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Bücherschau

Habringer, Rudolf - Felix Baumgartner reißt einen Stern

Weihnachtssatiren

Dass Weihnachten alleine durch den gesellschaftlichen Wandel und die Nähe zum Klischee ein breites Spektrum an Konfliktmöglichkeiten bietet, wird einem in dieser auf zwei Kabarettprogrammen basierenden Sammlung von Texten schnell klar. Dort ist es der mittels Zitrusfrucht und „Bratwürstlsonntag“ veranschaulichte „kulturelle Unterschied zwischen Österreichern und Türken“, da medizinische Eingriffe zur Verschönerung des Körpers, über die das Streben nach Identität, Glück und Größe facettenreich abgehandelt wird.
Habringer schafft es Lach- und Denkmuskeln gleichermaßen in vergnügliche Schwingungen zu versetzen. Seine satirische Aufbereitung gerät zur Persiflage, die nicht nur den einen oder anderen Abgrund beleuchtet, sondern auch so manche Kuriosität freilegt, wie man etwa auf der „Krippenmesse in Bad Sulzen“ sehen kann. Hier gibt es von der „modernen Economy Krippe“, über die baufällige „Griechenkrippe“, wo deprimierte Figuren „auf die Könige der Europäischen Zentralbank“ warten, bis zur „Ernst Strasser Krippe“, die einen Josef zeigt, den zwei „Weise aus dem Engelland(…) mit Geld und Weihrauch ködern“, vieles zu bestaunen, was das Herz begehrt.
Ähnlich breit ist auch das Angebot der „Nikolo-Event-Agentur“. Es reicht vom „Bio-Niki“ über den „Nikolo im Military-Style mit Tarnanzug, Sturmgewehr und Gasmaske“, den „Multikulti Niki-Naki“, bis zur „lupenreinen gendermäßigen Variante: der Nikolausa mit einer Krampussin“. Doch damit nicht genug: Man bekommt in Habringers satirischer Mischung aus Szenen, Monologen, Parodien und Liedern auch noch schmackhaft aufbereitet, warum es besser ist, im „Christkindl-Kostüm“ keinen Bankraub zu begehen und in welchem Verhältnis eine „gemütliche Keksrunde“ zum so genannten „Stinkindex“ steht, dem zufolge viel zu viele Menschen nach dem Besuch der Toilette keine Seife beim Händewaschen benutzen.
Das abwechslungsreich gestaltete, heiter bis kritische Buch bietet aber auch reichlich Infos zum stereotypen Inhalt politischer Weihnachtsreden, zum Salzburger Spekulationsskandal von 2012 sowie dem Zusammenhang von Beraterhonoraren und „Eigenreflexion“. Außerdem erfährt man, was das goldene Ehrenzeichen des Landes Oberösterreich zum „Kein-schlechter-Mensch-Sein“ beiträgt und es mit der Entscheidung der Industrie, statt „Nikoläusen und Weihnachtsmännern“ bloß noch „einen Schokoblock in neutraler Verpackung“ ins Sortiment zu nehmen, auf sich hat.
Wie problematisch ein Sortiment werden kann, erfährt auch der türkische Gemüsehändler in „Der kulturelle Unterschied“. Sein österreichischer Kunde will nämlich keine muslimischen Orangen kaufen, sondern nur christliche, obwohl sich die beiden weder im Aussehen noch im Geschmack unterscheiden und eine Orange außerdem gar keine Religion hat.
Religion scheint allerdings, wie man an diesen als Rede- oder Singstücke angelegten, häufig dialektal eingefärbten und die unterschiedlichsten Gefühls- und Erregungszustände präsentierenden Sprachminiaturen sieht, in der besinnlichsten Zeit des Jahres immer weniger eine Rolle zu spielen: Die einen entfliehen dem „Rummel“ nach Gran Canaria oder Djerba, wo man auf Karneval, „nackte Haut und so Sachen“ trifft; die anderen fokussieren sich ganz aufs Essen. Und die Prominenten feiern Weihnachten genauso, wie man es schon immer geahnt hat, wenn man ihre Fernsehauftritte und Performances in Boulevardblättern kennt.
Es tummeln sich in diesen, dem Sprachvermögen seiner ProtagonistInnen auf sehr kreative Weise Ausdruck verleihenden Texten aber nicht nur Gewinnler, die eine „pleite gegangene Bank“ hinter sich lassen und mit Plastiktaschen voller Geld durch den Heiligen Abend geistern. Man trifft auch eine Flüchtlingsfamilie, die „von Land zu Land wie ein Paket verschoben“ wird. Hier ist der Autor der politischen Realität ganz nah. Und wenn es heißt: „Wenn’s drauf ankommt, dann zählt (…) nicht der Mensch, nur das Gesetzt“, kann man dem wahrlich nicht mehr viel hinzufügen – außer vielleicht noch: ein lesenswertes, ja ein sehr lesenswertes Buch, gerade auch für jemanden, der wissen will, wie man beim weihnachtlichen Schenken mit einem „Fünfjahresplan“ das Abrutschen in den Notstand verhindert.
Andreas Tiefenbacher

Habringer, Rudolf - Felix Baumgartner reißt einen Stern
Weihnachtssatiren. Linz: Kehrwasser 2014. 152 S. - fest geb. : € 16,95 (DL)
ISBN 978-3-902786-21-0


 

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