Bücherschau

Sandgruber, Roman - Hitlers Vater

Wie der Sohn zum Diktator wurde
Über Alois Hitler, den Vater des blutrünstigen, mitleidlosen Unmenschen und Diktators, über die komplizierte Familienstruktur, die Kindheit und frühe Jugend Adolfs Hitlers, wird sich die Hitler-Biographik künftig nicht mehr unrichtig und oberflächlich beschäftigen können. Das vorliegende, hervorragend recherchierte und fabelhaft formulierte Buch des prominenten österreichischen Historikers Roman Sandgruber eröffnet neue Einblicke in bislang nur stiefmütterlich behandelte Lebensbereiche der Hitler‘schen Blutsverwandtschaft. Ermöglicht wurde das durch einen neuen Quellenfund. Auf dem Dachboden eines oberösterreichischen Hauses wurden zufällig 31 unversehrte Briefe Alois Hitlers gefunden, die Sandgruber zur historischen Auswertung überlassen wurden. Zwar handelt es sich inhaltlich im Wesentlichen um Geschäftsbriefe. Sie enthalten jedoch auch persönliche und familiäre Bemerkungen, die die Charaktereigenschaften der Eltern Hitlers in einem neuen Licht erscheinen lassen. Für Sandgruber war der Quellenfund der Anstoß für eine umfassende Beschäftigung mit dem zeitgeschichtlichen Umfeld des Diktatorenvaters. 
Alois Hitler war ein uneheliches Kind, das im kleinbäuerlichen Milieu des oberen Waldviertels aufwuchs. Um seine Schulbildung war es schlecht bestellt. Er konnte aus bildungspolitischen Gründen nur eine einklassige Volksschule besuchen. Das unverschuldete Bildungsdefizit hat der Bub aus eigenem Antrieb nachgeholt. Er las viel und galt bald in seiner Umgebung als über den Durchschnitt belesener Autodidakt. Ehrgeizig und zielstrebig, arbeitete er sich  der Sozialskala hoch und brachte es letztlich bis zum Zollamtsoberoffizial. 
Alois Hitler wurde von seinen Mitmenschen fast durchwegs als unsympathischer Kerl wahrgenommen. Herrisch und rechthaberisch, aufbrausend, herablassend und überheblich gerierte er sich als Besserwisser, der keine andere Meinung gelten ließ. Im Dienst unnachgiebig, war er zu Hause ein Familiendespot und gestrenger Erzieher, der die Kinder ganz nach den damaligen pädagogischen Gepflogenheiten auch mit Körperstrafen maßregelte. Sohn Adolf hat es sicherlich dann und wann zu spüren bekommen. Adolf hat die väterliche Autorität nie in Frage gestellt, im Stillen sogar bewundert. Die an und für sich normalen Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn blieben beiden erspart, da Alois Hitler im Alter von 65 Jahren plötzlich verstarb. 
Er war dreimal verheiratet gewesen, das letzte Mal mit der wesentlich jüngeren Klara Pölzl. Der Ehe entstammten sechs Kinder. Vier davon starben frühzeitig, zwei, Adolf und seine Schwester Paula überlebten. Der Schock der Mutter saß tief. Ihre Liebe und Zärtlichkeit konzentrierte sich nun auf die beiden überlebenden Sprösslinge, vor allem auf Adolf, den sie nach Strich und Faden umsorgte und verwöhnte. Der Sohn hat sie geliebt und sich um sie gekümmert, als sie an Brustkrebs erkrankte und im Dezember 1907 ihrem schweren Leiden erlag. Adolf Hitler war Vollwaise geworden. 
Die Nationalsozialisten haben das Bild der Mutter des späteren Diktators ihrer Ideologie gemäß verzerrt und sie als Hausmütterchen hingestellt. Nach dem jüngsten Quellenfund ist dieses Mutterbild nicht mehr vertretbar. Klara Hitler war eine Frau mit klarem Hausverstand. Sie verwaltete die Sparbücher, die sie von ihren Eltern geerbt hatte und erledigte die Geldgeschäfte. Gelegentlich gönnte sie sich im Gasthaus auch einmal ein Glas Bier. Das Sagen im Haushalt hatte aber natürlich der Hausherr, der sein Patriachat mit schroffer Bestimmtheit ausübte. 
Über das Biographische hinaus beschäftigt sich der Autor eingehend und ungeheuer faktentreu mit den sozialpolitischen, völkisch nationalen und unterschwellig antisemitischen Verhältnissen in der oberösterreichischen Provinz, in die Adolf Hitler hineingeboren wurde und die ihn geistig geprägt haben. Die verheerenden Folgewirkungen sind bekannt. Ein Buch, das jeder Geschichtsfreund lesen sollte. 
Friedrich Weissensteiner
 
Sandgruber, Roman - Hitlers Vater
Wie der Sohn zum Diktator wurde. Wien: Molden 201. 303 S. - fest geb. : € 29,00 (GE)
ISBN 978-3-222-15066-1

 

 

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