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Bücherschau

Harry Mulisch - Een van de Grote Vier

Heimo Mürzl. Dringende Empfehlung, die Bücher von Harry Mulisch zu lesen

Auf der Landkarte der europäischen Literatur gibt es wenige Gebiete, die literarische Giganten in so großer Zahl beherbergen wie die Niederlande. Spricht man von der niederländischen Nachkriegsliteratur, spricht man auch immer von den Grote Vier –  von Cees Nooteboom, Jan Wolkers, Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden und Harry Mulisch. Alle vier sind moderne Autoren und virtuose Gedächtniskünstler, die nicht zu zählende Geschichten und Ereignisse in ihre Bücher zu integrieren verstehen. Die Welt scheint aus den Fugen, sie droht unter der Last von diffusen Ängsten, populistischen Lösungen und verlorengegangenen Idealen, Visionen und Werten zusammenzubrechen.
Und genau hier – bei den Tag- und Nachtseiten der spätbürgerlich-neoliberalen Gesellschaft – setzen Harry Mulisch und seine Schriftstellerkollegen an und beginnen darüber hinaus in den vielen Abgründen der Liebe, der Sehnsucht und des Selbstbetrugs zu schürfen. So geben uns ihre Bücher in stupender und unangestrengter Kunstfertigkeit nicht nur über die Entwicklung der Niederlande Auskunft (mitunter präziser und verständlicher als das so manche soziologische Studie vermag), sondern zeigen, wie alltäglich das Phantastische und wie phantastisch das Alltägliche sein können.
Die große Kunst Mulischs besteht darin, Welt und Kunst, Alltag und Vorstellungskraft mit meisterhaftem artistischen Bewusstsein miteinander zu verknüpfen und (anders als seine Kollegen) der Religion, der Philosophie und dem Surrealismus  in seinen Büchern viel Platz einzuräumen. Seine Bücher vermitteln nicht selten den Eindruck, dass alles erzählbar und literarisch verwertbar sei. Das erfundene Schreckliche ebenso wie das real Abscheuliche, das Fiktive ebenso wie das Wirkliche, das märchenhaft Schöne wie das alltäglich Lebenswerte. So gelingt es Harry Mulisch, Phantasie und Lebensnähe mit einer beeindruckenden Leichtigkeit miteinander zu versöhnen.
Seine Bücher wurden als polyglott, belesen und philosophisch bezeichnet – und doch beruht die immense (Überzeugungs-)Kraft seiner Bücher auf der überaus geschickten Suggestion von Authentizität. Mit wie viel Verve, Esprit, Raffinesse und Stilsicherheit Mulisch seine Romane komponiert, lässt sich am besten an seinem (nicht nur was die Seitenzahl des Romans betrifft) Opus Magnum „Die Entdeckung des Himmels“ nachvollziehen. Dieser wundersame Roman, angelegt als „Totalroman“, der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem unvergleichlichen erzählperspektivischen Reichtum vor dem Leser wiedererstehen lässt, gilt nicht nur in den Niederlanden als wegweisendes Werk. Manche bezeichnen diesen „Totalroman“ auch als das literarische Äquivalent zum Totaal Voetbal eines Rinus Michels und Johan Cruyff. Auf jeden Fall ist „Die Entdeckung des Himmels“ ein ebenso inspirierter wie gelungener Versuch, einen großen Epochenroman zu schreiben.

Eklektiker mit Stil
Eine Rezensentin, Ditta Rudle, schrieb 1993 anlässlich der Erstveröffentlichung von Mulischs Roman in deutscher Übersetzung sehr treffend: „Mulisch sucht nun mit seinem Opus Magnum, dem 800 Seiten starken Roman „Die Entdeckung des Himmels“, nach ausdauernden Lesern, die den Bildungsroman des 19. Jahrhunderts nicht für passé halten und Geduld und Grips genug aufbringen, dem Autor auf ziemlich verschlungenen Wegen zu folgen.“ Mehr noch – Harry Mulisch erweist sich mit diesem im wahrsten Wortsinn epochalen Wälzer, ähnlich dem britischen Filmregisseur Peter Greenaway, als Eklektiker mit Stil.
Universale Bildung wird je nach künstlerischem Erfordernis als Zitat, Stilzitat oder Motiv eingesetzt – nicht ganz ohne Eitelkeit, aber mit großer Stilsicherheit dem Kunstwerk dienend. Wenn dann, wie bei Harry Mulisch, auch noch ein wenig Selbstironie ins Spiel kommt, nimmt das dem Ganzen den Geruch der bemühten Bedeutsamkeit und verleiht dem Roman einen gelassen-heiteren Ton: „Das ist die Folge der unglückseligen Tatsache, dass ich nicht vergessen kann, was ich einmal gelesen habe. Mein Gedächtnis ist mein Fluch. Aber tröste dich, ab und an erfinde ich etwas dazu.“
„Die Entdeckung des Himmels“ beginnt mit einem Prolog im Himmel, wo dem Leser mitgeteilt wird, dass ein Gottgesandter die zwei Tafeln mit den Zehn Geboten, die das auserwählte Volk Gottes einst erhielt, dem Himmel zurückerstatten soll. Dieser Prolog im Himmel erfährt seine stimmige Fortsetzung in Form skurriler Geschichten, die dem Leser von einem Engel erzählt werden, der den Auftrag hat, die Ankunft des gottgesandten Knaben Quinten peinlich genau vorzubereiten und penibel zu beobachten. Die eigentlichen Protagonisten des Romans heißen Onno Quist und Max Delius. Obwohl die zwei nicht ungleicher sein könnten (Onno kommt aus einer alten calvinistischen Politikerfamilie und ist ein Sprachgenie, erst Politiker, dann Aussteiger; Max dagegen ist ein begnadeter Astronom und bekennender Polygamist, sein Vater wurde als Kriegsverbrecher hingerichtet, seine Mutter im Konzentrationslager ermordet), verbindet sie ihre Sympathie für die Revoluzzer mit Mao-Bibel und Che-Guevara-Kappen.
Mulisch versteht es mit viel Verve und Esprit innerhalb weniger Romanseiten eine Brücke zu schlagen – von den Tafeln mit den zehn Geboten in die Zeit der Studentenunruhen von 1968. Onno und Max lernen sich 1967 kennen, werden Reisegefährten und bilden ein unzertrennliches Paar, das erst das Schicksal in Form der Frage „Wer von uns beiden ist der Vater des Sohnes von Ada Brons?“ wieder auseinandertreibt. Die beiden Freunde waren mit Ada Brons nach Kuba gereist und hatten in einer rauschhaften karibischen Nacht im hochrevolutionären Havanna den Abgesandten des Himmels gezeugt. Quinten, so der Name des himmlischen Kindes, soll Gott die Gebote zurückbringen, die dieser seinem Volk auf dem Berg Sinai offenbart hat. Wie Max und Onno sich die Vaterpflichten teilen, wobei ersterer den Götterknaben auf einem Schloss zu erziehen versucht, während Onno dem jungen Feschak bei der Suche nach den heiligen Gesetzestafeln hilft, zählt zu den unterhaltsamsten Kapiteln des erzählerischen Universums von Harry Mulisch.
Die Erzählwelt von Harry Mulisch geizt nicht mit bildungsbürgerlicher Beflissenheit und deren mitunter virtuosen Verfügbarmachung für sein Werk. So schenkt die Lektüre von „Die Entdeckung des Himmels“ dem Leser wohl auch die Illusion, sich scheinbar mühelos ein Stück klassisches Bildungsgut anzueignen – tut Mulisch doch alles, um möglichst nichts unerwähnt zu lassen. Vom Gilgamesch-Epos über Max Plancks Quantenmechanik bis zur Bibel, kein Name bleibt ungenannt, Francis Bacon, Fidel Castro, Che Guevara, Nietzsche, Einstein, Michelangelo, Kafka, Rilke, Edison, Karl Marx finden auf nur zwanzig Romanseiten Erwähnung.
Doch nie hat der Leser das Gefühl, zum bildungsbürgerlichen Spielball der Selbstverliebtheit eines eitlen Schriftstellers zu werden. Zu virtuos und gekonnt spielt Mulisch mit dem Illusionscharakter seiner Literatur, zu raffiniert komponiert dieser Solitär der niederländischen Literatur aus immensem Wissen und der Addition von Details und Wahrnehmungen ein erzählerisches Universum, das trotz aller Welthaltigkeit nichts mit Realismus zu tun hat: „Bis zum Lunch vertrieb er sich die Zeit mit Musik von Schubert und blieb in der Sonne liegen, während der Nachmittagssitzung verkürzte er sich die Zeit mit der Lektüre von Novalis´ „Heinrich von Ofterdingen“, die er im letzten Augenblick in seinen Koffer gepackt hatte (…). Janacek. Sofort, bei den ersten Tönen, war es Max, als ob sich ein Riss auftat in all dem Politischen und Vergänglichen hier, ein Spalt, durch den etwas Ewiges sichtbar wurde, als drehe er sich in Platons Grotte um.“
Auch sein „kleiner Roman“ „Die Elemente“ (Mulisch führt seine Erzählkunst darin wirklich auf komprimierten 142 Seiten vor) überzeugt mit einem ausgeklügelten Arrangement, das die brillante Kunstfertigkeit Mulischs mit den erzählerischen Notwendigkeiten auf stimmige Weise zusammenführt. Erzählerische Erfordernisse erzeugen beim niederländischen Autor wiederum oft skurrile Zufälle, die dann so aussehen: Dick Bender (Held eines Romans, der auf faszinierend-konzise Art und Weise die Oberflächlichkeit des Lebens der Designer-Mittelschicht der 70er und 80er Jahre zu karikieren weiß) wird beim Schnorcheln an der Wasseroberfläche in den Löschtank eines Wasserflugzeuges eingesaugt: „Dass du gerade an der Stelle schwimmen musstest, wo das Flugzeug Wasser schöpfte, empfindest du nicht als einen absurden Zufall, sondern als die höhere Gewalt, die es ist.“

Humanistische Haltung
Harry Mulisch gilt schon jetzt, nur sechs Jahre nach seinem Tod im Jahr 2010, als moderner Klassiker der niederländischen Literatur. Seine Bücher, die polyhistorisches Wissen, klassische Bildung, erzählerische Vielfältigkeit und humanistische Haltung elegant und gekonnt unter einem literarischen Hut vereinen, behandelten sehr oft auch vergangenheitsbewältigende Themen. Vor allem das Frühwerk Mulischs ist geprägt von einer intensiven Beschäftigung mit der mitunter unheilvollen Verknüpfung niederländischer und deutscher Geschichte und ihrer Nachwirkungen. Ein Umstand, der wohl auch der Biographie Harry Mulischs geschuldet ist.
Harry Mulisch war der Sohn eines ehemaligen österreichischen Offiziers, der während der Zeit der deutschen Besetzung der Niederlande als Personaldirektor einer Bank tätig war, deren Aufgabe die Arisierung jüdischen Eigentums war und einer unter der nationalsozialistischen Herrschaft leidenden jüdischen Mutter. Wenig überraschend versuchte er in seinen ersten Büchern seine ganz unverwechselbare Biographie mit der literarischen Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit in Einklang zu bringen und spürte dem sogenannten deutschen Wesen mit einer Intensität nach, wie nur wenige seiner niederländischen Schriftstellerkollegen. So beschreibt sein Roman „Das steinerne Bett“ auf eindringliche Weise die Zerstörung Dresdens, und „Strafsache 40/61“ ist eine ebenso präzise wie bedrückende und bis heute Gültigkeit besitzende Reportage über den Eichmann-Prozess.
Harry Mulischs Gesamtwerk ist kaum überschaubar und beeindruckt mit mindestens einer Handvoll Büchern die man mit Fug und Recht zur Weltliteratur zählen kann. Über die literarische Szene hinaus berühmt wurde er dann aber mit seinem Roman „Das Attentat“, dessen Verfilmung von Fons Rademakers unter dem Titel „Der Anschlag“ als bester fremdsprachiger Film 1986 den Oscar erhielt. „Das Attentat“ ist zugleich packend erzählter Albtraum wie auch literarische Vergangenheitsbewältigung und gilt bis heute als Schlüsselwerk der niederländischen Nachkriegsliteratur und ist in den Niederlanden inzwischen fast schon obligatorische Schullektüre. Mit welcher Eleganz und Kunstfertigkeit Mulisch in diesem Roman dokumentarische Genauigkeit, erzählerische Raffinesse und kompositorische Komplexität miteinander verbindet, erstaunt auch bei der erneuten Lektüre dieses Meisterwerks.
Das Zentrum des Romans bildet eine Nacht, die alles verändert. Im Jänner 1945 zerreißen Schüsse die Stille eines Villenviertels am Stadtrand von Haarlem. Bald danach wird vor dem Haus der Familie Steenwijk die Leiche des Polizisten und Kollaborateurs Fake Ploeg („der größte Mörder und Verräter von Haarlem und Umgebung“) gefunden. Der zwölfjährige Anton Steenwijk und sein älterer Bruder beobachten das Geschehen am Fenster stehend und sehen auch, wie die Leiche vor ihrem Elternhaus abgelegt wird. Noch in derselben Nacht werden die Eltern und der ältere Bruder von Anton Steenwijk von den deutschen Besatzern verladen und, wie man später erfährt, anschließend ermordet. Das Haus der Steenwijks wird niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht und Anton wird festgenommen. Er verbringt die Nacht auf einer Polizeiwache und teilt sich die Dunkelheit der Zelle mit einer unbekannten und verletzten Frau. Das folgende intensive Gespräch mit der Unbekannten wird Anton sein Leben lang verfolgen.
Am nächsten Tag wird Anton zu seinem Onkel nach Amsterdam gebracht, wo er in behütetem Umfeld aufwächst, später Medizin studiert und als angesehener Anästhesist viele Jahrzehnte die grauenvollen Ereignisse dieser Nacht im Jänner 1945 zu verdrängen versucht. In vier weiteren Schlüsselepisoden schildert Mulisch nicht nur den weiteren Lebensweg Anton Steenwijks, sondern auch dessen täglichen Kampf mit den Erinnerungen, die ihn einfach nicht loslassen. Obwohl er fest entschlossen ist, alles zu vergessen, sucht ihn die verdrängte und unbewältigte Vergangenheit immer wieder heim.
Er begegnet Menschen, die direkt oder indirekt mit den schrecklichen Geschehnissen im Jahr 1945 in Verbindung standen und erkennt, zum Teil verstört, zum Teil erleichtert, wie sich Einzelheiten, einem Puzzle gleich, zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Am Ende ist scheinbar alles erklärt – das traurige Schicksal seiner Eltern und seines Bruders, die Identität der unbekannten Frau in der Zelle, die Widerstandskämpferin und am Anschlag auf den Kollaborateur Fake Ploeg beteiligt war, und die Rolle der Nachbarn, die eine jüdische Familie in ihrem Haus versteckt hielten. Und doch bleibt vieles ungeklärt und die Suche nach der Wahrheit ist nicht abgeschlossen. Wohl auch deshalb, weil es sehr schwierig ist, Opfer und Täter klar zu unterscheiden und die Einteilung der Welt nach solchen Kategorien einfach nicht funktioniert. Harry Mulisch gelingt es in diesem hochpolitischen Roman im Thriller-Gewand den Prozess des Erinnerns auf faszinierend-dringliche Weise nachvollziehbar zu machen. Zugleich stellt er Fragen („Wieso war das eigentlich so?“) und ringt verzweifelt um Antworten, um schließlich zu erkennen, nicht alles, mehr noch, immer weniger zu begreifen.
Schreiben ist für Harry Mulisch trotz allem „nötig und notwendig, um die Wirklichkeit in den Griff zu bekommen.“ Die Lektüre der ebenso kraftvollen wie einfühlsamen Bücher von Harry Mulisch zeitigt zweifellos die gleiche Wirkung.


 

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