Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Connie Palmen - Liebe als Fiktion

Karin Berndl. Ein Porträt der niederländischen Autorin Connie Palmen

„...wenn ich Dich meine Liebe rufe, meine Liebe, rufe ich dann Dich oder meine Liebe? Ich weiß nicht, ob die Frage wohlgeformt ist, sie macht mir Furcht.“ (Benoît Peeters: Derrida. Eine Biographie)

Mein erstes Buch von Connie Palmen war auch ihr erstes: „Die Gesetze“. Damals Mitte zwanzig war ich sofort gebannt von Marie Deniets bedingungsloser und leidenschaftlicher Suche nach Liebe und Sinn.
Bei der wiederholten Lektüre des Textes für dieses Porträt erkannte ich, was die damalige Faszination für mich ausmachte: Die Offenheit und Unmittelbarkeit über Begegnungen und Beziehungen mit den unterschiedlichen Männern, ihrer Sehnsucht gepaart mit den Tücken adoleszentem Narzissmus zu schreiben, haben mich berührt und mir beim Lesen eine unmittelbare Identifikation ermöglicht.
Die großen Lebens- und Schreibthemen von Connie Palmen sind in „Die Gesetze“ alle versammelt: Liebe, Tod und Schreiben. Aber schreiben nicht alle AutorInnen irgendwie genau darüber?
Connie Palmen versucht in ihren Büchern, was sie an Harold Brodkey so bewundert: „eine gnadenlose, brillante, erbarmungslose Selbsterforschung". So ist in diesem Sinne ihre Marie Deniets genau eine solche Suchende, die hautnah über ihre Erfahrungen berichtet und sich selbst hemmungslos hinterfragt. Doch den Unterschied macht Palmens ganz eigene Fähigkeit diese zutiefst individuellen und persönlichen Erfahrungen zur Verfügung zu stellen und in einen universelleren Kontext zu bringen. Ja, das macht naturgemäß handwerklich gut gearbeitete Fiktion aus und darüber hinaus vor allem gute Literatur. Nicht nur emotional und existentiell, sondern geistreich und anregend sind ihre Texte, was wohl auch der ausgeprägten Differenzierungsfähigkeit der studierten Philosophin zuzusprechen ist. Denken und genaues Lesen hat sie gelernt.
Die 1955 geborene Connie Palmen stammt aus einer katholischen Arbeiterfamilie und der südlichsten Provinz der Niederlande: aus Limburg. Nach einer pädagogischen Ausbildung geht sie nach Amsterdam, um dort Niederländische Literatur und Philosophie zu studieren. Ihre Dissertation verfasst sie 1986 über Cees Nooteboom, der heute zu ihren Freunden zählt. Den Rest der biographischen Eckdaten können sich die Leserinnen und Leser aus ihren Büchern „phantasieren“.
Bereits mit „Die Gesetze, 1993 (ndl. De wetten, 1991)“ landet Palmen treffsicher in der überschaubaren, aber ansehnlichen niederländischen Gegenwartsliteratur. Innerhalb von zwei Monaten verkauft sich ihre Debüt mehr als siebzigtausend Mal.
In ihrem versammelt sie sieben Geschichten, die über sieben Beziehungen oder Lieben zu unterschiedlichen Männern erzählen. Am Beginn steht Maries Begegnung mit dem „Astrologen“, der in der Buchhandlung auftaucht, in der sie arbeitet. Er verpasst ihr ungefragt ihr Horoskop, das sie in ihrer Suche teilweise zu ihrem Schicksal auslegen und deuten wird.
In „Der Epileptiker“ begegnet sie Daniel, einem Kommilitonen, und erlebt, an ihm wie die Erschütterung einer Erkrankung, das Leben doch in zufriedene Bahnen führen kann.
Es folgen der Physiker und Philosoph und immer wieder Maries romantische Sehnsucht und Wunsch: „Er sollte mich auserwählen von allen anderen, mich herausheben, zu etwas Besonderem machen, mich aus der Menge herausziehen, in der ich mich befinde und die mir von dem Augenblick an, da ich ihn gesehen haben, nicht mehr genügt. (Die Gesetze)“
Schließlich wird ein Künstler ihr erstes Liebes-Waterloo: „Man muss einmal unsterblich verliebt gewesen sein, um mit dem Denken beginnen zu können. (Die Gesetze)“ und Foucaults „Ordnung der Dinge“ leitmotivisch sichtbar mit dem sich Marie in ihrer Dissertation beschäftigt. Der Priester, dem sie ihre Arbeit zu lesen geben wird, wird ihr schließlich folgendes sagen: „In Ihrer Arbeit benutzen Sie Foucault, um Ihre Gedanken weiterzuentwickeln und sich von ihm zu entfernen. Sie glauben, Sie kommen bei Nietzsche heraus, aber Sie landen bei Derrida. Wirklich, Sie müssen Ihn lesen. Sie werden verblüfft sein, wie viel Sie bei ihm erkennen und wiederfinden werden von dem, worum es im Grunde auch in Ihrer Definition geht, nämlich um ein besseres Verständnis des Schreibaktes.”
Als die nächste Beziehung scheitert, landet sie beim Psychiater, dem Palmen Marie monologisch aus ihrem Leben erzählen lässt: „Es ist, als hätte meine Leben, die Eigenschaft von Literatur. Es ist ihr so ähnlich. In der Literatur hat das kleinste Worte eine Bedeutung, und alles hängt mit allem zusammen, genau wie jetzt in meinem Leben.“
In diesem Schlusskapitel verdichtet sie noch einmal die Grundfragen, die ihre Marie beschäftigen, und zur Differenzierungsaufgabe ihres Schreibens werden: „Ich sehe tatsächlich nichts. Ich bringe alles durcheinander, ich vermische die Kategorien, Mann-Frau, Literatur-Wirklichkeit, Wahrheit-Lüge, und es gibt in mir nichts, was als Schiedsrichter auftreten und dem einen sagen könnte: Du bist nicht, was du zu sein scheinst, und dem anderen: Du bist es, du bist wahr, du bist, was du bist, und für dich entscheide ich mich. (Die Gesetze)“
Die Autorin dieses herausragenden tiefsinnigen und persönlichen Erstlings wird ihre Kunst in den darauffolgenden Büchern noch verfeinern und vertiefen, aber die nächsten Jahre werden folgenschwere Ereignisse und Aufgaben mit sich bringen, die ihr schriftstellerisches Konzept grundlegend prägen werden.

Während ihres ersten Fernsehauftritts nach der erfolgreichen Veröffentlichung ihres Debüts trifft sie auf den charismatischen und provokativen Journalisten Ischa Meijer. Eine große Liebesgeschichte beginnt während zu dieser Zeit auch ihr zweiter Roman „Die Freundschaft, 1996 (ndl. De vriendschap, 1995)“ entsteht, in dem sie der Frage nach Beziehung und Beziehungsfähigkeit, der Entwicklung von Liebe und Liebesfähigkeit nachgeht. Sie erzählt darin die ungewöhnliche Geschichte zweier grundverschiedener Mädchen. Catherina genannt „Kit“ und Barbara genannt „Ara“. Das erste was Kit zu Ara bei ihrer ersten Begegnung einfällt, ist: „Sie ist unpassend.“
Kit ein Mädchen aus wohlbehütetem Hause, aufgeweckt und klug und die ruhige, sanfte sehr korpulente Ara werden zu Freundinnen.
Drei Lebensphasen werden aus der Perspektive von Kit erzählt. Die Kindheit und Jugend, Erwachsenwerden und Erwachsensein. Palmen betitelt die drei Abschnitte „Wörter und Dinge (nach Foucault „les mots et les choses“, „Essen und Trinken“ und „Arbeit und Liebe“. Zwischen die Unterschiedlichkeit der beiden Mädchen und späteren Frauen spannt Palmen die Geschichte dieser Annäherung und Auseinandersetzung zwischen Bewunderung und Verweigerung, Distanz und Nähe, Selbstliebe und Selbsthass. Während Kit sich in wechselnden Partnerschaften erprobt, hat Ara kaum Beziehungen. „Wir haben ein tierisches Verlangen nach Autonomie, aber wenn man wie ein Mensch leben will, trägt man zwangsläufig den Wunsch nach Bindung und Bedeutung in sich. Es ist der Wunsch menschlich zu sein. (Die Freundschaft)“
In der Entstehungszeit des Romans lebt die Autorin ihre intensive und komplizierte Beziehung zu dem vom Leben und seiner Geschichte beschädigten Ischa Meijer, die sich auch mit der Frage nach den kompensatorischen Motiven und gleichzeitig selbstschädigenden Ausmaßen von Süchten auseinandersetzt. „Alle Süchte sind Versuche, die Sehnsucht nach Freundschaft aus eigener Kraft zu stillen, das heißt ohne dabei von jemand anders abhängig zu sein. Sucht ist Hunger nach Sinn, jedoch ohne dafür die Rolle im Drama der Abhängigkeit von einem anderen lebenden Wesen übernehmen und unter der schrecklichen Angst leiden zu müssen, dass diese Verbindung gelöst werden könnte. (Die Freundschaft)“
Während Ara hemmungslos isst, versucht Kit ihren Geist und ihre Angst mit Alkohol zu besänftigen. Palmen findet für ihre Frauen-Figuren auf die grundlegenden Fragen nach Sinn und der Angst vor der Einsamkeit der individuellen Existenz tröstliche Antworten, indem sie Kit am Ende des dritten Teils einen (Liebes-)Brief an Ara schreiben lässt: „Manche – die menschlichsten – Dinge spielen sich nur zwischen Menschen ab, nicht innerhalb eines Menschen. Liebe, Respekt, Bewunderung, Bedeutung haben nur in einem Zwischenraum Platz, in dem unsichtbaren Etwas, das durch eine Verbindung geschaffen wird. Anderswo gibt es sie nicht. (Die Freundschaft)“ Für ihren zweiten Roman erhielt sie auch den niederländischen AKO Literatuurprijs.

„Arbeit und Liebe überschneiden sich. Mein Buch und dieser Mann erscheinen praktisch zugleich, und ich kann sie beim besten Willen nicht voneinander losgelöst sehen, ich kann nicht mehr ausmachen, was mein Leben denn nun am meisten verändert hat. (I.M.)“

Diese Begegnung hat das Leben dieser beiden Menschen grundlegend verändert und geprägt. Vier Jahre der Gemeinsamkeit zwischen Arbeit und Buchstabieren von Liebe und das Ringen um die Beziehung. Bis der plötzliche Herzinfarkt-Tod Ischas die Liebenden trennt.
In I. M. Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam, 1999; (ndl. I.M. Ischa Meijer – In Margine, In Memoriam, 1998) versucht die „Zurückgebliebene“ diese intensive und ungewöhnliche Beziehung in eine Liebesgeschichte zu wandeln.
Nach der Talkshow bei der sie sich kennenlernen, bittet er sie um eine Widmung. Sie schreibt: „»Für Ischa, den ich kennenlernen musste, das wusste ich«, schreibe ich.“ Ischa ist Journalist und für seine Fernsehsendung und Kolumnen bekannt. Connie Palmen ist gerade eine gefragte und aufstrebende Schriftstellerin. Ischa ist ein impulsiver Mensch, ein Verführer, der von seiner Vorstellung von Liebe, Essen und Trinken nicht genug kriegen kann. „Tas hat irgendwann einmal zu ihm gesagt, es habe den Anschein, als könne er Hunger und Liebe nicht auseinanderhalten. (I.M.)“
Ischa ist ein Nachgeborener, er hat sich mit seiner jüdischen Familie weitgehen überworfen, sein Vater ist KZ-Überlebender und es wird angedeutet, dass er die traumatischen Erlebnisse des Vaters am eigenen Leib erfahren hat. Connie Palmen hingegen stammt aus einer weitgehend funktionierenden und katholischen Familie.
Der Text beschreibt die Geschichte dieses ungleichen Paares als „Road-Novel“ wie Palmen es nennt. In der gemeinsamen Zeit unternehmen sie mehrwöchige Reisen in die USA. Sie besuchen New York, Las Vegas, das Death Valley oder die Universal Studios, Cannery Roy (die Straße der Ölsardinen) und Elvis Presleys Graceland ist auch unter Fixpunkten.
Während sie bereits an „Die Freundschaft“ arbeitet, schreibt er an seinen Kolumnen „Der Dicke Mann“, in der sie nicht selten gemeinsam Erlebtes und auch Vorgedachtes zu lesen bekommt.
Fiktion steht für Palmen nicht im Gegensatz zu Wirklichkeit oder Wahrheit, vielmehr geht es ihr darum wie weit man Fiktion in seinem Leben zulässt.
„Wer schreibt, hört für eine Weile auf sich selbst Gewalt anzutun, zu leugnen, zu lügen, zu verschleiern und sich zu verstellen, hört mit all dem auf, wozu er sich gezwungen sieht, sobald die Angst zuschlägt, was ein anderer mit ihm machen könnte. (I.M.)“
Bei Palmen wird das Schreiben lebensrettend. In der „Erfindung“ der gemeinsamen Geschichte kommt sie ins Leben zurück. „In memoriam“ der dritte Teil des Buches nimmt einen verhältnismäßig kleinen Raum ein.
„Schreiben wird aus Schweigen, Angst, Verlegenheit und einer möglicherweise übermäßig ausgeprägten Abneigung gegen Unechtheit, vor allem die eigene Unechtheit, geboren. Fiktion entspringt dem Verlangen nach Wahrheit. (I.M.)“
Es ist fast wie eine Vorahnung zu lesen, dass Sterben und die Verlust sowie die Frage des Überlebens und Erinnerns maßgeblich das nächste Jahrzehnt ihres Lebens prägen werden. Das Schreiben und die Literatur werden dabei eine lebenserhaltende Rolle spielen.
„Die Erbschaft, 2001; (ndl. De erfenis, 1999)“ ist eine kleinere Arbeit, die aber 1999 breite Veröffentlichung als Gratismitgabe zur niederländischen Buchwoche finden sollte.
An Muskelschwund, medizinisch amyothrophe Lateralsklerose, erkrankt die sich in der Mitte des Lebens befindliche Schriftstellerin Lotte Inden. Eine Krankheit des zentralen Nervensystems, die nicht aufzuhalten ist. Die erfolgreiche Schriftstellerin trifft daher eine alsbald zwei Menschenleben stark veränderte Entscheidung. Sie engagiert einen Privatsekretär, der sie bis zu ihrem Lebensende begleiten soll und auch wird. Max Petzler ist ein dreißigjähriger Lektor, den sie bei ihrem Verlag das erste Mal begegnet ist. Er ist sanft und klug und von seinem letzten Partner schwer enttäuscht worden. Eine Aufgabe in Form von Selbstaufgabe ist ihm nicht unbekannt und eine willkommene Veränderung. Er ordnet, archiviert das Schriftsteller-Leben, redigiert, schreibt, hilft im Alltag und hört zu während Inden noch an einem Roman arbeitet, indem sich auch ihre große Liebe, der verstorbene Krimiautor Tobias Tallicz widerfindet. Später wird der junge Sekretär auch im Haus der Dichterin in der Bretagne krankenpflegerische Aufgaben übernehmen. Doch Inden stirbt nicht an einer Folge der Erkrankung, sondern an einem „gelähmten Herzen“, nachdem sie mit Max auch noch zum letzten Mal körperlich verschmelzen durfte. Es erinnert stark an die letzte Liebe einer Marguerite Duras oder auch an das Leben einer Jane Bowles, die sich als Referenzen im Text finden.
„»Jeder Kopf ist ein Archiv, und jeder Körper birgt Erinnerungen«, diktiert sie dann ohne merkliches Stocken.“ „Die Erbschaft“ liest sich wie eine Form von Zwischenbilanz der Schriftstellerin Palmen. Es ist ein Philosophieren über das Schreiben, Literatur und Literaturkritik. In Indens Bibliothek führen die sterbende Schriftstellerin und der junge Sekretär lange Gespräche darüber. Ehe sie stirbt sagt sie zu ihrem Gefährten: „»Ich warte im Buch auf dich«, war das letzte, was sie zu mir gesagt hatte. An jenem Abend bin ich, als alle Gäste unser Haus verlassen hatten, in ihr Erbgut eingetaucht, um sie wiederzutreffen. Und ich wusste genau, wo sie war." Sie wird im Gedanken und in ihren Werken weiterleben. Das Buch ist ein Plädoyer für das Erinnern und Bewahren und für die große, heilende Kraft der Literatur.

„Das Verführerischste am Verführer ist, dass du dir sicher sein kannst, ihn eines Tages los zu sein, weil er dich nicht besitzen will“; sagte ich. „Und weil du niemandes Besitz zu sein wagst, fühlst du dich zu Verführern hingezogen.“ (Ganz der Ihre)

Im Mittelpunkt von „Ganz der Ihre, 2004; (ndl. Geheel de uwe, 2002)“ steht Salomon Schwartz, von Freunden kurz „Mon" genannt. Er trägt zwar den hebräischen Namen des „Friedfertigen" ist aber ein umtriebiger Verführer. Er verdient sein Geld als Journalist und Kolumnist in Amsterdam und versüßt sich sein Leben mit schönen Frauen, koste es emotional was es wolle. Optisch nicht gerade den Vorstellungen von einem stattlichen Don Juan entsprechend misst er 1,60 Meter und hinkt. Aus den Erzählungen von fünf Frauen, die diesen Mann auf ihrer Art und Weise geliebt haben, einer Psychiaterin, einer Prostituierten, einer Schauspielerin, einer Nonne und seiner Biographien entwirft Palmen das Bild eines Mannes, der nicht von ungefähr an den verstorbenen Geliebten der Autorin erinnert. Palmen behauptet über den Roman: „Es ist mein am stärksten erfundenes Buch bis jetzt".
Doch Fiktion und Wirklichkeit sind und waren bei Palmen ja nie konkurrierende Kategorien. Palmen zeichnet auch das Bild einer Generation von Männern, der nach und im Krieg Geborenen und von unabhängigen Frauen, die in der Beziehung zu diesem Mann viel über die eigenen Neurosen und Unzulänglichkeiten zwischen Symbiotische Verschmelzungswünschen und Unabhängigkeit herausfinden.

Die Vorstellung von Idealbildern und der eigenen Identität beschäftigen Palmen auch in ihrer darauffolgenden Veröffentlichung: „Wer es nicht schafft, in diesem Spiel der Identitäten mitzuspielen, wird zum Fanatiker, der nur noch an eine Wahrheit glaubt - sei es die eines Gottes oder die der Beatles. Wenn das Idol nicht mehr dieser selbst gewählten Wahrheit entspricht, wird es ermordet.“, so eine Kernaussage aus ihrem essayistischen Text „Idole und ihre Mörder, 2005“, der sich auch wie eine Vorstudie zu ihrem nachfolgenden Roman „Luzifer“ liest. Sie geht darin der Frage nach, was den Morden an John F. Kennedy, John Lennon, Pim Fortuyn oder Gianni Versace gemein ist. Palmen selbst wurde von einem Fan aufgesucht, der sich in ihren ersten Roman und das Autorinnenfoto verliebt hat und vorhatte, sie aus Liebe zu ermorden. In der Vielzahl an Möglichkeiten gibt es wenig Verlass auf Eindeutigkeiten. Gesellschaft ist zu einem Spielfeld der Identitäten und unzähligen Möglichkeiten geworden.

In einem Interview mit Birgit Warnhold (Deutschland Radio)
sagt Palmen „Der Mörder macht aus Fantasie Wirklichkeit, und der Schriftsteller macht aus Wirklichkeit Fantasie." Genau dies ist ihr in nächsten Roman „Luzifer, 2008; (ndl. Lucifer, 2007)“ bravourös gelungen. Die Kritik teilte diese Meinung nur bedingt.
Diese tiefe menschliche Sehnsucht nach Eindeutigkeit, Wahrheit und Idealzuständen vertieft und denkt sie in ihrem Roman bis ins Detail weiter.
Zugrunde liegt ihrer Geschichte eine wahre Begebenheit der 1980er Jahre.
1981 ist Marina Schapers, eine Bekanntheit der Amsterdamer Kulturszene, im Alter von dreiundvierzig Jahren auf einer Griechischen Insel, wo sie mit ihrem Mann, dem Komponisten Peter Schat (1935 bis 2003) Urlaub machte, von der Terrasse des Ferienhauses in den Tod gestürzt. Unfall? Mord? Selbstmord? Palmen hat diese Geschichte zum Ausgangspunkt genommen und sich für ihr „Luzifer-Konzept“, wie sie es nennt, auch eingehend mit dem Werk des zeitgenössischen Komponisten beschäftigt.
„Es gibt eine Erzählung, die der Wirklichkeit vorausgeht", schreibt Connie Palmen. Die einen nennen es Schicksal, die anderen Auftrag der Eltern, ein geheimer Plan, ein Ruf, dem es zu folgen gilt. Titelgebend ist „Lucifer“ eine Tragödie des niederländischen Dichters Jost van den Vondel aus dem 17. Jahrhundert. Doch wer ist Luzifer? Der Lichtbringer, der Botschafter zwischen den Göttern, der plötzlich aus dem Himmel in die Hölle stürzte. Lucas Loos ist irgendwie Luzifer, ein Begabter und Getriebener, der in den 1970er Jahren das Musiktheater maßgeblich verändern möchte, seine Homosexualität geheim lebt und mit der bezaubernden und verzaubernden Clara verheiratet ist, die ihn bewundert und duldet. Beide sind geheimnisvolle und glänzende Sterne in der Amsterdamer Künstlerwelt, aber auch Clara ist in gewisser Weise Luzifer. In ihrer Todesanzeige steht: Ein Engel ist gefallen! Fünfundzwanzig Jahre nach den Ereignissen begibt sich in Palmens dichten Roman eine Autorin auf die Spur der Geschichte dieses Paares, aber vor allem die der unter mysteriösen Umständen um Lebens gekommenen Clara, deren Magie immer noch zu wirken scheint. Sie befragt Weggefährtinnen und ehemalige Mitbewohner, einen Musikjournalist, die beste Freundin. Nächtelanges Feiern, Alkoholexzesse, Claras Faszination und ungelebtes Talent kommen zutage und werfen die Frage auf, wie weit Claras destruktive Seite gewirkt haben könnte. Gleichzeitig sagt Lucas Loos’ Freund und Biograph, dass dieser die Erfahrung der Trauer gesucht hat, um ein Requiem schreiben. Wie weit würde ein Künstler für sein Werk gehen? Doch wenn Palmen die vielen Menschen aus dem Umfeld über das Paar reden lässt, sprechen sie meist über sich und ihre Pläne, unerfüllten Wünsche und Phantasien.
Diesen Grat zwischen Wirklichkeit und Fiktion und die Vielzahl an existierenden Realitäten lotet Palmen immer wieder auf’s neue aus. Das Buch wurde sehr kontroversiell aufgenommen, sodass Palmen in der März-Ausgabe des Kulturmagazins „Du“ gegen die Vorwürfe behauptet: „Ich tue nichts, was im Roman Lucas Loos und im wirklichen Leben Peter Schat nicht auch getan haben: nach Inspirationen bei einer real existierenden Person und ihren Schöpfungen suchen und ein fiktionales Werk schreiben – etwas erschaffen, das es zuvor nicht gegeben hat.“

„Falling apart, dieser englische Ausdruck für das Zusammenbrechen, für einen Zustand des Wahnsinns, trifft den Kern dessen, was geschieht, wenn ein geliebter Mensch stirbt: Es ist ein Sturz ins Abgespaltensein.“ Palmen wollte mit einem Roman zum Thema „Judas“ beginnen als im März 2010 ihr zweiter Mann stirbt.
Connie Palmen trifft den ehemaligen niederländischen Außenminister Hans van Mierlo bei ihrem Kollegen und Freund Cees Nooteboom zum ersten Mal. Sie hat gerade „I.M.“ veröffentlicht, wo sie den plötzlichen Tod und die intensive Beziehung zu Ischa Meijer verarbeitet. Die beiden verlieben sich auf der Stelle ineinander. Elf Jahre und elf Tage nach ihrer ersten Begegnung heiraten sie am 11.11.2009. Vier Monate später kommt ihr zweiter Ehemann wegen akutem Multiorganversagens ins Krankenhaus, das er nicht mehr verlassen wird. Er stirbt im März 2010.
Achtundvierzig Tage nach seinem Tod beginnt sie mit den ersten Notizen zu „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres, 2013“. Es wird zu einer Suchbewegung mit dem Schmerz und dem Verlust schreibend umzugehen. Sie navigiert sich durch dieses Jahr, das noch weitere schmerzliche Verluste mit sich bringen wird. Kurz nach ihrem zweiten Mann stirbt dessen Schwester, dann Palmens Graphiker, bald darauf Harry Mulisch. Schließlich auch noch nach langem Kampf van Mierlos Tochter Marie, die Palmen zu einer Freundin geworden ist. Sie liest begleitend Texte, die ebenfalls versuchen, das schwer Fassbare sprachlich greifbar zu machen wie Roland Barthes „Tagebuch der Trauer“, Anne Philipes „Nur einen Seufzer lang versuchen.“ oder Joyce Carol Oates.
„Die Sprache und die Wirklichkeit sind Minenfelder. Es ist nicht vorherzusehen, welches Wort oder Objekt eine Explosion auslösen und mich in umherfliegende Bild- und Satzscherben katapultieren wird, winzige Filmfragmente, achtlos mit der Gedächtniskamera aufgenommen.(Logbuch eines unbarmherzigen Jahres)“
Palmen versucht sich ein zweites Mal wieder neu zusammen zu setzen. Es ist ein Band geworden mit Aufzeichnungen innerer Zustände und essayistischen Erkundungen zu Trauer und Tod. Ein zweites Mal wird sie um ihre „Fähigkeit zum Schmerz“ geprüft. Verzweiflung, Scham und Selbstzerstörungswünsche werden thematisiert und sprachlich umkreist.
Das Leben und Schreiben hat sie inzwischen vieles gelehrt: „Man kann ein Log in den Strom des Kummers senken, dessen Geschwindigkeit messen, dessen Tiefe peilen (Logbuch eines unbarmherzigen Jahres)."
Palmen gelingt es auf der Höhe ihrer schriftstellerischen Kunst diese Abstraktionsgrad zu schaffen und das eigene Erleben in einen größeren Zusammenhang zu stellen: selbstreflexiv, lebensklug und nachdenklich.
„I.M. legte ich als Roman über das Schreiben an, über die Transformation der Wirklichkeit in Fiktion und darüber, dass sich die Wirklichkeit seit jeher am Rand von Texten, von Fiktion aufhält.“ (Logbuch eines unbarmherzigen Jahres)
Palmen kämpft sich ins Leben zurück und setzt ihr Schreibprojekt fort und beginnt ihr „Judas“-Projekt zu realisieren.

Als sie Ted Hughes Vorwort zu Sylvia Plaths Tagebüchern liest, kommt ihr die Idee: „Und ich lese den ersten Satz und ich denke - das ist es! Ich werde als Hughes versuchen, das alles zu begreifen: den Verrat, den Verrat des Schreibens, das Verratenwerden durch Freunde, in dem Moment, als die Biografien erscheinen. Hughes wurde meine Perspektive. (NDR, 30.08.2016)" „Du sagst es, 2016; (ndl. Jij zegt het, 2015)“ ist vor einigen Monaten nun auch auf Deutsch erschienen.

„Für die meisten Menschen existieren wir, meine Braut und ich, nur in Büchern. In den vergangenen 35 Jahren habe ich mit ohnmächtigem Grauen zusehen müssen, wie unser wahres Leben unter einer Schlammlawine aus apokryphen Geschichten, falschen Zeugnissen, Gerüchten, Erfindungen, Mythen verschüttet wurde, wie man unsere wahren, komplexen Persönlichkeiten durch klischeehafte Figuren ersetzt, zu simplen Images verengt, für ein sensationslüsternes Leserpublikum zurechtgestutzt hat. Und da war sie die zerbrechliche Heilige und ich der brutale Verräter. Ich habe geschwiegen. Bis jetzt."

Palmen erzählt die medial aufgeladene Beziehung zwischen dem Schriftsteller Ted Hughes und der Schriftstellerin Sylvia Plath aus der Sicht des Mannes. Es ist eine leidenschaftliche, inspirierende, aber gleichzeitig schon in der Dramatik der ersten Begegnung ihr tragisches Ende bergende Liebesgeschichte. Plath beißt dem zukünftigen Geliebten bei der ersten Begegnung auf einer Studentenparty in die Wange. Palmens Hughes spricht von: „Wir erbeuteten einander.“ Plath schreibt damals in ihr Tagebuch über den ersten Kuss und ersten Biss: „Und innerlich schrie ich und dachte: Ach, dir geb ich mich zerberstend, im Kampf.“ Die Beziehung zwischen der jungen Amerikanerin und dem erdigen Iren ist von Beginn ein solcher. Vier Monate nach ihrer ersten Begegnung heiraten sie. Die sieben intensiven Jahre dieser Ehe sind gezeichnet von Intensität, Schaffensdrang, finanziellen Nöten, Zweifeln und überbordenden Gefühlen. Plaths ständiger Begleiter war ihre depressive Erkrankung. Bevor sie Hughes traf, hat sie bereits einen ernsthaften Selbstmordversuch unternommen. Die Rigidität der Mutter und der frühe Verlust des Vaters waren für sie weitere Erschwernisse bei dem Versuch ihre Vorstellung eines Dichterinnenlebens zu verwirklichen. Zwei Kinder werden das Paar bekommen, bevor Plath kurz nach der Trennung von Hughes am 11. Februar 1963 in ihrer Londoner Wohnung den Gashahn aufdreht. Vier Wochen zuvor ist ihr erster und einziger Roman „Die Glasglocke" erschienen. Sie wird posthum zur Ikone des Londoner Literaturbetriebs und zu einem wichtigen Etikett der Frauenbewegung und Ted Hughes deren bevorzugtes Feindbild. Noch dazu hat Hughes in Assia Wevill seine „Lilith“ gefunden wie es Palmen beschreibt. Viele Jahre waren sie und deren Mann mit dem damaligen Paar befreundet, bevor Hughes die Initiative zur Beziehung ergriff. Wevill wird mit der gemeinsamen Tochter wenige Jahre später ebenfalls dieselbe Art des Freitodes wählen wie Plath einige Jahre zuvor. Hughes forcierte posthum die Herausgabe von Sylvia Plaths Werken – auch der „Ariel“-Gedichte, auch wenn er diese nicht als die gelungensten sah. Dass Hughes Jahre lang mit den Stimmungsschwankungen seiner Frau zu leben versuchte, ihre manischen Phasen ebenso wie mit der schwelenden Todessehnsucht arbeitet Palmen in ihrem Roman heraus. Angelehnt an die 88 Gedichte des Bandes „Birthday Letters" des 1998 verstorbenen Lyrikers erarbeitet sie ein glaubhaftes Bild eines Mannes und vor allem eines Paares, das trotz aller Widerstände einen Liebesversuch unternahm, der nicht gelingen konnte.
Nach den ersten vierzig Seiten des Romans verselbständigen sich die Fakten um die realen Personen und wandeln sich zu einer leidenschaftlichen und zerstörerischen Liebesgeschichte – Fiktion im besten Palmenschen Sinne.
„Es gibt viele Gründe, warum jemand Schriftsteller wird. Aber der allererste Grund ist ein schon sehr früh entstandenes Gefühl von Einsamkeit, der Einsamkeit des Denkens. Schon mit fünf oder sechs Jahren spürt man, dass man anders denkt. Und man weiß: Später werde ich erzählen, was ich fühle.“
In diesem Sinne hoffen wir, dass sie fortschreibt – nah am Leben ergreifende Literatur.


 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur