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Bücherschau

Renoldner, Andreas - Müllmänner

Kriminalroman mit einem faszinierenden Außenseiter und Eigenbrötler

Die Konsumgesellschaft ist eine der Überhäufung, der Überschüsse und Auswüchse, aber genauso auch der Vereinsamung. Es gibt von allem zu viel. Die Kleiderschränke sind „überfüllt wie die Kühlschränke und die Müllcontainer“. Jeden Abend werden Tonnen von altem Brot weggeschmissen und verbrannt, doch die so gewonnene Fernwärme ist deswegen nicht gratis.
Das stört den Autor, der diese Art der Verschwendung, die als Preisaufschlag wieder nur bei den Konsument/inn/en landet, sachlich fundiert kritisiert, nicht aber Isabella Morzing, eine seiner Figuren. Sie hat ein anderes Problem: die Einsamkeit, das Alleinsein; was sie dazu bringt, „im Park wahllos Männer anzumachen, oft zwei, drei oder mehr in einer Woche“.
Bei derartiger Partnersuche ist die Gefahr natürlich groß, an den Falschen oder gar einen Verrückten zu geraten, wo doch „immer mehr narzistisch verstörte Menschen herumrennen“, es genügend „schwerbeschädigte und kranke Personen gibt“. Deshalb wendet sich Irene Auhofer auch gleich an die Polizei, als ihre Freundin und Kollegin am Montag nicht zur Arbeit erscheint. Wenig später kommt „auf dem Förderband der Müllsortieranlage ein geknickter Menschenarm daher“, dann ein Bein und schließlich auch noch „ein menschlicher Kopf mit rötlichen Locken“. Ab da herrscht Gewissheit: Isabella ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Ihre Wohnung sieht aus, als habe jemand alles durchwühlt.
Der ermittelnde Kriminalist erkennt aber sofort, dass das mit dem Mord nichts zu tun hat, sondern nur dazu dient, „eine falsche Spur zu legen“, zumal in einem „Sozialabsicherungssystem“ wie dem unsrigen mit „Arbeitslosengeld und Sozialhilfe und Frührente“ doch kein Räuber mehr riskiert, aus einem so banalen Grund wie Geld zu morden, was die Tätersuche einigermaßen erschwert. So stehen „keine festgemachten Spuren“ zur Verfügung; und auch Zeugen gibt es nicht. Trotzdem hat der erfahrene Beamte jemanden im Visier, der über sein „Müllhobby“ und dem mit psychologischen Geschick darin zu erspähenden „Hang zur Reinlichkeit“ zum ernsthaften Täterkandidaten avanciert. Leo heißt dieser Mann, ist Studienabbrecher und danach Lagerleiter in einer Pharmafirma gewesen, bis man „seinen Arbeitsplatz wegrationalisiert, das Lager geschlossen und ihn rausgeschmissen“ hat. Seitdem ist er häufig am „Dumpstern“, wie man die Mitnahme weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern nennt.
Leo ist eine Art Konsumgesellschaftsverweigerer; und ein komischer Kauz obendrein. Nicht bloß weil er sich dem „aktuell gültigen Telefonierwahn“ verweigert oder einen Taubenflügel ans Stiegenhausgeländer hängt oder sich manchmal auf seinen Beutezügen vorkommt, als könne er „wie ein Geist durch die Autos hindurch über die Straße gehen“. Sondern weil er glaubt, dass tot sein „bloß ein Leitungsschaden zwischen Gehirn und Peripherie“, also etwas Ähnliches wie ein Traum“ ist und der oder die einzelne nur „ein Klon unter vielen Klonen“. Deswegen findet er auch, dass es sich wegen einer Person gar nicht auszahlt, „so großes Aufheben zu machen“.
Das sieht Edi Kripomann natürlich anders, der Leo (aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird) im Lauf der Handlung immer näher rückt. Edi, der „keine anderen Themen als seine Mörder“ hat und weiß, dass die nicht lügen, „sich nicht glaubhaft verstellen können“, wartet in Lauerstellung auf den entscheidenden Fehler, der irgendwann ja kommen muss. Zwar hat Leo ein Alibi und scheint auch zu den Gutmenschen zu gehören; doch genau deshalb landet er wieder auf der „Liste der Hauptverdächtigen“. Denn: „Die Guten haben alle etwas Dunkles in einer dunklen Herzkammer versteckt und unterdrücken das Böse so lange, bis es aufbricht“.
Den Showdown bettet der Autor in keine konventionelle Handlungsspur. Er kehrt lieber die Innenansichten des Außenseiters und Eigenbrötlers Leo hervor, der von „Mülltonnenparadiesen und Altstoffsammelinseln“ schwärmt und in einer Welt voller Pixel, Phantome, Träume und Lügen Frauenlippen als Schwimmreifen sieht, mit denen er „durch die ganze Traumwelt schwimmen“ kann.
Derartige Eingeständnisse genauso wie die Erkenntnis, dass man „heutzutage mit jeder Art von Wahnsinn rechnen“ muss, treiben die Handlung an. Man erwartet ständig, dass etwas passiert. Und das macht dieses Buch zu einer spannenden Lektüre.
Andreas Tiefenbacher

Renoldner, Andreas - Müllmänner
Kriminalroman. Wien: Styria 2016. 204 S. - kt. : € 15,00 (DR)
ISBN 978-3-222-13497-5


 

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