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Bücherschau

Isabel Allende - Die starke Präsenz der Liebe

Marianne Sonntagbauer über Isabel Allende, die literarische Vermittlerin lateinamerikanischer Geschichte, Kultur und Politik

Isabel Allende avancierte weltweit zur literarischen Vermittlerin lateinamerikanischer Geschichte, Kultur und Politik. Dabei beansprucht sie auch stellvertretend für jene die Stimme zu erheben, die etwa unter dem Pinochet-Regime in Chile zum Schweigen verurteilt waren. Sie lehrt Literatur an verschiedenen Universitäten und schreibt Theaterstücke, Kinderliteratur und Romane.
Sie wird am 2. August 1942 als ältestes Kind des chilenischen Diplomaten Tomás Allende und seiner Frau Francisca Llona, genannt „Doña Panchita“, in Lima, Peru, geboren. Isabel hat noch zwei jüngere Brüder namens Francisco und Juan. Nach der Annullierung der Ehe ihrer Eltern lebt sie zunächst bei ihren Großeltern in Chile. Ihre Mutter begleitet mit den Kindern ihren Lebenspartner, den Diplomaten Ramón Huidobro. Bereits als Jugendliche bereist sie die Welt. Sie wächst mehrsprachig auf und geht in La Paz in Bolivien, in Beirut im Libanon und in Santiago de Chile zur Schule. Isabel kehrt zu ihrem Großvater nach Santiago zurück und beendet dort die Schule. Das große, verwinkelte Haus, in dem sie aufwächst, wird später für ihren Roman „Das Geisterhaus“ als Vorlage dienen. Nicht nur die vielen Räume voller Kuriositäten, auch viele der exzentrischen Personen, ungewöhnliche Erlebnisse und spannende Geschichten aus dieser Zeit finden sich in ihrem weltbekannten Erstling.
Nach dem Schulbesuch arbeitet sie bei der FAO in Santiago, der  Welternährungsorganisation der UNO. Sie moderiert eine wöchentliche Fernsehsendung über die Weltkampagne gegen den Hunger. 1962 heiratet sie den Bauingenieur Miguel Frías. Trauzeuge ist ihr Onkel, der spätere Präsident Salvador Allende. Er und ihr Vater sind Cousins. 1963 wird Paula und 1966 wird Nicolás geboren. 1965 bis 1966 erfolgen Studienaufenthalte in Belgien und in der Schweiz. Ab 1967 arbeitet Allende als Redakteurin bei der feministischen Frauenzeitschrift „Paula“, die neben Mode feministische Ideen und gesellschaftliche Tabuthemen propagiert.
Sie schreibt die Kolumne „Die Unverfrorenen“ (Los impertinentes). Der Verlag Lord Cochrane, der die Zeitschrift herausgibt, veröffentlicht 1974 eine Auswahl ihrer Kolumnen unter dem Titel „Zivilisieren Sie Ihren Steinzeitmenschen“ (Civilice a su troglodita). Hier nimmt Allende die diversen Spielarten des Machismo aufs Korn. Kleinere Beiträge von ihr erscheinen in der Filmzeitschrift „Maga-Cine-Ellas“. Sie schreibt sie für die Kinderzeitschrift „Mampato“, die sie auch kurze Zeit als Chefredakteurin leitet. Ab 1970 moderiert Allende mehrere eigene Fernsehsendungen, Interviews, Reportagen und Diskussionsrunden. Sie gestaltet die Comedy¬Sendung „Die bessere Hälfte – Stell dir vor“ (La media naranja – Fíjate qué), die in gewisser Weise die Umsetzung ihrer Kolumne ist. Die Talkshow „Im Gespräch mit Isabel Allende“ (Conversando con Isabel Allende) hat großen Erfolg beim Publikum. Sie setzt sich durch ihre journalistische Tätigkeit vor allem für die Emanzipation der Frau und die Gleichberechtigung der Geschlechter ein.
Sie schreibt das Theaterstück „Der Botschafter“ (El embajador), in dem ein Diplomat von drei Guerilleros gefangen genommen wird. Er verbringt ein Jahr mit ihnen in einem Kellerloch. In langen Diskussionen kommen sich Geisel und Entführer näher und entwickeln mit der Zeit Verständnis für die Position des anderen. Doch die Entführer müssen den Botschafter am Ende töten. 1971 wird das Stück im Teatro Petit Rex in Santiago uraufgeführt und bekommt gute Kritiken. Noch im selben Jahr folgt ihre musikalische Revue „Café-Konzert“. 1973 erfolgt die Aufführung des Stückes „Ich bin Tránsito Soto“ (Yo soy laTránsito Soto) im Teatro Opera und im Casino von Vina del Mar. Im selben Jahr wird im Teatro El Túnel in Santiago die musikalische Komödie „Die Ballade vom halbseidenen Aufstieg“ (La balada de medio pelo) uraufgeführt. 1974 gelangt im Theater des Französischen Kulturinstituts „Das Haus der sieben Spiegel“ (La casa de los siete espejos) zur Auffführung. Das Stück besteht aus verschiedenen Sketchen über das Zusammenleben und die Arbeit der Prostituierten.
Auch tritt sie als Autorin von Kinderbüchern in Erscheinung. 1974 erscheinen die Kindergeschichten „Großmutter Panchita“ (La abuela Panchita)  und „Kleine Mäuse und große Mäuse, Ratten und Riesenratten“ (Lauchas, lauchones, ratas y ratones). „Die Dicke aus Porzellan“ (La gorda de porcelana), eine Kurzgeschichte von 1974 wird 1984 veröffentlicht. In Chile ist sie mittlerweile sehr bekannt.
Sie ist tief erschüttert, als Salvador Allende am 11. September 1973 von Augusto Pinochet gestürzt wird und kurz darauf stirbt. Dennoch bleibt sie zunächst in Chile und hilft politisch Verfolgten unterzutauchen, bis die Repressionen gegen Andersdenkende sie schließlich 1975 ins Exil nach Caracas, Venezuela, zwingen. Hier muss sie beruflich wieder von vorne anfangen. Sie erhält eine Kolumne in der Wochenendbeilage der Tageszeitung „El Nacional“. Aber ihr trockener chilenischer Humor kommt bei den Lesern wenig an. Weiters arbeitet sie in der Verwaltung einer Schule, des Colegio Marroco. Miguel Frías findet als Bauingenieur in Ciudad Bolívar, einer Stadt am Rande des Urwalds, einen Job.
Das Geisterhaus
Als sie im Exil in Venezuela vom nahenden Tod ihres Großvaters in Santiago de Chile erfährt, beginnt sie am 8. Jänner 1981 vor dem Hintergrund der politischen, gesellschaftlichen und historischen Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte und persönlichen Erfahrungen einen Brief an ihren Großvater zu schreiben. „Das Geisterhaus“ (1984; La casa de los espíritus, 1982) wird zu einem der erfolgreichsten Romane der Weltliteratur.
Die Familiensaga erzählt vom Schicksal der Familie Trueba, das untrennbar mit der Geschichte Chiles verwoben ist. Der Vater Severo del Valle gibt seinen Wunsch, als Liberaler in die Politik zu gehen, auf. Ein politisch motivierter Mordanschlag, der ihm gilt, kostet einer seiner Töchter das Leben. Seine Frau Nívea kettet sich als engagierte Frauenrechtlerin  eines Tages mit anderen Damen der feinen Gesellschaft an den Gittern des Kongresses an, um das Stimmrecht für Frauen durchzusetzen. Ihre jüngste Tochter ist Clara.
In der zweiten Generation setzt die Polarisierung ein. Esteban Trueba, ein jähzorniger Aufsteiger mit zahlreichen unehelichen Kindern und unerschütterlichen moralischen Werten ist als reicher Gutsbesitzer und Senator die Galionsfigur der Konservativen. An seiner Seite steht Clara del Valle, die zarte Spiritistin, die als Frau auf der Seite der Schwächeren steht.
In der dritten Generation erfolgt dann das Auseinanderdriften der Familie. Nicolás ist als Guru in den Vereinigten Staaten, Jaime arbeitet als aufopfernder Augenarzt, Blanca lebt mit einer unehelichen Tochter von einem Landarbeiter auf dem Gut ihres Vaters. In der vierten Generation wird altes Unrecht mit neuem vergolten. Alba, die mit einem jungen Revolutionär befreundet ist, wird nach dem Putsch verhaftet. Sie wird als persönliche Abrechnung von einem illegitimen Enkel ihres Großvaters gefoltert, der es vom Landarbeiter zum Oberst gebracht hat. Alba kehrt in das verwahrloste, gespenstische Haus, ihres politisch geschlagenen, an seinen Nachkommen hart gestraften Großvaters heim. Als unschuldiges Opfer jener langen Geschichte stellt sie sich der Aufgabe, zu verstehen, wie das Entsetzliche hatte geschehen können.
„Als das Buch dann draußen war, haben einige meiner Verwandten erst einmal aufgehört, mit mir zu sprechen. Aber dann kam der Erfolg und plötzlich war die Familie überzeugt, ich hätte doch eine ganz passable Chronik geschrieben“. Allende schrieb einige lateinamerikanische Verlage an und erhält nur Absagen. Daraufhin wendet sie sich an die 2015 verstorbene Carmen Balcells, eine berühmte Literaturagentin aus Barcelona, die auch Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa betreut. Balcells gefällt der Roman. Sie ist sich der Zugkraft des Namens Allende und der Brisanz des Themas bewusst. Sie verkauft das Manuskript eines bedeutenden Autors an den Verlag Plaza & Janés in Barcelona mit der Auflage, dass auch das Manuskript einer unbekannten Chilenin gedruckt wird. Mit diesem fulminanten Debüt begründet Isabel Allende ihren Aufstieg zur Romanautorin von Weltrang. Der Roman wird 1993 vom dänischen Regisseur Bille August mit großer Starbesetzung verfilmt.
Die erste Hälfte der 1980er Jahre ist für sie geprägt von ihrem Durchbruch als Schriftstellerin und ihrer überraschenden literarischen Karriere. Sie geht auf Lesereisen, wird zu Kongressen eingeladen, hält Vorträge, gibt Interviews, lehrt an amerikanischen Universitäten und erhält Auszeichnungen. Jedes Buch beginnt sie am 8. Jänner, weil sie ihr erstes Buch an diesem Datum angefangen hat  und ihr das Glück gebracht hat. Und: „Meine Mutter ist auch meine erste Leserin. Schon seit dem ‚Geisterhaus‘ ist das so“.
Ihr engagierter Roman  „Von Liebe und Schatten“ (1986; De amor y de sombra, 1984) ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch die Auseinandersetzung mit Chiles jüngster Vergangenheit. 1994 kommt die Verfilmung der aus Venezuela stammende Regisseurin Betty Kaplan in die Kinos.
Mit „Eva Luna“ setzt Isabel Allende einen weiteren Schritt. Die Arbeit in der Schulverwaltung, die ihr bisher noch als Sicherheit dient, gibt sie auf. Sie ist jetzt Vollzeitautorin. Der Lebensweg der „Eva Luna“ (1988; Eva Luna, 1987) führt sie aus dem Haus des exzentrischen Professors Jones in die Halbwelt einer lateinamerikanischen Hauptstadt an der Karibikküste, an einen entlegenen Ort tropischer Stille und wieder zurück in die Stadt. Als sie schließlich mitten in die Sphäre politischer Gewalt hineingezogen wird und die Umstände sie zum Handeln zwingen, wird aus der unbeschwerten Geschichtenerzählerin eine mutige und entschlossene Frau.
Kalifornien
Im Sommer 1987 trennen sich Isabel Allende und Miguel Frías. Sie geht auf Lesereise, die sie durch Europa und den amerikanischen Kontinent führt. Im Oktober hält sie eine Lesung an der Universität von San José in Kalifornien. Sie lernt den Rechtsanwalt William Gordon kennen. Im Dezember 1987 zieht sie zu ihm nach San Rafael in der Nähe von San Francisco, Kalifornien. Am 7. Juli 1988 heiraten die beiden. Privat muss sie sich vielen und oft auch ungewohnten Aufgaben stellen. Ihre neuen Familienmitglieder sind nicht einfach. „Vor allem an den Wochenenden treffen Sohn, Enkelkinder, der Mann der verstorbenen Tochter Paula mit  seiner neuen Frau bei Isabel Allende ein“.
Weit spannt sich der Bogen der „Geschichten der Eva Luna“ (1990; Cuentos de Eva Luna, 1989), die auf wunderbare Weise die Begeisterung für das Leben spiegeln.
Der Roman „Der unendliche Plan“ (1992; El plan infinito, 1991) erzählt den  Werdegang des Gringos Gregory Reeves, verwoben mit den Lebensgeschichten der übrigen Familien und seiner amerikanischen und mexikanischen Freunde aus verschiedenen Milieus. Aufgewachsen mit Hispanos, führt Gregory das abenteuerliche Leben der mexikanischen Einwanderer in Nordamerika. Der Roman scheint einem verborgene Prinzip zu folgen - dem unendlichen Plan.
Im Dezember 1991, erkrankt ihre Tochter Paula, eine lebensfrohe junge Frau, an einer Stoffwechselkrankheit und fällt kurz darauf ins Koma. 1992 stirbt sie in Allendes Zuhause in Kalifornien. Sogar als sie der schlimmste Schicksalsschlag ihres Lebens trifft, der Tod ihrer eigenen Tochter, schreibt sie weiter. Es entsteht „Paula“ (1995; Paula, 1994), ein persönliches Bekenntnis, das ihr dabei hilft ihre tiefe Trauer zu überwinden. „Nachdem ich „Paula“ beendet hatte, war ich lange Zeit blockiert. Ich musste erst mit meiner Trauer fertig werden, um wieder ins Leben zurück zu finden“.
1996 gründet Isabel Allende die „Isabel Allende Foundation“ zur Erinnerung an ihre Tochter Paula. Die Stiftung unterstützt unterprivilegierte Frauen und Kinder in Fragen der Ausbildung und ist um die soziale Stellung und Gesundheit von Frauen bemüht.
Im Laufe der Jahre erweitert Isabel Allende ihr schriftstellerisches Repertoire um viele Facetten.  Sie schreibt einen nicht-fiktionalen Text über ein lebensbejahendes, fröhliches, sinnliches Thema. Der Band „Aphrodite. Eine Feier der Sinne“ (1998; Afrodita. Cuentos, recetas y otros afrodisíacos, 1997) versammelt erotische Geschichten aus Orient und Okzident, anregende Bilder, Gedichte und Anekdoten, aber auch poetische Beschreibungen der aphrodisischen Wirkung von Gerüchen und Gewürzen. Dazu eine Fülle erprobter oder auch gewagter Rezepte von Allendes Mutter. Isabel Allende verteilt humorvoll ironische Spitzen gegen das andere Geschlecht und gegen die herrschende Doppelmoral. Im Zeichen der Göttin der Liebe eröffnet Isabel Allende eine wahrhafte Feier der Sinne. 1998 wurde „Aphrodite“ als „außerordentlicher Beitrag für die Schönheit der Welt“ mit dem „Dorothy und Lillian Gish Preis“ ausgezeichnet.
„Fortunas Tochter“ (1999; Hija de la fortuna, 1999) erzählt die bewegte Geschichte von Eliza Sommer, einer jungen Frau, die zwischen zwei Kulturen lebt und einen abenteuerlichen Weg geht. Als chilenisches Findelkind in der Obhut einer englischen Familie aufgewachsen, bricht sie, kaum siebzehnjährig, aus ihrer wohlbehüteten Welt aus und stürzt sich auf der Suche nach ihrem Geliebten in die Wirren des kalifornischen Goldrausches.  
In „Porträt in Sepia“ (2001; Retrato en Sepia, 2000) hat Aurora del Valle, aufgewachsen im Haus ihrer Großmutter, eine bewegte Kindheit und Jugend zwischen dem Europa der Belle Époque, Kalifornien und Chile hinter sich. Als sie auf einem Foto mit dem Verrat des Mannes konfrontiert wird, den sie liebt, entschließt sie sich das Geheimnis ihrer Vergangenheit zu erforschen.
Isabel Allende eröffnet das neue Jahrtausend mit der Rückkehr zum Genre der Kinderliteratur, in das sie sich Anfang der 1970er Jahre vorgewagt hat. So bildet „Die Stadt der wilden Götter“ (2002; La ciudad de las bestias, 2002) den Auftakt für die Abenteuertrilogie „Die Abenteuer von Aguila und Jaguar“, die sich vorrangig an Jugendliche richtet. Es folgt „Im Reich des Goldenen Drachen“ (2003; El reino del dragón de oro, 2003). „Im Bann der Masken“ (2004; El bosque de los pigmeos, 2004) beschließt die Trilogie. Sie bietet darin einen Querschnitt aus Abenteuer-, Kriminal-, Reise- und Entwicklungsroman  mit interessanten Schauplätzen und sympathischen Figuren, die in jedem Roman, verpackt hinter religiösem Zauber, ein weltliches Verbrechen aufdecken.
In „Mein erfundenes Land“ (2006; Mi país inventado, 2003) skizziert Isabel Allende die Geschichte und Politik Chiles. Sie erzählt von all dem, was ihr Chile liebenswert und unausstehlich macht, von den Menschen des Landes, von Machos und mutigen Frauen, vom schwarzen Humor der Chilenen und über ihre außergewöhnliche Familie.
„Zorro“ (2005; El Zorro, 2005) handelt von Diego de la Vega. Er wird in Kalifornien an der Wende zum 19. Jahrhundert als Sohn eines spanischen Edelmanns und einer indianischen Kriegerin geboren. Der Vater, Besitzer einer großen Hacienda, lehrt ihn schon früh das Fechten und will in ihm den standesgemäßen Erben sehen. Die Mutter vermittelt ihm die Traditionen ihres Volkes und den Drang nach Freiheit. Er empört sich schon früh über die Gräueltaten der spanischen Kolonialherren gegen die Indianer und spürt den inneren Konflikt seiner Abstammung. Mehr und mehr schlüpft Diego dazu in die Rolle des „Zorro“. Nach Abenteuern auf hoher See und manchen Prüfungen des Herzens kehrt er nach Kalifornien zurück, um mit seinem Degen Gerechtigkeit für all jene einzufordern, deren Kampfesmut schon gebrochen scheint.
In „Inés meines Herzens“ (2007; Inés del alma mía, 2006) verleiht Isabel Allende der historischen Gestalt der Inés Suárez Gestalt und Stimme. Als junge Frau verlässt Inés Suárez im 16. Jahrhundert ihre Heimat Spanien, um auf dem südamerikanischen Kontinent nach ihrem verschollenen Ehemann zu suchen. Ihn findet sie nicht mehr lebend finden, dafür aber ihre große Liebe, den Feldherrn Pedro de Valdivia. Gemeinsam brechen sie zur Eroberung Chiles auf. Sie gründen die Stadt Santiago, die sie in erbitterten Kämpfen verteidigen. Doch Pedros kriegerischer Ehrgeiz und der Wunsch von Inés Bleibendes zu schaffen, führen die Liebenden schließlich auf getrennte Wege. Inés wird Pedro überleben und ein neues Kapitel ihres Lebens aufschlagen. Isabel Allende erzählt von Liebe, Verlust und  Treue.
In „Die Insel unter dem Meer“ (2010);La isla bajo el mar, 2009) führt Isabel Allende von den Zuckerrohrplantagen auf Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, in das pulsierende New Orleans des frühen 19. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund der historischen Sklavenaufstände in der Karibik schildert sie das Schicksal der Mulattin Zarité, die als junges Mädchen an einen weißen Plantagenbesitzer verkauft wird. Durch persönliche Bande an die Familie ihres Herrn gekettet, riskiert Zarité alles, um ihre Freiheit zu erlangen.
Maya Vidal wächst in „Mayas Tagebuch“ (2012; El cuaderno de Maya, 2011) bei ihren Großeltern in Berkeley auf. Als sie sechzehn ist, stirbt ihr Großvater und ihre Großmutter stürzt in eine tiefe Depression. Bis dahin war Maya ein behütetes Kind und gut in der Schule. In ihrer Trauer gerät sie in verhängnisvolle Kreise, nimmt Drogen und wird straffällig. Nun ist sie auf der Flucht vor ihrem trostlosen Leben in Las Vegas, der Polizei und einer brutalen Verbrecherbande. Mit Hilfe ihrer chilenischen Großmutter gelangt sie auf eine abgelegene Insel im Süden Chiles. Sie wohnt bei Manuel, einem kauzigen Anthropologen und Freund der Familie. Nach und nach kommt sie Manuel und den Geheimnissen ihrer Familie auf die Spur, die mit der jüngeren Geschichte des Landes eng verbunden sind. Doch als plötzlich Gestalten aus ihrem früheren Leben auftauchen, gerät alles ins Wanken.
Die Protagonistin Amanda wächst in „Amandas Suche“ (2014; El juego de Ripper, 2014) in San Francisco auf. Ihre Mutter Indiana, eine alleinstehende Frau, führt eine Praxis für Reiki und Aromatherapie. Der Vater Bob Martin ist Chef des Polizeidezernats von San Francisco und ermittelt in einer grausamen Mordserie. Die siebzehnjährige Amanda, die ein katholisches Internat besucht, ist lebensklug, eigensinnig und wenig kommunikativ. Sie flüchtet in die Welt der Social Media. „Jack the Ripper“, der Killer der britischen Geschichte, wird Namensgeber einer krimibesessenen Gruppe Jugendlicher unter Leitung von Amanda. Im Dunstkreis von Amandas attraktiver Mutter tummeln sich skurrile Figuren: der drogensüchtige brasilianische Maler Matheus Pereira, der feinsinnigen Bourgeois Alan Keller, der Kellner Danny, die krebskranke Carol Underwater. Der ehemalige Elitesoldat Ryan Miller spielt eine zentrale Rolle. Er hat ein Bein verloren, aber Kopf und Herz noch an der richtigen Stelle. Isabel Allende konstruiert ein schillerndes Szenarium. Die Fernsehastrologin Celeste Roko hat eine Mordserie in San Francisco  vorausgesagt. Der Hausmeister einer Schule wird mit einem in seinem Gesäß gerammten Baseballschläger aufgefunden. Es geschehen weitere Morde an Personen zwischen denen zuerst kein Zusammenhang erkennbar ist. Auf eigene Faust beginnt Amanda Nachforschungen dazu anzustellen. Unterstützt wird sie von ihrem Großvater und einigen Internetfreunden. Als Indiana spurlos verschwindet, wird aus dem Zeitvertreib bitterer Ernst. Amanda muss über sich hinauswachsen, um die eigene Mutter zu retten. Dass sich Isabel Allende in dem Genre des Kriminalromans versuchte, geschah 2011 auf Initiative ihrer Agentin Carmen Balcells. „Ich beschloss, dass ich das Genre mit Humor und Distanz angehen werde und dass ich mich ein wenig über das Genre lustig mache“, so Isabel Allende.
2015 trennt sie sich von ihrem Ehemann William Gordon. „Ich erlebe noch einmal einen Neuanfang. Ich sehe die Scheidung als Teil meines Trainings für das  Älterwerden. Ich habe einen Sohn und eine Schwiegertochter, die in der Nähe wohnen“, so Isabel Allende.
Im Mittelpunkt des Romans „Der japanische Liebhaber“ (2015; El amante japonés, 2015) stehen Alma Belasco, ihr mysteriöser Liebhaber Ichimei Fukuda und eine junge Moldawierin namens Irina Bazili. Die Handlung spielt in einer Seniorenresidenz im kalifornischen San Francisco. Irina kümmert sich um Alma. Sie ist entschlossen das Geheimnis ihrer älteren Freundin zu lüften. Der Roman erzählt von gewissen tragischen Episoden, die der Zweite Weltkrieg über Europa gebracht hat und vom Schicksal einiger Japaner in den USA nach dem Angriff auf Pearl Harbor und vertieft sich auch in die Vergangenheit dieser drei Personen. Isabel Allende erzählt von Freundschaft und der unentrinnbaren Kraft einer lebenslangen Liebe.
Isabel Allende hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. In Chile wird ihr der „Gabriela-Mistral-Preis“, die höchste kulturelle Auszeichnung Chiles, vom Präsidenten Patricio Aylwin verliehen. Sie wird mit „Chiles Nationalpreis“ ausgezeichnet und in die „Chilenische Akademie der Sprache“ aufgenommen. 2014 wird ihr von Präsident Barack Obama die „Presidential Medal of Freedom“, eine der beiden höchsten zivilen Würdigungen der USA, verliehen.
Ihre Werke haben sich millionenfach verkauft, sie zieht ein weltweites, millionenstarkes Lesepublikum immer wieder in den Bann, zumeist mit starken Frauenfiguren oder mit an der eigenen bewegten Vita angelehnten Familiengeschichten. Für ihre Figuren gab oder gibt es immer irgendein Vorbild im Allende-Clan. In der Allende-Literatur finden sich viele schillernden Gestalten: die einen esoterisch begabt, die anderen skurril, manche schöngeistig, andere politikbegabt, weichherzig, aber auch ehern und stur. „Wer eine Familie wie die meine hat, der braucht keine Phantasie“. Isabel Allende bleibt bei der Fiktion, weil sie mehr Freiheit bietet. „Bei Memoiren muss ich mich nicht nur an mein eigenes Leben halten, sondern es kommen weitere Personen dazu, Leute aus meiner Familie“. Durch ihre journalistische Tätigkeit setzt sie sich vor allem für die Frauenemanzipation und die Gleichberechtigung der Geschlechter ein und wird als sozialkritische und auch feministische Autorin bekannt. Früher wollte sie von Lateinamerika künden, von Leid und Unrecht, aber auch von Solidarität und Mut. Heute tritt sie für eine gerechtere Welt ein, in der Solidarität und Mitgefühl herrschen.
Unermüdlich widmet sie ihr Leben ihrer größten Leidenschaft dem Erzählen. Isabel Allendes Werk zeichnet sich durch ihren kraftvollen Ausdruck, ihre Phantasie, die Themenbreite ihrer Bücher, die politischen Inhalte, das soziale Engagement, die starke Präsenz der Liebe und ihren unerschütterlichen Humor aus. Sie ist mittlerweile eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Welt.

 

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