Bücherschau

Trojanow, Ilija - Nach der Flucht

Gelesen von Ilija Trojanow und Margrit Osterwold

Als Kind ist Ilija Trojanow zusammen mit seiner Familie aus Bulgarien geflohen. In seinem neuen Buch erzählt er zwar von sich selbst, behandelt sich selber aber zugleich auch als exemplarische Figur. Solcherart gelingt ihm eine behutsame und genaue Topografie des Lebens „Nach der Flucht“.
Beeindruckend, poetisch und klug reflektierend erzählt er von seinen eigenen Prägungen als lebenslang Geflüchteter. Von der Einsamkeit, die das Anderssein für den Flüchtling tagtäglich bedeutet. Davon, wie wenig die Vergangenheit des Geflüchteten am Ort seines neuen Daseins zählt. Was das Existieren zwischen zwei Sprachen mit ihm macht. Welche Lügengeschichten man als Geflüchteter den Daheimgebliebenen auftischt. Und dass man vor der Flucht „wenigstens wusste, warum man unglücklich war“: „Nichts an der Flucht ist flüchtig. Sie stülpt sich über das Leben und gibt es nie wieder frei.“
Warum das so ist und wie sich das Leben ändert, davon erzählt er hier in 198 Miniaturen. Und er iest hier selbst, so als ob er einem an einem Tisch gegenüber sitze.  Die Texte reihen sich aneinander, wie Perlen, die durch ein Band (eben die Flucht) verbunden sind. Unterteilt in zwei Kapitel, „Von den Verstörungen“ und „Von den Errettungen“. Einige Texte sind nur ein oder zwei Zeilen lang, daneben stehen Dialoge oder Schilderungen aus dem Alltag von Geflüchteten. Vieles klingt autobiographisch, Ilija Trojanow floh ja als Sechsjähriger mit seiner Familie aus Bulgarien über Jugoslawien und Italien nach Deutschland.
Der heute 51-Jährige erzählt von der Fremdheit in der Fremde. Von den Hürden auf dem Weg in ein neues Leben. Von der Suche nach der eigenen Identität. Es gelingt ihm in diesem Hörbuch, diese Spannung zum Klingen zu bringen. Auch der Schmerz über Verlorenes ist zu hören und die Verwunderung über Verwundungen, die er erfahren hat.
Es ist eine existentielle Verunsicherung: Denn die alte Heimat ist verloren, eine wirkliche Rückkehr nicht möglich, selbst wenn sich die politischen Bedingungen geändert haben: „Heimkehr ist der größtmögliche Kulturschock. (...) Dem Vertrauten kann er nicht trauen. Als wachte er neben einem Nächsten auf, der sich über eine lange Nacht hinweg so sehr verwandelt hat, dass er vor Entsetzen aufschreit.“
Ilija Trojanow verleiht dem Text in seiner Lesung noch eine andere Dringlichkeit: Eine Mahnung, den Einzelnen und sein Schicksal zu sehen.
Bernhard Preiser

Trojanow, Ilija - Nach der Flucht
Gelesen von Ilija Trojanow und Margrit Osterwold.
Frankfurt: Argon 2017. € 16,90
ISBN 978-3-8398-1565-6

 

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