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Bücherschau

Thomas Raab - Die Freiheit des Schreibens

Georg Pichler im Gespräch mit Thomas Raab, anlässlich des Erscheinens seines neuen Metzger-Romans

Georg Pichler: Herr Raab, in Ihrem neuen Metzger-Roman, dem siebenten, wird Willibald Adrian Metzger mit einem tatsächlichen Metzger konfrontiert. War der Auslöser der Name?
Thomas Raab: Ja, das kann man wohl sagen, und so im Vertrauen unter uns: Das ist schon ein Eingeständnis meiner Dummheit, sieben Bücher lang zu brauchen um draufzukommen, ich könnte ja mal einen Metzger mit einem echten Metzger schreiben ...

Pichler: Aber eigentlich spielt er in der Buchbranche … Nach dem Sport- oder Schulmilieu, wie frühere Romane, nun wieder in einer Umgebung, in der Sie tätig sind …
Raab: Warum gedanklich in die Ferne schweifen, wenn das Glück so nah. Nicht dass ich zu faul gewesen wäre, viel zu recherchieren, aber es schreibt sich einfach um ein Vielfaches leichter, wenn Erfahrung und Wissen nicht nur das Netz, sondern das eigene Erleben bereitstellt. Abgesehen davon, ist das Buch ja ein versteckter Liebesroman, und ich liebe meine Branche.
Pichler: Wie wichtig ist es für Sie, Ihre Romane in Situationen spielen zu lassen, die etwas mit Ihrem Leben zu tun haben?
Raab: Sehr wichtig. Weil es ja auch genau dieses Leben ist, in dem ich mich als Schreibender aufhalte, weil mir das Schreiben dann noch näher geht, weil ich Situationen einfangen kann, wie einen Schmetterling, nicht um sie zu präparieren und tot hinter Glas zu legen, sondern weiter fliegen zu lassen, und weiter, und weiter, in die Welt meiner Fantasie. Das Schöne an der Freiheit des Schreibens ist für mich die Freiheit.
Pichler: Können Sie sich vorstellen, einen Roman in einer gänzlich fremden Umgebung anzusiedeln, einer Atmosphäre aus der Vorstellung, der Erfindung heraus?
Raab: Ja, das kann ich. Wobei auch der Metzger in einem nicht definierten, verorteten Raum spielt. Das kann überall sein. Und das brauche ich auch während des Schreibens, denn wenn plötzlich ein Baggersee nötig wird, oder ein unterirdischer Gang, oder der mittlere dreier Hügel, dann, zack, ein paar Zeilen später ist das alles schon da. Ein Buch beispielsweise im realen Wien anzusiedeln, wäre mir für meine Fantasie schon ein zu großer Käfig.
Pichler: Zur Figur des Willibald Adrian Metzger: Gibt’s da ein Vorbild? Weil er scheint ja in vielem das Gegenteil von Ihnen zu sein (Übergewicht, Antisportler, Phlegmatiker, ein bisschen antiquiert und langsam)?
Raab: Nein, gibt es nicht. Mein Metzger hat auch kein Gesicht, sondern es ist sein Wesen, das mir nahe ist. All das, was er ist, dieser absolute Verzicht auf jedes: „Du solltest SO sein, und DAS braucht man heutzutage unbedingt, und DAS wäre gesund ...!“ bewundere ich zutiefst und lebe es feig und hinterfotzig auf seinen breiten Schultern aus.
Warum er Restaurator wurde kann ich nicht genau erklären. Vielleicht weil mein Opa Tischler war, und mein Vater leidenschaftlicher Altmöbelsammler, der an Sonntagen beim Stadtspaziergang zur Schande seiner hinterherspazierenden Kinder (in großem Abstand) jeden Container durchwühlt hat, im Anzug, um vielleicht doch noch einen alten, weggeworfenen Thonet-Sessel zu finden (wir hatten dann eines Tages eine ganze Tischgruppe zuhause ).
Die Liebe meiner Eltern, eine Kriegs- und Aufbaugeneration (mein Vater wurde 1933, meine Mutter 1938 geboren, leider beide schon verstorben) zur Pflege alter Dinge, ihre „Alles-lässt-sich-Reparieren“-Haltung, hat mich schon sehr geprägt. Das Errichten ist ja eine der größten Begabungen der Menschen – nach dem Zerstören, leider, auch bevorzugt in genau dieser Reihenfolge ...
Pichler: Auch viele Personen aus dem Umfeld vom Metzger sind immer wieder dabei …
Raab: Das stimmt, sozusagen meine Kopffamilie. Wobei ich in diesem Metzger eine goldene Regel des Schreibens befolgt habe: Schone niemals deine Hauptfiguren, denn das Leben schont dich ja auch nicht ...
Pichler: Warum suchten Sie sich als Umfeld für den neuen Roman eigentlich die Buchbranche aus? Und natürlich auch den Literaturbetrieb. Wollten Sie sich da auch lustig machen, eventuell bloßstellen, sich vielleicht auch rächen, etwa für schlechte Kritiken?
Raab: Mich hat das Thema quasi gepackt, von hinten rum – dank meinem letzten Roman „Still. Chronik eines Mörders“. Es wurde wunderbar aufgenommen, das danke ich heute noch, wirklich tolle Kritiken in „Spiegel“, „Frankfurter Rundschau“, „Die Presse“, „Kurier“, ... aber auch würdige Verrisse, in der „Welt“ zum Beispiel.
ABER, es gab auch wirklich richtig bösartige, absolut untergriffige Stimmen, die mich anfangs getroffen haben, wo man sich fragt: Warum äußerst sich jemand so dermaßen hasserfüllt, ist ja nur ein Buch, was hab ich bitte getan? Meine Frau hat gesagt: Der Kritiker wollt vielleicht das gleiche Buch schreiben wie Du – nur Du warst schneller. Das brachte mich zum Lachen, und in der Sekunde war die Idee schon da, und auch die Einsicht: Wenn ich mich dazu erdreiste, den Menschen zwischen zwei Buchdeckeln mein Geschreibsel zuzumuten, also austeile, muss ich auch einstecken können, sogar auf tiefstem Niveau, das gehört einfach dazu. Jeder macht eben nur seinen Job. Und plötzlich war mir klar: Raab, du Depp, schreib doch einen Krimi in der eigenen Branche – über sensible Autoren zum Beispiel. Ich bin also einmal mehr meiner Frau, und auch den schlechten Kritiken dankbar.
Und dass „Der Metzger“ kein Rachebuch ist (was ja auch völlig absurd wäre, wenn es doch um eine Branche geht, die mir so viel bedeutet), beweist eine Kritik in der „Welt“. Denn genau jener bedeutsame Kritiker, der „Still“ verrissen hat, hat diesen Metzger hymnisch besprochen.
Pichler: Welche Erfahrungen hatten Sie denn als junger Autor mit Verlagen und Kritik?
Raab: Im Grunde nur gute. Mich dürfte es ja eigentlich gar nicht geben, denn mein erster Metzger war ein unverlangt eingereichtes Manuskript. Kein Agent, keine Kontakte, nix, nur ein Kuvert und darin die Leseprobe. Ich bin somit ein Sonderfall und der Beweis: Das Wunder ist doch möglich. Nicht, weil der erste Metzger so gut war, sondern weil er dieser einen wunderbaren Person zum richtigen Zeitpunkt in die Hände gefallen ist: Christine Wiesenhofer, einst Lektorin beim Leykam Verlag, ihr, und somit auch dem Verlag verdanke ich meinen Einstieg in dieses Leben.
Pichler: Wie ging es dann weiter?
Raab: Dass danach die Arbeit erst beginnt, das Nicht-Aufhören, das tägliche, sich konsequent Hinsetzen, also nicht warten, bis einen die Muse küsst, die Muse ist nämlich eine gar launische Braut, sondern einfach wie ein Tischler seine Werkstatt betreten und damit klarkommen, die ersten Jahre kaum etwas zu verdienen, das ist der nächste Schritt. Und da danke ich meiner wunderbaren Frau, die das alles mitgetragen und mich immer nur bestärkt hat. Ein Partner kann dir helfen, zu fliegen (wenn möglich, ohne abgehoben zu werden) oder dir die Flügel stutzen.
Pichler: Und die Verlage und Leserinnen und Leser …
Raab: Mittlerweile weiß ich, was mir wichtig ist: Verlage, die Autoren als Partner erfassen, die sich nicht nur um den Prozess des Herstellens und Veröffentlichens kümmern, die Schreibenden aus dieser Gemeinschaft ausschließen, als gäbe es sie nicht, als wären sie nur Produktlieferanten (was sie ja im Grunde auch sind), sondern denen auch der Entstehungsprozess, die Liebe zu den Texten, der Austausch mit den Autoren am Herzen liegt. Denn wenn Verlagen der zwischenmenschliche Austausch immer unwichtiger wird, stellen sie sich langfristig in Zeiten wie diesen selbst in Frage.
Und hätte es die vielen kleinen Buchhandlungen nicht gegeben, die meinen ersten Metzger von Hand zu Hand weitergereicht hätten, an ihre LeserInnen und Leser, gäbe es mich heute nicht. Und auf dieses Hand zu Hand, Aug in Aug kommt es an, so werden wir geboren, werden wir geliebt, getragen, am Ende unseres Lebens betreut und beerdigt. Dies zu vergessen, ist auf allen Ebenen fatal.
Pichler: Eine unvermeidliche Frage: Wie kamen Sie zum Schreiben?
Raab: Ganz einfach: Meine Frau war nicht da, hat gedreht in München (sie ist Schauspielerin), ich allein zuhause hab mich eines Abends hingesetzt, zwanglos, ohne eine Sekunde daran zu denken, warum denn ausgerechnet ich Deutschwappler (weil 3er in der vierten Klasse Volksschule in D, dazu Legastheniker, lesefaul, schreibschwach ...) jetzt ein Buch schreiben könnte. Dann wurden es 10, 50, 150, ... Seiten und genau das wurde mein erster Metzger. Ein Wunder das alles. Gnade.
Pichler: Welcher Art waren Ihre ersten Texte?
Raab: Meine ersten Texte waren, weil ich ja Musiker bin, Songtexte.
Pichler: Stört es Sie, wenn Sie für Kritiker quasi im Genre Kriminalroman festbetoniert sind?
Raab: Meine Güte, mir könnte nichts gleichgültiger sein. Ich schreib ja um Gottes (oder Göttinnen) Willen nicht für Kritiker, oder um mir Urkunden an die Wand zu hängen, oder um einem Genre gerecht zu werden, sondern einzig aus Spaß an der Freude. Und allein, dass diese Frage in Zeiten wie diesen noch gestellt wird, zeigt ja, wie es um die „literarische“ Wertschätzung des Krimi steht, im Grunde ein bisserl gestrig – was mir auch egal ist. Es gibt für Autoren nämlich wohl nichts Schöneres, als wenn Buchhändlerinnen oder Buchhändler, und Leserinnen und Leser Freude mit den Büchern haben. Krimi ist Freiheit pur, alles ist möglich.
Pichler: Wie entstand die Idee zu „Still“?
Raab: Meine Frau und ich waren vor 14 Jahren in Griechenland auf Urlaub, und da ist uns ein Paar aufgefallen: Ein junger und ein älterer Mann. Der junge sehr starr in seiner Erscheinung, beängstigend, kühl, kalte Augen. Die beiden haben nichts gesprochen miteinander, nicht am Strand, nicht beim Frühstück, die ganze Woche nicht, nur geschaut. Unheimlich. Wir haben uns die ärgsten Geschichten ausgedacht. Wer sind die beiden: Vater, Sohn? Großvater, Enkel? Liebhaber? Bis meine Frau gemeint hat: „Der jüngere, der hört uns alle, egal wie weit wir weg sitzen, belauscht jedes Gespräch“. Ich: „Das ist vielleicht ein Mörder, hier untergetaucht!“ Und dann war plötzlich die Idee da: Was wird aus jemanden, der mit einem feinen Gehör geboren wird? Ein Mörder? Ich hab den Kerl nie vergessen und wollte immer „sein“ Leben schreiben. Mehr als zehn Jahre später habe ich es endlich getan: „Still“.
Pichler: Ist ein nächster Nicht-Metzger-Roman in Planung?
Raab: Ja, und ich freu mich riesig drauf.
Pichler: Lieblingsfrage: Wie und wann schreiben Sie? Morgens, nachts? Mit Bleistift oder Laptop? Regelmäßige Schreibzeiten? Bestimmte Orte?
Raab: Ich schreibe irgendwie, immer und überall. Und immer Laptop. Anders ging das mit Familie und all dem vielen Lesen und Reisen auch nicht. Und anders würde ich es auch nicht wollen. Ist eben ein Teil meines Lebens.
Pichler: Welche Fragen, die Ihnen wichtig wären, stellte ich Ihnen nicht?
Raab: Meine Güte, da stelle ich mir gleich die Frage: WAS ist überhaupt WICHTIG? ... Und rufe, gerade unterwegs auf Lesereise, SOFORT zu Hause an.
DANKE für die vielen Fragen und das große Interesse.
Pichler: Herr Raab, ich danke Ihnen für die Zeit, die Sie sich für unser Gespräch zwischen zwei Lesungsterminen genommen haben!



 

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