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Bücherschau

Wünsch, Ernst - Der Abschweifer

Ein Roman voller Witz und schräger Information

Ende des 19. Jahrhunderts hat in Steining am Steininger See der „weltberühmte österreichische Komponist, Dirigent & Operndirektor“ Arnold Schweda-Mörz in einem extra für ihn errichteten Komponierhäuschen gewohnt. Er soll den Einheimischen ziemlich auf die Nerven gegangen sein, hat er doch durchgesetzt, dass „kein Hahn krähen, keine Kuh muhen & kein Hund bellen“ darf, wenn er komponiert.
Nichtsdestotrotz kennt man Steining seitdem als „magischen Ort der Musikgeschichte“. Ihn auch als malerischen Badeort und Luftkurort bekannt zu machen, hat weniger funktioniert. Denn kaum haben die Steininger ihr Vieh verkauft und aus den Ställen Fremdenzimmer gemacht, ist der touristischen Hype auch schon wieder vorbei gewesen, was nicht überrascht, herrscht in Steining doch meistens Schlechtwetter. Außerdem gibt es in diesem entlegenen Kaff (…)nur Natur & deren Beschädigung, nämlich Schnellstraßen & jede Menge Autos“, baut doch ein Steininger sein Haus „immer um die Garage herum, die immer eine Doppelgarage ist“.
Nur Leo Kmetkos Landhaus verfügt über so eine nicht. Er, der sich darin zurückgezogen hat, um seine literarische Karriere mit dem Schreiben eines Kochbuchs ausklingen zu lassen, besitzt ja nicht einmal ein Handy. Dafür hat er „den 10jährigen Jack-Russel-Parson-Terrier Dalai seiner Tochter adoptiert“.
Eines frühen Morgens werden die beiden Zeugen einer „Lichterscheinung“, wie sie das letzte Mal vor 75 Jahren über den Steininger See gewabert ist, als die deutsche Wehrmacht Österreich annektiert hat.
In Erwartung eines Ereignisses, „das die Welt verändern würde“, bekommt es Leo, der auch in den beiden vorangegangenen Romanen von Ernst Wünsch („Finstern“, 2012 und „Kalamata“, 2013) im Mittelpunkt steht, zuerst einmal aber nur mit dem Underground-Filmer Mario Rubinig zu tun. Dieser will über ihn, den „notorischen Abschweifer, Hinterfrager & Existenzkritiker“, einen Film drehen.
Während sich die beiden betrinken, beschließen sie, „Filmgeschichte zu schreiben“, was (obwohl Rubinig ausschließlich mit einem von Leo als „Pimperlkamera“ bezeichneten „Mobile-Handy“ filmt) in gewisser Weise sogar gelingt, läuft der Film doch auf der Berlinale und erlangt auf der Wiener Filmakademie in kurzer Zeit Kultstatus. Es handelt sich ja auch um den „ersten Kinofilm, der vollständig mit einer Handykamera gedreht“ worden ist, was bei Produktionskosten von 6.000 und erhaltenen Fördermitteln von 200.000 Euro ein klares Plus ergibt.
Von so einem kann der Schriftsteller Leo Kmetko, den das „unablässige Versäumen der augenblicklichen Gegenwart, dieses Nichtverstehen des Präsens (…)zum Außenseiter gemacht“ hat, nur träumen, vermag doch sein von Isolation geprägtes literarisches Schaffen aufgrund mangelnder Konsumentenfreundlichkeit nicht viel mehr als „50 Getreue“ zu begeistern.
Anders Ernst Wünsch. Er erweist sich auch in seinem dritten Leo-Kmetko-Band, einem „Heimatroman der nicht kitschig“ ist, als großer Sprach- und Gedankenjongleur. Dem einschließlich seines fundamentalphilosophischen Mottos aus „3 Kapiteln Text mit 32 Exkursen & 68 Fußnoten“ bestehenden Buch mangelt es in kaum einer Zeile an Witz und schräger Information. Was man in den vielen kleinen Ausuferungen, die der Autor in die Haupthandlung einfließen lässt, erfährt, ist ziemlich erhellend, ob es nun um eine am Schauplatz (dem man einen realen Ort aus der oberösterreichischen Seenregion zuordnen kann) ihre Sommerfrische verbringende Persönlichkeit, um die bis zu einem Meter weit springende Hauswinkelspinne, die Gesundheit des Landlebens oder die Gedankenlosigkeit geht.
Über das Verhältnis der Gedankenlosigkeit zur Abschweifung gibt es drei philosophische Lehrmeinungen. Und weil Leo Kmetko ja einer „der bedeutendsten Abschweifer der Weltliteratur“ ist, scheint es logisch, dass digressio als Bewusstmachungsprozess in dieser salzkammergutgetränkten, vergnüglich zu lesenden Ruralprosa die Hauptrolle spielt. Denn nicht abzuschweifen wäre, so Kmetko, nämlich „nichts anderes als die Unterdrückung des Denkens“. Und die passiert sowieso viel zu oft.
Wäre der Mensch jedoch bereit dazu, „jede einzelne seiner Handlungen einer Überdenkung“ zu unterziehen, gäbe es plötzlich „weder Neid noch Habgier oder Eifersucht, Krieg oder Machthunger“ mehr, ja „es würde tatsächlich Friede herrschen“.
Eine wundervolle Vision! „Der Abschweifer“ von Ernst Wünsch hält sie (mit einem Augenzwinkern wohl) für jede Leserin und jeden Leser bereit. Daher führt an diesem Buch irgendwie kein Weg vorbei.
Andreas Tiefenbacher

Wünsch, Ernst - Der Abschweifer
Roman. Klagenfurt: Kitab 2016. 189 S. - fest geb. : € 18,00 (DR)
ISBN 978-3-902878-54-0


 

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