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Bücherschau

Kotzina, Ulrike - Staudamm

Die „Risse im Beton“ der Staumauer im traumhaften Salzkammergut

Der Kammersee ist ein kleiner, hinter Grundl- und Toplitzsee gelegener, idyllischer Gebirgssee im steirischen Salzkammergut. Seinen Namen leiht sich Ulrike Kotzina für den Hauptschauplatz ihres ersten Romans. Sie bezeichnet damit ein Dorf, das an einem See und nur ein paar Autominuten von Kainisch und Bad Aussee entfernt liegt. Mathilda, Marie und Dora sind dort als Töchter eines Bergbauern aufgewachsen.
Während sich Marie, um wirtschaftlich abgesichert zu sein, in Abhängigkeit begibt und „den reichsten Mann Kammersees“ heiratet, der (um die Wassermassen zu nutzen, „die der Dachstein beim Abschmelzen“ erzeugt) als Bürgermeister einen Staudamm errichten lässt, bauen die beiden anderen Schwestern auf Eigenständigkeit: Dora will sich „als Fotografin selbständig machen“, während Mathilda (von allen Tilda genannt) neben dem schlecht bezahlten Job „als Stubenmädchen“ die Abendschule besucht, maturiert und an „ein abgeschlossenes Studium“ denkt, „einen Titel, der den Weg für eine Karriere“ ebnet.
Ihren Verlobten Erik, der lieber Haus bauen und eine Familie gründen will, treibt das unangepasste, ländlichen Gepflogenheiten widersprechende Auftreten Tildas („enge Blusen, Plateauschuhe, die Beine sommers nackt und im Winter knappe Jeans und Stiefel mit Absätzen“), in dem man zu sehen vermeint, sie wolle „mit den Männern im Dorf“ spielen, in eine maßlose Eifersucht. Dazu kommt, dass Marie, deren Mann „mit seiner zudringlichen Art“ Erik bei Tilda auszustechen versucht, ihn zum Kartenspiel verleitet und in Schulden treibt, auf ihre Schwester eifersüchtig ist.
Alles mündet schließlich in einen Entscheidungsnotstand, auf den Fehlverhalten folgt, das die Handlung dynamisiert: Plötzlich ist Erik tot und Tilda verschwunden, was dem „von Ehrgeiz und Machtgier“ zerfressenen Bürgermeister gar nicht so ungelegen kommt, hat sich Tilda doch vehement „gegen die Verbauung der Landschaft, gegen Ausbeutung und Unterwerfung der Bergwelt“ und damit klarerweise auch gegen den Staudamm eingesetzt.
Zehn Jahre vergehen „ohne Anhaltspunkt, ohne Leiche“. Trotzdem wird Tilda für tot erklärt. Und weitere fünfzehn Jahre folgen. Dann jedoch sticht Dora im „Picture-World-Fotokatalog“ ein Bild ins Auge, auf dem sie „unter dem Zipfel eines Spruchbandes (...)Tildas Gesicht“ zu erkennen glaubt. Damit ist nun die Erzählgegenwart des Romans erreicht, von der aus in Rückblenden immer genau so viel aus der Vergangenheit in die Gegenwart hereingeholt wird, wie nötig erscheint. Zu viel gibt Ulrike Kotzina nicht preis. Einem Staudamm gleich hält sie die harten Fakten zurück, verwöhnt Leserin und Leser mit detailreichen Schilderungen von Landschaft und Natur, von örtlichen Verhältnissen, individuellen Lebensumständen und seelischen Abgründen. So bleibt die Spannung bis zum Ende auf hohem Niveau. Außerdem gibt es mit Maries Tochter Hannah (einer angehenden klinischen Psychologin), welche kurz nach dem Verschwinden Tildas zur Welt kommt, eine versierte Erzählerin, die auf der Jagd nach der Tante sowohl ihr Wissen als auch ihren scharfen Blick gekonnt zu nutzen versteht. Beim Wühlen in „alten Geschichten, in Beziehungen, Leben, die anderen“ gehören, stoßt sie auf „Ungereimtheiten“ und „Widersprüche“. Doch die innerhalb der dörflichen Welt existierenden Abhängigkeiten, die jedes „Fortgehen (...)als Fahnenflucht“ denunzieren, verhindern, dass wichtige Informationen nach außen dringen. Die damaligen Ereignisse sind „jahrelang bekannt“, aber eben einfach „versteckt worden“. Wegschauen und den Mund halten hat genügt. Genau das aber können Menschen, die „mit Schraubzwingen in einen Rahmen“ fixiert sind, klarerweise am allerbesten.
Doch auch die Autorin versteht ihr Handwerk ziemlich gut, denn an ihrem dreiteiligen Roman (mit den Überschriften „Auftauchen“, „Eintauchen“, „Untertauchen“) ist wenig auszusetzen. Im Gegenteil: Er ist fein komponiert, sein kritisches Potential beachtlich. In logischer Konsequenz sieht Hannah für sich daher nur in der Flucht eine Möglichkeit, „Kammersee entkommen“ zu können wie „einem Feind“. Dass sie folglich „die Stadt als Heilmittel“ sieht, ist keine schlechte Strategie, wo hinter der sauberen Fassade Kammersees und den traumhaft anmutenden Kulissen des Salzkammerguts die „Risse im Beton“ der Staumauer (offenbar sind „Fehler bei der Planung“ passiert) immer bedrohlicher werden.
In Ulrike Kotzinas Roman tauchen derart bedrohliche Fehler nicht auf, hat sie doch ihr Werk nicht nur auf sicherem sprachlichem Terrain, sondern auch auf inhaltlich starken Parametern errichtet.
Andreas Tiefenbacher

Kotzina, Ulrike - Staudamm
Roman. Wien: Picus 2013. 219 S. - fest geb. : € 19,90 (DR)
ISBN 978-3-85452-686-5


 

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