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Bücherschau

Gabriel García Márquez - Magie und Wirklichkeit

Marianne Sonntagbauer über den Großmeister des phantastischen Realismus

Gabriel García Márquez, Vertreter  der lateinamerikanischen Literatur, versteht es wie kein ein anderer, die Magie in seinen Erzählungen mit der lateinamerikanischen Wirklichkeit zu verknüpfen. Geboren am 6. März 1927 in Aracataca in Kolumbien als ältestes von 16 Kindern des Telegraphisten Gabriel Eligio García, der aus Geldmangel seine medizinischen und pharmazeutischen Studien in Cartagena abbrechen musste (seine Mutter Luisa Santiaga ist die Tochter eines Obersts), wächst er bei den Großeltern auf. Die Großmutter bringt ihm die Allmacht des Erzählens nahe. In ihren Erzählungen vermischen sich stets aufs wunderbarste Reales und Magisches. Mit den Eltern zieht er immer wieder in verschiedene Städte. In Barranquilla eröffnet der Vater dann eine Apotheke und Gabriel besucht das dortige Jesuitenkolleg San José und erhält schließlich ein Stipendium für das Internat Liceo Nacional de Zipaquirá in der Nähe von Bogotá.

Journalistische Anfänge, erste Erzählungen
Bereits während des Jusstudiums an der Universität von Bogotá beginnt Gabriel García Márquez seine journalistische Arbeit, verfasst Artikel und Reportagen und verdient so seinen Lebensunterhalt. In der Zeitung „El Espectador“ erscheinen seine ersten Erzählungen, die universelle Themen der Literatur wie Leben und Tod behandeln. Als im April 1948 der liberale Präsidentschaftskandidat Jorge Eliécer Gaitán in Bogotá auf offener Straße ermordet wird, folgt eine Zeit der Gewalt. Er verlässt Bogotá und lässt sich in Cartagena nieder, wo er als Kolumnist für die Zeitung „El Universal“ arbeitet und sein Studium wieder aufnimmt, das er jedoch gegen den Willen der Eltern nach einigen Semestern abbricht. Besonders faszinieren ihn moderne angelsächsische Autoren wie James Joyce, Virginia Woolf und William Faulkner.
Ab 1949 gehört Gabriel García Márquez zur sogenannten „Gruppe von Barranquilla“. Er übernimmt die Kolumne „La Jirafa“ bei „El Heraldo“ in Barranquilla. Die alltägliche Wirklichkeit Lateinamerikas gewinnt zunehmend Einfluss auf sein Schreiben. 1950 unternimmt er mit seiner Mutter eine Reise, um das Haus in Aracataca zu verkaufen. Die Wiederbegegnung mit dem Dorf seiner Kindheit wird zum Schlüsselerlebnis für sein Schreiben. 1953 reist als Vertreter für Enzyklopädien und Fachbücher in die Provinz. Zusammen mit seinem Freund, dem Schriftsteller und Journalisten Álvaro Cepeda Samudio, übernimmt er zudem die Leitung der Zeitung „El Nacional“, schreibt für „El Espectador“ in Bogotá Filmkritiken und Reportagen und gilt bald als Starreporter.
Sein erster Roman „Laubsturm“ erscheint 1955. Ein alter Oberst, seine Tochter Isabel und sein kleiner Enkel erzählen hierin von den Geschehnissen, nachdem Bürgerkriege, Bananenboom und Naturkatastrophen über das Dorf hinweggefegt sind. In Rückblenden wird geschildert, wie es zur Freundschaft des französischen  Arztes mit dem unbeugsamen Oberst sowie zum Hass der anderen Bewohner kommt.
Die Reportage „Bericht eines Schiffbrüchigen“ (1955) über den Matrosen Velasco, dem es gelingt ein Rettungsfloß zu erreichen, löst einen nationalen Skandal aus. Auf der Fahrt von den USA in die Heimat gehen bei einem Sturm in der Karibik Matrosen über Bord eines kolumbianischen Kriegsschiffes, das große Mengen geschmuggelter Ware mit an Bord hat und überladen ist.
„El Espectator“ zieht den Starreporter aus der Schusslinie und entsendet ihn im Juli 1955 nach Europa zur Konferenz der vier Großmächte nach Genf. Er lebt in Rom, berichtet über die Filmfestspiele in Venedig und jobbt beim Film. Im Dezember 1955 zieht er nach Paris. Als die Zeitung „El Espectador“  auf Geheiß des Diktators Gustavo Rojas Pinilla eingestellt wird, lernt er die Armut kennen. Selbst als er 1957 für Plinio Apuleyo Mendoza, einen Bekannten aus seiner Studienzeit in Bogotá, der mittlerweile in Caracas die Zeitschrift „Elite“ leitet, einige Artikel schreiben kann, entspannt sich die finanzielle Lage nicht wirklich. Er reist in die DDR und nach Moskau. Seine Eindrücke hält er in der Reportage „Neunzig Tage hinter dem Eisernen Vorhang“ fest. Weitere Stationen dieser Zeit sind verschiedene Aufenthalte in Lateinamerika und New York.
Trotz zeitweilig großer Produktivität ist er seinem Ziel, als Schriftsteller zu leben, nicht viel näher gekommen. Plinio Apuleyo Mendoza verschafft ihm einen Posten als Redakteur bei der Zeitschrift „Momento“ in Caracas. Im März 1958 heiratet er Mercedes Barcha, die er als 13-Jährige kennengelernt hat. Das Paar hat zwei Söhne. Nach der Machtergreifung durch Fidel Castro wird 1959 die kubanische Presseagentur „Prensa Latina“ gegründet. Plinio Apuleyo Mendoza und García Márquez gründen in Bogotá eine Zweigstelle. Als 1961 die orthodox-kommunistische Fraktion von Prensa Latina in New York die Oberhand gewinnt, kündigt er. In Mexiko ernährt er seine Familie notgedrungen mit Redaktionsarbeit für die Frauenzeitschrift „La Familia“ und das Sensationsblatt „Sucesos para todos“ und kann gelegentlich Beiträge in der Universitätszeitschrift unterbringen.
1961 erscheint auch der Roman „Der Oberst hat niemand, der im schreibt“, eine Parabel auf die politische Widerstandskraft des Volkes in einer Militärdiktatur. Ein alter Oberst wartet auf einen Brief, in dem die Regierung ihm seine Veteranenpension bestätigt. Als sich sein Kampfhahn beim Training in der Arena behauptet, weiß der Oberst, dass der Hahn für ihn und für das Dorf Symbol einer Hoffnung ist.
Im Roman „Die böse Stunde“(1961) ist ein Dorf von Misstrauen und Angst, von Korruption und verborgener Gewalt geprägt. Die Erzählung „Das Leichenbegängnis der Großen Mama“ (1962) ist eine Aufzählung der Machtbefugnisse und Besitztümer der „Großen Mama“. Den weiteren humorvollen und grotesken Geschichten des Bandes ist gemeinsam eine faszinierende Beschreibung einer Welt von Gewalt, Tod und Einsamkeit, aber auch des Wunderbaren.
Angesichts der Tatsache, dass seine Bücher, obwohl nun endlich im Buchhandel, nicht den Weg zu einer breiteren Leserschaft finden, macht sich Gabriel García Márquez Gedanken über Vertrieb, Pressearbeit, Übersetzungen. Probleme, die ihm später die katalanische Literaturagentin Carmen Balcells in Barcelona abnehmen sollte.
Vom Drehbuchschreiben erhofft er sich dann nicht nur künstlerische Befriedigung, sondern auch besser bezahlte Honorare. 1963 erhält er einen Drehbuchauftrag für „Der goldene Hahn“, nachder Erzählung des mexikanischen Schriftstellers Juan Rulfo, und arbeitet für die Werbung. Sein erstes Originaldrehbuch „Zeit des Sterbens“ wird 1965 vom mexikanischen Regisseur Arturo Ripstein verfilmt.

Hundert Jahre Einsamkeit
Als Vorlage für das magische Macondo im 1967 erschienenen Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ dient ihm seine Geburtsstadt Aracataca. Garcia Márquez skizziert bildhaft und anekdotenreich die hundertjährige Familiengeschichte der Buendías. Er erzählt von ihrem Aufstieg und Niedergang und von dem von ihnen gegründeten Dorf Macondo. Mit seiner opulenten Sprache macht Gabriel García Márquez hier den sogenannten „Magischen Realismus“ als literarischen Stil populär. Auf geniale Weise verknüpft er die Geschichte seines Heimatlandes mit Mythos und Wirklichkeit. Als dieser Roman schließlich seinen Weltruhm begründet, hat er mittlerweile in Lateinamerika doch schon als Essayist, Kommentator und Intellektueller einen Namen.
Im November 1967 übersiedelt Gabriel García Márquez nach Barcelona. Das Geld für den 1972 erhaltenen renommierten Rómulo-Gallegos-Preis spendet er der venezolanischen Linkspartei MAS, Movimiento al Socialismo. Deren unorthodoxe, gezielt auf die Bedingungen im eigenen Land ausgerichtete Politik beeindruckt ihn. Als 1973 der Militärputsch in Chile erfolgt, engagiert er sich publizistisch gegen General Augusto Pinochet.
In „Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Eréndira und ihrer herzlosen Großmutter“ (1972) vergisst die Enkelin die Kerzen zu löschen und verursacht einen Brand. Sie muss sich prostituieren, um die Schuld abzutragen. Die Großmutter wird vom Geliebten des Mädchens erstochen. Sie verlässt ihn jedoch. Hinter der Groteske und dem Alltag steht die düstere Geschichte von Schuld und Sühne.
1974 ist er Mitbegründer der linken Zeitschrift „Alternativa“ in Bogotá, die die Diskussion innerhalb der politischen Opposition des Landes beleben sollte. Zwei Jahre später lernt er Fidel Castro kennen und schätzen und berichtet über einen Alltag voll von Hoffnung und Enttäuschung der Revolution in Kuba. Zurückgekehrt nach Mexiko City, wo er nun lebt, schreibt er über die Lage nach dem Einsatz kubanischer Truppen in Angola und begibt sich nach Vietnam, um den Ursachen für den Exodus der Boatpeople nachzuspüren.
Der 1975 erschienene Roman „Der Herbst des Patriarchen“ erzählt von einem vom Volk gehassten Diktator, von seinem  Aufstieg und Fall und von der Einsamkeit der Macht. Ein unermesslich alter Diktator lebt allein in einem mit Kühen bevölkerten Palast und knechtet sein Volk, bevor er endlich stirbt. Erst als die Geier schon über dem Palast kreisen, wagen die Bewohner ins Zentrum der Macht einzudringen. Der lateinamerikanischen Wirklichkeit kommt der Autor mit dem Stilmittel der Übertreibung bei. Im schwarzen Humor spiegelt sich das Entsetzen.
Ab 1980 schreibt er regelmäßig eine Kolumne für „El Espectador“, die auch von „El Páis“ in Madrid übernommen wird. Im Jahr darauf lebt er wieder kurzfristig in Kolumbien. Sein Herz schlägt links für die Opfer, die Eingekerkerten und Gefolterten Lateinamerikas, für den Sturz der Militärregime, sodass er sich auch in seinem Heimatland nicht mehr sicher fühlt. Den Militärs, die unter dem konservativen Präsidenten Julio César Turbay Ayala ihre Macht ausdehnen, ist er ein Dorn im Auge. Als ein gefangenes Mitglied der Guerilla-Organisation M-19, wohl unter Folter, angebliche Kontakte zu Gabriel García Márquez gesteht, wird dieser gewarnt, dass seine Verhaftung unmittelbar bevor stehe. Er beantragt Asyl in Mexiko.
In  „Chronik eines angekündigten Todes“ (1981) wird die Braut von ihrem Mann in der Hochzeitsnacht ins Elternhaus zurückgebracht. Sie ist nicht mehr unberührt. Um die befleckte Ehre ihrer Schwester wieder herzustellen, ziehen die Zwillingsbrüder los, um die Tat zu sühnen und den mutmaßlichen Verführer zu töten. Gefangen im Netz jahrhundertealter Traditionen, haben die Brüder keine Wahl. Es ist eine exemplarische Novelle von Machismo und blutiger Gewalt, eine Parabel über die kollektive Verantwortung und kollektive Schuld.
1982 dann die Krönung: Gabriel García Márquez erhält den Nobelpreis für Literatur für „eine vielfacettierte Welt der Dichtung, die Leben und Konflikte eines Kontinents widerspiegelt“, wie die Stockholmer Jury rühmt. Seine Dankesrede „Die Einsamkeit Lateinamerikas“ ist ein Plädoyer dafür, mehr Verständnis für die politischen Versuche der Region aufzubringen, eigene Wege aus Armut und Ungerechtigkeit zu finden. 1984 kehrt er nach Kolumbien zurück und betätigt sich als Vermittler zwischen dem Präsidenten Belisario Betancur und der Guerilla-Organisation M-19. Es geht ihm dabei um die Wiedereingliederung der Guerilleros in das demokratische politische Leben und die Entschärfung des Konflikts zwischen Regierung und außerparlamentarischen Gruppen.
Im Roman „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ (1985) hat sich Florentino Ariza schon als 18-Jähriger in Fermina Daza verliebt. In poetischen Briefen wirbt er um sie. Als der Vater von der Geschichte Wind bekommt, nimmt er die Tochter auf eine Reise mit. Sie bricht mit ihm und heiratet den Arzt Juvenal Urbino. Florentino steigt in der Reederei seines Onkels und somit auch in der guten Gesellschaft auf. Juvenal Urbino stirbt beim Versuch seinen Papagei vom Baum zu holen, als er von der Leiter stürzt. Das nunmehr über 70-jährige Liebespaar findet auf einem Flussdampfer mit gehisster Choleraflagge auf dem Río Magdalena ein spätes und kurzes Liebesglück. Es ist eine komische, ironische und traurige Geschichte von Liebe und Vergänglichkeit. Gabriel García Márquez hat hier die hürdenreiche Liebesgeschichte seiner Eltern nachgezeichnet und ihnen ein Denkmal gesetzt.
Ab 1986 widmet er sich wieder seiner Liebe zum Film und zum Theater. Er treibt 1986 die Gründung der Internationalen Schule für Film und Fernsehen in Kuba mit dem Ziel voran, Film- und Fernsehschaffende auf internationalem Niveau auszubilden. Die Uraufführung des Theaterstücks „Liebestirade gegen einen sitzenden Mann“ erfolgt 1988 in Buenos Aires. Fernsehfilme nach seinen Drehbüchern werden unter dem Titel „Amores difíciles“ gedreht. In Cartagena gründet er 1994 eine Ausbildungsstätte für einen neuen iberoamerikanischen Journalismus.
In der Reportage „Die Abenteuer des Miguel Littín“ (1986) lässt er den chilenischen Filmregisseur Miguel Littín von seinen abenteuerlichen Dreharbeiten über das Leben seiner Landsleute in Chile unter der Diktatur von General Augusto Pinochet erzählen. Während des Militärputsches gegen den Volksfront-Präsidenten Salvador Allende entflieht er mit knapper Not. Er gehört zu den Exilchilenen, denen es verboten ist, in ihr Land zurückzukehren - er kehrt dennoch aus dem Exil zurück in die Heimat, in die Illegalität. Zurück in Madrid befragt der Autor Littín dazu in einem Tonbandinterview.
Vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse in Kolumbien schildert er im folgenden Roman „Der General in seinem Labyrinth“ (1989) das Leben des Generals Simón Bolívar, Bürgerssohn aus Caracas in Venezuela, Held des Unabhängigkeitskrieges der südamerikanischen Kolonien gegen die spanische Krone.
Die 1992 veröffentlichten Erzählungen „Zwölf Geschichten aus der Fremde“ sind Geschichten von Lateinamerikanern in Europa – anrührend, komisch, exotisch und phantastisch.
Der Roman „Von der Liebe und anderen Dämonen“ (1994) ist eine Geschichte von Liebe, Tod und Teufel in den Zeiten der Inquisition. Die 12-jährige Sierva María, Tochter des Marqués de Casalduero in Cartagena, wird von einem tollwütigen Hund gebissen. Ihr Vater unterwirft sie den Prozeduren der im ausgehenden 18. Jahrhundert üblichen Heilkünste. Bischof Don Toribio schickt sie zur Überwachung ins Kloster von Santa Clara. Doch ihr Exorzist Pater Cayetano Delaura verliebt sich in das schöne Mädchen. Ihre Leidenschaft wird ihnen zum Verhängnis. Es gelingt ihm, durch einen unterirdischen Gang in ihre Zelle zu gelangen. In der Klosterkapelle beginnt der Bischof mit einem Bannfluch die Prozedur der Exorzismen. Tobend unter Folterqualen beweist Sierva María den frommen Peinigern ihre teuflische Verderbtheit, bis endlich der Tod sie erlöst und verklärt.
Neben den Romanen bleibt Gabriel García Márquez auch seiner journalistischen Berufung treu. Die bis ins Detail recherchierte Reportage „Nachricht von einer Entführung“ (1996) schildert jene Entführungen von Pablo Escobar, Chef des Drogenkartells von Medellín, die 1990 Kolumbien und die Welt erschüttern. Die Reportage beschäftigt sich mit Drogenterrorismus und Unterhöhlung demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen durch die Rauschgiftmafia.
Die Würdigung „Mein Freund Castro“ wird 1997 weltweit veröffentlicht. Das politische Engagement des deklarierten Sozialisten ist nicht unumstritten. Während Gabriel García Márquez eine enge Freundschaft zu Fidel Castro pflegt, wird der spätere peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa schon früh zu einem der schärfsten Kritiker der kubanischen Revolution. In einer Brandrede auf dem New Yorker PEN-Kongress 1986 beschimpft er seinen langjährigen Weggefährten als „Höfling Castros“. 1998 wird Gabriel García Márquez Hauptgesellschafter des kolumbianischen Magazins „Cambio“ und schreibt auch selbst für das Blatt.
Die journalistischen Arbeiten von Gabriel García Márquez sind äußerst umfangreich. Der Sammelband „Cartagena und Barranquilla“ umfasst die Zeit von 1948 bis 1952, als er für Zeitungen dort schreibt. Diese frühen Texte zeigen schon die Fähigkeiten des späteren großen Reporters und die stilistische Treffsicherheit des bedeutenden Schriftstellers. In „Der Beobachter aus Bogotá“, 1954-1955, berichtet er über Ereignisse aus dem Alltagsleben der kleinen Leute und zeigt sich als scharfer Beobachter der Armut. Reportagen und Reiseberichte aus den Ostblockstaaten präsentiert „Zwischen Karibik und Moskau“, 1955-1959. In „Dornröschens Flugzeug“, 1961-1984, äußert er sich zu Filmen und Büchern, zu den politischen Themen seiner Zeit, zu den Stationen seines Lebens, zu den kleinen Dingen des Alltags. Bei „Frei sein und unabhängig“ handelt es sich um eine Sammlung von Artikeln und Reportagen der Jahre 1974-1995.
In seiner Autobiographie „Leben, um davon zu erzählen“ (2002) erzählt García Márquez von seiner Kindheit und Jugend, vom Haus der Familie in Aracataca, von der Gespensterwelt der Großmutter, von Liebesabenteuern und Freundschaften fürs Leben, von der blutigen Geschichte Kolumbiens und seiner großen Leidenschaft für die Literatur. Er erzählt darin bis ins Jahr 1955.
Seine letzte literarische Veröffentlichung, der Roman „Erinnerung an meine traurigen Huren“ (2004), ist eine Geschichte über die Liebe, das Alter und den Sinn des Lebens. Zu seinem 90. Geburtstag schenkt sich ein alter Mann, der sein Leben lang nur die käufliche Liebe gekannt hat, in einem Bordell eine Nacht mit einem noch unberührten Mädchen. Doch aus einer geplanten Nacht wilder Liebe werden mehrere Nächte platonischer Liebe. Die lange Betrachtung des schlafenden Mädchens stürzt ihn in eine Verliebtheit, die ihn verändert. Er hat keine Angst mehr vor dem Sterben.
In den nächsten Jahren hat sich Gabriel García Márquez aus gesundheitlichen Gründen immer mehr zurückgezogen. Am 17. April 2014 stirbt er in Mexiko-Stadt. Auf Wunsch der Familie sollte er in Cartagena seine letzte Ruhe finden.
Gewann er durch seine journalistische Arbeit und sein politisches Engagement die Achtung und Bewunderung der Zeitgenossen, löste er auch Kontroversen aus. Er skizziert in seinen literarischen und vor allem in seinen journalistischen Werken die korrupte Politik, die einen wundervollen paradiesischen und reichen Kontinent durch Kolonialismus und Ausbeutung, durch fremde und lokale Mächtige zerstört. In seinen Werken vereinen sich das Phantastische und das Realistische, sie spiegeln das Leben und die Konflikte Lateinamerikas wider. Die großen Themen seines Schaffens sind jedoch die Einsamkeit und das Leid des Individuums. In sprachgewaltigen Bildern erzählt er von Liebe, Schmerz und Tod - und begeisterte damit nicht nur die Kritiker, sondern auch ein Massenpublikum.

 

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