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Bücherschau

Nacke, Petra / Tannert, Elmar - Der Mittagsmörder

Ein mit viel Empathie als innerer Monolog erzählter, aufrüttelnder Roman

Als den 73-jährigen pensionierten Journalisten Peter Hirschmann eine E-Mail erreicht, in der die Psychologiestudentin Corinna Metzner den früheren Leiter der Lokalredaktion des Nürnberger Tagblatts bittet, ihn im Rahmen ihrer Diplomarbeit über den Themenkomplex „Mittagsmörder“ interviewen zu dürfen, gerät in ihm ein Erinnerungsprozess in Gang, in dessen Verlauf Beobachtetes und Erlebtes genauso wie die von seiner inzwischen verstorbenen Frau in einem Ordner gesammelten, von ihm verfassten Artikel über einen der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte plötzlich in einem anderen Licht erscheinen, das (wohl auch durch den zeitlichen Abstand) andere Sichtweisen zulässt, an deren Ende ein Roman steht, dem es nicht nur bravourös gelingt, die Lebenswirklichkeit der 1960er Jahre mit ihren, zum Teil von politischen Dämonen der Vergangenheit genährten, gesellschaftlichen Spannungen einzufangen, sondern auch vorzuführen, was Sensationsjournalismus alles anrichten kann, dem es nur darum geht, dass die Leser ihr „Futter“ bekommen und der daher auch nicht davor zurückschreckt, „Leute zu schmieren“ oder jemanden so zu kompromittieren, dass er sein Lebensumfeld verlassen muss.
Hirschmann hat nach allem geschnappt, was ihm „unter die Finger“ gekommen ist. „So war das eben. So ist der Job. (...) Wir waren auf der Jagd, es war ein unglaublich gutes Gefühl“, erklärt er lapidar, ohne zu reflektieren, was dieses „schön dick“ Auftragen bewirkt. Seine Mutter schenkt ihm daher die Werke Tucholskys, der sich klar dazu bekennt, „dass auch ein Mörder immer noch ein Mensch ist.“ Die öffentliche Meinung damals sieht das nicht so. Sie orientiert sich eher an „Sensationsgier und Putzwut“. Deshalb wird übergangen, dass der so genannte „Mittagsmörder“, der im Buch Horst Golke heißt und in einer Flüchtlingssiedlung ohne Vater aufwächst, „ein freundliches Kind (und damit) lang nicht so frech“ gewesen ist „wie die anderen Buben in dem Alter“. Oder dass er als „stiller, introvertierter Typ“ gesehen wird, den seine Nachbarn „als höflich bis unscheinbar“ beschreiben. So was will nämlich niemand lesen. Aus diesem Grund bläst man ihn via Zeitung „zu einem Schweinebraten“ auf.
Ein paar Klischees – und man sieht sich „einem finsteren, dämonischen Burschen“ gegenüber, einer „skrupellosen (...) Bestie, (...) die schon im Kindergarten den Beschluss gefasst hat, von Beruf Mörder zu werden“. In einer derart aufgeheizten Stimmung verwundert es kaum, dass die Leute den zum „siebenfachen Mörder“ erklärten Golke „einen Kopf kürzer sehen“ wollen und vor allem Frauen ihn nicht nur am liebsten „geköpft, sondern gleich bei lebendigem Leib in Stücke gerissen“ hätten. Seine damalige Beteiligung an der journalistischen Jagd versucht Hirschmann jetzt mit der Ausrede zu relativieren, dass einem das Tagesgeschäft regelrecht dazu gezwungen hätte, eine „Schreibmaschine im Anzug“ zu sein, die sich nur entscheiden kann, ob sie „ewig deprimiert oder zynisch werden will“. Schließlich schillert die schillernde Welt ja nur deshalb, weil sie aus Seifenschaum besteht, der die dreckige Brühe darunter verdeckt.
Diese „dreckige Brühe“ aber erfährt durch das Nürnberger Erfolgsduo Nacke und Tannert eine schonungslose Rundumbeleuchtung, die ein facettenreiches Psychogramm deutscher Nachkriegsgeschichte sichtbar werden lässt. Der Roman „beruht zwar auf Fakten, doch ist auch reichlich Fiktion mit eingeflossen“, wie die Nachbemerkung verrät. In Wahrheit heißt Horst Golke ja Klaus Gosmann. Und der ist 1967 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden, hat es aber geschafft, dass das Bundesverfassungsgericht seinen Fall prüft und 2012 entscheidet, ihn auf ein Leben außerhalb der Justizvollzugsanstalt vorzubereiten, das vermutlich 2015 (also 50 Jahre nach seiner Festnahme) auf Bewährung beginnen soll.
Die Prüfung des Romans über Gosmann kommt viel schneller zu einem positiven Ergebnis, handelt es sich doch um ein schön komponiertes, das Lokalkolorit großartig spiegelndes, mit viel Empathie als innerer Monolog erzähltes, aufrüttelndes Buch.
Andreas Tiefenbacher

Nacke, Petra / Tannert, Elmar - Der Mittagsmörder
Roman. Cadolzburg: ars vivendi. 272 S. - fest geb.: € 18,40 (DR)
ISBN 978-3-86913-109-2


 

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