Bücherschau

Keegan, Claire - Das dritte Licht

Eine große, berührende Geschichte darüber, was ein Kind zum Leben braucht

An einem Sonntag im Sommer – gleich nach der Frühmesse – liefert ein Vater seine kleine Tochter bei entfernten Verwandten auf einer Farm im tiefsten Wexford ab. Die kinderlosen Kinsellas betreiben dort eine kleine Landwirtschaft und wollen das Mädchen den Sommer über als Pflegekind aufnehmen. Sollen die Kinsellas die Kleine ruhig dabehalten, so lange sie wollen, wünscht sich der Vater. Seine Frau ist schon wieder schwanger, genug Kinder sind bereits da, ein Maul weniger zu stopfen. Da ist es eine Erleichterung, wenn die Älteste mal eine Weile weg ist. Für Liebe und Zuwendung ist da wenig Platz und Kraft übrig in diesem Haushalt …
So findet sich die Kleine an einem seltsam fremden Ort wieder: Hier gibt es einen Brunnen, der nie austrocknet, Milch und Rhabarberkuchen und Zuwendung und Verständnis im Überfluss. Im Gegenzug bemüht sich das kleine Mädchen, den Pflegeeltern zu helfen, wo es kann, ja nichts zu zerbrechen und alles recht zu machen. Hier gibt es aber auch ein trauriges Geheimnis, das die leuchtend leichten Sommertage überschattet. Diesen einen glücklichen Sommer, in dem das Mädchen lernt, was Familie im eigentlichen Sinn bedeuten kann.
„Das dritte Licht“ ist eine kleine, große und berührende Geschichte darüber, was ein Kind zum Leben braucht. Claire Keegan ist wohl eine der interessantesten Stimmen der gegenwärtigen irischen Literatur. Ihre neueste Erzählung ist in der Tat ein ausgezeichnetes Stück Literatur. Mit Hans Christian Oeser als Übersetzer hat die Autorin eine erstklassige und angemessene deutsche Stimme gefunden.
Man kann dem kleinen Erzählband nur wünschen, dass er in der Flut der Neuerscheinungen nicht untergeht und möglichst viele Leser findet. Sehr zu empfehlen!
Maria Lehner

Keegan, Claire: Das dritte Licht
Erzählung. Göttingen: Steidl 2013. 100 S. - fest geb. : € 16,50 (DR)
ISBN 978-3-86930-609-4
Aus dem Engl. von Hans-Christian Oeser

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