Bücherschau

Heller, André Zum Weinen schön, zum Lachen bitter

Gelesen von André Heller
Es sind viele kurze Geschichten, die André Heller in seinem Erzählband „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter“ versammelt hat. Die 47 nicht chronologisch geordneten Texte entstanden zwischen 1969 und 2003 und sind teilweise schon in früheren Bänden erschienen. Bemerkenswert viele Texte stammen aus den 1990er Jahren und haben Marrakesch zum Hintergrund, dessen Atmosphäre und Flair und Andersartigkeit. Immer wieder ein Bezugspunkt ist Autobiografisches – der Vater, die Mutter, die Familie, die Stadt Wien. Der erste Text handelt von der Milchfrau namens Begovich, die so weiße Haare hat, „als hätte sie sich in einem unachtsamen Augenblick eine Portion Schlagobers auf den Kopf gepatzt.“ Hellers Erzählen gleitet da schon aus den realen Bahnen und wird zur andersweltlichen Außer-Wiener Extra-Magie. Der Milchladen ähnelt im Inneren einem Kinderzimmer, die Schwester der Milchfrau leidet an Elefantiasis und kann auf einer Hand 23 Nusskipfel servieren, sie träumen von anderen Kontinenten, sparen für eine Reise zum Kilimandscharo,nehmen Unterricht, um Kisuaheli zu lernen: „damit die Wüden uns net für Wüde halten, und damits merken, dass a Weaner a a Hirn hat.“ Sonntags, am einzigen arbeitsfreien Tag der Woche, spazieren die beiden in Spitzenkleidern „wie brüchige Engel durch die Alleen und füttern Tauben mit Semmelbröseln“. Eine der beeindruckendsten Geschichten ist „Dem Himmler sein Narr“ von 1992, der Monolog eines obdachlosen Juden in New York, dem Heller zufällig begegnet, und der 40 Jahre zuvor ein Konzentrationslager nur deshalb überlebte, weil er als „Narr“, entsprungen einem mittelalterlichen Hofe, von der SS gehalten wurde für den Fall, dass Heinrich Himmler ein zweites Mal im Lager auftauchte. Ein beklemmender, irritierender Text. André Heller liest seine Geschichten hier selbst, da kommt seine melodiöse Sprachspielerei kongenial zum Ausdruck. 
Simon Berger
 
Heller, André - Zum Weinen schön, zum Lachen bitter 
Erzählungen. Ungekürzt. Gelesen von André Heller. Lübbe 2020. 375 Min. € 20,60 
ISBN 978-3-7857-8130-2

 

 

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