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Bücherschau

Füssel, Dietmar - Der Sohn einer Hure

Ein bissiger, vertraute Realitäten persiflierender Roman

Johann F., der eigenwillige Protagonist dieser von noch einigen weiteren eigenwilligen Personen bevölkerten, vertraute Realitäten persiflierenden, ja überhaupt ziemlich lebhaften und satirisch bunt eingefärbten Geschichte, verdankt seine Niederkunft am 22. Jänner 1978 in Wien einer jungen, unerfahrenen Urlaubsvertretung der „Haus-Engelmacherin“ seiner Mutter. Diese zählt als berühmteste Prostituierte der Stadt („Divina, die Göttliche“ genannt) zu den Gutverdienern, sodass Johann eine elitäre Privatschule in der Schweiz besuchen kann.
Als er 18jährig nach Wien zurückkehrt, glaubt er nicht nur „etwas ganz Besonderes zu sein“, sondern auch, seiner Mutter, die als Betreiberin einer Quick-Sex-Kette inzwischen schön Geld gescheffelt hat, unbedingt die Meinung sagen zu müssen, was einen „hässlichen Streit“ nach sich zieht, der dazu führt, dass sie ihre ohnehin kaum vorhandene Beziehung zum Sohn endgültig abbricht, als Entschädigung aber gut datierte Unterhaltszahlungen leistet, die es Johann erlauben, sich frei von Existenzängsten einer Karriere als Schriftsteller zu widmen. Doch wie schon im zwischenmenschlichen Bereich agiert er auch hier ziemlich glücklos: Johann ist zwar ganz klar „schreibbesessen“, aber eben auch „ein hochgradiger Psychopath“, weshalb er mit so etwas wie Erfolg nicht wirklich in Berührung kommt. Im Gegenteil. Seine zwei im mutigen Avantgarde-Verlag „Pestseller“ erschienenen Werke sind „ein furchtbarer Flop“ und „die am schlechtesten verkauften Bücher in der gesamten Literaturgeschichte“.
An seinem Kurs ändert er deswegen aber nichts. Erstens ist Geld nicht das Problem; und zweitens glaubt er ja ohnehin „an gar nichts“. So verwundert es kaum, dass ihm das Pech hartnäckig an den Fersen bleibt. Doch ist die Art, wie er scheitert, auf tragikomische Weise ziemlich grandios. Das liegt wohl auch daran, dass er eine durch und durch schrullige bis außergewöhnliche Figur ist: auf jeden Fall eingebildet, aber nicht ungebildet; zudem sehr harmoniebedürftig und auch ganz schön misanthropisch. Des weiteren zeichnet ihn ein fester „Hunger nach Freiheit und Unabhängigkeit“ aus, der ihn allerdings nicht daran hindert, sich dem Trend, „jederzeit erreichbar sein zu müssen“, konsequent zu verweigern. Wahrscheinlich ist er „der letzte Schriftsteller Europas, der keinen PC hat“.
Überhaupt lebt Johann „wesentlich ungestörter“ als er es für sich im Sinn gehabt hätte, bis er auf einer Diskussionsveranstaltung „eine am 12. Juni 1980 geborene Person weiblichen Geschlechts“ kennen lernt. Sie wird seine „philosophische Geliebte“. Doch weder Johanns „außergewöhnliche Allgemeinbildung“ noch der das Zusammenleben der beiden regelnde, notariell beglaubigte Vertrag können verhindern, dass er von einem Fettnäpfchen ins andere tritt. Die Pechsträhne scheint prolongiert. Aber genau dadurch nimmt dieser aberwitzige und schräge Roman noch einmal so richtig Fahrt auf, setzt er doch seinen Helden einigen amüsanten und abenteuerlichen Begegnungen aus: etwa der mit dem vormaligen Beschützer seiner Mutter, den er Vater nennt und der aus Geldmangel „seinen Körper der Universitätsklinik“ verkauft; oder der mit dem Pfarrer, welcher ihm 100 Flaschen Schnaps vorbeibringt, weil der immer noch „am allerbesten“ gegen Liebeskummer wirkt. Außerdem trifft er noch auf den Briefträger, auf eine kleine graue Katze mit einem „dreieckigen roten Fleck auf der Stirn, die statt Miau „Quoink“ macht, und zu guter Letzt auch noch auf einen bleichen jungen Mann, der ihn zu einer Gewalttat provoziert.
Alles in allem ergibt das ein recht abwechslungsreiches Handlungspotpourri, das der Ich-Erzähler und Protagonist der Geschichte „Aufzeichnungen“ nennt und nach 22 Kapiteln abbricht, weil er befürchtet „zu verblöden“.
Das kann beim Lesen dieses mit gängigen Klischees und Verhaltensmustern geschickt hantierenden Romans nicht passieren, nämlich: dass man einfach abbricht!, übt er doch eine über seinen bissigen Humor weit hinausgehende, breit gefächerte Faszination aus.
Andreas Tiefenbacher

Füssel, Dietmar - Der Sohn einer Hure
Roman. Klagenfurt: Sisyphus 2014. 176 S. - kt. : € 14,00 (DR)
ISBN 978-3-901960-68-0


 

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