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Bücherschau

Gerhard Roth - Spion im Land des Wahnsinns

Simon Berger zum zum 75. Geburtstag des großen Archivars und Chronisten

Er sei ein Monomane, dessen zuvorkommendes Äußeres nicht im Einklang stehe mit seiner taktlosen Unerbittlichkeit, außerdem neige er, wie allgemein bekannt, zu übermäßigem Alkoholgenuss und zu Wutausbrüchen. So charakterisierte Gerhard Roth in ironischer Selbstschraffur den Protagonisten seines Romans "Das Labyrinth", den Schriftsteller, der, ein Spion im Auftrage der Normalität, seit Jahrzehnten das Land des Wahnsinns bereist und sich, um die Ergebnisse seiner Recherchen zu sammeln, eigens eine Wohnung gemietet hat, eine Wahnsinns-Archiv-Wohnung. Ein Buch zu schreiben hatte er sich am Ende vorgenommen, über die Könige, die Geisteskranken und die Künstler – „und nicht zuletzt über mich selbst“.
Gerhard Roth, der am 24. Juni dieses Jahres seinen 75. Geburtstag begeht, arbeitet seit mehreren Jahrzehnten an diesem Buch, unter wechselnden Identitäten, als Archivar und Chronist, Wortakrobat und Vivisekteur, als Verrückter und sogar als ein wenig täppischer Kriminalist. Er betreibt sein gewaltiges Experiment um die Vermessung der Welt und des eigenen Ichs, um Bewusstsein und Erkenntnis, unbeirrbar, fleißig, mal mit mehr, mal mit weniger Scharfsicht. Aber kleine (und größere) Laboratoriumsexplosionen werden bei der Natur des Stoffes nie zu vermeiden sein, hatte auch Sigmund Freud einräumen müssen, dem nachfolgend Roth immer wieder die Übergänge zwischen den normal und krankhaft benannten Seelenzuständen, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren zu beschreiben sucht. Im Mittelpunkt der beiden großen Romanzyklen „Die Archive des Schweigens“ (1980–1991) und „Orkus“ (1995–2011) steht die erzählte und dokumentierte Aufarbeitung der Vergangenheit in allgemeiner Sicht und der österreichischen Zeitgeschichte im Besonderen.
Geboren wurde er am 24. Juni 1942 als zweites Kind des Arztes Emil Roth (1912-1995) und der Krankenschwesternschülerin Erna Druschnitz (1917-1998) in Graz geboren. Das Wohnhaus der Roths wurde 1945 bombardiert, wobei es sechzehn Todesopfer gab. Die Mutter war zuvor mit den drei Söhnen Paul (1941-2001), Gerhard und Helmut (1944 geboren) nach Deutschland geflohen, wo ihr Mann in Würzburg in einem Lazarett arbeitete.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte die Familie nach Graz zurück. Von Kindheit an war er mit dem Maler Peter Pongratz befreundet. 1962 trat er im Forum Stadtpark in zwei Stücken von Wolfgang Bauer, den er aus der Schulzeit kennt, als Schauspieler auf.
Gerhard Roth begann in Graz ein Studium der Medizin. 1963 heiratete er Erika Wolfgruber (geboren 1939), mit der er drei Kinder hat. 1967 brach er sein Studium ab und begann eine Tätigkeit als Organisationsleiter im Rechenzentrum Graz, nachdem er dort zunächst Operator und ab 1970 schließlich Organisator war. 1971 veröffentlichte er zusammen mit Bernhard Lernpeiss eine Einführung in die elektronische Datenverarbeitung.
Fritz Königshofer, ein Arbeitskollege, schickte ein Mansukript ohne Wissen des Autors an Verlage. Es kam eine Antwort vom Suhrkamp Verlag mit einer Einladung zum Gespräch. So erschien 1972 Gerhard Roths  erstes Buch „die autobiographie des albert einstein“.
Schon in seinem Debüt schildert er mit Vorliebe Gestalten, die zu ihrer Umwelt ein gestörtes, mindestens aber ein irritiertes Verhältnis haben; das geht bis zum schizophrenen Auseinanderfallen von Ich und Welt. Weitere Kurzromane erschienen in dem Band „Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs“ und „Der Wille zur Krankheit“.
Die fünf Kurzromane rangieren unter dem Stichwort „Schizophrenie-Romane“. Es waren, wie der Kritiker Jörg Drews schrieb, „raffinierte Recherchen in Grenzgebieten des Bewusstseins, wo die Anfänge paranoider Deformation die Wahrnehmung der Welt verzerren und zugleich die Wahrheit über die Monstrosität unserer Innen- und Umwelt zum Vorschein kommt, gerade weil die ‚gesunden‘, kontrollierten Selektionen der Wahrnehmungen außer Kraft geraten.“ Bevor Roth seinen endgültigen Durchbruch mit seinen großen Romanen schaffte, habe, so Drews, gezeigt, „dass er Bewusstseinszustände, die an der Grenze zur Schizophrenie liegen und schließlich in sie umkippen, mit sparsamen Mitteln und mit einem für den Leser faszinierenden und irritierenden Sog darstellen konnte“.
In dieser Zeit wurde er auch Mitglied im Forum Stadtpark, freundete sich mit Schriftstellern wie Gerhard Rühm, H.C. Artmann und Peter Handke an und reiste 1972 gemeinsam mit Wolfgang Bauer und ein Jahr später zusammen mit Alfred Kolleritsch in die USA. Früchte dieser Amerikareisen waren die Romane „Der große Horizont“ (1974) und „Ein neuer Morgen“ (1976).
In „Der große Horizont“ flüchtet Daniel Haid nach der Scheidung vor der Verlassenheit, den Erinnerungen und vor sich selbst zu Freunden nach Amerika. Er hat eine Buchhandlung in Wien, ist 38, auf eine seltsame Weise unsicher. War das der Grund, weshalb seine Frau ihn betrog? Mit dem Ausbruch aus dem Alltag beginnt im Chaos von San Francisco, der Welt und Gegenwelt von Sicherheit und Reichtum, Armut und Gewalt die verzweifelte Suche eines Mannes nach seiner Identität. Süchtig nach Erfahrungen, stürzt sich Haid in die Schrecken der amerikanischen Realität, registriert jedes Detail an Lust und Leid in der Masse der Bettler, Trinker und Verzweifelten, in der Begegnung mit Freunden und Frauen wie ein Schlafwandler, der außerhalb seines Bewusstseins steht. Zum Schutz flüchtet er in fremde Rollen, am liebsten in die des Philipp Marlowe, des menschlichsten Detektivs der Kriminalliteratur, der immer weiß, was zu tun ist. War es diese Rolle, die ihn in einen Kriminalfall, einen Mordverdacht verstrickte? In Panik flieht er nach Los Angeles, Verfolger und Erinnerungen treiben ihn weiter nach Las Vegas und New York, bis unter dem Druck von Angst und Bedrohung sein traumhartes Wirklichkeitsempfinden umschlägt in die selbsterfühlte Realität.
Im zweiten Amerika-Roman „Ein neuer Morgen“ spannt Roth ein seltsames Paar zusammen: den Defraudanten Dalton, der nach 30 Jahren Fron als Bankangestellter Frau und Kinder verlässt und mit ein paar hunderttausend auf die Seite gebrachten Dollar endlich frei und ohne Verpflichtungen mit seiner Freundin leben will, und den Wiener Fotografen Weininger, der für einen Bildband Aufnahmen in New York machen soll. Weininger erlebt Dalton auf der Flucht vor Erpressern und vor einem Privatdetektiv, den ihm die verlassene Ehefrau auf die Spur gesetzt hat. Nach einigen verschlungenen Umwegen, an deren Rand auch ein paar Leichen zurückbleiben, findet sich das Gespann Dalton/Weininger an der Riviera wieder. Zu einem neuen Lebensanfang für Dalton und seine Freundin Patricia möglicherweise.
1976 trennte er sich von seiner Frau und zog mit seiner zukünftigen Frau Senta Thonhauser (die er 1995 heiratete) als freier Schriftsteller nach Obergreith in die Südsteiermark. Dort bewohnten sie ein einfaches Haus ohne Fließwasser, Telefon und WC. Sie machten im großen gemauerten Küchenherd Feuer, schleppten das Wasser in 10-Liter-Kanistern vom Nachbarn nach Hause. Er wanderte mit der Kamera und Notizbüchern von Hügel zu Hügel, von Haus zu Haus, zeichnete Lebensläufe auf und fotografierte den Himmel, die Landschaft, die Häuser, die Tiere und die Menschen bei der Arbeit. Er befasste sich mit der Jagd, der Fischzucht, mit Botanik, Meteorologie und Mineralogie, mit Zoologie, der Imkerei und der Ornithologie und vor allem mit der Geschichte des Landstrichs.
Er schied auch aus dem Rechenzentrum Graz aus und wechselte, seinem Lektor folgend, vom Suhrkamp zum S. Fischer Verlag, der bis heute sein Werk betreut. Hier erschien 1978 das kleine Buch „Winterreise“. In ihm gibt der Lehrer Nagl am letzten Tag des Jahres seinen Beruf auf. Er verlässt Österreich und macht mit seiner Freundin Anna eine Reise durchs winterlich helle Italien. Während der Reise zerbricht die Beziehung zu dem Menschen, der ihm am nächsten steht. Anna fährt nach Österreich zurück. Er bricht auf nach Fairbanks, Alaska, in die Kälte. Nagls Geschichte ist die Geschichte einer großen, schmerzvoll erfahrenen Resignation gegenüber allen bis dahin gelebten Sicherheiten (Heimat, Beruf, Liebe, Religion, soziale Bindungen). Die Radikalität dieses existenziellen Ansatzes und genaue Darstellung aller sinnlichen und emotionalen Wahrnehmungen lassen seine Selbstanalyse zur Analyse dieser Zeit werden. Nicht in gesicherten Verhältnissen vermag Nagl Ruhe, Wärme und Geborgenheit zu finden, er vermutet sie in der Einsamkeit des „ewigen Eises“.
1979 hielt Roth sich im Rahmen des Förderprogramms „Auswärtige Künstler zu Gast in Hamburg“ in Hamburg auf. Als Frucht seiner Wanderungen in der Südsteiermark und der Beschäftigung mit der Geschichte und den Leuten dort entstand der Roman „Der Stille Ozean“, der 1980 im S. Fischer Verlag erschien.
Ascher sieht sich nach einem Kunstfehler genötigt, seinen Arztberuf nicht mehr auszuüben, seine Familie und die Stadt vorläufig zu verlassen und ein leeres Bauernhaus in der Südsteiermark zu mieten. Er beobachtet die Natur, die Menschen und sich selbst. Die Leute gewöhnen sich rasch an ihn, da er nichts von ihnen will, und so nimmt er teil an ihrem Leben; an der Ernte, an der Jagd, an einer Wahlveranstaltung, an einem Todesfall, an einer Hochzeit. Er gerät in ein Leben, das von den Jahreszeiten, von Traditionen und Aberglauben und von der Armut beherrscht wird. Er beobachtet den Himmel, die Landschaft und die mikroskopisch kleinen Dinge, den Menschen nähert er sich in unverstellter Weise. Er erfährt von der Schwere ihrer Arbeit, von ihrem Mangel an ärztlicher Versorgung und beruflichen Alternativen, von der Enge ihrer Verhältnisse, die Gewalt erzeugt, von ihren kleine Freuden und von ihrem Fatalismus den Dingen und den Wechselfällen des Lebens gegenüber. Der Tollwutverdacht löst eine Orgie des Tötens aus, und die Jagd wird zur politischen Parabel von Aggression. Dennoch bleibt Ascher, weil er erlebt hat, dass diese Menschen ihn brauchen. Ascher leidet an deren Elend und kommt so zu sich selbst.
Gerhard Roths Opus Magnum „Der Landläufige Tod“ (1984; 2017 neu erschienen, komplettiert um Teile, die in der ersten Ausgabe nicht enthalten waren) ist so etwas wie eine riesige, ausufernde Traum-Enzyklopädie der Gegend und seiner Bewohner in der Südsteiermark. Hier finden sich Geschichten aller Art, Märchen, Chroniken, Berichte, Tagebuchaufzeichnungen, Dokumente.
Die Hauptperson Franz Lindner ist stumm. Er muss genauer als andere beobachten und nachdenken, und wenn er sich ausdrücken will, muss er es aufschreiben. In seinen Niederschriften entsteht ein poetisches Bild seiner Umgebung und unserer Zeit, in dem „alle Menschen und Geschichten aus der Luft gegriffen sind“. Lindner erzählt in diesem Buch ganz real Stationen seines Lebens, entwirft sich in ausschweifenden Episoden die Welt neu und zeichnet vor allem den verwirrend vielfältigen Mikrokosmos eines kleinen Dorfes auf, in dem es alles, nur keine Idylle gibt. Auswegloses Elend verbindet die Bewohner des kleinen südsteirischen Fleckens. Roths Roman von der „Verrücktheit“ Franz Lindners ist zugleich das Buch von dessen Hellsichtigkeit.
Mit Erscheinen des „Landläufigen Tods“ fügten sich Überlegungen für weitere literarische Arbeiten zu einem siebenbändigen Romanzyklus: „Die Archive des Schweigens“, angesiedelt in der Südsteiermark und in Wien (als Gegensatzpaar für die gesellschaftliche Realität Österreichs), den Gerhard Roth 1991 abschloss.
„Am Abgrund“ (1986) erzählt die Geschichte des ungleichen Freundespaares Lindner und Jenner. Beide ziehen vom Land in die Großstadt (Wien). Während der „verrückte“ Lindner sich im Kopf und auch auf dem Papier seine Welt entwirft, streift der Jurastudent Jenner durch die Stadt und begeht wie absichtslos Morde. (Und erlebt während einer Gerichtsverhandlung mit, wie ein gänzlich Unschuldiger an seiner Stelle verurteilt wird; Jenner bleibt ungerührt.) Der Erzähler spürt hier als „Archäologe der Gegenwart“, wie er sich einmal bezeichnet, Wahrnehmungsweisen der Welt und der Sprache von Gewalt und Ohnmacht nach, von Opfern und Tätern.
„Der Untersuchungsrichter“ (1988) beschreibt denn auch die dunklen Höhlen des Lebens, in der die Ängste hausen, denen sich der Erzähler radikal aussetzt. Der Untersuchungsrichter Sonnenberg nimmt die Herausforderung in einem System der Systemlosigkeit an, dass es a priori keine Gerechtigkeit und keine Gesetzmäßigkeit im Leben gibt, als deren markanteste Scheinverfestigung er die Justiz ansieht. Sonnenberg untersucht nicht nur Kriminalfälle, sondern zwangsläufig auch die sogenannte Wirklichkeit. Je genauer er sie untersucht, umso mehr entgleitet sie ihm. Er erfährt, dass die Tatsachen nur Übereinkünfte sind und dass die Justiz der Ausdruck der Angst ist, die die Gesellschaft vor sich selbst hat. Sonnenberg verliert sich immer mehr in einer von ihm halluzinierten Welt, bis er zwischen den alltäglichen Erfahrungen und seinen Wachträumen nicht mehr unterscheiden kann. Er erkennt, dass die Justiz die Welt, die sie braucht, erfindet, genauso wie die Gesellschaft eine Justiz erfunden hat, die sie „benötigt“. Diese (so betrachtet) paranoide Welt ist selbst eine Welt des Verbrechens.
In dem Bericht „Die Geschichte der Dunkelheit“ (1991) schließt Gerhard Roth seinen siebenbändigen Romanzyklus „Die Archive des Schweigens“ ab. Hier wird die Lebensgeschichte des Wiener Juden Karl Berger erzählt. Berger wächst in der Wiener Leopoldstadt auf und fühlt sich eher als Österreicher denn als Jude. Bereits in den frühen dreißiger Jahren machen sich allerdings antisemitische Ressentiments in der Stadt bemerkbar. Mit Sorge beobachtet er den Aufstieg der Nationalsozialisten im benachbarten Deutschen Reich. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen emigriert er als Achtzehnjähriger nach London. Er tritt in die tschechoslowakische Exilarmee ein und nimmt an der Befreiung Deutschlands teil. Als er nach Kriegsende in die Slowakei gelangt, muss er feststellen, dass sein Vater von den Nazis ermordet wurde, Mutter und Schwester haben überlebt. Er fährt wieder nach England, von dort nach Israel. Erst 1962 kehrt er nach Wien zurück. Ein Leben, das gezeichnet ist von den Folgen des Antisemitismus und den politischen Katastrophen dieses Jahrhunderts.
n diesem Buch treten, stärker noch als in den vorangegangenen, die politischen Dimensionen von Gerhard Roths Zyklus „Die Archive des Schweigens“ hervor. Sein „Bericht“ zeigt am historischen Beispiel die sozialen Mechanismen der Ausgrenzung ebenso wie die des Untertanentums und der Denunziation. Er weist zudem auf latente – und mitunter gar nicht so latente – antisemitische Unterströmungen im Wien von heute hin.
Auf seinen Streifzügen durch die Hauptstadt ließ sich Roth nicht vom Glanze der ehemaligen k.u.k. Residenzstadt blenden. Er suchte und fand deren realen und seelischen Untergrund. In den großartigen Essays „Eine Reise in das Innere von Wien (1991) berichtet er vom ehemaligen Hetztheater (in dem Tiere so lange aufeinander gehetzt wurden, bis sie todwund verendeten), von den Katakomben in der Inneren Stadt, von den Künstlern in der psychiatrischen Anstalt Gugging, vom ehemaligen Judenviertel in der Leopoldstadt, er beschreibt das (nun nicht mehr existierende) Männerwohnheim in der Meldemannstraße, in dem Hitler knappe vier Jahre zugebracht hat, stattet dem so genannten Narrenturm und dem Heeresgeschichtlichen Museum Besuche ab. So wurde der Band zu einem Reiseführer durch die Abgründe der österreichischen Seele.
Und ganz am Schluss erschien der Bildtextband „Im tiefen Österreich“ (1990) als erster Band des Zyklusses. Das Buch enthält einen umfangreichen Teil mit historischen Abbildungen über das Leben in der österreichischen Provinz und (in sechs Abteilungen gegliedert) Aufnahmen, die Roth gleichsam als visuelle Tagebuchaufzeichnungen wahrend der Arbeit an seinem Romanzyklus von Menschen und Landschaft in der Südsteiermark gemacht hat. Das Buch ist eine Art ethnologischer Foto-Expedition durchs „tiefe Österreich“, eine eindrucksvolle Bestandsaufnahme des fremd gewordenen, wie aus der Zeit gefallenen Lebens auf dem Land.

Ab 1993 arbeitete er an dem Zyklus „Orkus“, der 2011 abgeschlossen wurde. Es wurde insbesondere wegen der „nicht nachlassenden Sorgfalt des Wahrnehmens und Formulierens“ als eine „Prosa der Aufmerksamkeit“ (Andreas Dorschel) gerühmt.
Im ersten Band „Der See“ (1995) wird Paul Eck von seinem Vater überraschend an den Neusiedler See eingeladen. Als er dort eintrifft, verschwindet sein Vater jedoch spurlos. Man vermutet einen Bootsunfall. Paul beginnt mit genaueren Nachforschungen, stößt bald auf dunkle Geschäfte und gerät aber selbst in Verdacht, seinen Vater beseitigt zu haben. Der Roman war von politischer Brisanz. Nicht nur, weil er mit der (kaum vier Seiten umfassenden) Schilderung eines versuchten Attentats Paul Ecks auf einen als "Hoffnungsmann" (S. 185) bezeichneten Politiker Aufsehen erregte (viele wollten darin Jörg Haider erkannt haben). Als Paul Eck an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, werden auf der Suche nach seinem auf mysteriöse Weise verschwundenen Vater allerlei Leichen an die Ufer des Neusiedlersees gespült.
Roth beschreibt hier das politische (und ganz allgemein das gesellschaftliche) Klima in Österreich als ein sowohl latent wie auch zunehmend gewalttätiges. Den drei Motti des Buches stellt der Autor eine Überschrift voran: "Im Land der Mörder" – so könnte gleichzeitig auch der Untertitel des Romans lauten. Es wimmelt von zwielichtigen Figuren und Ereignissen, die, durch die Perspektive des medikamentensüchtigen Protagonisten betrachtet, nicht gerade an Klarheit gewinnen. Mit den Elementen der klassischen Detektivgeschichte porträtiert Roth eine durch Verbrechen und Korruption aus den Fugen geratene Gesellschaft.
Konrad Feldt, der Protagonist des zweiten Bandes „Der Plan“ (1998), ist mit Leib und Seele Bibliothekar und lesesüchtig. Eines Tages gesteht ihm ein Kollege, dass er ein wertvolles handschriftliches Manuskript Mozarts aus der Bibliothek gestohlen hat. Nachdem er Feldt das Manuskript übergeben hat, begeht der Dieb Selbstmord. Feldt gibt es nicht zurück, sondern folgt dem verlockenden Angebot eines japanischen Händlers und reist nach Tokio. Mit der kostbaren Handschrift im Gepäck wird er plötzlich verfolgt und steht schließlich unter Mordverdacht. Immer mehr entwickelt sich seine Reise zu einer Entdeckungsfahrt in seine eigene Innenwelt.
In „Der Berg“ (2000) fahndet ein Journalist nach einem serbischen Dichter, der während des bosnisch-serbischen Krieges unfreiwilliger Zeuge eines Massakers wurde. Doch schon seinen ersten Kontaktmann in Thessaloniki findet er nur noch tot vor. Er sucht den Dichter auf dem heiligen Berg Athos und gerät in den Klöstern dort in einen Strudel gespenstischer und bedrohlicher Ereignisse, die ihm immer neue Hindernisse in den Weg stellen. Es beginnt eine spannend erzählte Hetzjagd durch die Welt des Balkans, die erst in Istanbul endet.
Im vierten Band „Der Strom“ (2002) stürzt die Reiseleiterin Eva Blum aus dem 16. Stockwerk ihres Hotels in Kairo. Thomas Mach, der eben sein Geographie- und Geschichtestudium abgeschlossen hat, wird nach Ägypten geschickt, um an ihre Stelle zu treten. Geleitet von Eva Blums Studientagebuch beginnt er, den Ursachen ihres Todes nachzugehen. Seine Nachforschungen führen ihn durch die verrätselte Welt Ägyptens. Im Nachvollzug von Blums Reisen tritt ihm ein System von Zeichen und Symbolen entgegen, das es zu entschlüsseln gilt. Mach sucht, deutet, interpretiert, lässt sich von seiner Intuition leiten. Seine Wahrnehmungen verfremden sich allmählich, die Eindrücke verwischen, er taucht in dumpfe Wirklichkeiten. Roth hat sein altes Thema, die Grenzen zwischen den Universen des Normalen und Verrückten auszuloten, wieder aufgegriffen. Mach wandelt an dieser Grenze, wird von seiner inneren Stimme zu irrationalen Handlungen verleitet. Wie betäubt taumelt er durch die Hitze Ägyptens, von einer unsichtbaren Hand geführt, lässt sich die Haare rot färben, kämpft mit seiner Todessehnsucht. Die Suche führt den Helden in eine fremde Kultur, die eindrucksvoll und kunstfertig geschildert wird.
Ein tatsächlich stattgefundener Brand in der Wiener Hofburg, der riesigen Residenz der Habsburger, dient als Ausgangspunkt für den Folgeband „Das Labyrinth“ (2004), in dem der Psychiater Heinrich Pollanzy einen Verdacht hat: Könnte sein pyromanischer Patient Philipp Stourzh der Täter sein? Während Stourzh auf den Spuren des letzten österreichischen Kaisers Karl nach Madeira und Madrid reist, führt auch Dr. Pollanzys Weg von Wien nach Spanien. Dort kommt es zu einer dramatischen Begegnung mit seinem Patienten. Oder war alles ganz anders? Welche Rolle spielt die Logopädin Astrid, die mit Pollanzy wie mit Stourzh ein Verhältnis zu unterhalten scheint? Welchem Erzähler ist in diesem Buch überhaupt noch zu trauen? Der Roman ist eine faszinierende Reise in die Grenzgebiete von Wahn und Wirklichkeit. Sie führt durch halb Europa und quer durch die Zeiten vor die Gemälde eines Velázquez, Goya und Arcimboldo, durch die literarischen Schatz- und Dunkelkammern eines Kafka, Pessoa und Cervantes, durch spanische Stierkampfarenen, Wiener Kaffeehäuser und Museumsdepots.
Mit der großen Autobiographie „Das Alphabet der Zeit“ (2007), zugleich auch der 6. Band des „Orkus“-Romanzyklusses, kehrt Gerhard Roth an den Ort seiner Geburt und seines Aufwachsens, zu sich zurück. Die erste Erinnerung ist ein flackernder Schwarzweißfilm: Winter 1945, ein Fliegerangriff auf einen Zug, den das Kind überlebt. Zwanzig Jahre später ist aus dem Kind ein junger Medizinstudent geworden, der in der Anatomie der Grazer Universität Leichen seziert und heimlich ersten Schreibversuchen nachhängt. Dazwischen entfaltet sich ein Leben in unvergesslichen Geschichten und exemplarischen Szenen, aus dem überwältigenden Reichtum der Erinnerung erzählt. Die Bedrängnisse durch Elternhaus, Schule und Religion, aber auch die Flucht in die Wunderwelten des Kinos und der Literatur und das Glück, Menschen zu begegnen, die das eigene Leben für immer verändern. Gerhard Roth erzählt vom Rätsel der Kindheit und dem Wagnis des Erwachsenwerdens, von der Entdeckung des eigenen Ich und dem Weg ins Leben, vom Gang der Zeit und dem Wunder der Erinnerung.
Den Abschluss bilden dann zwei Bände: „Die Stadt. Entdeckungen im Inneren von Wien“ (als Folgeband des Essaybands „Eine Reise in das Innere von Wien“ aus dem Jahr 1991) mit Erkundungsgängen hinter die Kulissen des Naturhistorischen Museums und der Nationalbibliothek, durch das k.k. Hofkammerarchiv und die Wunderkammern der Habsburger, ins Josephinum, das der Öffentlichkeit unzugängliche Gerichtsmedizinische Museum, das Uhrenmuseum und der Zentralfriedhof, das Wiener Blindeninstituts und das Bundes-Gehörloseninstituts und ein Besuch im Flüchtlingslager Traiskirchen. Ein grandioser literarischer Reiseführer, eine Erkundung der menschlichen Seele.
Der Band „Orkus“ schließlich  ist der Schlussstein monumentalen Arbeit n diesem Zyklus. Ein autobiographischer Roman, in dem das Leben des Autors mit dem seiner Figuren auf faszinierende Weise verschmilzt. Es ist die Essenz eines Schriftstellerlebens, ein Buch über das Wesen des Menschen, die Wahrnehmung der Welt, die Suche nach einer anderen Wirklichkeit. Eine lange Reise zu den Toten und der spielerische, fantastische Versuch, das Leben zu verstehen.

Formal beschreibt Gerhard Roth seine beiden großen Romanzyklen, an denen er 32 Jahre lang arbeitete, „als eine Art Doppelhelix, etwa in Form der DNS, weil Themen und Figuren aus dem ersten Zyklus ‚Die Archive des Schweigens‘ im zweiten Zyklus ‚Orkus‘ wieder auftauchen und miteinander verschmelzen. Beide Zyklen bilden eine Einheit, und sie verfügen über Nahtstellen – die zwei Essaybände über Wien. Auf inhaltlicher Ebene stellen die Zyklen den Versuch dar, mit den Mitteln der Literatur eine Zeitepoche sichtbar zu machen, ohne dabei auf den Familienroman zurückzugreifen“.
Dabei griff er auf unterschiedliche Formen der Literatur zurück: „Ich habe die verschiedenen Möglichkeiten der Literatur untersucht, den Abenteuerroman, den Reiseroman, den Kriminalroman, den Essay und so weiter. Ich begann ‚Die Archive des Schweigens‘ mit einem Fotoband über das Leben auf dem Land und den beiden Romanen ‚Der Stille Ozean‘ und ‚Landläufiger Tod‘, die in der Südsteiermark spielen. Dann folgten die experimentellen Romane ‚Am Abgrund‘ und ‚Der Untersuchungsrichter‘. Es ging weiter mit einem Protokoll, in dem die Geschichte eines jüdischen Emigranten erzählt wird, der in seine alte Heimat zurückgekehrt ist“.
Die Idee der Konstruktion für beide Zyklen war die inhaltliche Struktur einer Zeitung, die verschiedene Stilformen beinhaltet, aber doch als eines gelesen wird. Im Abschlussband ‚Orkus – Reise zu den Toten‘ hat er dann alle diese Stilformen in einem Buch komprimiert: Essays, Bekenntnisse, Sprachexperimente, Beschreibungen oder kurze Porträts. Der Band ist zugleich ein Selbstporträt, Schlussstein und Navigator für alle anderen Bücher der beiden Zyklen. Er bildet die Gedankenwelt des Schriftstellers während des langen Schreibprozesses ab. Er hat die Form eines Selbstgesprächs wie in einem Tagebuch gewählt, in dem die Themen wechseln und die Zeit aufgehoben ist“.
Der erste Zyklus behandelt fast ausschließlich Österreich. Roth hat ihn insofern mit der „Ilias“ von Homer verglichen, als es darin um den Kampf um die Wahrheit und das Selbstverständnis Österreichs nach dem Naziregime geht. Also die verleugnete Wahrheit, weswegen er die sieben Bände auch ‚Die Archive des Schweigens‘ genannt hat. Während der zweite Zyklus eher der „Odyssee“ mit ihren unterschiedlichen abenteuerlichen Kapiteln nahekommt. Die Bücher Homers sollten Roth, so meinte er in einem Gespräch, als Ariadnefaden dienen, „aber ich habe ihn nicht oft gebraucht“.

Zu seinen Beweggründen und den Aufbau seiner beiden Romanzyklen meinte Gerhard Roth im Gespräch mit Joachim Riedl (Die Zeit, 31.3.2011): „Das Wichtigste war für mich, eine geeignete Sprache, einen geeigneten Stil für die einzelnen Bücher zu finden. Während der ganzen Zeit habe ich mich dann selbst als unsichtbaren Untersuchungsrichter gesehen. Auf diese Weise wollte ich zu Erkenntnissen kommen, durch Beobachtungen, Befragungen und Gespräche – aber auch mithilfe meiner Vorstellungskraft und Gedanken. […] Ich durfte meine Person natürlich nicht von den Ermittlungen ausnehmen. Mich bewegten hauptsächlich die Fragen, warum es gerade in Österreich und Deutschland zu der Geschichtskatastrophe des Nationalsozialismus gekommen war, und die grundsätzliche Überlegung: Wozu ist der Mensch fähig? […] Ich glaube nicht, dass man sie auf Österreich und Deutschland beschränken kann. Wozu der Mensch fähig ist, das muss man sich zu allen Zeiten und in allen Weltgegenden fragen. Der Nationalsozialismus hat lediglich Barrieren beseitigt, welche die destruktive Kraft im Inneren der Menschen eindämmen. Im ‚Orkus‘ heißt es, dass damals plötzlich das Bewusstsein zum Diener des Unbewussten wurde. Dadurch fielen alle Hemmungen. […] Mein Alter Ego, der Untersuchungsrichter Sonnenberg, wird im Laufe seiner Nachforschungen über den Menschen und dessen Affinität zu Gewalt und Verbrechen verrückt. Der Verrückte, der zuletzt von sich selbst behauptet, er sei ein Buchstabe unter Buchstaben, ist es, der festhält, dass in der Zeit des Nationalsozialismus das Unbewusste über das Bewusste herrschte. Das ist für sich genommen aber noch keine Antwort. Ich glaube, es gibt letztlich keine alles umfassende Erklärung. Ich halte es auch nicht für möglich, dass man den Nationalsozialismus und seine Verbrechen bis ins Letzte verstehen kann. Ab einem bestimmten Punkt ist man nur fassungslos von dem erschreckend präzisen Mechanismus der Gewalt, die ausgeübt wurde. Beamtenschaft und Polizei arbeiteten sich wie geschmiert in die Hände und wuschen diese am Ende in Unschuld. […] Dabei spielt es bestimmt eine Rolle, dass meine Eltern Mitglieder der NSDAP waren. Dafür habe ich Scham empfunden. […] Ich kann das nicht besser erklären. Es ließ mir keine Ruhe, und es wird mir bis an mein Lebensende keine Ruhe lassen.“


 

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