Bücherschau

Vertlib, Vladimir - Zebra im Krieg

Roman. Nach einer wahren Begebenheit
Der Roman spielt in einer fiktiven osteuropäischen Hafenstadt. Mehr will Vladimir Vertlib nicht verraten. Was, wenn man nun als Leserin/Leser selbst ins Raten gerät? Ukrainekonflikt? Mariupol? Oder bald Odessa? Die Handlung dieses Romans, der, so der Autor, auf einer wahren Begebenheit - beruhe, ist jedenfalls von höchster und alarmierender Aktualität und Brisanz. Die nicht benannte Stadt befindet sich im Zustand eines gewaltsamen Bürgerkriegs. Aufständische Rebellen haben sich der Stadt unter Waffengewalt bemächtigt und sind dabei, ein Schreckensregime einzurichten. Doch die Regierungstruppen haben den Kampf noch nicht aufgegeben und halten nahe der Stadt ihre Stellung. Die Bevölkerung ist (wie immer in solchen prekären Situationen) tief gespalten. 
Paul Sarianidis, ein griechisch-stämmiger Stadtbewohner, arbeitsloser Flughafenmitarbeiter, liebevoller Vater und Familienmensch, mischt sich unbedacht in eine Diskussion im Internet, unterschätzt die verheerende Wirkung der sogenannten Sozialen Medien und verstrickt sich immer tiefer und tiefer in wüste Debatten gegen die neuen Machthaber. Dabei greift er vor allem den Rebellenführer massiv an. So kann es nicht ausbleiben, dass er eines Tages von bewaffneten Soldaten abgeholt wird und dem Rebellenführer, den er persönlich kennt, gegenübertreten muss. 
Paul Sarianidis fürchtet nicht zu Unrecht um sein Leben. Das Verhör scheint für ihn derart bedrohlich, dass er seine Notdurft nicht mehr halten kann. Dies wird gefilmt und ins Internet gestellt. Von nun an gilt Paul in aller Öffentlichkeit als „der Pisser“ und wird rundum verachtet und verfolgt. Als er aber wieder seiner persönlichen Achtung und Würde eingedenk wird und den Kampf darum aufnimmt, tappt er von einem gefährlichen Fettnapf in den anderen. Seine einzige Stütze ist dabei seine Familie und hier vor allem das Töchterchen Lena. Aber auch sie können nicht verhindern, dass es nach eingetretenem Friedensschluss neuerlich an ihrer Wohnungstür klopft … 
Vladimir Vertlib gibt in diesem packenden Roman seiner Leserschaft tiefe Einblicke in eine Gesellschaft, die sich durch erlittene grausame Kriegshandlungen und unter Todesangst ihrer eigenen Würde entledigt hat. Menschliche und politische Abgründe tun sich auf, Korruption greift um sich, fanatischer Nationalismus tobt rundum ungehemmt, totale Überwachung grassiert und der Achtung vor dem menschlichen Leben und der menschlichen Würde ist man verlustig geworden. Bleibt nur noch das Rätsel um das immer wieder auftauchende Zebra, welches ja den Titel des Buches prägt! Es ist ja an sich schon ein bemerkenswertes Tier. In aller Öffentlichkeit nicht zu übersehen. Wenn aber ein solches Tier mitten in einer vom Bürgerkrieg gezeichneten Stadt unbeeindruckt vom Kriegsgeschehen seelenruhig herumstreift und gesehen wird, so darf man annehmen, dass dies eine symbolische Bedeutung hat. Das bleibt aber bis zum Schluss des Romans ein Rätsel, wie so vieles in diesem Buch. Man ist eingeladen zu deuten! Das macht diesen Roman noch lesbarer! 
Adalbert Melichar
 
Vertlib, Vladimir - Zebra im Krieg
Roman. Nach einer wahren Begebenheit. Salzburg: Residenz 2022. 286 S. - fest geb. : € 24,00 (DR)
ISBN 978-3-7017-1752-1
 


 

 

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