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Bücherschau

Comics als politische Propaganda?

Eine Miniatur über Frank Millers „Holy Terror“ von Thomas Ballhausen

Frank Millers vieldiskutierte Graphic Novel „Holy Terror“ ist nicht nur politische Propaganda, sie ist auch Ausdruck der Fortschreibung einer konservativen Indienstnahme neugeschaffener Popmythen. Wo eigentlich „Batman“ draufsteht, ist eben auch „Leviathan“ drinnen. Über starke Männer, schwache Politik(er) und die immer noch gültigen Fragen nach Staat und Bürgerkrieg.
Frank Miller, eindeutig einer der Giganten des eigengesetzlichen Mediums Comic, hat spätestens 1986 mit der Neuerfindung der Batman-Figur endgültig seinen internationalen Durchbruch erlebt. Während Alan Moore und Dave Gibbons im gleichen Jahr mit „Watchmen“ eine kritische Lektüre der Politik der Superhelden vorlegten, setzte Miller auf eine konservative Überzeichnung des Dunklen Ritters in Form einer ausgewachsenen Tragödie: „The Dark Knight Returns“ beeinflusste wesentlich alle neueren filmischen Batman-Adaptionen – die sich in aktuellen Großproduktionen wie „Cosmopolis“, „Prometheus“ oder eben auch „The Dark Knight Rises“ abbildende Gesellschaftskritik kommt da nicht von ungefähr.
Millers eindeutig politischer Unterton verschärfte sich, neben Arbeiten wie „300“ oder „Sin City“, auch in „The Dark Knight Strikes Again“. Die darin propagierte Oligarchie der Helden in Zeiten machtloser politischer Eliten liest sich, im Kontext zu Millers früheren Arbeiten, eher wie eine Tragikomödie in Zeiten des Ausnahmezustands. 9/11 hat sich aber auch in einem anderen Werk Millers niedergeschlagen, dem vieldiskutierten „Holy Terror“. Zwischen dem Mohammed-Zitat „If you meet the infadel, kill the infadel“ und der nachgestellten Buchwidmung an von Extremisten ermordeten Theo Van Gogh entfaltet Miller darin eine brutale Rachegeschichte, in der der maskierte „Fixer“ gemeinsam mit einer an Cat Woman erinnernden Gefährtin gegen islamistische Terroristen kämpft. Der Einsatz aller Mittel wird darin als durchaus gerechtfertigt dargestellt, seine Version Patriotismus ist für Miller hier eindeutig oberste Pflicht.
Die Verschärfung des Symptoms – denn Miller war in seinen Arbeiten, insbesondere in seinen Batman-Comics immer schon ein Konservativer – führt uns also einerseits weiter weg von der Tragödie hin zur Farce; andererseits muss man, so man über „Holy Terror“ redet, vor allem auch über Batman reden und was die Neustiftung des Vigilanten mit den Vorstellungen Thomas Hobbes’ gemeinsam hat. Hier verlaufen die Erfolgsgeschichten des „Leviathan“ (1651ff.) und „Batman“ (1939ff.) parallel.

Zustände der Aufrüstung
Es ist Teil der Essenz Batmans, der sich spätestens seit Millers Entwurf (wieder) in einem Zustand der Aufrüstung befindet, sich immer deutlicher einer Indienstnahme durch eine ihn legitimierende Gesellschaft zu verweigern. Thomas Hobbes‘ „Leviathan“ gleich, wacht er in bildmächtiger Form – mal als ganzseitiges Panel, mal in Großaufnahme – über einer gar nicht idealisierten Stadt. Der Gigant mit Maske ist aber eher der wirkungsmächtigen Philosophie Heraklits – dass die Konfrontation und der Krieg existenzstiftend sind – verpflichtet, denn der kontraktuellen Vernunft des nüchternen englischen Philosophen.
Der von Hobbes vorgestellte Staat sollte als moderne Gesellschaftsform präsentiert werden, die der Überwindung des bedrohlichen Naturzustandes dient. Die vertraglich fixierte, freiwillige und unwiderrufliche Rechteübertragung der Individuen an den Souverän/Staat garantiert die Möglichkeit eines geregelten Lebens im Rahmen der gesetzlichen Normen. Dieser Staat wird bei Hobbes durch den Leviathan symbolisiert, jenes riesige Wesen, das sich aus einer Vielzahl von Untertanen zusammensetzt und die Menge der Individuen in die Umrisse eines souveränen Herrschers bannt: Als notwendiger Gegenentwurf zum Naturzustand steht er als Garant und Bewahrer über einer modellhaften Stadt. In ihm verkörpert sich eine Philosophie der legitimen und notwendigen Autorität, die dem individuellen, berechnenden Wunsch nach Selbsterhaltung unverzichtbare staatspolitische Grenzen verschafft und das zutiefst egoistische und menschenfeindliche Wesen Mensch in seiner Bedrohlichkeit einschränken soll.
Hobbes’ Vorschlag der Hinwendung zum starken Staat fußt also, ganz im Sinne der neuzeitlichen politischen Philosophie, auf der Trias Naturzustand, Vertrag und Gesellschaft bzw. Staat. Der kritisierte Naturzustand wird bei Hobbes als ein alle Menschen umfassender und durchdringender Kriegszustand beschrieben. Mit dem begründeten Transfer von Rechten an einen Souverän oder Staat, die zuvor erwähnte Übertragung individueller Rechte, würde sich die Konfliktsituation Jeder-gegen-jeden also in einen bindenden Vertrag Jeder-mit-jedem wandeln. Dies meint auch die Übertragung von Freiheit und die Etablierung eines gewaltmonopolistischen modernen Staats. Wie sieht aber nun die praktische Anwendung des dunklen Rächers dieses angeblich zeitlos gültigen politischen Modells aus?

Erscheinung der Erscheinung
Anders als die demokratisch gerahmte Übermensch-Schwundstufe Superman ist Batman in den hier verhandelten Darstellungen weit weniger leicht zu kontrollieren. Ganz wie eine nichtstaatliche Instanz soll er den gesellschaftlichen Vertrag gewährleisten, als Instrument im Dienste des Sozietären bleibt er aber unberechenbar. Die traumatisch begründete Selbstermächtigung tritt an die Stelle des konventionellen Empowerments, ganz abseits von Regulierung und Reglementierung geht der Kampf um die Macht als ungleich soziale Ressource weiter, bleibt sie somit ständig umkämpftes Gebiet.
In seinem Aufschwung zum neuen Leviathan stellt sich auch die Möglichkeit eines Regimes ein, einer bei Miller umgesetzten und bei Regisseur Christopher Nolan teilweise schon angelegten Herrschaft der Helden, die deutlich werden lässt, dass auch die kontraktuelle Gesellschaftsvernunft nur einen (vielleicht unendlichen) Aufschub des kriegerischen Naturzustandes bringt, aber nicht dessen Abschaffung. Die Inkorporierung dieses Zustandes wird hier zu einer weiteren Bürde des Leviathan, die Batman in Nolans Lesweise ebenfalls zu tragen bereit ist: Er steht für Verbrechen an der Gesellschaft ein, die er nicht begangen hat, um die oben skizzierte vertragliche Stabilität und ihre argumentative Sinnhaftigkeit zu stützen.
Der Vertrag zwischen den Bürgern soll als Ausprägung von Autorität – und eben nicht als deren Ersatz – erhalten, die Umsetzung der individuellen Freiheit innerhalb des vorgegebenen Rahmens legitim bleiben. Das nun wohl folgende, weitere Abrücken vom staatlichen Gewaltmonopol verschärft sich durch den auch nach innen wirksamen Ausnahmezustand nur noch: Batman ist nicht zuletzt ja auch im Krieg mit sich selbst, wird immer mehr zu einem als Bruce Wayne verkleideten Rächer denn umgekehrt. In Christopher Nolans Darstellung wird er als Erscheinung der Erscheinung politisch lesbar bleiben, auch als mögliche Verdichtung einer Enttäuschungshaltung angesichts der Korrosion politischer Strukturen oder einer entsprechenden Praxis.
Zusammenfassend lässt sich also sagen: Die jüngsten filmischen Adaptionen nehmen nicht nur früheste Muster und revolutionäre Neuentwürfe der Figur Batman auf; vielmehr stellt sie mit den Mitteln und Möglichkeiten des intelligenten Blockbusters auch (wenn nicht sogar: vor allem) die Frage nach der kritischen, demokratiebewahrenden Distanzwahrung zu den herrschenden Ausnahmezuständen des frühen 21. Jahrhunderts, die zu wesentlichen Teilen aktuelle literarische und philosophische Diskurse prägt. „Holy Terror“, das schlicht politische Propaganda ist, lässt dies leider vermissen.

Literaturhinweise:
Thomas Hobbes: Leviathan. Hamburg: Felix Meiner Verlag 2005 (Philosophische Bibliothek 491).
Frank Miller: Holy Terror. Burbank: Legendary Comics 2011.

Weiterführende Literatur:
Warren Breckman: Adventures of the Symbolic. Post-Marxism and Radical Democracy. New York: Columbia University Press 2013 (Columbia Studies in Political Thought/Political History).
Horst Bredekamp: Thomas Hobbes. Der Leviathan. Das Urbild des modernen Staates und seine Gegenbilder 1651 – 2001. Berlin: Akademie Verlag 2006.
Will Brooker: Hunting the Dark Knight. Twenty-First Century Batman. London: I.P. Tauris 2012 .Jacques Derrida: Schurken. Zwei Essays über die Vernunft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2005 (stw 1778).
Stanley Fish: Das Recht möchte formal sein. Essays. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2011 (stw 2008).
Jürgen Goldstein: Perspektiven politischen Denkens. Sechs Porträts. Weilerwist: Velbrück Wissenschaft 2012.
Reinhart Koselleck: Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1072 (stw 36).
Grant Morrison: Supergods. What Masked Vigilantes, Miraculous Mutants, and a Sun God from Smallville Can Teach Us About Being Human. New York: Spiegel & Grau 2011.
Chantal Mouffe: Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2012 (es 2483).
Martha C. Nussbaum: Frontiers of Justice: Disability, Nationality, Species Membership. Cambridge, MA: Belknap Press/Harvard University Press 2007.
John Rawls: Geschichte der politischen Philosophie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2008.
Walter Seitter: Menschenfassungen. Studien zur Erkenntnispolitikwissenschaft. Weilerwist: Velbrück Wissenschaft 2012.
Quentin Skinner: Freiheit und Pflicht. Thomas Hobbes’ politische Theorie. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2005.


 

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