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Bücherschau

Robert Seethaler - „Es geht immer irgendwie weiter“

Heimo Mürzl über den liebenswürdigen und abgründigen österreichischen Schriftsteller

Sonderlinge und Eigenbrötler, Abgründe und Liebenswürdigkeiten: Der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler erkundet mit einer gelungenen Mischung aus Feinsinnigkeit und Leichtigkeit die Seelenleben seiner Protagonisten.
Robert Seethaler ist ein außergewöhnlicher Fall, denn er kann offenbar alles Mögliche und er kann alles gut. Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler, erhielt den Grimmelshausen- und Anton Wildgans-Preis und war 2017 für einen der angesehensten internationalen Literaturpreise, den Booker Prize, nominiert. Geboren 1966 in Wien, litt Seethaler von Geburt an unter einem schweren Augenfehler und besuchte deshalb auch die Volksschule für Sehbehinderte. Unansehnlich-dicke Brillengläser und ein damit einhergehendes Gefühl der Unsicherheit wurden zu alltäglichen Begleitern des jungen Robert Seethaler. Die Schauspielerei war dann so etwas wie eine „Flucht nach vorne“, hinein ins Scheinwerferlicht und heraus aus der Rolle des Außenseiters mit den auffälligen Brillen. Die Rolle des Gerichtsmediziners Dr. Kneissler in der ZDF-Krimireihe „Ein starkes Team“ und die Rolle des Luca Moroder in Paolo Sorrentinos Kinoerfolg „Ewige Jugend“ machten den Schauspieler Robert Seethaler einigermaßen bekannt. Die Literatur stellte den logischen nächsten Schritt dar: „Beim Schreiben meiner Romane bin ich ganz bei mir und zugleich völlig frei.“

Melancholie und Tragikomik
Die Art von Geschichten, die Robert Seethaler erzählt, sind nicht eben neu – aber sie sind immer wieder interessant und Seethaler erzählt sie meisterhaft. In seinen zwischen Melancholie und Tragikomik changierenden Romanen erkundet er mit einer ebenso eigenwilligen wie gelungenen Mischung aus Feinsinnigkeit und großer Leichtigkeit die Seelenleben seiner Protagonisten – Sonderlingen und Eigenbrötlern, die nicht selten dem Milieu der sogenannten einfachen Leute entstammen.
Obwohl sich Robert Seethaler beharrlich dagegen wehrt, allzu viel Persönliches und Biografisches in seine Bücher hinein zu interpretieren, ist in seinen Büchern sehr oft vom „Schicksal“ die Rede. Jenem „Schicksal“, das auch im Leben von Robert Seethaler eine sehr wichtige Rolle spielte. „Ein Arschtritt vom Schicksal“ sei manchmal notwendig, konstatierte Seethaler in einem seiner zahlreichen Interviews einmal, um „die Fähigkeit zu entwickeln, die Chancen, die sich einem bieten, auch wahrzunehmen.“
Wie das auch der namenlose Ich-Erzähler in Seethalers drittem Roman „Jetzt wird’s ernst“ tut. Eigentlich soll er Friseur werden, wie sein Vater, und will doch nur eines: Schauspieler werden. Die mit großem Einfallsreichtum und menschenfreundlicher Figurenzeichnung erzählte, ebenso originelle wie berührende Coming Of Age-Geschichte – mit einer Kindheit im Frisiersalon des Vaters, einer innigen und zugleich turbulenten Freundschaft mit seinem einzigen Kumpel Max und der ersten großen und letztlich unglücklichen Liebe seines Lebens, Lotte mit den rosa Zehennägeln und dem verführerischen Lächeln – führt den schüchternen Eigenbrötler schließlich per Busfahrt in die Großstadt, um dort auf den Brettern, die die Welt bedeuten, seiner großen Leidenschaft zu frönen: „Mein Weg ans Theater war verschlungen. Unvorhersehbar. Holprig. Als Kind hasste ich es sogar, angesehen und vorgeführt zu werden.“
Schon mit seinem Debütroman „Die Biene und der Kurt“ erwies sich Robert Seethaler als ideenreicher und unterhaltsamer, um eine gefinkelte Erzählidee nie verlegener Autor mit einem Faible für liebenswerte Außenseiter und kauzige Einzelkämpfer, die mit den Ansprüchen der Gesellschaft nicht zu Recht kommen. Sie scheren aus, machen ihr eigenes Ding, verfolgen unkonventionelle Ziele und beschreiten alternative Wege. Wie die 16-jährige aus dem Mädchenheim geflüchtete Biene Kravcek und der trinkfreudige und kettenrauchende Schlagersänger und Herzensbrecher Kurt, der sich selbst aber für einen gestandenen Rock´n´Roller hält.
„Die Biene und der Kurt“ – keine Frage, schon der Romantitel springt ins Auge und weckt die Leselust und das aberwitzige literarische Roadmovie unterhält den Leser nicht nur als atmosphärische Provinzbeschreibung, sondern überzeugt auch als literarisches Plädoyer für Individualität und Selbstbestimmung. Gemeinsam begeben sich die pummelige Biene und der dezent ungepflegte Kurt auf eine abenteuerliche Fahrt im zwar glitzernden, aber auch altersbedingt scheppernden „Heartbreakin“-Mobil, spielen in Wirtshäusern, Altenheimen, Pfarrhäusern und Zuchttierhallen und leben ihren Traum – so gut es eben geht.
Ein launiger, mitunter burlesker Ton durchzieht die Romane von Robert Seethaler und fast immer geht es „ums Freistrampeln von Umklammerungen und Einschränkungen“. Unerheblich ob nur angenommene oder tatsächlich vorhandene. Seethalers Romanhelden eignet ein zwar naiver, aber schier unbändiger Wille, trotz aller Widerstände und Hindernisse, früher oder später, ein ihnen entsprechendes und sie glücklich machendes Leben zu führen.
Herbert Szevko führt zusammen mit seiner resoluten Mutter eine alte, etwas heruntergekommene Tankstelle am Rande einer wenig frequentierten Landstraße. Das innige Mutter-Sohn-Verhältnis deckt fast alles ab und vieles zu. Die deprimierende Ereignislosigkeit (das Konzert der „Lustigen Heububen“ beim alljährlichen Schlachtsaufest ist der Veranstaltungshöhepunkt jedes Jahres), die immer wiederkehrenden epileptischen Anfälle von Herbert (der Landarzt erklärt sie ihm als „Unwetter im Kopf“) und die (allzu) große Einsamkeit – nur der kleine Zierfisch Georg sorgt für Ablenkung im tristen Tankstellenalltag. Siebenundzwanzig Jahre lang verbringt Herbert in dieser Anti-Idylle – bis eines Tages die übergewichtige, aber lebenslustige Hallenbad-Putzfrau Hilde auftaucht und mit viel Schwung und noch mehr Witz den Tankstellenalltag aus den Fugen geraten lässt. Mit ihrem unbeschwert-naiven Charme und ihrer liebenswert-unverstellten Art nimmt Hilde Herbert sofort gefangen, erobert sein Herz und sorgt für ein wenig (Liebes)Glück am Rande der Landstraße. „Und bekanntlich ist es ja oft so: In Momenten, wo gar nichts und überhaupt nichts mehr geht, kommt dann auf einmal doch noch etwas daher. Etwas, das einen durchbeutelt, herumreißt und einen erwischt, irgendwo tief drinnen, und einem das leere Herz, das leere Hirn füllen kann.“

Ausbruch und Aufbruch
Herbert fasst all seinen Mut zusammen und bricht von zu Hause auf. Dieser Aufbruch gleicht einem Ausbruch – auch wenn seine Mutter und der Zierfisch die Reise mitmachen. Herbert Szevko und Hilde Matusovsky , dieses ebenso ungleiche wie skurrile Liebespaar, begibt sich auf eine abenteuerliche Reise: In einem gestohlenen Krankenwagen, auf einer rollenden Tragbahre und in einem morschen Boot meistern die Frischverliebten sämtliche Hindernisse und Stolpersteine und halten sich noch in den gefährlichsten Momenten an Herberts naives und doch überaus wirkungsmächtiges Motto: „Es geht immer irgendwie weiter.“
Ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, ob Putzfrau oder Lebenskünstler – für Seethalers Romanfiguren ist das Leben ein Ausnahmezustand, mit verpassten Gelegenheiten und unerfüllbaren Sehnsüchten. Darüber sind sie aber nicht verbittert oder versinken in Lethargie und Schwermut, sondern machen tapfer weiter und brechen mitunter auch mutig zu neuen Ufern auf. Die Vielschichtigkeit und Lebensnähe der Romanfiguren Seethalers überzeugen ebenso wie die mit viel Empathie gezeichneten Charaktere und detailliert beschriebenen Milieus. Letzte Gewissheiten werden dem Leser vom Autor Robert Seethaler aber stets vorenthalten. Seethaler interessiert sich viel mehr dafür, wie ein Mensch sein Leben am besten lebt. Und ob es nur an dessen Wollen und Tun liegt, ob ihm sein Leben auch (gut) gelingt.
„An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang  eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte.“ So beginnt Robert Seethalers vierter Roman „Der Trafikant“, mit dem er sich endgültig als einer der originellsten und erzählerisch versiertesten österreichischen Schriftsteller der Gegenwart etablierte.
Wer kennt es nicht, das Gefühl, verstrickt zu sein in einem Netzwerk von Zwängen und Erwartungen, die in einen gesetzt werden? Erschwerend dazu kommen die eigenen Hoffnungen und Sehnsüchte. Dem entziehen kann man sich meistens nur durch Verweigerung oder Ausbruch. Und genau das ist der Ausgangspunkt in Seethalers faszinierendem Coming of Age-Roman. Der siebzehnjährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf Nußdorf am Attersee, um in Wien als Lehrling in einer Trafik sein Glück zu suchen. In diesem kleinen Tabak- und Zeitschriftengeschäft in der Währinger Straße trifft er auf einen gebrechlich wirkenden, freundlichen alten Mann – bei diesem Stammkunden handelt es sich um den weltbekannten Psychoanalytiker Sigmund Freud. Als Franz durch seine erste große Liebe zur selbstbewussten und etwas älteren Varieté-Tänzerin Anezka in seelische Nöte gerät, ist es Sigmund Freud, der ihm mit Rat und Tat zur Seite steht. So entwickelt sich im Laufe der Zeit eine ebenso ungewöhnliche wie warmherzige Freundschaft zwischen den zwei nicht nur altersbedingt so unterschiedlichen Männern.
Auch als sich herausstellt, dass der weise alte Professor Liebesnöte betreffend nicht unbedingt der beste Ratgeber ist, da auch ihm das weibliche Geschlecht ein Leben lang Rätsel aufgibt, tut das der Freundschaft zwischen dem alten und dem jungen Mann keinen Abbruch. Als sich die gesellschaftlichen Verhältnisse jäh ändern, Otto Trnsjek, der Lehrherr von Franz, nach dem Anschluss als Judenfreund denunziert wird und sich der politische Alltag zuspitzt und radikalisiert, muss Franz die Trafik allein weiterführen. Von einem Tag auf den anderen erfolgt der Schritt ins Erwachsenendasein und aus dem jugendlichen Träumer wird ein kluger und pragmatischer junger Mann. Robert Seethaler versteht es meisterhaft, die Metamorphosen seines Romanhelden lapidar, glaubwürdig und vor allem mit einer heiteren Leichtigkeit in Szene zu setzen. „Der Trafikant“ ist als besonders gelungenes Beispiel unter den literarisch anspruchsvollen und sehr gut lesbaren  Adoleszenzstudien zu verbuchen.

Leben, bis du stirbst
Robert Seethaler selbst versteht sich als klassischer Geschichtenerzähler, der sein frappierendes Wissen, seine unbändige Neugierde und seine eigenen Erfahrungen in seine Romane verpackt und sich und seinen Lesern so die Welt und das Leben verständlich zu machen versucht. Für seinen jüngsten Roman „Ein ganzes Leben“ wurde Seethaler für den internationalen Booker Prize nominiert – und das mit gutem Recht. Seethaler erzählt in diesem Roman davon, wie so „Ein ganzes Leben“ aussehen kann. Ein sieben Jahrzehnte währendes Leben zwischen Glück und Unglück, Lust und Leid, Liebe und Verrat, Geburt und Tod wird ebenso einfühlsam wie nachvollziehbar geschildert.
Der Romanprotagonist Andreas Egger zählt zu den sogenannten einfachen Leuten und sein Lebenslauf gleicht einem Albumtitel der britischen Rockband The Godfathers: „Birth, School, Work, Death“. Andreas „muss viel einstecken“ und einiges ertragen. Als uneheliches Kind wächst er unter harten Bedingungen auf dem Hof seines Onkels auf, leidet unter der Lieblosigkeit und unter den regelmäßigen Schlägen mit der Haselnussgerte. Während seiner Zeit als Taglöhner beim Seilbahnbau in den 30er-Jahren verliebt er sich in die sanftmütige Kellnerin Marie und scheint sein großes Glück zu finden. Eine abgehende Lawine nimmt ihm Marie und das Glück aber wieder, ehe er seinen Kriegsdienst an der Ostfront ableistet und nach zahlreichen Jahren in einem russischen Gefangenenlager wieder in die Heimat zurückkehrt. Nach der Rückkehr macht Andreas Egger einfach weiter – so wie er es immer getan hat, seinem Credo folgend: „Nur zwei Dinge musst du wirklich tun. Eins ist sterben, und das andere ist leben, bis du stirbst.“
Seethalers Roman schildert dem Leser eine ganze Existenz, in klarer und makelloser Sprache, lakonisch und doch ungeheuer bewegend. Auf Pathos und Kitsch verzichtet er ganz bewusst, nicht jedoch auf Empathie und Menschenfreundlichkeit. Und weil in diesem Roman Form und Inhalt auf so stimmige Art und Weise zur Deckung gelangen, darf man mit Fug und Recht von gelungener Kunst sprechen, auch wenn dem Roman letztlich der Booker Prize doch nicht zuerkannt wurde. Robert Seethaler findet in seinen literarisch versierten, lebensprallen und zugleich vergnüglichen und gut lesbaren Büchern stets den passenden Ton, erkundet mit einer gelungenen Mischung aus Feinsinnigkeit und Leichtigkeit die Seelenleben seiner Romanprotagonisten und schafft so das nicht eben kleine Kunststück, zugleich kluge, aufklärerische, burleske, humorvolle und berührende Romane zu schreiben. Uneingeschränkte Leseempfehlung für diese unverwechselbare literarische Stimme.


 

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