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Bücherschau

Margaret Atwood - Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

Christine Hoffer ber die phantastische kanadische Schriftstellerin

„Die ganze Kultur, in der ich aufwuchs, war eine, die sich niemals selbst erwähnt. In der Schule wurde uns beigebracht, den ‚Union Jack‘ zu zeichnen und ‚Rule Brittania‘ zu singen, alles, was wir konsumierten war US-amerikanisch, wir gewannen einen Eindruck unserer eigenen Unsichtbarkeit, unserer eigenen Nicht-Existenz. Als ich sechzehn war, entschloss ich mich ziemlich plötzlich, Schriftstellerin zu werden. Die Idee hatte ich sicherlich nicht aus meiner Umgebung, denn jeder wusste, dass es keine kanadischen Schriftsteller gab. Niemand sagte mir, dass das als Frau aussichtslos sei, weil alle zu sehr damit beschäftigt waren, mich zu überzeugen, dass es für Kanadier aussichtslos sei.“ Und um kanadische Identitätslosigkeit, öffentliche wie private, geht es naturgemäß auch in vielen ihrer Werke. Vor allem aber thematisiert Margaret Atwood häufig in ihren Romanen, oft auch in Form von Science-Fiction-Geschichten, die Stellung der Frau in der Gesellschaft, die Identitätssuche und Reaktion von Frauen auf gesellschaftliche Verhältnisse. Zudem setzt sich aber auch mit anderen aktuellen gesellschaftlichen Problemen und auch Umweltfragen auseinander, beispielsweise für Maßnahmen gegen die globale Erwärmung.
Geboren wurde sie am 18. November 1939 in Ottawa, der Hauptstadt Kanadas, wo sie auch wie in Quebec und Ontario ihre frühe Kindheit verbrachte, bis ihr Vater, ein Entomologe, 1946 eine Stelle an der Universität von Toronto annahm. Dort lebte sie bis zu ihrem Collegeabschluss am Victoria College. Nach einem Studium der englischen Sprache und Literatur an der University of Toronto und dem Radcliffe College der Harvard University, das sie 1962 mit dem Mastergrad abschloss, lehrte sie ab 1964 als Literaturwissenschaftlerin an verschiedenen Universitäten, vorwiegend in den USA. Heute lebt sie, verheiratet mit dem Schriftsteller Graeme Gibson und mit einer Tochter, wieder  in Toronto.
1969 veröffentlichte sie, parallel zu ihrer Lehrtätigkeit, ihren ersten Roman, „Die eßbare Frau“ („The Edible Woman“). Bereits 1963 entstanden, wurde es dann sechs Jahre später als Debütroman Atwoods unter kuriosen Umständen veröffentlicht. Ihr Verleger hatte das Manuskript verloren und als Margaret Atwood nachfragte, verpflichtete sich der Verleger den Roman auf jeden Fall herauszugeben, da es ihm peinlich war, den Fehler zuzugeben. Worum es in dem Roman ging, wußte er zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.
"Die essbare Frau" ist ein etwas ungeschickter Titel für die Angst der Hauptperson, von Rollenklischees und Erwartungen der Gesellschaft aufgefressen zu werden. Hauptfigur ist Marian MacAlpin, die in einem Meinungsforschungsinstitut Umfragen auswertet. Ihre Arbeit, gelegentliche Partys, ihre unkonventionelle Mitbewohnerin Ainsley und ihr Freund Peter, ein durch und durch bürgerlicher Aufsteiger, bestimmen ihren Alltag. Man erfährt von Ainsleys skurrilem Plan, mit Hilfe eines Mannes ein Kind zu bekommen, ihn aber nicht zu heiraten. Marian lernt bei einer Befragung den psychisch-labilen Duncan kennen, dessen merkwürdiger Charakter sie verwirrt. Nach einem eigenartigen Verhalten bei einer Party, wo Marian sich, einer wirren Logik folgend, unter einem Bett versteckte, um vor der Welt sicher zu sein, macht ihr Peter plötzlich einen Heiratsantrag. Sie nimmt an, je näher aber der Tag ihrer Hochzeit rückt, desto genauer nimmt sie ihre Umwelt wahr. In einem besonders klaren Augenblick sieht sie einmal ihre älteren Kolleginnen ohne eigene Persönlichkeit, lediglich auf körperliche Funktionen reduziert. Marian erschreckt über ihre Beobachtungen. Zunehmend fühlt sie sich von der Gesellschaft eingeengt und revoltiert schließlich mit einer psychosomatischen Krankheit gegen das bürgerliche Leben, das ihr durch die Heirat bevorsteht. Unsichtbare Erwartungen bedrängen sie wie die ihrer Vorgesetzten, die wünscht, dass verheiratete Frauen nicht mehr bei ihr arbeiten. Mehr und mehr fühlt sich Marian gefangen, ihr eigenes Leben bedroht, ja, sieht sich als aufgefressen, als drohe sie, völlig vereinnahmt zu werden.
Der Roman ist in einem realistischen Tonfall gehalten, ihre Einsichten in alltägliche Zusammenhänge sind eher zwischen den Zeilen zu lesen. Psychologisch genau wird der leise Widerstand einer Frau gegen ein Leben, das sie nicht will, beschrieben. Und nicht zufällig arbeitet sie in einem Meinungsforschungsinstitut, in dem man Wünsche und Meinungen feststellen will, damit in der Werbung die entsprechenden Klischees oder Rollenvorstellungen geschaffen werden können. Schon hier zeigt sich Margaret Atwoods großes Geschick, mit der ihr eigenen leisen Ironie und eines psychologischen Realismus‘ die beängstigenden Einflüsse einer westlichen konsumorientierten Gesellschaft im alltäglichen Leben einer Frau darzustellen.
Ihr zweiter Roman „Der lange Traum“ („Surfacing“, 1972) ist die Geschichte einer namenlosen jungen Frau, die sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Vater macht. Sie verlässt die Stadt und kehrt zurück aufs weite Land ihrer Kindheit, in das kleine Inselhäuschen im Fluss nördlich von Quebec, wo sie jeden Sommer mit ihren Eltern gelebt hat. Dort hatte man ihren verschollenen Vater zuletzt gesehen. Gemeinsam mit ihr fahren drei Freunde: der Mann, mit dem sie aus eher pragmatischen Gründen zusammenlebt, und ein junges Intellektuellen-Ehepaar. Für die Frau wird es eine Reise in die Vergangenheit, in die eigene und die ihres „Heimat-Landes“. Dabei entfernt sich die Frau immer mehr von ihren drei Freunden, die nur mit verbaler Radikalität gegen amerikanische Einflüsse und Kapitalismus herziehen, sich jedoch in dieser ursprünglichen Umgebung nicht anders verhalten als jeder amerikanische Tourist, der seinen Müll am Strand sorglos zurücklässt.
Es wird eine Reise zu sich selbst, weg von den Beziehungslügen. Anfänglich hält sie die Freunde für ein glückliches Paar, doch deren Zusammenhalt erweist sich mehr und mehr als gewaltförmig. Der Mann ist ein sexuelles Großmaul, der seine und jede Frau reduziert auf ihre Verfügbarkeit und vor lauter Impotenzangst seine Frau demütigt und erniedrigt. Und auch Joe, der ungeliebte Freund der Ich-Erzählerin, ein gutmütiger Schweiger, erweist sich im entscheidenden Augenblick als „Macho“. Atwood beschreibt Männer-Larven, ohne jedoch die Frauen blind zu verherrlichen. Anna, die Gedemütigte, verrät die Freundin, um dem Mann sich anzudienen. „Vielleicht stimmte es, ich blätterte alle Männer durch, die ich gekannt hatte, um festzustellen, ob ich sie gehasst hatte oder nicht ... Aber dann wurde mir klar, daß ich nicht die Männer hasste, sondern die Amerikaner, diese Sorte Menschen, ob Mann oder Frau.“
In „Lady Orakel“ („Lady Oracle“, 1976) findet Joan Foster, die als Kind wegen ihres unglaublichen Übergewichts gehänselt und von der eigenen Mutter abgelehnt wurde, in ihrer ebenso dicken wie skurrilen Tante Lou eine Verbündete. Als diese stirbt, hinterlässt sie Joan ein Vermögen. Doch der Anspruch auf das Erbe ist an eine Bedingung geknüpft: Joan muss 40 Kilo abnehmen, um in den Genuss des Geldes zu kommen. Margaret Atwood setzt hier zu einem lustvoll-hintergründigem Rundumschlag gegen menschliche Schwächen an und entwirft wie nebenbei das Porträt einer ganz und gar ungewöhnlichen Frau auf der Suche nach ihrer Identität.
Bekannt geworden ist sie vor allem durch den Roman „Der Report der Magd“ („The Handmaid’s Tale“, 1985), der 1990 von Volker Schlöndorff unter dem Titel „Die Geschichte der Dienerin“ auch verfilmt wurde. Es ist eine provozierende Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen keine Rechte haben: Die Dienerin Desfred besitzt jedoch etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können – nämlich ihre Hoffnung auf ein Entkommen, auf Liebe, auf Leben.
Der düstere Science-fiction-Roman spielt im 21.Jahrhundert und beschreibt die Gesellschaft der Republik Gilead, die auf der Basis einer religiös-fundamentalistischen Diktatur funktioniert. Es ist die USA in naher Zukunft: Nukleare Katastrophen haben bei vielen Menschen zu einer Sterilität geführt. Es kommt zu einem Staatsstreich durch die Söhne Jakobs, eine christlich-fundamentalistische Gruppierung. Der Präsident und alle Mitglieder des Kongresses werden ermordet und die Verfassung außer Kraft gesetzt. Die Armee erklärt den Notstand, Zeitungen werden zensiert und Straßensperren eingerichtet. In der Republik Gilead. Dabei wird insbesondere die Stellung der Frau neu definiert: Frauen dürfen kein Eigentum besitzen und haben sich dem Mann vollständig unterzuordnen. Ihr Eigentum fällt an den nächsten männlichen Verwandten. Die einzige Aufgabe und Pflicht der Frau ist das Gebären von Kindern.
Erzählt wird aus der Perspektive von Desfred (im Englischen: Offred), der Hauptfigur des Buches. Sie ist eine Magd und eine der wenigen fruchtbaren Frauen. Ihre Aufgabe im Haus des Kommandanten ist es, ein Kind für den Kommandanten und seine angeblich unfruchtbare Frau, Serena Joy, auszutragen. Sie lebt ein unglückliches und einsames Leben und denkt immer wieder an ihre kleine Tochter und an Luke, ihren Mann, von denen sie gewaltsam bei einer gescheiterten Flucht getrennt wurde. Dass Desfred nicht schwanger wird, liegt höchstwahrscheinlich am Kommandanten, der möglicherweise unfruchtbar ist. Dessen Frau will jedoch unbedingt ein Kind haben. Sie arrangiert Treffen mit Nick, dem Chauffeur des Kommandanten, und Desfred. Von Nick soll Desfred schwanger werden. Diese Treffen gehen schnell in eine illegale, heimliche Beziehung über, in der beide ihr Leben riskieren. Desfred wird tatsächlich schwanger, sagt es jedoch nur Nick. Eines Tages kommt die Polizei Gileads, um Desfred zu holen. dies scheint Nick arrangiert zu haben, und Desfred vermutet, dass er ein Geheimagent des Regimes ist und sie denunziert hat. Die Polizisten sagen, die Magd sei wegen Ungehorsams und Verachtung ihrer Pflichten zum Tode verurteilt. Nick teilt ihr mit, die Polizisten seien Mitglieder von Mayday, einer geheimen Widerstandsbewegung, die sie nach Kanada schmuggeln werde, wo Gilead sie nicht mehr erreichen könne. Desfred wird weggeführt, weder sie selbst noch die Leser wissen, wohin sie wirklich geht und was mit ihr später passieren soll.
Der Anhang des Buches spielt zu einer späteren Zeit in einer Universitätsvorlesung. Der Professor hält eine Vorlesung zu dem „Report der Magd“. Dieser sei zusammengestellt worden aus Tonbandaufnahmen, die man gefunden habe. Nachforschungen hätten ergeben, dass Desfred die Flucht wohl gelungen ist und dass sie ihre Tonbandaufnahmen in einem Versteck aufgenommen hat, um Informationen über diese Zeit und das Leben zu dieser Zeit festzuhalten. Ihr Werk scheint nicht der einzige Fund zu diesem Thema zu sein. Mehr lässt sich nach Auffassung der Professoren über ihr Verbleiben jedoch nicht sagen.
„Das wahrlich Erschreckende an dem Roman ist“, so Wolfgang Pollanz über den Roman, „dass alles, was in der zukünftigen Gesellschaft, die dort beschrieben wird, geschieht, nichts Neues ist - alle Taten sind irgendwann schon einmal begangen worden, die Autorin hat nur die Zeit, den Schauplatz und einige Details geändert, und alles in einen neuen Kontext gestellt. (...) Margaret Atwoods großartiger und spannender Roman muss als Prophezeiung und als Warnung verstanden werden. Sein Thema ist nicht nur eine negative Utopie der amerikanischen Gesellschaft, sondern vor allem auch die Leidensgeschichte der Frau: Sie zieht sich von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft.“
„Katzenauge“ („Cat’s Eye“, 1988), einer ihrer erfolgreichsten Romane erzählt von der schillernden Gefühlswelt kleiner Mädchen. Die erwachsene Elaine erinnert sich an ihre Freundschaft mit Cordelia, die, grausam und schlagfertig, der Quälgeist ihrer jungen Jahre war. Es ist ein großer Roman über die Kindheit und die von Hassliebe geprägte Beziehung zweier Frauen.
Margaret Atwood ist aber auch eine Meisterin der Short story. Im Geschichtenband „Gute Knochen“ („Good Bones“, 1992) etwa schlüpft sie als Erzählerin in jede erdenkliche Rolle: von Hamlets Mutter, einer reinkarnierte Fledermaus, einem menschenerforschender Falter bis hin zu einer männerbastelnden Heimwerkerin. Dabei geht es nicht um verborgene Botschaften, sondern darum, die Dinge und ihre Gesetzmäßigkeiten auf den Kopf zu stellen. Denn: Nichts ist so bizarr wie der Mensch selbst!
Oder die grandiosen neun Erzählungen in „Die steinerne Matratze“ („Stone mattress“, 2014) –in jeder einzelnen Geschichte erzählt sie gleichsam ein ganzes Leben. Etwa von Constance, der Hauptfigur der ersten Erzählung, die sich damals selbst für eine Poetin hielt, aber anfing, Fantasygeschichten zu schreiben, um die Miete zahlen zu können für sich und ihren Dichterfreund Gavin. Der sah diese finanzielle Unterstützung als selbstverständlich an, betrog Constance allerdings mit der Buchhalterin des Cafés, in dem sich die Künstler trafen. Sie alle amüsierten sich über die Fantasywerke, mit denen Constance später zur erfolgreichen Autorin wurde. Heute ist sie eine alte Dame, von Gavin und seiner dritten Frau kommt jedes Jahr eine Weihnachtskarte.
Eine andere Geschichte erzählt mit bösem Spott, wie der greise Gavin von einer jungen Forscherin besucht wird. Der vertrocknete Dichter macht sich mit anzüglichen Sprüchen lächerlich, seine dritte Frau bereitet sich bereits auf ihre künftige "Witwen-Nummer" im Literaturbetrieb vor, und die Doktorandin mit ihrem aufgeplusterten Forschungsthema ist gar nicht an Gavin und seinem Werk interessiert, sondern bloß daran, als welche Figur er in Constances Fantasywelt verewigt wurde. Eine weitere Erzählung schließlich folgt dem Leben von Constances einstiger Nebenbuhlerin aus dem Bohemecafé und lässt die Rivalinnen bei Gavins Beerdigung wieder aufeinandertreffen. Als kleines Generationsporträt erzählen diese Geschichten von Alter, Liebe und Erinnerung.
Oder die titelgebende Erzählung, die mit diesem Satz beginnt: „Verna hatte anfänglich nicht vorgehabt, jemanden zu töten.“ Sofort befindet man sich im Atwood-Kosmos, sofort wird man hineingezogen in eine Geschichte, die hintergründig, spannend und unglaublich komisch zugleich ist. Verna begibt sich auf eine Arktisreise, um endlich alles hinter sich zu lassen, um abzuschalten. Doch statt Ruhe, Weite, Eis und Schnee trifft sie unerwartet auf den Mann, der ihr Leben für immer veränderte, als er sie vor über fünfzig Jahren zum Schultanz lud, die unscheinbare, fleißige Verna Pritchard an der Seite des begehrten Footballstars. Wie Verna nun späte Rache übt, erzählt Atwood so brillant wie lakonisch und souverän.
Im großen historischen Roman „Alias Grace“ (1996) wird im Toronto des Jahres 1843 das junge Dienstmädchen Grace mit 16 Jahren des Doppelmordes an ihren Arbeitgebern schuldig gesprochen. In letzter Sekunde wandelt das Gericht ihr Todesurteil in eine lebenslange Gefängnisstrafe um. Sie verbringt Jahre hinter Gittern, bis man sie schließlich entlässt. Im Haushalt des Anstaltdirektors begegnet sie dem Nervenarzt Simon, der ihrer Geschichte auf den Grund gehen will: Ist Grace eine gemeingefährliche Verbrecherin oder unschuldig? Es ist ein Roman von hypnotischer Spannung, der die Geschichte einer realen Gestalt, einer der berüchtigtsten Frauen Kanadas erzählt.
In „Der blinde Mörder“ („The Blind Assassin“, 2000) blickt die Greisin Iris Griffen kurz vor ihrem Tod im Mai 1999 auf ihr Leben zurück. Sie erinnert sich, wie das Familienunternehmen in Port Ticonderoga, Ontario, Mitte der 30er-Jahre vor dem Bankrott stand und sie deshalb im Alter von 18 Jahren die Frau eines doppelt so alten Industriellen in Toronto wurde, von dem sich ihr Vater die Rettung des Unternehmens erhoffte. Dabei hatten sie und ihre jüngere Schwester sich damals gerade in einen mittellosen Bolschewiken verliebt.
Über drei Generationen hinweg entfaltet Atwood mosaikartig die Geschichte einer Bürgerfamilie in der kanadischen Provinz, wobei die 30er Jahre und die beiden Schwestern in den Vordergrund rücken, die sich beide in den gleichen Mann verlieben. Es ist ein präzises Zeit- und Sittenbild, präzise beobachtete Details, grandiose Figurengestaltung, ironisch distanziert, in packender dichter Sprache geschrieben.
In „Oryx und Crake“ (2003) sind Crake und Jimmy Freunde, die dieselbe Frau lieben: die rätselhafte Oryx. Sie leben in einer ständig von Klimakatastrophen bedrohten Welt in einer gar nicht so fernen Zukunft. Crake, ein Genie genetischer Manipulation, ist Wissenschaftler und arbeitet an der Entwicklung neuer Medikamente, die die Menschen gegen Epidemien im Gefolge der Umweltkatastrophen immunisieren sollen, aber er verfolgt darüber hinaus ganz eigene Pläne. Die Menschheit endet in einer selbst erzeugten Katastrophe. Die Rettung sind Klone, denen durch Genmanipulation vieles abgewöhnt wurde: Sie kennen keine Wut und keine Gewalt, sie wollen nur einmal im Jahr Sex, sie essen kein Fleisch. Sie verfügen nicht über die Attribute, die Menschen böse machen. Zuletzt fangen die Klone an, Geschichten zu erzählen und zu schreiben.
Im großen Roman „Das Jahr der Flut“ („The Year of the Flood“, 2009) liegt das Paradies hoch auf den Dächern der Stadt, dem Himmel am nächsten. Seine Bewohner nähren sich von Gemüse, Früchten und Honig und kultivieren ihren Garten Eden, den sie dem Waste Land einer Stadt jenseits der drohenden Klimakatastrophe abgetrotzt haben. Die junge, kämpferische Toby findet Zuflucht in dieser Gemeinschaft der „Gärtner Gottes“, nachdem sie durch die Maschen der Gesellschaft gefallen ist, die von einer rigiden, militärisch organisierten Wirtschaftsorganisation regiert wird. Hier trifft sie auf Ren, die spätere Trapeztänzerin, auf die anarchische Amanda und Jimmy, der zu ihnen allen in einer ganz speziellen Beziehung steht. Vor allem aus Tobys Perspektive erzählt Atwood hier von einer Welt, in der die globalisierte Wirtschaft die Exekutive übernommen hat, in der die Forschung lediglich ökonomischer Kontrolle unterworfen ist. Sie beweist einmal mehr ihr waches politisches Gespür für die unterschwelligen und gefährlichen Entwicklungen der Welt, entwirft eine Zukunft, deren Realität weniger fern liegt, als wir uns womöglich eingestehen möchten.
Im bislang vorletzten Roman „Das Herz kommt zuletzt“ (The Heart Goes Last“, 2015) ist Margaret Atwoods böse neue Welt ebenfalls ziemlich nah an unserer dran. „Nur“ ein Wirtschafts- und Finanzcrash hat Nordamerika heimgesucht. Stan und Charmaine haben ihre Jobs und danach ihr Haus verloren und übernachten im „Dritte-Hand-Honda“ – Stan vorn auf dem Fahrersitz, damit sie schnell fliehen können, sollten es „Vandalen“ oder eine der vielen Gangs darauf abgesehen haben, das Auto zu knacken, sie auszurauben und Charmaine zu vergewaltigen. Das Geld fürs Benzin verdient Charmaine, sie kann stundenweise kellnern. Gerade denkt sie daran, auch ihren jungen Körper zu verkaufen, da sieht sie Werbung im Fernsehen. Und träumt sofort: von einer Dusche, einem frisch bezogenen Bett, einer funktionierenden Toilette, einem hübschen Häuschen. Mit Garten für Stan, der doch so gern Hecken schneidet.
Stan und Germaine müssen eine Art Auswahlverfahren durchlaufen. Dann unterschreiben sie („Stan wirft kaum einen Blick auf die Vertragsbedingungen, weil Charmaine so drängt“) und schon sind sie drin im Unternehmen Consilience/Positron. Erst am Ende eines Workshops erfahren sie: Man bekommt ein schönes Heim, eine angenehme Arbeit und ein sorgenfreies Leben garantiert – das einzige, was man dafür tun muss, ist jeden zweiten Monat im Gefängnis verbringen. Im Haus gibt es Spinde, in denen man die persönlichen Dinge aufbewahrt, wenn man im Gefängnis ist. Denn dann wird das Zuhause von den jeweiligen Tauschpartnern genutzt.
Der Spaltpilz, den Margaret Atwood einbringt in die Versuchsanordnung, ist die Neugier und dann auch gleich die sexuelle Leidenschaft. Nie sollen Haus-Tausch-Partner aufeinandertreffen, so lautet die Vorschrift, aber das Verbotene lockt umso mehr. Es kommt zum Betrug, zur Eifersucht, zum Ertapptwerden durch Big Brother (eigentlich Big Sister) und (scheinbar) zur Katastrophe. Scheinbar? Der Roman stellt Fragen nach Schuld und moralischer Verantwortung, spürt der Sehnsucht des Menschen nach geregelten Verhältnissen nach und, um sich diese zu sichern, der Bereitschaft zu Mitläufer-, Mittätertum. Atwoods Dystopie steckt wiederum voll Ironie und schwarzem Humor: So gibt es Strickkreise zur Teddybärenherstellung, eine Fabrik für (fast) gefühlsechte Sexspielzeuge (wenn der Nutzer allzu grob wird, kann es sein, dass er steckenbleibt), und es gibt mengenweise Marilyn-Darstellerinnen und Elvis-Darsteller.
In ihrem letzten Roman „Hexensaat“ (Hag Seed“, 2016) hat Atwood Shakespeares letztes Stück "Der Sturm" runderneuert. Man merkt bei der Lektüre das Vergnügen, das die heute 77-Jährige dabei verspürt hat. Prospero, „der zauberhafte alte Arsch“, ist hier kein Herzog mehr, der aus Mailand vertrieben wird, sondern ein kanadischer Regisseur namens Felix, ein exzentrischer Leiter eines großen Theaterfestivals beim Ontariosee. Er will dieses Jahr „Der Sturm“ inszenieren und den Prospero selber spielen. Dann hätte er trauern können und wäre wenigstens auf der Bühne seinem Töchterchen Miranda begegnet, sie als etwa 15-Jährige, die „in Wirklichkeit“ an Meningitis starb, als sie drei war (seine Frau war bald nach Mirandas Geburt gestorben). Doch sein engster Mitarbeiter, Tony (fast der Shakespeare’sche Antonio) intrigiert und sorgt dafür, dass Felix gefeuert wird. Der sitzt nun in einer schäbigen Hütte und stellt sich vor, wie er mit Miranda Schach spielt und ihr beim Wachsen zusieht ...
Die Insel, die ihm dann das Weiterleben ermöglicht, auch das künstlerische, ist eine Strafvollzugsanstalt: ein Gefängnis, in dem die Häftlinge Theater spielen dürfen. Er übernimmt einen Kurs, nennt sich Mister Duke. Nach einigen anderen Shakespeare-Stücken ist nun „Der Sturm“ dran, das Tadsch Mahal für Felix. Für die Rolle der Miranda wird eine gelernte Schauspielerin ins Gefängnis geholt. Und für alles kommt die Zeit. Die Zeit der Saat, die Zeit zum Beten, die Zeit für den Dank, nun ist es Zeit für die Rache, zwölf Jahre nach dem Rauswurf. Tony ist inzwischen vom neuen Festivalchef in die Politik hinaufgegangen, und er wird zu der Aufführung ins Gefängnis kommen, nicht ahnend, wem er dort begegnen wird, und Ariel und die Trolle werden Felix helfen. Das Theater also als Werkzeug der Rache, auch der Vergebung, und der Illusion, der Verführung.
In diesem brillanten Roman schafft die große kanadische Autorin Margaret Atwood mit der Figur des Theaterdirektors Felix ein würdiges Pendant zu Shakespeares Prospero aus „Der Sturm“, jenes Zauberers, der als ein Selbstporträt des alternden Barden aus Stratford-on-Avon gilt.
Die begnadete Erzählerin schafft mit William Shakespeares ein literarisches Feuerwerk, ganz in dem Sinne, wie sie ihr Schreiben kürzlich in einem Interview umschreiben hat: „Erzählen ist die menschlichste Eigenschaft. Soweit wir wissen, erzählen Tiere keine Geschichten. Raben etwa können zwar logisch denken. Aber sie malen sich nicht aus, dass sie vom Gott der Raben aus einem schwarzen Stein erschaffen wurden. Sie denken auch nicht an die Zukunft: Was passiert mit mir, Bob, dem Raben, wenn ich sterbe? Sie stellen sich nicht die Fragen, die den Kern der Literatur bilden: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?“
Übrigens: 2015 übergab Margaret Atwood das bisher unveröffentlichte Manuskript Ihres Romans „Scribble Moon“ dem Projekt Future Library der schottischen Künstlerin Katie Paterson. Sie ist somit die erste Autorin, von der in diesem Rahmen Texte unveröffentlicht bis in das Jahr 2114 in der Deichmanske bibliotek in Oslo verwahrt werden sollen. Jedes Jahr sollen weitere Texte von unterschiedlichen Autoren dazukommen, die dann alle gemeinsam nach Ablauf der Wartefrist veröffentlicht werden.




 

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