Bücherschau

Adunka, Evelyn / Anderl, Gabriele - Jüdisches Ottakring und Hernals

Wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der jüdischen Bezirksgeschichte Wiens
Wer die Wien-Bücher von Gabriele Anderl und Evelyn Adunka noch nicht kennt, dem seien sie wärmstens ans Herz gelegt. Allein im Mandelbaum-Verlag sind u. a. die Bände „Gescheiterte Flucht. Der ‚Kladovo-Transport‘ auf dem Weg nach Palästina 1939–1942“, „Schleppen, Schleusen, Helfen: Flucht zwischen Rettung und Ausbeutung“ und zuletzt „Jüdisches Leben in Wien-Margareten“ erschienen. Und 2020 ist erfreulicherweise die Neuauflage des bereits 2013 zum ersten Mal erschienen Bandes „Jüdisches Leben in der Wiener Vorstadt. Ottakring und Hernals“ herausgekommen, das auf eine Initiative der Bezirksvorstehungen beider Bezirke zurückgeht und einen gewichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der jüdischen Bezirksgeschichte der Stadt Wien leistet. 
Das in 12 Abschnitte gegliederte Buch stellt im ersten Teil jüdische Institutionen vor, darunter einst prägende Tempel, Bethäuser, Volksheime und Vereine der beiden Bezirke. Weitere Kapitel widmen sich unter anderem verschiedenen Berufsgruppen, wie Rechtsanwälten, Ärzten und Apothekern, den Themen „Arisierung“ und Vermögensentzug, der Schoah und dem Leben „danach“ sowie Erinnerungen und Erinnerungssplittern. Den größten Teil des Buches nehmen die zahlreichen persönlichen Statements, Kurzbiografien und biografische Skizzen ein, dank derer, wenn auch nur in Bruchteilen, die einst im 16. und 17. Bezirk lebenden jüdischen Mitbürger*innen in einer Reihe von Fällen erstmals wieder aus der Vergessenheit geholt werden, wie der Jurist und Historiker Robert Rie. 
Oder die Schriftstellerin Adele Jellinek, der Ottakringer Bezirksrat Robert Ascher und der Buchhändler Oskar Sternglas – alle drei waren wichtige Stimmen der jüdischen Wiener Sozialdemokratie, Jellinek starb in Theresienstadt, Sternglas durch Giftgas in der Euthanasieanstalt Bernburg an der Saale. Auch die fünf vorgestellten jüdischen Schriftsteller (Albert Ehrenstein, Ernst Waldinger, Frederic Morton, Fritz Kalmar und Eugen Hoeflich) sind heute nicht mehr allen geläufig. Andere, darunter die bildenden Künstler Arik Brauer und Ernst Fuchs, die Komponisten Edmund Eysler und Walter Arlen, der Psychotherapeut Alfred Adler und die einstigen Besitzer der Ottakringer Brauerei, die Familie Kuffner, sind heute noch – oder wieder – einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Und auch der Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde der Jahre 1987 bis 1998, Paul Grosz, war bis zum „Anschluss“ ein „Ottakringer“ gewesen. Er überlebte zuerst als Zwangsarbeiter, ab 1944 als „U-Boot“ in Wien. 
Allein die Menge an biografischem Material, gepaart mit dem profunden Wissen der beiden Autorinnen zur allgemeinen und im speziellen jüdischen Bezirksgeschichte, macht deutlich, was an Wiener jüdischem Leben zerstört, vernichtet und dem Vergessen zugeführt wurde. Ein Vergessen, gegen das anzuarbeiten und anzuschreiben erst in den letzten Jahrzehnten nachhaltig Unterstützung gefunden hat, wie gleich der Einstieg des Buches deutlich macht, wenn es heißt, dass die Jüdinnen und Juden der Bezirke Ottakring und Hernals in bisherigen Publikationen über das jüdische Wien oder gar in „einschlägigen Bezirksführern wenn überhaupt, dann nur am Rande erwähnt“ wurden. 
Waren es einst knapp 4000 jüdische Menschen, die bis 1938 in den beiden Bezirken lebten, ergab die Volkszählung des Jahres 2001, dass von den damals in ganz Wien verzeichneten rund 7000 eingetragenen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde nur noch 112 in Ottakring und 72 in Hernals lebten. Umso mehr sind die teilweise aus bereits veröffentlichtem Material zusammengetragenen, in weiten Teilen aber aus bisher noch unveröffentlichten und für dieses Buch erstmals gesammelten Erinnerungen, Interviews und Zeitzeugenberichte als Quellen von beachtenswerter Fülle und Dimension zu werten. An der Seite des von den Autorinnen gesammelten historischen Faktenmaterials ergeben die weit über ein Drittel des Bandes einnehmenden Zitate Zeugnis für das einst so lebendige wie breitgefächerte jüdische Leben in zwei traditionsreichen Wiener „Vorstadt“-Bezirken. 
Dabei sind sich Adunka und Anderl immer bewusst, dass das von ihnen gesammelte biografische Material, vor allem jenes aus den zusammengetragenen Interviews, einen Prozess des Erinnerns widerspiegelt, der „voller Widersprüche, Ambivalenzen, Brüche, Abgebrochenen, beabsichtigten und unbeabsichtigten Fehlern ist“ und keineswegs eine „konsistente“ Erzählung ergeben kann. Es ist daher auch ein Anliegen, die begonnene Forschungsarbeit weiterhin fortsetzen zu können, betonen die Autorinnen gleich zu Beginn ihres Buches, denn viele Spuren konnten erst entdeckt und bei Weitem noch nicht in der Genauigkeit verfolgt werden, die es bräuchte, um noch tiefer in das einst blühende jüdische Leben in Wiens Bezirken und „Grätzeln“ einzutauchen. 
Angela Heide
 
Adunka, Evelyn / Anderl, Gabriele - Jüdisches Ottakring und Hernals
Wien: Mandelbaum 2020 (2. Auflage). 399 S. - zahlr. Ill. - br. : € 28,00 (GE)
ISBN 978-3-85476-870-8

 

 

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