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Bücherschau

Bertolt Brecht - Meister des Widerspruchs

Robert Leiner. Ein Porträt Bertolt Brecht, der vor 60 Jahren am 14. August 1956 in Ost-Berlin, verstarb

An Büchern zu Bertolt Brecht, auch kritischen, herrscht kein Mangel. Brecht war kein Parteikommunist, verhielt sich aber durchaus so. 1948 aus dem Exil heimgekehrt, in die sowjetisch besetzte Zone nach Ostberlin gereist, wird er die DDR (als Inhaber eines österreichischen Reisepasses) nicht mehr verlassen. Er lässt sich ein Theater schenken in einem Staat, der auf die Gefolgschaft einer vielfach privilegierten Künstler-Elite angewiesen war und revolutioniert die Aufführungspraxis vor allem der eigenen Stücke. Widerworte gegen das bornierte SED-Regime lässt er klammheimlich in der Schreibtischschublade verschwinden.
Brecht, so rekapituliert es etwa Uwe Kolbe in seinem anregenden Essay („Brecht“, 2016, S. Fischer), hat seine Wahl ein für alle Mal getroffen. Der ehemals halbstarke Bänkelsänger aus Augsburg begegnet dem Kapitalismus auch in der geläufigen Ausprägung der bürgerlichen Demokratie mit unversöhnlichem Hass. Den Stalin'schen Terror übergeht er. Sarkastische Anmerkungen über den "verdienten Massenmörder des Volkes" versteckt er vor den Verwaltern des Mangels im realen Sozialismus. Kolbe nennt es in seinem großen Brecht-Essay „das Aussetzen des kritischen Verstands vor den Trägern der kommunistischen und stalinistischen Doktrin. Was bei anderen Glaube an Ideale sein könnte, bei diesem Mann [Brecht] handelt es sich um erworbene Einsicht und kreatives Kalkül. Folgerichtig führten Fragen des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953 bei Brecht neben Ergebenheitsbekundungen an die Regierung der DDR hauptsächlich zu veröffentlichter Lyrik in Anlehnung an klassische chinesische Dichtung und sowjetische Bauvorhaben einerseits und zu unveröffentlichten Gedichten andererseits.“
Wenn viele seiner Zeitgenossen die Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion als eine der Partei oder einfach als eine von Verbrechern betrachteten und bezeichneten, waren sie Feinde für ihn, selbst wenn er alles selbst wusste und ebenso sehen konnte, was zu solchen Einsichten führte. In Brechts Welt stand Schwarz gegen Weiß, Arm gegen Reich, Klugheit gegen Dummheit. Die Freundlichkeit der Welt war ungleich verteilt. Der Kapitalismus als Summe der Ausbeutergesellschaft stand für ihn gegen die sowjetische Wirtschaftsform, die er einzig für zukunftsweisend hielt und dementsprechend idealisierte. Wer war dieser Meister der Widersprüche, der es offenbar bis an sein Lebensende schaffte, mit seinen scheinbar unverbrüchlichen Überzeugungen durchaus zu überzeugen?

Eugen Berthold Friedrich Brecht, wie er eigentlich hieß, wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren. Sein Vater Berthold Friedrich Brecht war Direktor der kaufmännischen Abteilung in einer Papierfabrik, seine Mutter Sophie stammte aus einer Beamtenfamilie. Sophie Brecht litt zeitlebens an Depressionen, hatte Brustkrebs und starb 1920. Im „Lied von meiner Mutter“ schreibt Brecht: „Ich erinnere mich ihres Gesichts nicht mehr, wie es war, als sie noch nicht Schmerzen hatte.“ Seit 1910 hatten die Brechts daher zusätzlich zum Dienstmädchen auch eine Hausdame. Nach dem Notabitur 1917 studierte er in München formal Medizin und Naturwissenschaften, besuchte  jedoch kaum Vorlesungen, sondern ging seinen literarischen Neigungen nach.
Schon früh begann er zu dichten. Nach ersten Veröffentlichungen von Gedichten und Prosatexten während des Ersten Weltkriegs („Augsburger Kriegsbriefe“) ließ er bald von der patriotischen Verklärung des Krieges ab. Seit 1916 entstanden bereits Gedichte, die er 1927 auch in die Sammlung „Bertolt Brechts Hauspostille“ aufnahm, zu denen er also auch später noch stand. Das erste von ihnen war das „Lied von der Eisenbahntruppe von Fort Donald“, zuerst erschienen im Juli 1916 und gezeichnet mit „Bert Brecht“. Hier nutzte Brecht zum ersten Mal die Namensform, unter der er bekannt wurde.
In den Kriegsjahren sammelte sich ein Kreis von Freunden um ihn, die zusammen Lieder schrieben und sangen und an Publikationen arbeiteten. Caspar Neher, den Brecht aus der Schule kannte, blieb bis zu Brechts Tod als Grafiker und vor allem Bühnenbildner ein enger Mitarbeiter; auch die Freundschaften zu Georg Pfanzelt (den Brecht in der Hauspostille als Orge verewigte) und Hanns Otto Münsterer erwiesen sich (mit Unterbrechungen) als dauerhaft. Gemeinsam mit seinen Freunden entwarf Brecht nicht nur die Texte, sondern auch die Melodien für Lieder und Gedichte und trug sie dann zur Gitarre vor. Hier zeigte sich schon die typische Charakteristika von Brechts Arbeitsweise: die kollektive Arbeit in einem Team, das jedoch eindeutig auf die Zentralfigur Brecht ausgerichtet ist, und die sehr enge Verbindung mit anderen Künsten mit Blick auf die Realisierung, insbesondere Grafik/Bühnenbild und Musik.
Während dieser Zeit hatte Brecht seine Liebesbeziehung zu Paula Banholzer aufrechterhalten, und im Januar 1919 stellte sich heraus, dass die 17-Jährige von ihm schwanger war. Banholzers Vater hielt nichts von einer Ehe mit dem erfolglosen Dichter und schickte sie aufs Land, wo sie am 30. Juli 1919 Frank Banholzer zur Welt brachte. Brecht hatte ein Drama („Spartakus“, später in „Trommeln in der Nacht“ umbenannt) fertiggestellt und suchte Lion Feuchtwanger auf, um ihm eine erste Fassung des Stücks zu zeigen. Der äußerte sich sehr positiv und wurde zu einem der wichtigsten und dauerhaftesten Förderer des jungen Brecht.
Der als Theaterkritiker tätige Brecht lernte die Sängerin Marianne Zoff kennen und begann mit ihr eine intensive Liebesbeziehung, ohne das Verhältnis mit Paula Banholzer zu beenden. Er verwickelte sich dabei in heftige Auseinandersetzungen mit Zoffs anderem Liebhaber. Sowohl Zoff als auch Banholzer wurden 1921 erneut von Brecht schwanger, doch Zoff hatte eine Fehlgeburt, Banholzer möglicherweise eine Abtreibung.
Im Jahr darauf wurde „Trommeln in der Nacht“ als sein erstes Stück in München uraufgeführt. Das Stück spielt im Jahr 1919 vor dem Hintergrund des Spartakusaufstandes. Anna Balickes Verlobter Andreas Kragler war Artillerist im Ersten Weltkrieg und wird seit vier Jahren vermisst. Nach langem Zögern willigt Anna, wie von ihren Eltern gewünscht, in die Verlobung mit dem Kriegsgewinnler Murk ein. Am Tag der Verlobung taucht plötzlich Kragler auf, der angibt, in Afrika in Kriegsgefangenschaft gewesen zu sein. Annas Eltern und Murk behandeln den Habenichts als Störenfried; auch Anna, die bereits von Murk schwanger ist, bittet Kragler zunächst zu gehen. Während dieser sich kurzzeitig den Aufständischen anschließt, verlässt Anna schließlich den Murk und gesteht Kragler ihre Schwangerschaft. Kragler entscheidet sich letztlich dagegen, sich an den Kämpfen zu beteiligen und für Anna. Seinen Platz unter den Kämpfern einzunehmen lehnt er ab mit den Worten: „Mein Fleisch soll im Rinnstein verwesen, dass eure Idee in den Himmel kommt? Seid ihr besoffen?“

Schon während der Proben von „Trommeln in der Nacht“ hatte sich herausgestellt, dass Marianne Zoff erneut schwanger war. Brecht, der ab Mitte Oktober 1922 eine Stelle als Dramaturg und Regisseur an den Münchner Kammerspielen innehatte, und Marianne Zoff heirateten am 3. November 1922 in München. Am 12. März 1923 kam die Tochter Hanne zur Welt (die nach ihrer Eheschließung den Namen Hanne Hiob annahm).
„Im Dickicht der Städte“ kam in einer von Brecht kurzfristig überarbeiteten Fassung unter dem Titel „Im Dickicht“ 1923 zur Premiere am Münchner Residenztheater. Für das Bühnenbild zeichnete erstmals Caspar Neher verantwortlich. Während Kritiker Lobeshymnen verfassten, störten Nazis bereits die zweite Vorstellung des Stücks mit Stinkbomben. Das Stück wurde nach sechs Vorstellungen „wegen des Widerstands im Publikum“ abgesetzt.
Bei der Premiere von „Trommeln in der Nacht“ in Berlin lernte er Helene Weigel kennen und fing mit ihr ein Verhältnis an. Im Frühling 1924 war Helene Weigel von Brecht schwanger. Ohne seiner Frau Marianne etwas davon oder überhaupt von dieser Affäre zu sagen, fuhr er mit Marianne und Hanne im April nach Capri in Urlaub. Er nutzte die Gelegenheit auch zu einer Stippvisite in Florenz, wo er sich mit Helene Weigel traf. Im Juni kehrte er zunächst nach Berlin zurück, um seine Geschäfte mit dem Kiepenheuer Verlag voranzubringen. Die Gedichtsammlung „Hauspostille“, die er dem Verlag seit zwei Jahren schuldete, redigierte er, schickte danach aber wiederum keinen fertigen Text, sondern hielt den Verlag weiter hin. Zwar war zu dieser Zeit noch die Rede davon, dass Marianne Brecht nach Berlin übersiedeln sollte (Kiepenheuer hatte schon begonnen, eine Wohnung für sie zu suchen) – Brecht hatte aber bereits mit Helene Weigel ein Abkommen getroffen, dass er ihre Mansardenwohnung in Berlin übernehmen könne. 1924 siedelte er endgültig nach Berlin über. Erst drei Jahre später ließ er sich von Marianne scheiden und heiratete 1929 Helene Weigel, die das zweite gemeinsame Kind Barbara am 18. Oktober 1930 zur Welt brachte.

In Berlin war er am Deutschen Theater als Dramaturg für Max Reinhardt tätig. Seine Hinwendung zum Marxismus (etwa seit 1926) beeinflusste zunehmend sein Werk. Es entstanden sogenannte Lehrstücke. Fortan verfolgte er mit seinen Werken politische Ziele, trat aber nie in die KPD ein. Brechts Marxismus-Rezeption wurde sowohl von undogmatischen und parteilosen Marxisten als auch von der offiziellen KPD-Linie beeinflusst. Parallel zur Entwicklung seines politischen Denkens verlief die Bildung seines epischen Theaters. Durch zahlreiche Theaterkritiken, die er in den letzten Jahren schrieb, begann seine Kritik am bürgerlichen deutschen Theater und der Schauspielkunst. Ein wichtiger theatertheoretischer Aufsatz sind seine Anmerkungen zur Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, die er 1930 gemeinsam mit Peter Suhrkamp verfasste. Die Zusammenarbeit mit Kurt Weill in mehreren musikdramatischen Werken war überdies für die Entstehung seines epischen Theaters wesentlich.
Brecht war jedoch nicht nur im Theater aktiv, sondern verfasste Gedichte, Lieder, Kurzgeschichten, Romane, Erzählungen sowie Hörspiele für den Rundfunk. Mit seinen Werken wollte er gesellschaftliche Strukturen durchschaubar machen, vor allem in Hinblick auf ihre Veränderbarkeit. Literarische Texte mussten für ihn einen „Gebrauchswert“ haben. Dies beschrieb er 1927 detailliert in seinem „Kurzen Bericht über 400 (vierhundert) junge Lyriker“.
1928 feierte Brecht mit seiner von Kurt Weill vertonten „Dreigroschenoper“ am Theater am Schiffbauerdamm einen der größten Theatererfolge der Weimarer Republik.. Damit führte er das von ihm konzipierte „epische Theater“ ein: Durch den Einsatz von Verfremdungseffekten soll die Identifikation des Zuschauers mit dem Geschehen auf der Bühne erschwert werden. Angestrebt wird stattdessen eine kritische Distanz.
Das Stück spielt in Soho, einem Stadtteil von London. Der Hinweis auf Krönungsfeierlichkeiten lässt als Zeit der Handlung das Jahr 1837 (Krönung der Königin Viktoria) annehmen. Im Mittelpunkt stehen der Konkurrenzkampf zweier krimineller und skrupelloser Geschäftemacher, des attraktiven und charmanten Macheath einer- und des gerissenen Peachum andererseits, und die Bloßstellung ihrer Doppelmoral.

Im selben Jahr lernte er Hanns Eisler kennen, der nun zum wichtigsten Komponisten seiner Stücke und Lieder wurde. Aus der Bekanntschaft erwuchsen eine enge Freundschaft und eine der wichtigsten Dichter-Musiker-Partnerschaften des 20. Jahrhunderts.
1929 heiratete Bertolt Brecht Helene Weigel. Die Uraufführung der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ endete – gestört von Anhängern der NSDAP – in einem Skandal. Ab 1930 störten Nationalsozialisten zunehmend vehement Brechts Aufführungen. Zu Beginn des Jahres 1933 wurde eine Aufführung von „Die Maßnahme“ durch die Polizei unterbrochen. Die Veranstalter wurden wegen Hochverrats angeklagt.
Am 28. Februar 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, verließ Brecht mit seiner Familie und Freunden Berlin und flüchtete ins Ausland. Seine ersten Exilstationen waren Prag, Wien, Zürich, im Frühsommer 1933 Carona und Paris. Auf Einladung der Schriftstellerin Karin Michaëlis reiste Helene Weigel mit den Kindern voraus nach Dänemark auf die kleine Insel Thurø bei Svendborg. Brecht stand im April 1933 auf der „Schwarzen Liste“; deshalb wurden seine Bücher am 10. Mai 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt und am Tag darauf seine gesamten Werke verboten. 1935 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

In Paris richtete Brecht 1933 die Agentur DAD ein, den sogenannten „Deutschen Autorendienst“. Dieser sollte emigrierten Schriftstellern, insbesondere seiner Co-Autorin und Geliebten Margarete Steffin, Publikationsmöglichkeiten vermitteln. Zusammen mit Kurt Weill erarbeitete Brecht sein erstes Exilstück, das Ballett „Die sieben Todsünden“, das im Juli 1933 in Paris uraufgeführt wurde. Kurz darauf erwarb Brecht ein Haus in Svendborg und verbrachte dort mit seiner Familie die nächsten fünf Jahre.
1938 entstand das „Leben des Galilei“, in dem er sich nun der Realisierung einer Thematik, die ihn schon lange umtrieb, nämlich der Verantwortung von Forschung und Wissenschaft, widmete. Das Stück macht deutlich, dass Wissenschaft und Forschung bei gesicherten und überprüfbaren Entdeckungen ihren Standpunkt vertreten sollten, auch wenn die Zeit dafür nicht immer reif ist. Außerdem wird die Frage aufgeworfen, welche Auswirkungen neue Ergebnisse für Gesellschaft, Religion und die Entwicklung der Menschheit haben. Das wird besonders durch die Überarbeitung deutlich, die Brecht unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki vornahm. Brecht bediente sich vor allem einer bildhaften und lebendigen Sprache, indem er offensichtliche und einfache Vergleiche für die Naturgesetze und Abläufe heranzog.
Außer Dramen schrieb Brecht auch Beiträge für mehrere Emigrantenzeitschriften in Prag, Paris und Amsterdam. Im Jahre 1939 verließ er Dänemark, lebte ein Jahr in einem Bauernhaus in Lidingö bei Stockholm und im April 1940 in Helsinki. Während des Sommeraufenthalts 1940 in Marlebäck, wohin die Familie von der finnischen Schriftstellerin Hella Wuolijoki eingeladen worden war, schrieb Brecht das Stück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“, das erst 1948 in Zürich uraufgeführt wurde.

Erst im Mai 1941 erhielt er sein Einreisevisum in die USA und machte sich mit seiner Familie via Moskau und Wladiwostok mit dem Schiff auf nach Santa Monica in Kalifornien. Er stellte sich vor, im Filmgeschäft als Drehbuchautor arbeiten zu können; doch dazu kam es zunächst durch seine Abneigung gegenüber den USA und seine Abkapselung nicht. Er hatte kaum Möglichkeiten zur literarischen oder politischen Arbeit und bezeichnete sich selbst angesichts des Desinteresses der US-Amerikaner als „Lehrer ohne Schüler“.
Das 1941 erschienene und 1943 erstmals aufgeführte Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ ist eines der bekanntesten Werke Bertolt Brechts und ein klassisches Beispiel des „epischen Theaters“. Er thematisiert darin den Konflikt von Moral und Überleben und den Versuch ethische Grundsätze allen Umstände zum Trotz aufrechterhalten zu wollen. Erzählt wird vom Schicksal der gutherzigen Shen Te in der chinesischen Provinz Sezuan, die auf Grund ihrer Lebenssituation gezwungen ist, in die Maskerade ihres skrupellosen Cousins Shui Ta’s zu schlüpfen. Das Stück besteht aus zehn Szenen sowie einem Vorspiel, einem Epilog und sieben Zwischenspielen.
Mit Charles Laughton, der später in Brechts einziger Theaterarbeit im amerikanischen Exil die Hauptrolle spielte, übersetzte er sein Stück „Leben des Galilei“, das im Juli 1947 am Coronet Theatre in Beverly Hills Premiere feierte.

Nach Kriegseintritt der USA musste sich Bertolt Brecht 1942 als „Enemy Alien“, als feindlicher Ausländer, registrieren lassen und wurde vom FBI überwacht. Unter dem Verdacht, Mitglied einer kommunistischen Partei zu sein, wurde er 1947 vom Ausschuss für unamerikanische Umtriebe befragt. Die Frage, ob er jemals Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen sei oder noch gegenwärtig sei, beantwortete Brecht mit „nein“ und ergänzte, er sei auch nicht Mitglied einer kommunistischen Partei in Deutschland. Einen Tag später reiste er nach Paris und kurz darauf nach Zürich. Dort hielt er sich ein Jahr auf, da die Schweiz das einzige Land war, für das er eine Aufenthaltserlaubnis erhielt; die Einreise nach Westdeutschland, in die amerikanische Besatzungszone, wurde ihm untersagt.
Als 1948 in der sowjetischen Besatzungszone dann mehrere Theater wiedereröffnet wurden und auch in Berlin das „Deutsche Theater“ und die Volksbühne die Arbeiten wieder aufnahmen, reiste Brecht im Oktober 1948 auf Einladung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands (später: Kulturbund der DDR) von Zürich über Prag nach Berlin. In Ost-Berlin angekommen, fand er schnell Kontakt zu maßgeblichen Künstlern und Funktionären. Obwohl er bei seinem Berlinaufenthalt keine weitreichenden Privilegien eingeräumt wurden, kam es doch zu Verhandlungen mit Verlegern. Nach einigem Zögern ordnete er seine Verlagsangelegenheiten.
Als wichtige Aufgabe empfand es Brecht, wieder im Theaterbetrieb Fuß zu fassen. Ein Angebot Wolfgang Langhoffs, am Deutschen Theater eigene Stücke zu inszenieren, nahm er sofort an. Zusammen mit Erich Engel inszenierte er das Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“. Es spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges im heutigen Schweden, Polen und in Deutschland. Begleitet wird die Figur der Anna Fierling, Mutter Courage genannt, die als Händlerin mit wechselnden Heerestruppen durch die Lande zieht. Der Krieg dient ihr als Einkommensquelle, fordert jedoch letzten Endes das Leben ihrer drei Kinder. Kernthemen aus anderen Werken Brechts aufgreifend, stellt das aus zwölf Szenen bestehende Drama die Frage nach Moral und Menschlichkeit in Zeiten großer Not.

Die Premiere am 11. Jänner 1949 war ein außerordentlicher Erfolg für Brecht, Engel und die Hauptdarstellerin Weigel, insbesondere aufgrund Brechts Theorie des epischen Theaters. In der Presse wurde die Inszenierung einerseits gelobt, andererseits zeichneten sich bereits spätere Konflikte mit den Kulturfunktionären ab. Begriffe wie „volksfremde Dekadenz?“, noch mit Fragezeichen versehen, tauchten in der Öffentlichkeit auf, offenbar in der Erwartung, dass die Formalismusdebatten der UdSSR unweigerlich auch den Kunst- und Kulturbetrieb der DDR erreichen würde.

Im Februar 1949 kehrte Brecht kurzzeitig nach Zürich zurück, um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, da Berlin nicht unmittelbar seine erste Wahl war. Die Genehmigung wurde jedoch abgelehnt. Auch war Brecht bemüht, für seine bevorstehende Arbeit in Berlin Schauspieler und Regisseure zu gewinnen. Gleichzeitig betrieb er umfangreiche Studien zur Geschichte der Pariser Kommune. Der Text des Stückes „Die Tage der Commune“ (eine Neubearbeitung von Nordahl Griegs „Die Niederlage“) lag im April 1949 fertig vor, allerdings war Brecht mit dem Erreichten unzufrieden und verschob die Inszenierung. Als er Zürich im Mai 1949 endgültig verließ, hatte er Verträge unter anderen mit Therese Giehse, Benno Besson und Teo Otto abgeschlossen. Am 12. Oktober 1950 erhielten Bertolt Brecht und Helene Weigel während ihrer Arbeiten für die Salzburger Festspiele die österreichische Staatsbürgerschaft, im gleichen Monat verstarb Brechts langjähriger Partner Kurt Weill in New York. Die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft war vor allem in Österreich auf große Kritik gestoßen, da Brecht nicht die Absicht hatte, aus der DDR nach Österreich überzusiedeln.
Während Brecht sich in der Schweiz aufhielt, hatte Helene Weigel alles Notwendige in die Wege geleitet, um ein eigenes Ensemble gründen zu können. Vom Beschluss des Politbüros der SED, ein „Helene-Weigel-Ensemble“ zu gründen, mit der Maßgabe, am 1. September 1949 den Spielbetrieb aufzunehmen, wurde am 29. April 1949 die zuständige staatliche Stelle informiert. Die Einsetzung Helene Weigels als Ensembleleiterin hatte für Brecht den Vorteil, dass er sich einerseits nicht mit der Bürokratie des Theaterbetriebes abgeben musste, andererseits aber auch sicher sein konnte, dass Weigel ihn nicht durch eigenen Ehrgeiz zu Kompromissen zwingen würde. In den ersten Jahren schien das Konzept der gemeinsamen Arbeit begabter Schauspieler und Regisseure aus der Exilszene und junger Talente aus dem Inland aufzugehen, doch zeigten der Kalte Krieg und die Debatte um Brechts episches Theater auch hier bald Wirkung. Absprachen konnten nicht eingehalten werden, von Brecht erwartete Künstler kamen nicht nach Berlin. Andere, mit Formalismusvorwürfen konfrontierte Künstler beendeten die Zusammenarbeit.
Brecht war ganz nach Ost-Berlin übersiedelt, wo er Künstlerischer Leiter des „Berliner Ensembles“ wurde. 1951 wurde er mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet (er habe mit seinen Werken geholfen, „den Kampf für Frieden und Fortschritt und für eine glückliche Zukunft der Menschheit zu führen“).
Bertolt Brecht agierte bei den zunehmend schärfer werdenden Debatten über den Aufbau des Sozialismus als grundlegende Aufgabe und den Haltungen zum Formalismus in der Kunst vorsichtig und ließ sich nicht auf eine theoretische Auseinandersetzung ein. Er ging eher den Weg kleiner Schritte und bereitete mit der Neuinszenierung von „Die Mutter“ 1951 sein Publikum auf das von ihm gewollte „didaktische Theater“ vor. In der zu dieser Inszenierung einsetzenden eher mahnend-wohlwollenden Kritik wurde wieder einmal die Sonderrolle Brechts deutlich, die er im DDR-Kunstbetrieb genoss.
Als es am 17. Juni 1953 in Berlin zu Massenprotesten der DDR-Arbeiter kam, drückte Brecht noch am selben Tag in einem knapp gehaltenen Brief an Walter Ulbricht seine „Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ aus, formulierte aber gleichzeitig die Erwartung einer „Aussprache mit den Massen über das Tempo des sozialistischen Aufbaus“. Weitere kurze Solidaritätsadressen schickte er am gleichen Tag Richtung Sowjetunion („Unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion“). Zugleich schrieb er in einem unveröffentlichten Typoskript: „Die Demonstrationen des 17. Juni zeigten die Unzufriedenheit eines beträchtlichen Teils der Berliner Arbeiterschaft mit einer Reihe verfehlter wirtschaftlicher Maßnahmen. Organisierte faschistische Elemente versuchten, diese Unzufriedenheit für ihre blutigen Zwecke zu missbrauchen. Mehrere Stunden lang stand Berlin am Rande eines Dritten Weltkrieges. Nur dem schnellen und sicheren Eingreifen sowjetischer Truppen ist es zu verdanken, dass diese Versuche vereitelt wurden. Es war offensichtlich, dass das Eingreifen der sowjetischen Truppen sich keineswegs gegen die Demonstrationen der Arbeiter richtete. Es richtete sich augenscheinlich ausschließlich gegen die Versuche, einen neuen Weltbrand zu entfachen. Es liegt jetzt an jedem einzelnen, der Regierung beim Ausmerzen der Fehler zu helfen, welche die Unzufriedenheit hervorgerufen haben und unsere unzweifelhaft großen sozialen Errungenschaften gefährden.“
Am 19. März 1954 eröffnete Brecht mit seinen Mitarbeitern das Theater am Schiffbauerdamm mit einer Bearbeitung von Molières „Don Juan“. Vor dem Hintergrund der sich immer mehr verschärfenden Ost-West-Konfrontation beteiligte er sich 1955 an Diskussionsabenden in West-Berlin und betrieb die Herausgabe seiner Kriegsfibel. Am 21. Dezember 1954 wurde er mit dem Internationalen Stalin-Friedenspreis ausgezeichnet, der ihm am 25. Mai 1955 im Kreml überreicht wurde. Brecht hatte weiterhin Ideen und Pläne zu neuen Stücken, die er jedoch zunehmend an seinen Mitarbeiterstab delegierte. Im Juni 1954 wurde Brecht zum Vizepräsidenten der deutschen Akademie der Künste ernannt. Er leistete zudem in seinen letzten Lebensjahren ein gewaltiges Pensum: Zwei Inszenierungen pro Jahr als Regisseur, Mitarbeit an fast allen Inszenierungen anderer Regisseure des Berliner Ensembles sowie schriftstellerische Arbeiten jeglicher Art. Mit zwei Gastspielen, 1954 mit „Mutter Courage“ und 1955 mit „Der kaukasische Kreidekreis“ in Paris, schaffte Brechts Ensemble nun auch den internationalen Durchbruch. Der triumphale Erfolg signalisierte jedem Theaterfunktionär: Brecht kann man inszenieren, ohne ein Wagnis einzugehen.
Im Stück „Der kaukasische Kreidekreis“ treffen sich Vertreter zweier kaukasischer Kolchosen nach der Vertreibung der deutschen Wehrmacht und diskutieren das Nutzungsrecht an einem Tal. Der Ziegenzuchtkolchos hat ältere Rechte an dem Land. Er erkennt jedoch den Plänen des Obstbaukolchos größeren gesellschaftlichen Nutzen zu und verzichtet auf das Tal. Nach der Einigung sollen die Beteiligten mit einem Theaterstück unterhalten werden. Der Sänger Arkadi Tscheidse kündigt das Spiel vom Kreidekreis an: nach einer Sage aus dem Chinesischen, aber in geänderter Form. In seinem Text stützte er sich auf unterschiedliche Quellen. Dazu gehörte das chinesische Kreidekreis-Drama aus dem 13. Jahrhundert ebenso wie Fassung des Stoffs aus dem Jahre 1925 und das biblische Urteil des Salomo. Den Verfremdungseffekt seines epischen Theaters erhält das Stück unter anderem durch die Auftritte des Sängers, die das „Spiel im Spiel“ verdeutlichen und Abstand zwischen dem Bühnengeschehen und dem Zuschauer schaffen. Dieser erhält die Möglichkeit, Menschen und Verhältnisse nicht als unveränderlich anzusehen, sondern politische und gesellschaftliche Handlungsspielräume zu erkennen.

Am 14. August 1956 starb Bertolt Brecht an den Folgen eines Herzinfarkts. In seinem ein Jahr zuvor verfassten Testament schrieb er: „Im Falle meines Todes möchte ich nirgends aufgebahrt und öffentlich aufgestellt werden. Am Grab soll nicht gesprochen werden. Beerdigt werden möchte ich auf dem Friedhof neben dem Haus, in dem ich wohne, in der Chausseestraße.“







 

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