Bücherschau

Breznik, Melitta - Der Sommer hat lange auf sich warten lassen

Roman über sich traumatisch wiederholende Lebensgeschichten

Der Roman beginnt mit dem Aufbruch zu einer Reise: Das Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter, deren Entzweiung viele Jahre zurückliegt, steht kurz bevor. Am Geburtstort der Mutter in Bergen-Enkheim bei Frankfurt am Main soll das Treffen stattfinden. Margarethe, die mehr als neunzigjährige Mutter, lebt in einer, wie sie es nennt, „Altenklause“ in der Schweiz. Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit ihrem einzigen Kind und die Rückkehr an den Ort glücklich-unbeschwerter Kindheitstage mobilisieren Gedanken an schöne wie auch schmerzhafte Erlebnisse und Ereignisse ihres Lebens.

Tochter Lena bereitet sich auf ihre Weise auf das Wiedersehen mit der Mutter vor. Nach einigen Lebensstationen hat sie sich nun in der zweiten Lebenshälfte als erfolgreiche Modedesignerin mit ihrem Mann und Freunden in einer alten Fabrik in London niedergelassen.

Die Beziehung zur Mutter war immer schon distanziert, der Kontakt regelmäßig, aber spärlich. Nach dem Tod von Lenas zu früh geborenen Zwillingstöchtern war es schließlich zum endgültigen Zerwürfnis zwischen Mutter und Tochter gekommen. Fünfzehn Jahre liegt dieser Streit zurück.
Abwechselnd kommen die beiden Ich-Erzählerinnen zu Wort. In ihren Reflexionen und Erinnerungen wird zunehmend deutlich, dass die Gründe für die Entzweiung der beiden Frauen weit tiefer liegen. Zwischen die beiden alternierenden Ich-Erzählungen spannt Breznik eine dritte über den fehlenden Dritten in dieser Geschichte: jene des verlorenen Mannes und Vaters Max. Zwischen den Erinnerungen der beiden Frauen werden rund um seine Figur die historischen Ereignisse und familiären Geschehnisse erzählt, die das Leben von Margarethe und Lena bewegt und beeinflusst haben.
Max hatte bereits 1934 seinen geliebten Großvater beim Februar-Aufstand zwischen Nationalsozialisten und Schutzbündlern in Kapfenberg verloren, war danach mit seinem Bruder als kleiner Junge in die Sowjetunion „verschickt“ worden, wo er als Wehrmachtssoldat diente und in englische Kriegsgefangenschaft geriet.

Tief geprägt von den traumatischen Ereignissen des Jahrhunderts und schwer traumatisiert kehrt er zu Frau und Kind zurück und verschließt sich - keine Seltenheit für Kriegsheimkehrer - in den kommenden Jahren in schützendes Schweigen. Auf Anraten seines Therapeuten kommt er auf den „Steinhof“, wo er sich, von den ins Bewusstsein treibenden traumatischen Erlebnissen überwältigt, suizidiert.
Um die Lebenszusammenhänge anderer zu verstehen oder nachzuempfinden, braucht man Anknüpfungspunkte im eigenen Leben.

Hier geht Melitta Brezniks „Doppelberufung“ als Psychiaterin/Psychotherapeutin und Schriftstellerin wohl im besten Sinne auf.
Vererbte und übertragene Traumata, sich wiederholende Lebensgeschichten sind nur einige der Themen, die als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Schweiz tätige Schriftstellerin den Lesern von zur Deutung anbietet. Breznik schreibt so klar, wie sie beobachtet, und gestaltet ihre Bilder so bewusst wie ihre Sprache. Im Zentrum stehen für die Autorin die Geschichten ihrer Figuren, denen sie ihr sich immer wieder zurücknehmendes, ja distanzierendes Schreiben verpflichtet. Ihre Figuren sind dabei immer mehr als die Summe ihrer Geschichten, denn sie nehmen Gestalt an auf einem tief reichenden historischen Tableau. Und doch, oder gerade deshalb, gelingt der Autorin am Ende das literarische Bravourstück einer intensiven Wiederbegegnung der beiden so verschiedenen Frauen (als Geschichte wie als literarisches Bild), etwa wenn nach dem ersten Wiedersehen mit ihrer eigenen Tochter Margarethe vor dem Zubettgehen noch am Fenster steht und von diesem aus eine Mutter mit ihrem Kind im gegenüberliegenden Haus beobachtet: „Sie bleibt eine Weile so stehen, ganz ruhig, vollkommen versunken und eins mit dem Kind auf ihrem Arm.“

Karin Berndl

Breznik, Melitta: Der Sommer hat lange auf sich warten lassen. Roman. München: Luchterhand 2013. 256 S. - fest geb. : € 20,60 (DR). ISBN 978-3-630-87398-5

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