Bücherschau

Halvax, Verena - Am Kippen

Roman eines von Phobien geprägten Frauenschicksals
Die 44-jährige Sandra ist „eine erfahrene Hypochonderin“. Sie hat Angst vor rohen Eiern und Gewittern, vor Krebs, Herzinfarkt und Gehirntumor. Sie will weder mit einem Lift noch in einer Gondel fahren, auf keinen Berg gehen oder inmitten einer Masse von Menschen stehen. Überhaupt ist „eine anhaltende Unruhe“ in ihr. Weicht etwas nur leicht von der Normalität ab, gerät sie in diesen Sog, der Angst, Schwindel und weiche Knie verursacht. Sie glaubt dann, der körperliche Zusammenbruch stehe unmittelbar bevor, weshalb sie Arzttermine vereinbart und „diverse Mittelchen“ wie Gerstengras, Fischöl, Weißdorntee, Algenkapseln oder pflanzliche Beruhigungstabletten zu nehmen beginnt. Darüber hinaus geht Sandra regelmäßig zu einer Wahrsagerin und in die Psychotherapie. 
Dass einer vierfachen Mutter wie ihr im Hamsterrad des Funktionieren-Müssens wenig Verschnaufpausen bleiben, sie Hilferufe des Körpers verhallen lässt, weil sie nicht will, dass sich jemand um sie sorgt; sie sich lieber in „Roboterhaltung“ und mit zusammengepressten Lippen wie „ein Monster“, das in einer Blase neben dem echten Leben her schwebt, durch den Alltag kämpft, in dem es eigentlich mehr darum gehen sollte, aus dieser Blase wieder herauszufinden, das alles schildert Verena Halvax auf erschreckend realistische und nachvollziehbare Weise. 
Die Spannung, die zwischen dem Wegschieben des Problems und dem fluchtartigen Davonrennen und Ringen ihrer Protagonistin erwächst, wird durch eine kompakte, auf feine Ironie setzende Berichterstattung verstärkt. Ihr kommt nichts den Erzählfluss Störendes in die Quere. Denn statt einer Einteilung in Kapitel werden Leerzeilen gesetzt; anstatt langatmigen Ausschmückens und erklärenden Beschreibens dominiert eine auf Komprimiertheit und Verdichtung setzende Darstellung. So kann sich eine ziemliche Dynamik entfalten.
Sandra ist geschieden und arbeitet gerade an einem Architekturkatalog, einer Stadt-Sommer-Broschüre und einem Heftchen mit Gesundheitstipps. Denn als selbständige Fotografin kann sie sich kaum erlauben, Aufträge abzulehnen. Außerdem will sie (ohne gleich befürchten zu müssen, dass man ihr das Konto sperrt) ihren Kindern, die in den letzten Jahren ohnehin nur noch zuhause herumgesessen sind, endlich wieder einmal etwas bieten und mit ihnen nach Elba fahren. Und auch wenn sie sich überfordert, gestresst und einsam fühlt, möchte Sandra mit ihnen „lustig sein“ und „diesen Urlaub genießen“. 
Ihrer Vorstellung von der starken Frau, die alles schafft, wird sie allerdings nicht gerecht. Denn schon während der Fahrt mit der Fähre muss sie an alle möglichen Schiffskatastrophen denken. Außerdem ringen ihr die steile Schotterstraße zum gemieteten Haus sowie die Wildschweine, denen sie ein lautes „la la la“ zur Wahrung der Distanz entgegenschmettert, größte Ehrfurcht ab. Und als ihr jüngerer Sohn Oskar 40 Grad Fieber bekommt und sie die 12-jährige Mira und den 15-jährigen Max „unbeaufsichtigt“ den mehr einem Klettersteig ähnelnden Weg hinunter zum Strand gehen lassen muss, gerät sie überhaupt in höchste Anspannung. Vom Absturz bis zum Krampf beim Schwimmen fallen ihr alle möglichen Unfallversionen ein. Auch sonst rechnet sie ständig damit, dass etwas passiert. Nicht einmal beim gemeinsamen Tretbootfahren kann sich Sandra entspannen. So erfüllt der Urlaub natürlich nicht die in ihn gesetzten Erwartungen. Und als sie auf der Heimfahrt im Stau plötzlich zu zittern beginnt und das Herz bis herauf zum Hals spürt, geht es nur noch darum, „nicht wegzukippen“. Es wird in der Folge immer stiller und leerer in ihr. Sie beginnt an ihrer Verlässlichkeit zu zweifeln; fragt sich, ob sie die Kinder überhaupt erziehen kann, und liegt in der Nacht wach. 
Eine massive Panikattacke bringt sie schließlich ins Krankenhaus, wo man ihr eine „Erschöpfungsdepression“ attestiert. Sandra ist wütend, möchte „jedem lachenden Menschen die Faust in den Magen rammen“ und will weder im Krankenhaus bleiben noch Antidepressiva nehmen. Sie verkriecht sich mehr und mehr daheim und vegetiert aus Angst vor allem und jedem im Schlafzimmer dahin, während sich ihr Ex-Mann um alles andere kümmert. Ein Ausweg scheint ihr weder in Xanor-Tabletten noch in einem Aufenthalt in der Psychiatrie, sondern im Finden zu sich selbst zu liegen. So setzt sie sich (ihrem Motto gemäß: „Was ihr gut tut, tut auch den Kindern gut“) am Ende ins Auto und fährt los, ist doch in ihr „alles wund. Wie aufgerissen, wie feuerrot“. 
Feuerrot in der österreichischen Neuerscheinungslandschaft leuchtet auch dieser beeindruckende Roman, der nicht weniger gut tut durch seine spannende Konstellation und ausgewogene Balance zwischen lakonisch-kritischer Ernsthaftigkeit eines von Phobien geprägten Frauenschicksals und fein ziselierter, alltagserprobter Komik. 
Andreas Tiefenbacher
 
Halvax, Verena - Am Kippen
Roman. Klagenfurt: Sisyphus 2020. 144 S. - br : € 14,80 (DR)
ISBN 978-3-903125-47-6

 

 

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