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Bücherschau

Jack London - Weil ich an den Menschen glaube

Simon Berger über Jack London, dessen Werke (teilweise) neu übersetzt wurden und der vor 100 Jahren im Alter von nur 40 Jahren starb

Jack London wurde durch seine Abenteuerromane „Ruf der Wildnis“ „Wolfsblut“ und „Der Seewolf“ berühmt. Gleichzeitig geben seine Werke eine grandiose Übersicht über die geographischen Räume, die er kannte, in denen er lebte, etwa den arktischen Norden Nordamerikas (Alaska) zur Zeit des Goldrausches, Kalifornien und den Pazifik bzw. die Seefahrt. Als erfolgreicher Schriftsteller bekannte er sich in seinen politischen Essays, geprägt durch harte Erfahrungen in der Kindheit, zu den unteren Schichten der Gesellschaft und zum Sozialismus (in eigener Prägung). Bis kurz vor seinem Tod war er Mitglied der Socialist Party der Vereinigten Staaten und hatte sich 1901 für diese Partei erfolglos um das Amt des Bürgermeisters von Oakland beworben.
Seine sozialistische Grundhaltung mischt sich dabei auf eigenwillige, doch durchaus zeittypische Weise mit sozialdarwinistischen Ansichten. Die arme arbeitende Bevölkerung ist in seiner Weltsicht zwar vorwiegend unkultiviert, in ihrer unbändigen, oft barbarischen Lebenskraft jedoch der dekadenten Ober- und Mittelschicht überlegen. Oft lässt er kultivierte, verweichlichte Protagonisten auf einen „wilden“ (obgleich gebildeten) Menschen treffen (etwa im „Seewolf“). In „Ruf der Wildnis“ und „Wolfsblut“ tritt dieser Konflikt zwischen Natur und Kultur mit dem Spannungspaar Wolf – Hund, auf, wobei sich im Wolfsrudel die Vitalität der Natur mit der harten Auslese im Kollektiv paart, gegen die der domestizierte und dadurch dekadent und schwach gewordene Haushund keine Chance hat. Für London stellt dies das Spannungsverhältnis zwischen Natur- und Kulturmensch dar. In diesem Spannungsverhältnis kann man auch sein Leben sehen, das leider allzu früh beendet wurde.

Geboren wurde er am 12. Jänner 1876  in San Francisco als nichteheliches Kind von Florence („Flora“) Wellman geboren, die aus gutbürgerlichem Hause stammte, Sein Vater war vermutlich der unstet lebende Philosophen, Astrologe und Wanderprediger William Henry Chaney (1821–1903), der sich selbst den Beinamen „Professor“ gegeben hatte, später dem 21-jährigen London gegenüber auf dessen briefliche Anfrage seine Vaterschaft, da er zeugungsunfähig sei, aber leugnete. Londons Biografen gehen heute fast einhellig von Chaneys Vaterschaft aus, eindeutig belegbar ist sie jedoch  nicht. Die Zeitung „San Francisco Chronicle“ berichtete, dass Chaney unter dramatischen Umständen Flora Wellman, die ebenfalls dem Spiritismus zugeneigt war, aus dem Haus gejagt habe, weil sie einer Abtreibung nicht zustimmen mochte. Daraufhin beging sie einen Selbstmordversuch, indem sie eine Überdosis Opium nahm und sich in die Schläfe schoss; sie konnte jedoch gerettet werden.
Erst als seine Mutter im September 1876 den aus Pennsylvania stammenden Kriegsveteranen, Zimmermann, zeitweiligen Geschäftsmann und verwitweten Farmer John London heiratet, erhält ihr Kind den Namen John („Jack“) Griffith London.  Das Ehepaar zog nach Oakland, wo John London einen Kolonialwarenladen eröffnete. Die Familie lebte meist in ärmlichen Verhältnissen und zog in den folgenden Jahren innerhalb der San Francisco Bay Area mehrmals um, da John London wiederholt versuchte, auf neuen Grundstücken sein Glück als Farmer zu machen, doch all diese Versuche scheiterten. 1882 leben sie auf einer Farm in Alameda, wo Jack auch eingeschult wird. Er liest den Roman „Signa“ von Ouida (Maria Louise Ramé) und fasst den Entschluss, Schriftsteller zu werden. Die Bibliothekarin und Schriftstellerin Ina Coolbrith in Oakland entdeckt seine Begabung und fördert seine intellektuelle Entwicklung. Sie ermutigte ihn in seinem Selbststudium. In einem Brief aus dem Jahr 1901 bezeichnet er Coolbrith als die wichtigste geistige Bezugsperson in dieser Zeit seines Lebens und nennt sie seine „Göttin“.
John London war zu dieser Zeit weitgehend invalid, und seine Frau sowie der junge Jack London mussten zum Einkommen der Familie beitragen. Er lebte in dieser Zeit meist im Haushalt der ehemaligen Sklavin Virginia Prentiss, die so etwas wie die (von Mutter Flora bezahlte) Ziehmutter des Jungen und eine prägendere Bezugsperson seiner Kindheit als die leibliche Mutter wurde. Beide „Mütter“ sollten ihn überleben. In ihren letzten Lebensjahren lebten die beiden Frauen in einem gemeinsamen Haushalt. Jack musste bereits als Kind unter anderem als Zeitungsjunge, Helfer in einem Wirtshaus und als Arbeiter in einer Konservenfabrik zum Familieneinkommen beitragen. Mit 13 Jahren verließ er die Highschool und wurde in den Arbeitsalltag eingespannt.
Mit 15 Jahren borgte er sich 300 Dollar von seiner schwarzen Amme Virginia Prentiss und kaufte ein Schiff, um eine Karriere als Austernpirat in der Bucht von San Francisco zu beginnen. Er verkaufte seine Ware auf dem Markt von Oakland; das illegale Abernten von Austern zu Handelszwecken genoss in der an Austern reichen Bay Area den Zuspruch der Bevölkerung und wurde von den Behörden oft toleriert. Nachdem sein Schiff von einer mit ihm und seinem Team verfeindeten Gruppe von Austernpiraten angezündet und versenkt worden war, schloss sich London der California Fish Patrol im Kampf gegen illegale chinesische Garnelenfänger und griechische Lachswilderer an (diese Tätigkeit beendete er mit 17 Jahren). 1893 erschien sein erster Text: „Typhoon off the Coast of Japan“. Im Jahr 1894 schließt er sich „Kellys Armee“ an, einem Protestzug der Arbeitslosen, der nach Washington gehen soll. Er wird als Landstreicher verhaftet und muss für 30 Tage in Buffalo ins Gefängnis.
Nach einiger Zeit auf See, unter anderem als Robbenjäger auf einer Reise nach Japan, als obdachloser Hobo und als Kohlenschaufler holte London seinen Highschool-Abschluss nach. 1896 studierte er an der Universität von Berkeley, nachdem er die als anspruchsvoll geltende Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Er brach das Studium aber nach nur einem Studienabschnitt ab und erlangte nie einen Hochschulabschluss.
In Kalifornien waren Nachrichten von sensationellen Goldfunden am Klondike River eingetroffen. Das Goldfieber erfasste auch ihn, und so segelte er am 25. Juli 1897 gemeinsam mit seinem Schwager James Shepard (dem Ehemann seiner Stiefschwester Eliza aus John Londons erster Ehe) und anderen Abenteuerlustigen nach Norden. Jack London versuchte sich kurzfristig erfolglos als Goldsucher in Yukon. Er erkrankte an Skorbut und muss nach Dawson flüchten, wo er für die Brüder Marshall und Louis Bond als Handlanger arbeitet. Im Juni fährt er in einem offenen Boot 1800 Meilen auf dem Yukon zur Beringsee und kehrt als Heizer auf einem Dampfer nach Oakland zurück.
Er schreibt zahllose Tiergeschichten, Erzählungen vom harten Leben einfacher Menschen und Essays. Die Storys trafen den Nerv der Zeit und waren ein großer Erfolg. Trotzdem bekam er rund 100 Absagen von Zeitungen und Verlegern, bevor er seinen ersten Band Kurzgeschichten veröffentlichen konnte. Am 7. April 1900 erscheint die Erzählsammlung „Son of the Wolf“ – und am selben Tag heiratet er Elizabeth „Bessie“ Maddern. 1901 wird Joan, seine erste Tochter, geboren, 1902 die zweite Tochter Bessie („Becky“). Er tritt in die neu gegründete Socialist Party ein und kandidiert als Bürgermeister von Oakland. Er reist nach London, wo er wochenlang inkognito im East End wohnt und schreibt einen Tatsachenbericht über das Elendsleben dort („People of the Abyss“, „Die Menschen des Abgrunds“). Es folgen weitere Erzählbände, unter anderen „The Call oft he Wild“ („Der Ruf der Wildnis“), der ihn mit einem Schlag berühmt macht.
Im Mittelpunkt des Romans steht der Hund Buck, der Ende des 19. Jahrhunderts im Süden der USA lebt. Eines Tages wird er von dem Gärtner seines Besitzers aufgrund von Spielschulden entführt und als Schlittenhund nach Alaska verschleppt. Im Verlauf der Geschichte erreicht ihn mehr und mehr der „Ruf der Wildnis“. Nach vielen Abenteuern mit ständig wechselnden Schlittenführern wird Buck von John Thornton gerettet. Die beiden werden ein unzertrennliches Paar. Nach dem Tod seines letzten Herrchens folgt der Hund, der nun ohne Bindung zu den Menschen ist, diesem Ruf endgültig und schließt sich einem Wolfsrudel an.

1903 verliebt sich Jack London in die fünf Jahre ältere, lebenslustige und gebildete Hotelierstochter, ausgebildete Pianistin und Verlagssekretärin Charmian Kittredge.
Und gleichzeitig zieht er in ein Haus in Pedmont, wo er mit Bessie Maddern und seinen beiden Töchtern wohnt. Er arbeitet an dem Roman „Sea-Wolf“ („Seewolf“). Es ist die Geschichte des Schöngeists Humphrey van Weyden, der bei einem Schiffsunglück auf dem Weg von Sausalito nach San Francisco über Bord geht und von dem Robbenschoner „Ghost“ gerettet wird. Wolf Larsen, der Kapitän, ein Mann von großer physischer Stärke und Brutalität, terrorisiert die Mannschaft. Zugleich ist er aber auch hochintelligent und hat sich seine eigene Philosophie nach sozial-darwinistischen Grundsätzen geschaffen. Menschen sind für ihn „Stücke eines Gärteigs“ ohne Wert, deren Überlebenskampf er gerne zusieht; Streben nach Unsterblichkeit ist sentimentaler Unsinn, Altruismus eine Dummheit, die sich nur jemand leisten kann, der wie van Weyden in Wohlstand hineingeboren wurde.
Wolf Larsen spielt mit van Weyden, indem er ihn demütigt, als Küchenjungen arbeiten lässt und ihn später, ohne dass er seemännische Kenntnisse hätte, zum Steuermann macht. Van Weyden lernt, sich in dieser Welt zu behaupten und, wie Larsen feststellt, „endlich auf eigenen Füßen zu stehen.“
Im Laufe der Zeit gelingt es van Weyden, im Ansehen von Mannschaft und Kapitän aufzusteigen. In Letzterem findet er einen tiefgründigen Gesprächspartner, und auch wenn er seinen Argwohn gegenüber Larsen nie ganz ablegt, stellt sich so etwas wie ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Männern ein. Ihre Beziehung wird auf die Probe gestellt, als die „Ghost“ die schiffbrüchige Maud Brewster rettet. Wie van Weyden hält Larsen nun auch sie, eine humanistisch gebildete Autorin, gegen ihren Willen an Bord fest. Schließlich verliebt sich van Weyden in Maud Brewster, und als Wolf Larsen sie eines Nachts sexuell bedrängt, sticht er mit einem Messer auf den Kapitän ein. Den beiden gelingt die Flucht in einem Rettungsboot, und nach wochenlanger Irrfahrt stranden sie auf einer unbewohnten Insel. Wenige Tage später läuft auch die „Ghost“ auf dem Eiland auf. An Bord befindet sich nur noch ein einziger Passagier: Wolf Larsen. Seine Mannschaft wurde ihm von seinem konkurrierenden Bruder Tod Larsen – ebenfalls ein Robbenjäger – abgeworben, und man ließ ihn allein auf seinem nicht mehr seetüchtigen Schiff zurück.
Larsen ist inzwischen erblindet, wohl aufgrund eines Hirntumors. Er stellt keine echte Gefahr mehr dar. Van Weyden und Maud Brewster entschließen sich, das Schiff instand zu setzen, aber Larsen, der auf der Insel sterben will, sabotiert alle Reparaturarbeiten. Nach einem Versuch, van Weyden zu ermorden, bleibt er rechtsseitig gelähmt. Van Weyden und Maud Brewster pflegen ihn, auch als er versucht, das Schiff in Brand zu setzen. Van Weyden gelingt es, die „Ghost“ seetüchtig zu machen, und sie verlassen die Insel. Während eines schweren Sturms stirbt Wolf Larsen. Van Weyden übergibt ihn der See und setzt die Reise fort.

Nach Abschluss des Manuskripts schifft er sich nach Yokohama ein, um als Korrespondent über den russisch-japanischen Konflikt zu berichten. Nach seiner Rückkehr kauft er sich ein großes Anwesen, das er „Beauty Ranch“ nennt und im Lauf der Zeit auf 5,6 Quadratkilometer erweitert. Dort, wo er nun mit Charmian Kittredge zusammenlebt, schreibt er den Roman „White Fang“ („Wolfsblut“). Der Roman variiert das Thema von „Ruf der Wildnis“, in dem ein domestizierter Hund sich in ein wildes Tier zurückverwandelt. Dies wird hier umgekehrt, ein Wildtier wandelt sich in ein zivilisiertes, an den Menschen und die Gesellschaft gewöhntes Wesen. Wolfsblut, eine Mischung aus Wolf und Hund, muss in der Wildnis einen unerbittlichen Kampf gegen Hunger und Gefahr führen. Als er von Menschen gefangen wird, droht ihm ein grausames Schicksal. Erst durch einen jungen Goldgräber erfährt er Freundlichkeit und Güte. London beschreibt die wilde Natur und das Schicksal ebenso außergewöhnlich wie diese gelungene Beziehung zwischen Mensch und Tier, die stärker ist als jeder Instinkt.

Am 19. November 1905 heiratet er Charmian Kettredge in Chicago, einen Tag, nachdem er die Bestätigung erhalten hat, dass seine Scheidung rechtskräftig ist. Die kinderlose Verbindung wurde äußerst glücklich und dauerte bis zu Jack Londons Tod; das Paar führte im beiderseitigen Einvernehmen eine sogenannte Offene Ehe und galt nach Übereinkunft sämtlicher seriöser Biografen als ideale Lebensverbindung. 1906 erlebte er das Jahrhundert-Erdbeben von San Francisco mit und verfasste darüber einen Augenzeugenbericht als Sonderkorrespondent für das Wochenmagazin „Collier’s“.

Durch seine in rascher Folge veröffentlichten Romane, Reportagen und Artikelserien in sehr kurzer Zeit wohlhabendgeworden, ließ er sich eine hochseetüchtige Jacht nach eigenen Entwürfen für die schwindelerregende Summe von 30.000 Dollar bauen. Am 23. April 1907 erfüllte sich Jack London einen alten Lebenstraum und fuhr mit der „Snark“ durch die Golden Gate auf den großen Pazifik hinaus, auf den Spuren von Robert Louis Stevenson und Herman Melville. Am Kai standen hundert Freunde und Neugierige, denn es war eine Reise von sieben Jahren geplant, die rund um die Welt führen sollte. Die „Snark“ war dafür gut ausgerüstet: Sie besaß einen kräftigen Hilfsmotor zum Befahren des Yangtse und des St.-Lawrence-Stroms, und die beiden Masten ließen sich umlegen, damit man unter den Brücken der Seine bis ins Herz von Paris fahren konnte.
Da er die Absicht hatte, auch an Bord seine täglichen tausend Wörter zu schreiben, und (ähnlich wie viele heutige Weltumsegler oder Extremsportler) Verträge mit Illustrierten abgeschlossen hatte, die Reiseberichte von ihm erwarteten, hatte er nicht nur seine Frau Charmian mit an Bord genommen, sondern auch eine Mannschaft angeheuert, die allerdings aus mehr oder weniger begeisterten Dilettanten bestand. Da der Steuermann untauglich war, da er nicht navigieren konnte, brachte sich Jack diese Kunst in einem autodidaktischen Schnellkurs selbst bei und schaffte es tatsächlich, die „Snark“ in 27 Tagen nach Hawaii zu bringen. Nach einem längeren Aufenthalt und der Wartung der Jacht wollten sie zu den Marquesas, etwa viertausend Kilometer südlich von Honolulu. Wegen der Windverhältnisse und den Strömungen am Äquator war diese Strecke ohne Motorkraft praktisch nicht zu bewältigen, aber zu ihrem Entsetzen mussten sie feststellen, dass der teure Dieselmotor nicht funktionierte.
Während das Boot in der glühenden Hitze dahindümpelte, schrieb Jack London unbeirrt sein tägliches Pensum. Er hatte noch auf Hawaii einen neuen Roman (mit dem Arbeitstitel „Success“) begonnen. Hundert Tage später, sie befanden sich mittlerweile auf Tahiti, war er fast fertig. Er musste sich mit einem Dampfschiff nach San Francisco zurückbringen lassen, da mitunter seine Agentin ein organisatorisches Durcheinander verursacht hatte, er nunmehr weit über 30.000 Dollar neue Schulden hatte und sich auch mit Bessie Maddern, der Mutter seiner beiden Töchter, auseinandersetzen musste. Außerdem waren seine Depressionen zurückgekehrt, er hatte mit Charmian gestritten, sein Alkoholkonsum war gestiegen und er litt seit Tahiti unter großen Zahnschmerzen.
Der Roman, der nun „Martin Eden“ hieß, wurde vorabgedruckt. Er verstand ihn als einen „Angriff auf die Bourgeoisie und alles, wofür sie steht“. Und er wusste: „Ich werde mir damit keine Freunde machen“. Die negativen Reaktionen blieben nicht aus, doch die Leser blieben ihm treu. Zu seinen Lebzeiten wurden 250.000 Exemplare der amerikanischen Ausgabe verkauft. Heute gilt „Martin Eden“ als eines seiner wichtigsten Bücher und wurde oft verfilmt. Der zum Teil autobiographische Roman ist die Geschichte eines ungebildeten, ungehobelten, jedoch weltklugen jungen Mannes, der sich heroisch um die Zuneigung eines Mädchens aus der gehobenen Schicht bemüht. Martin Eden glaubt, einzig durch das Erlangen von Bildung und Respekt würdig für die Liebe der jungen Ruth Morse zu sein. Er kann sich aber keine Schule und keinen Lehrer leisten und beschließt somit, sich selbst autodidaktisch zu unterrichten. Auf diesem Weg offenbaren sich ihm Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden, Geschichten über sein eigenes Leben und das anderer, Geschichten, die seine Erfahrungen in einer gesellschaftlichen Schicht erzählen, die von Ruth, ihren Eltern, ihren Brüdern und deren sozialem Umfeld verpönt wird.
Durch die Erlebnisse und Erfahrungen, die Jack London beispielsweise als Zeitungsjunge, Wäschereiarbeiter, als junger Schriftsteller, mit der Brutalität seiner Umgebung, der Ausbeutung in der Arbeitswelt, mit der sturen Unbeweglichkeit von Redaktionen gemacht hatte wird übersehen, dass es sich bei diesem Roman um einen eigenständigen Künstlerroman handelt. Er beruht auf den Gegensätzen zwischen Arbeitswelt und Müßiggang, Proletariat und Bourgeoisie, Gesundheit und Krankheit, Gemeinschaft und Individuum. London begriff ihn auch als „Angriff auf den Individualismus“, doch man glaubte ihm nicht so richtig. Man hielt den Autor selbst für ebenso egomanisch, exaltiert und rücksichtslos gegenüber seiner Umgebung wie seinen Romanhelden. Seine sozialistischen Freunde und Weggefährten bezweifelten plötzlich, ob er überhaupt Sozialist sei. In einem offenen Brief erklärte er: „Ich habe ‚Martin Eden‘ weder als Autobiografie noch als Parabel darüber geschrieben, welches schreckliche Ende einen Menschen erwartet, der nicht an Gott glaubt, sondern als Anklageschrift gegen den selbstgefälligen Raubtierindividualismus. […] Martin Eden scheiterte und starb in meiner Parabel, nicht weil er nicht an Gott glaubte, sondern weil er nicht an den Menschen glaubte. […] Er gelangte nicht weiter als zu sich selbst, und der Rest der Menschheit zählte nicht. […] Martin Eden brachte sich um, während ich nach wie vor lebe. Und warum lebe ich? Weil ich an den Menschen glaube.“
Am Jahresende 1908 muss er in Sidney, Australien ins Krankenhaus – und erklärt die Fahrt mit der „Snark“ offiziell für beendet. Auf der Rückreise nach Kalifornien beginnt er die Niederschrift von „Burning Daylight“ („Lockruf des Goldes“). Die Handlung beginnt 1893 während des so genannten Goldfiebers im Yukon Territory, Alaska. Unter seinen Kollegen gilt der Protagonist Elam Harnish mit dem Spitznamen Burning Daylight als der erfolgreichste Goldsucher, dem im Verlauf der Handlung ein herausragender Goldfund gelingt. Elam Harnish wird zum Minenbesitzer und steigt auf zum geschäftstüchtigen Unternehmer, der letztlich an die New Yorker Börse geht und dort mit einer im Vergleich zu seinem bisherigen Umfeld konträren Lebenseinstellung konfrontiert wird: Menschenverachtung und Grausamkeit. Schließlich kehrt er an der Seite seiner ehemaligen Sekretärin dieser Welt den Rücken und zieht mit ihr zusammen auf eine Ranch.

1910 zieht sich auch Jack London endgültig mit seiner Frau auf seine Farm zurück (die Farm ist heute als Museum im Originalzustand erhalten). Dort wollte er eine dem modernen, industrialisierten, entfremdeten Leben möglichst ferne, „natürliche“ Existenz führen. Das hinderte ihn nicht daran, zum Beispiel Schweinezucht im großen Stil mit Ausrichtung auf Prämierung im öffentlichen Wettbewerb (was ihm gelang) zu betreiben. Er sah sich nun eher als Landwirt denn als Schriftsteller. Er gab an, das Schreiben lediglich als Brotberuf zur Aufrechterhaltung seiner Ranch zu betreiben; diese betrachtete er als sein Lebenswerk.
In den Folgejahren erschienen seine Reiseerinnerungen vom Pazifik und Hawaii („The Cruise oft the Snark“) und in seinem 1913 veröffentlichten autobiographischen Roman „John Barleycorn“ („König Alkohol“) thematisierte er seine Alkoholsucht. Er behauptete in diesem Buch zwar, Zeit seines Lebens Alkohol in großen Mengen getrunken zu haben, jedoch ohne jeden Genuss. Wie glaubwürdig diese Aussage ist, ist umstritten. Die Hauptthese des Buches ist, dass Alkohol ein Dämon ist, der qua Konvention Männern erlaubt, gesellig zu sein, sie letztlich aber in die Sucht führt und vernichtet. Von den Frauen hingegen erhoffte sich London mittels des Frauenwahlrechts ein Verbot des Alkohols und neue Formen der suchtfreien Geselligkeit. Es war ihm aber nicht klar, wie dies konkret aussehen könnte, was umso mehr auffällt, da sich London über Formen weiblicher Geselligkeit in dem Buch sehr abfällig äußert. Jedenfalls war er seit dieser Zeit und bis zu seinem Lebensende ein Befürworter der Prohibition, die landesweit in den USA erst nach seinem Tod politisch verwirklicht wurde.

Jack London starb am 22. November 1916 im Alter von vierzig Jahren auf seiner Farm. Die früher weithin vertretene Auffassung, London habe seinem Leben selbst ein Ende gesetzt, gilt heute als umstritten. Einiges spricht für eine Harnvergiftung als Todesursache: Jack London litt in den letzten Lebensjahren an einer Niereninsuffizienz und hatte sich zuvor wegen anderer gesundheitlicher Probleme bereits mehreren Operationen unterziehen müssen. Möglicherweise trug auch seine Alkoholkrankheit oder das schmerzlindernde Morphin, das er zuletzt nahm, zu seinem Tode bei. Manche Biografen vermuten, sein Kreislauf habe wegen der gesamten gesundheitlichen Belastungen versagt. Für einen Selbstmord Londons könnte hingegen sprechen, dass London in seinen letzten Jahren an Depressionen litt (wofür es außer autobiografischen Zeugnissen auch mehrere Belege Dritter gibt) und dass er in „John Barleycorn“ („König Alkohol“) wie auch in anderen, autobiografisch gefärbten Erzählwerken wiederholt berichtet, dass er unter Einfluss von Alkohol mehrmals versucht habe, sich das Leben zu nehmen. Für beide Hypothesen gibt es Indizien. Die Ursache seines frühen Todes ist aber letztlich ungeklärt.




 

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