Bücherschau

Grosso, François - Zurückbleiben bitte!

Mehr als ein Blick des französischen Autors auf die Stadt Wien

Die Reihe „Textlicht“ in der Edition Atelier versucht mit handlichen und preiswerten Ausgaben außergewöhnliche und eigenwillige Prosatexte einem größeren Publikum nahe zu bringen. Das ist gut und ambitioniert, hätte aber von Schrift und Satz lesefreundlicher ausfallen können, denn das sehr enge Schriftbild ist nur mit Mühe zu erfassen.
Der Prosatext „Zurückbleiben bitte!“ ist mehr als ein Blick des französischen Autors François Grosso auf die Stadt Wien. Grosso, Germanist an der Universität Wien, lässt in fünf Episoden die Protagonistin Anja durch Wien und durch Wiens fünf U-Bahnen streifen. Anja leidet an Panikattacken und Selbstzweifel und ist rastlos auf der Flucht. Vor sich selbst, vor der Auseinandersetzung mit ihrem französischen Freund Antoine und vor dem Eingeständnis ihrer Zwänge. Ansammlungen von Menschen wie die gerade stattfindenden Demonstrationen von StudentInnen verursachen ihr Beklemmung, aber auf der anderen Seite möchte sie am Studentenleben und am richtigen Leben teilhaben.
„Die Zeit der Konfrontation ist gekommen. Die Katze sollte man endlich aus dem Sack lassen. Anja hat den Eindruck der Mond leuchtet heller als sonst und deutet das als ein gutes Omen.“ (S. 16)
Das Diktat der Lebensart, der modernen Zivilisation setzen Anja gehörig zu. Ständig ist sie unterwegs und dennoch sitzt sie immer wieder in der U-Bahn, auf den Stufen eines Gebäudes, auf der Lieblingsbank und hofft auf eine Art Erlösung. Diese wird in Aussicht gestellt, wird vermutlich geschehen, aber wie im wahren Leben bleibt so vieles in diesem Text offen bzw. ungelöst. Und wie so oft bleibt am Ende eine Redensart im Kopf haften (sei es fiktiv oder  real): Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Rudolf Kraus

Grosso, François: Zurückbleiben bitte!
Wien: Edition Atelier 2013. 57 S. - br. : € 7,95 (DR)
ISBN 978-3-902498-75-5

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