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Bücherschau

Jünger, Ernst - In Stahlgewittern

Großartige Lesung eines beeindruckenden Dokuments

Das Tagebuch Ernst Jüngers, erstmals 1920 erschienen, gilt als eine der bedeutendsten Darstellungen des Ersten Weltkriegs aus der Feder eines deutschen Schriftstellers. Der Schauspieler Tom Schilling las nun ungekürzt die Aufzeichnungen des ebenso brillanten wie umstrittenen Schriftstellers als Hörbuch ein: "Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch."
"In Stahlgewittern“ machte ihn zum Helden einer Generation junger Offiziere, die alles gegeben hatten und am Ende bestenfalls das Eiserne Kreuz davontrugen", schrieb Bruce Chatwin nach einer Begegnung mit Ernst Jünger in dessen Haus in Wilflingen. Ab 1950 hatte der nicht unumstrittene Schriftsteller eine ehemalige Oberförsterei in dem kleinen geschichtsträchtigen Ort zu seinem Wohnsitz auserkoren, wo er bis zu seinem Tod 1998 seiner großen Leidenschaft nachging: der Entomologie, der Insektenkunde. Der 1895 in Heidelberg geborene Romancier, Soldat, Essayist, Ästhet und Botaniker war bis zu seinem Tod im Alter von 102 Jahren immer wieder Gegenstand von heftigen Debatten, die um die politische Rolle des "Chronisten des Großen Krieges" kreisten.
In dem Bericht "In Stahlgewittern" schildert Jünger seine Erlebnisse vom Januar 1915 bis zum August 1918 an der Westfront: vom Grabenkrieg in der Champagne und der Schlacht bei Cambrai bis hin zu den Stoßtruppunternehmen in Flandern und zuletzt bis zur Verleihung des Ordens Pour le Mérite nach seiner Verwundung. Bereits 1920, im Erscheinungsjahr von "In Stahlgewittern" (Untertitel: "Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers") wurde Jünger von seinen Gegnern für seine militante, antidemokratische, kriegsverherrlichende Gesinnung kritisiert. So hielt ihn Thomas Mann etwa für einen eiskalten Genüssling des Barbarismus. Karl-Heinz Bohrer sprach später von einer "Ästhetik des Schreckens". Bis heute beschäftigt die "Causa Jünger" das Feuilleton: War der Schriftsteller nur ein Dandy und Draufgänger, der am liebsten als heroischer Krieger auftrat und "Herrenreiterprosa" verfasste? Bruce Chatwin: "Gide pries es als 'das schönste Kriegsbuch, das ich je las.' Tatsächlich ähnelt es keinem anderen Buch der damaligen Zeit – keine Spur von den pastoralen Meditationen eines Siegfried Sassoon oder Edmund Blunden, kein Anflug von Feigheit wie bei Hemingway, kein Masochismus wie bei T. E. Lawrence und kein Mitleid wie bei Remarque."
Es ist ein beeindruckendes Dokument. Die nun vorliegende historisch-kritische Ausgabe des Werks (erschienen bei Klett-Cotta) bietet ein "Variantenverzeichnis", in dem alle von Jünger vorgenommen Veränderungen in den verschiedenen Fassungen seit der Erstausgabe vermerkt sind und ermöglicht einen differenzierten Blick auf dieses Werk. Es ist das wahrscheinlich gültigste literarische Zeugnis des Ersten Weltkriegs, großartig gelesen von Tom Schilling. Als Bonus übrigens dabei: eine Rede Ernst Jüngers im Originalton sowie Bruce Chatwins Essay "Ein Ästhet im Krieg – Ernst Jüngers Tagebücher".
Robert Leiner

Jünger, Ernst - In Stahlgewittern
Gelesen von Tom Schilling, mit einer Rede Ernst Jüngers im Originalton. München: Der Hörverlag 2014. 10 CDs. 12h 13. € 34,99
ISBN 978-3-8445-1332-5

 

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