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Bücherschau

Rizy, Helmut - Im Maulwurfshügel

Eine nachhaltige Reise im Kopf

Menschen, die gern und viel lesen, sind eher Ausnahme als Regel. Trotzdem gelangen über 90.000 neue Titel jährlich auf den deutschsprachigen Markt. Und logisch, dass zwar viele Bücher gekauft, dann aber doch ungelesen liegen bleiben.
Der 73-jährige pensionierte Arbeitsrechtler Rupert Mayerhofer hat einen ganzen Stoß solcher ungelesenen Bücher. Eines Tages entschließt er sich, ihn abzubauen. Erstens findet er ohnehin, dass „eine Reise im Kopf (...) nachhaltiger“ ist als alles, was „ein Reisebüro vermitteln könnte“. Und zweitens gibt es niemanden, der gegen seinen Lesemarathon etwas einzuwenden hätte. Mayerhofer lebt nämlich allein. Seine Versuche, eine Familie zu gründen, sind gescheitert; sein Freundeskreis ist zerbröckelt und sein „Bedarf an 'Ansprache'“, den er am Stammtisch „beim Ewald“ gedeckt hat, übersättigt. Beste Voraussetzungen also, um sich dem Lesen zu widmen. Erfahrungen diesbezüglich sind vorhanden. Denn wie es sich für einen richtigen Stubenhocker gehört, hat Rupert schon als Kind viel Zeit mit Büchern verbracht. Und er sieht in ihnen immer noch „etwas Wertvolles“. Nie käme er auf die Idee, eine Seite umzuknicken oder etwas auf ihr zu notieren. Im Gegenteil. Er behandelt Bücher so, dass sie den Lesevorgang ohne jegliche Verschleißspuren überstehen. Rupert Mayerhofer ist nämlich ein durch und durch bibliophiler Mensch, der (nachdem er in seinem Leben schon „genug gehört und genug geredet“ hat) im Zustand des Lesens „das einzig Sinnvolle“ sieht. Er zieht sich in seinen „kakanischen Maulwurfshügel“ zurück, lebt von angesammelten Vorräten und geht nicht mehr aus dem Haus. Nicht bloß wegen der sommerlichen Hitze und weil ihm kein Ziel attraktiv genug erscheint, um hinzuspazieren, und weil er keine Hunde mag und „keine lauten Menschen“, sondern weil er ja immerzu lesen muss.
Während seiner Zeit als Anwalt, der „Arbeiter und Angestellte gegenüber ihren Unternehmern“ vor dem Arbeits- und Sozialgericht vertrat, hat er das ohnehin zu wenig getan. Meistens ist er „aus lauter Faulheit nächtens vor dem Fernseher sitzen“ geblieben und hat danach „nur mehr wenige Seiten“ geschafft. Das ist jetzt anders. Mittels der ihm aus dem Berufsleben vertrauten Disziplin steigert er sich in eine richtige „Lesewut“ hinein, der er untertags im Lehnstuhl, am Nachmittag in der Liege auf dem Balkon und abends am Wohnzimmertisch frönt.
Parallel zur Lektüre, die ihn ausgehend von Musils „Mann ohne Eigenschaften“, Stendhals „Rot und Schwarz“, Radiguets „Den Teufel im Leib“, Amados „Tocaia Grande“ über Klaus Manns „Der Vulkan“ und Lermontows „Ein Held unserer Zeit“ bis zum „Siebenkäs“ von Jean Paul führt, schreibt er Tagebuch. Darin kommentiert er nicht nur die gelesenen Bücher, sondern streut neben anderen autobiografisch gefärbten Berichten und Skizzen aus seinem Alltag auch Erinnerungen an „verflossene Lieben“ ein.
Fern liegt ihm allerdings, dass seine Aufzeichnungen zu so etwas wie „Memoiren“ geraten. Außerdem hat er „Menschen, die ein Tagebuch führten“, immer belächelt. Doch weil er weder Erben noch sonst jemanden hat, dem er etwas „hinterlassen möchte“, aber dann doch nicht völlig kommentarlos von dieser Welt scheiden will, sieht er die Chance, sich schreibend vielleicht „Klarheit über die eigene Person verschaffen“ zu können. Zumindest hofft er, über seine Aufzeichnungen den Blick in sich hinein freizulegen, um dann jene „Motive zu erkennen“, die ihm seinen „gegenwärtigen Zustand“ aufhellen.
Ob die „ganze Nabelschau“ zum gewünschten Ergebnis führt, bleibt ungewiss. Viel klarer ist, dass er „nie bittere Armut kennengelernt“, nie an „Trunksucht oder einer anderen Drogenabhängigkeit“, geschweige denn einer „schweren Krankheit“ gelitten und daher ein recht privilegiertes, aber leider „an Höhenflügen“ sehr armes Leben geführt hat.
Umso reicher an feinfühligen, leisen, unspektakulären gedanklichen Höhenflügen ist dafür der vorliegende, sich an der Struktur des Tagebuchs orientierende, zur Hauptsache auf den zwischen 27.5. und 13.9. mit Bleistift verfassten Einträgen basierende Roman, welcher auf witzig-sentimentale Weise zu zeigen vermag, wie ein alter Mann, dem im Leben „die nötige Portion Ehrgeiz“ gefehlt hat, „um nach Höherem zu streben“, am Ende die „Lesewut“ als „Ablenkungsmanöver“ entdeckt und sich in der Rolle des Dauerlesers wie ein Opiumraucher fühlt. Denn „beide entfliehen ihrer konkreten Umgebung und tauchen in eine andere Welt ein, in der Hoffnung, es wäre eine bessere“.
Kein Wunder also, dass Peter Iljitsch Tschaikowsky „das Lesen zu den größten Glückseligkeiten“ auf Erden gezählt hat; eine Tatsache, der man in Helmut Rizys bewegenden Roman schnell auf die Spur kommt.
Andreas Tiefenbacher

Rizy, Helmut - Im Maulwurfshügel
Roman. Wien: Bibliothek der Provinz 2014. 250 S. - kart. : € 20,00 (DR)
ISBN 978-3-99028-221-2


 

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