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Bücherschau

Hochgerner, Christine - Warum Anna in fremden Taschen stöbert

Ein berührendes Frauenschicksal

Otto ist „Musterschüler“ gewesen, Anna eher „eine Versagerin“. Er wird später Zahnarzt, sie kommt wegen ihrer guten Umgangsformen nach der Handelsschule im Büro eines Steuerberaters unter. Die beiden werden ein Paar und leben schon vierzig Jahre zusammen. Fünfundzwanzig davon hat Anna als Assistentin in der Praxis ihres Mannes verbracht. Ein Jahr vor ihrer Pensionierung arbeitet sie nur noch aushilfsweise. Dass sie dadurch und später dann sowieso mehr Zeit haben würde, damit hat sie sich bislang genauso wenig auseinandergesetzt wie mit den ihr Leben beherrschenden Traditionen und Ritualen. Wozu auch? Es gibt schließlich „keine größeren Schwierigkeiten“.
Außer dass Otto „ein Schnarcher“ ist und sie deshalb in getrennten Zimmern schlafen, funktioniert ihre Ehe „ganz gut“. Denn egal ob Arbeit, Freizeit oder Weihnachten: bei Anna hat alles „einen genau definierten Platz“.
Als sie dann aber entdeckt, dass Otto mit seiner neuen Assistentin schläft und auch noch eine Affäre mit Ramona aus dem Kreis der Urlaubsfreunde hat, kommt in den streng geregelten Alltag eine gewisse Unordnung. Eigentlich hat sie Frauen, „die ihre Männer nach langjährigen Ehen verlassen haben“, bemitleidet, weil sie gedacht hat, dass ihr das nie passieren könnte. Doch wie sie langsam beginnt, sich von all ihr nahe Stehenden zu entfernen, scheint ihr eine Trennung von Otto auf einmal nicht mehr unvorstellbar. Außerdem plagen sie „kleptomanische Anwandlungen“. Plötzlich ist alles „alt, brüchig und unsicher“, wo sie zuvor ein „gutes Fundament“ vermutet hat.
Anna will es wieder. Sie sucht danach auch in den Taschen anderer Menschen. Und sie ringt um eine Vision für die Zukunft, obwohl sie eigentlich immer gedacht hat, „dass man ab einem bestimmten Alter weiß, was man will“.
Doch so sieht es nicht mehr aus. Ihr Zugehörigkeitsgefühl schwindet. Klare Ziele, wie: „die aparte, gepflegte Frau eines Zahnarztes“ zu sein, geraten in den Hintergrund. Orientierungslosigkeit macht sich breit. Anna fühlt sich um ihre Geborgenheit und Zukunft betrogen, zumal ihr „nur ein untreuer Ehemann, die bevorstehende Pensionierung und der sechzigste Geburtstag“ geblieben sind; ein Leben also, das ihr „grenzwertig“ erscheint. Und dieser Eindruck wird durch einen Knoten in der Brust noch verstärkt.
Anna glaubt, zwischen allem zu stehen, ist sie doch nicht mehr jung aber auch nicht alt, nicht mehr berufstätig aber noch nicht in Pension, „nicht mehr zum Ehemann gehörend und doch verheiratet“. Otto und sie haben einen Zustand erreicht, in dem sich keiner von beiden verpflichtet fühlt, „den anderen über seine Aktivitäten zu informieren“. Die Vorstellung, ihn zu küssen, scheint ihr abhandengekommen. „Eher meint sie, sich mit einem wildfremden Mann auf ein Spiel der Körper einlassen zu können“. Und tut es auch, sieht sie sich doch plötzlich in einem Alter, das sie „von der Notwendigkeit, ein vernünftiges Leben zu führen“, befreit.
Am Ende ist das aber nur eine Ausrede dafür, dass sie darüber, „wie es weitergehen soll“, keine Entscheidung treffen kann. Lange schaut sie (der ihr aufoktroyierten Rolle gemäß) einfach zu, ignoriert und hofft, „so wie früher“ leben zu können. „Hauptsache, der Alltag bekommt wieder eine gewisse Selbstverständlichkeit“. „Überwinden und durchhalten“ wird zum „persönlichen Mantra“. Therapeutische Hilfe nimmt sie aber erst dann in Anspruch, als sie ihre „eigenartige Manie“, dieser Zwang, „sich Fremdes anzueignen“, an den Rand einer Anzeige wegen Diebstahls bringt.
Anna erkennt, dass sie „Abstand braucht“, ja dass sie das über viele Jahre getragene Korsett der Anpassung abstreifen und ihr Leben „neu zusammensetzen“ muss. Und dass ihre „Taschengeschichten, die Veränderung in der Beziehung, die Angst einen Tumor zu haben, die bevorstehende Pensionierung und das Älterwerden“ Entscheidungen verlangen, weil man im Leben immer für oder gegen etwas sein muss. Anders lässt sich Freiheit ja auch kaum spüren.
Diesem inneren Wandel folgt die Autorin auf beeindruckende Weise. Sie breitet unaufgeregt und schnörkellos ein berührendes Frauenschicksal aus. Schildert einfühlsam und genau, wie schwer es ist, sich von lange eingeübten Konventionen zu befreien, sich auf eigene Füße zu stellen und allein für sich den „Blick nach vorne“ zu wagen, der angesichts einer zum „Nichtangriffspakt“ geratenen Ehe unausweichlich scheint.
An der Stelle, wo die Heldin in einer Parfümerie beinah die Tasche einer Kundin mitgehen lässt, gibt Christine Hochgerner ein deutliches Zeichen, worum es ihr geht, befindet sich doch in dieser Tasche ein Manuskript über eine Frau, „die ihr Leben neu ordnen muss“, was (wenn über Jahrzehnte ein ganz anderes trainiert wird) gar nicht so leicht aussieht.
Klar, dass man in dieser Situation den Tag, dem „der Rhythmus fehlt“, am liebsten auf dem Sofa verbringen möchte. Das ist sicher ein sehr guter Ort, – gerade zum Lesen dieses beachtenswerten Buches.
Andreas Tiefenbacher

Hochgerner, Christine - Warum Anna in fremden Taschen stöbert
Roman. Klagenfurt: Sisyphus 2016. 152 S. - kt.: € 14,80 (DR)
ISBN 978-3-901960-96-3

 

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