauf von 13 % konnten repräsentative Ergebnisse erzielt werden. Die Befragung bezog sich auf den Großraum Innsbruck, also auf die Bezirke Innsbruck-Stadt und Innsbruck-Land. Mit Ausnahme der Gruppe der Aktiven User, die naturgemäß alle via E-Mail-Adresse mit der Mutterbibliothek in Innsbruck verbunden sind. Für diese Nutzergruppe konnten repräsentative Ergebnisse bezogen auf ganz Tirol erzielt werden.
Von den TeilnehmerInnen antworteten 24 % als aktive User, 34 % als potenzielle User und 42 % als Nicht-User. Dabei muss man aber davon ausgehen, dass nur Personen mit einem gewissen Grundinteresse an E-Books an der Befragung teilnahmen. Diese Vermutung wurde dadurch erhärtet, dass 67 % der Nicht-User angaben, dass das E-Book für sie in Zukunft interessant sein könnte. Das heißt: Potenzial zeichnete sich nicht nur bei den 34 % potenziellen Usern ab, sondern in hohem Maß auch bei den Nicht-Usern. Der Rücklauf stammte hauptsächlich von der Hauptzielgruppe, die die AK mit ihren Bibliotheken ansprechen will, also von den ArbeitnehmerInnen. Das geringe Interesse der Tiroler SchülerInnen und StudentInnen bildete den Wermutstropfen des Ergebnisses.

Die Ergebnisse im Detail
Aktive User
Die aktiven User nannten die 24-Stunden-Verfügbarkeit und die Ortsunabhängigkeit als Hauptvorteile der AK Bibliothek digital. Die Aktualität der Inhalte, die von Experten vielfach als Argument für die E-Book-Nutzung angeführt wurde, stand noch deutlich im Hintergrund. Vorerst ist es offensichtlich bedeutsamer, eine Bibliothek rund um die Uhr und von überall her nutzen zu können als immer am allerneuesten Stand zu sein, was sicherlich auch im Zusammenhang mit der vergleichsweise niedrigen Bibliotheksdichte im Land zu sehen ist.
Als „Schlüssel zum Erfolg“ gilt die Belletristik: Sie wird mit Abstand am meisten gekannt, genutzt und positiv bewertet. Das heißt: In diesem bibliothekarischen Segment steckt das Hauptpotenzial. Deshalb sollte auch der Fokus des Ausbaus vorerst auf der Belletristik liegen. Schließlich geht es darum, das Angebot möglichst rasch in die breite Masse zu befördern. Der Großteil der Sachbereiche wurde entweder gar nicht gekannt oder zwar gekannt, aber nur wenig genutzt. Am ehesten fanden die Bereiche „Ratgeber“, „Gesundheit“ und „Hobby“ Anklang – sicher deshalb, weil sie die meisten NutzerInnen, unabhängig von Alter und Berufsstand, ansprechen. Erfreulich waren die vergebenen Noten für die genutzten Bereiche. Die Noten 1 und 2 wurden deutlich häufiger angekreuzt als die Noten 3 bis 5. Der erreichte Notendurchschnitt von 2,4 war durchaus respektabel für den jungen Bestand.
Alle aktiven User mit Ausnahme der PensionistInnen zeigten großes Interesse an der Einführung von E-Papers und E-Audios. Das verwundert nicht: Schließlich geht im Informationszeitalter Aktualität über alles, was auch einen raschen Zugriff auf die neuesten Zeitschriften und Zeitungen miteinschließt. Was die E-Audios anbelangt, könnten die NutzerInnen den Vorteil einwandfreier Qualität genießen und sich darüber hinaus Arbeitsschritte ersparen, nämlich das Umspeichern von einem Gerät auf das andere. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass auch in diesem Bereich mehrheitliches Interesse an der Belletristik angemeldet wurde.
50 % der aktiven User sprachen sich für mehr Bewerbung aus. Sie wünschten sich vornehmlich Inserate in Zeitungen und Zeitschriften sowie Internetwerbung.
Was die Homepage anbelangt, zeigte sich, dass die aktiven User im Umgang mit den Neuen Medien sehr versiert sind und sich deshalb gut zurechtfinden. Allerdings waren sie mit der Homepage nicht zufrieden und brachten zahlreiche Verbesserungsvorschläge ein. Das fing damit an, dass die Homepage der AK Bibliothek digital innerhalb der AK-Homepage besser gefunden werden sollte. Zudem wollten die mehrheitlich an der Belletristik Interessierten nicht aus einer Tabelle mit mehr als 95 % Sachthemen auswählen. Sie schlugen deshalb eine Grobuntergliederung in „Belletristik – Sachbücher – Kinderbücher“ vor und davon ausgehend eine Feinuntergliederung gemäß den traditionellen Roman- und Sachgruppenbezeichnungen. Außerdem wünschten sich die Aktiven User Leserbewertungen und Leserrezensionen zu Einzeltiteln.
Ebenfalls interessant war, dass trotz des Technik-Anreizes zum Befragungszeitpunkt mehr Frauen als Männer das digitale Angebot aktiv nutzten. Was für die physischen Bibliotheken Österreichs zutrifft, hatte demnach auch Gültigkeit für die junge AK Bibliothek digital: Das Lesen ist mehrheitlich weiblich.

Potenzielle User
50 % der potenziellen User gaben an, dass E-Books für sie eine denkbare Alternative zum klassischen Buch darstellen. Sie wurden vor allem durch die relativ teure Anschaffung der Lesegeräte, also der E-Book-Reader und Tablet-PCs vom aktiven E-Book-Gebrauch abgehalten. Im Gegensatz zu den aktiven Usern, die zu 64 % angaben, dass der Informationsstand ausreicht, waren bei den potenziellen Usern nur noch 30 % derselben Meinung. Bedarf bestand vor allem an Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur E-Book-Nutzung und an Instruktionen zur Installation der nötigen Software.
Rund 50 % der potenziellen User wurden werbemäßig nicht oder nur mangelhaft erreicht. Gewünscht wurden Internetwerbung und Informationen mittels Newsletter. Erneut kritisiert wurde die Homepage. Es fehlt ein benutzerfreundlicher Einstieg, hieß es, auch die Übersichtlichkeit sei mangelhaft. Um diese zu verbessern, wurde eine maßvolle, aber nützliche Farbgebung angeregt.
Bei aktiven und potenziellen Usern konnte weder Belletristik noch Sachliteratur das Rennen für sich entscheiden, welcher Bereich dem traditionellen Buch vorbehalten bleiben sollte. Vielmehr gab es zwei gleich große Lager: Die einen konnten sich U-Literatur nicht in digitaler Form vorstellen, die anderen Sachliteratur.

Nicht-User
Von den Nicht-Usern gaben – wie bereits erwähnt - 67 % an, dass das E-Book für sie in Zukunft interessant sein könnte und das vor allem wegen einer möglichen beruflichen Notwendigkeit oder der fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft.
Das schlagkräftigste Argument, es aber in absehbarer Zukunft einmal mit dem E-Book zu versuchen, hieß Gratis-Download, den die AK ermöglicht. In einer hochwirtschaftlich ausgerichteten Zeit ist es auch für Nicht-User sehr verführerisch, eine brandneue Technologie unentgeltlich nutzen zu können.
Als sehr groß zeigte sich der Informationsbedarf. Rund 2/3 der Nicht-User gaben an, noch umfangreiche Informationen im Vorfeld der E-Book-Nutzung zu brauchen. Zudem wollten sie noch gründlich von den Vorteilen von E-Books überzeugt werden. Ebenfalls 2/3 der Nicht-User befanden, dass die Werbung unzureichend war. Wie die potentiellen User wünschten auch sie sich vor allem Internetwerbung und Informationen über Newsletter. Die Auswertung der Fragebögen hat darüber hinaus den dringenden Bedarf an der Verbesserung der Homepage erhärtet, dem die AK inzwischen nachgekommen ist.
Für Nicht-User gehören die Begriffe „Belletristik“ und „traditionelles Buch“ zusammen. Mit überwältigender Mehrheit brachten sie zum Ausdruck, dass „die Moderne“ für sie nicht zum unterhaltenden Lesen gehört und sie sparten auch nicht mit glühender Verteidigung für das traditionelle Buch. „Ich möchte mich nicht mit einem elektronischen Gerät ins Bett legen“, lautete eine der Wortmeldungen.

Der Zukunftsanspruch
Neben den bereits angeklungenen Maßnahmen wurde als Conclusio der Befragung ein weiterer Bestandsaufbau in drei Stufen empfohlen: Der Fokus sollte zunächst auf der Belletristik liegen, Schritt 2 wäre ein attraktives Angebot an E-Audios und E-Papers, Schritt 3 eine Forcierung des Sachbuchbestandes. Darüber hinaus kristallisierte sich die Abdeckung des noch sehr großen Informationsbedarfs als Auftrag heraus: Hauptsächlich gewünscht wurden Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur E-Book-Nutzung und Instruktionen zur Installation der nötigen Software. Aber auch die persönliche Beratung wurde in hohem Maße gewünscht.
Die Befragung ergab, dass SchülerInnen und StudentInnen noch wenig Interesse an der AK Bibliothek digital zeigten, und das obwohl sie als „Digital Natives“ über die besten Grundvoraussetzungen für deren Nutzung verfügen. So wurde es zum Auftrag, die bereits eingeleiteten Kooperationen mit Schulen zur Bekanntmachung des Angebots noch weiter auszubauen – etwa in Richtung Jugendzentren und Hochschulen. Darüber hinaus sind auch alle Überlegungen, die bezüglich eines Aufbaus von Spezialbibliotheken - für Lehrlinge, Pflegeberufe etc. - angestellt werden, zukunftsweisend.

Die gesamte Projektarbeit von Gerda Stecher, AK-Bibliothekarin des gehobenen Fachdienstes, kann unter http://www.projektarbeiten.bvoe.at/StecherGerda.pdf eingesehen werden.

 

 

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