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Bücherschau

Tomas Espedal - Die Lebensgefährlichkeit der Liebe

Bernhard Preiser. Ein Porträt des großen norwegischen Schriftstellers Tomas Espedal

Tomas Espedal hat bislang elf Bücher geschrieben, davon sind drei ins Deutsche übersetzt worden. Und alle drei zeichnet eine ungeschützte autobiografische Aufrichtigkeit und beiläufige Poesie aus, die es sich nicht gestattet, den Leser mit irgendwelchem stilistischem Schmuckwerk wie starken Bildern oder brillanten Pointen zu umschmeicheln. Er schreibt über sich selbst schreibt und verzichtet darauf, dem Leser ausgedachte Geschichten aufzutischen. Er schreibt darüber, wie er die Kunst, ein wildes, poetisches Leben zu führen (so der Untertitel eines seiner Bücher) erlernen, ausprobieren und vervollkommnen will.
Der 1961 in Bergen geborene (und dort auch heute noch lebende) Tomas Espedal zählt mit seinem Freund Karl Ove Knausgård zu den bedeutendsten norwegischen, ja europäischen Autoren unserer Zeit. Und er ist so etwas wie das absolute Gegenteil des exzessiven Selbstentblößers Knausgård. Dieser schreibt ausladend und mäandernd, Espedal lakonisch und skelettiert. Knausgård ist besessen von der Idee eines neuartigen Gesamtkunstwerks des Lebens und des Schreibens. Espedals Prosa ist voller Auslassungen, weißen Stellen, in denen sich die Energie des Ungeschriebenen aufstaut. Er ist ein Meister des literarischen Understatements. In seinem Liebesroman „Wider die Natur“ lässt Espedal seinen Autorenfreund lakonisch vorkommen, indem er beschreibt, wie er mit seiner Freundin im Bett liegt und jeder in seinem Exemplar eines Romans von Knausgård liest. „Hast du das schon gelesen?“, sagt seine Freundin dann, „das ist ja ganz unglaublich, dass er sich das traut“. Beide Autoren haben auf der Schreibkunstakademie in Bergen bei dem norwegischen Dramatiker und Romanautor Jon Fosse studiert, der einen ähnlich verdichteten, untertourigen Stil wie Espedal bevorzugt.
Nach seinem ersten Buch „En vill flukt av parfymer“ („Eine Fülle von Parfüms“), 1988, veröffentlichte er einige Bücher an Grenzen von Roman und Autobiographie, Erzählungen, in denen er mit den Gattungen Essay, Brief, Tagebuch und Reisebericht experimentierte.

Gehen
Bekannt wurde er dann 2006 mit seinem Buch „Gå. Eller kunsten å leve et vilt og poetisk liv“. („Gehen: oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“), das 2011 sein erstes Buch in deutscher Übersetzung war. Es erzählte davon, wie der Autor monate-, ja jahrelang (die Zeit, die vergeht, spielt bei Espedal keine große Rolle) mit nichts als einem leichten Rucksack zu Fuß dem Traum hinterherlief, um eventuell ein Anderer zu werden und sich auf jeden Fall zu verwandeln.
Darin schrieb er: „Du wirst dein Leben lang mit dir selbst leben. Du kannst eine neue Geliebte finden, du kannst Freunde und Familie verlassen, verreisen, eine neue Stadt und neue Orte finden, du kannst verkaufen, was du besitzt, und dich von allem trennen, was dir nicht passt, aber solange du lebst, wirst du dich nie von dir selber trennen können.“ Der Stoff des erinnerten und ersehnten Lebens ist für ihn das einzig greifbare und deshalb unangreifbare Material, das es in dieser verrückten Welt gibt, die immerzu neue Geschichten hervorbringt und verschlingt, ohne jemals satt zu werden.
Der Ich-Erzähler ist Schriftsteller, wurde gerade von seiner Geliebten verlassen und hat angefangen zu trinken. Wieder einmal hat es mit der bürgerlichen Existenz nicht geklappt – nun hofft er auf ein neues Leben, als Gehender: „Daraus müsste sich doch ein Beruf machen lassen: Vagabund. Herumtreiber. Landstreicher. Wandersmann. Irgendjemand muss diesen Beruf bewahren.“ Er wandert (zuerst allein, später auch gemeinsam mit einem Freund, der genauso wie er eine dezente Distanziertheit schätzt) in Wales, in den norwegischen Fjorden, in Deutschland (nach Todtnauberg, zu Heideggers Hütte), in Griechenland und in der Türkei. Tomas Espedal weiß natürlich, dass er nicht als Erster über das Gehen nachdenkt. In essayistischen Exkursen lässt er unterschiedliche Autoren zu Wort kommen, die ebenfalls im Gehen die "Kunst eines wilden und poetischen Lebens" erprobten und darüber sinniert hatten: Arthur Rimbaud etwa, Dorothy Wordsworth, Jean-Jacques Rousseau, D. H. Lawrence, Sören Kierkegaard oder den Komponisten und Paris-Erwanderer Erik Satie.
Hinter sich lassen will der Ich-Erzähler nicht nur die Spießigkeit dessen, was man Privatleben nennt. Das Gehen schärft seinen Blick für die Übel der westlichen Zivilisation: „Die Luxusjachten, die Autos, die viel zu großen Häuser, sie alle wachsen, die Reichtümer wachsen, doch die Menschen, die sie bevölkern, werden kleiner, man sieht sie kaum noch, sie verschwinden in ihrem Eigentum.“ Einer, der geht, lässt etwas hinter sich zurück – doch kommt er auch irgendwo an? Am Ende zumindest scheint es so, als sei er angekommen in einem kleinen Haus am Meer, am Stadtrand von Bergen. Geduldig beschreibt er seinen Lieblingsweg zu dem kleinen Geschäft unten an der Promenade, in dem er alles kaufen kann, was er benötigt. „Im Grunde gibt es gar nicht so viel, was man wirklich benötigt.“

Wider die Kunst
In „Imot kunsten“ („Wider die Kunst“, 2009) geht es um die Erfahrung von gleich zwei Todesfällen: Erst stirbt Espedals Mutter, kurz darauf seine Frau Agnete, von der er getrennt lebt. Zwei gemeinsame Töchter haben sie, die eine ist bereits aus dem Haus. Der jüngeren, fünfzehnjährigen zuliebe zieht er in das einsame, kleine Haus der Exfrau. Diese Beziehung von Vater und Tochter steht im Mittelpunkt. Espedal erzählt, wie er, nachdem seine Tochter die Mutter verloren hat, versucht, ihr ein guter Vater zu sein, und wie er zugleich auch noch versucht, ihr eine Art Mutter zu sein. Und wie sich dies alles als ein großer Fehler erweist, den er jedoch „mit aller Kraft und unbeugsamem Willen“ begeht. Er erzählt, wie er mit dem Schreiben aufhört, einige Freundschaften beendet und sich in dem neuen Zuhause einrichtet, wie er zu Hause bleibt, aufräumt und unermüdlich die Zimmer putzt und kocht, bis das Kind, das nicht nur seine Mutter, sondern jetzt auch noch den Vater vermisst, dann irgendwann zu ihm sagt: „Warum bist zu immer zu Hause? Warum kannst du mich nicht in Ruhe lassen, einen Tag alleine lassen, für mich, wann gehst du endlich mal raus?“
Er schildert, wie die Tochter zur Schule geht und er dasitzt und darauf wartet, dass sie nach Hause kommt - und gleichzeitig weiß, dass sie eines Tages anrufen und sagen wird, dass sie bei einer Freundin übernachtet oder bei einem Freund und später in die Stadt ziehen und dann wieder in eine andere Stadt ziehen wird. „Ich warte darauf, verlassen zu werden“, heißt die mit diesen Gedanken einhergehende Erkenntnis, die so unaufgeregt daherkommt und zugleich alles erschüttert. Denn das ist die Kunst, in welche Espedal das Leben verwandelt: „Ich mache mich darauf gefasst, allein zu sein. Die Morgensonne wärmt die Holzwände des Hauses. Das weiße Haus. Das weiße Bett. Ich warte auf den ersten Satz: ‚Dann strömt das Licht plötzlich herein und verbirgt uns ganz.‘“
Espedal beschreibt die Verhältnisse, in die er geboren wurde, er geht die Genealogie seines Stammes durch, der auch einen aufstiegswilligen Zweig hat. Von dort kommt die Mutter, von der sich der Erzähler mit in diesem Buch ein berührendes Andenken bewahrt: Sie ist es, der es der Vater und der Sohn bei allem Bemühen nie ganz recht zu machen meinen. Verschlungen und virtuos erzählt er neben dem Alltag mit der Teenager-Tochter von seinen Vorfahren, vom Handwerk des Schreibens und vom Sterben der Mutter – als ein Mann, der vor Trauer fürchtet, „den Verstand zu verlieren, verrückt zu werden“. Die Chronologie ist aufgebrochen, und die Vergegenwärtigung des Vergangenen spiegelt sich immer in dem Bemühen, eine Biografie zusammenzusetzen, denn das ist die Aufgabe, die sich der collagenhaft und sprachschön erzählende Autor stellt. Egal, ob er von seinen Behausungen und den sozialen Unterschieden berichtet, die seine Geburtsstadt Bergen in verschiedene Viertel unterteilt, oder ob er von seinen Studienjahren in Kopenhagen erzählt, in denen er zum Schriftsteller wurde.
Das Buch kreist um die Frage, wie einer Autor geworden ist und wie er damit lebt: „Woher hatte ich bloß diese Idee; ich hatte schon viele Bücher gelesen, und es kam vor, […] dass ich dachte, ich hätte das Buch, das ich eben gelesen hatte, selber schreiben können.“ Man ahnt die Wurzeln von Espedals Schreiben. Da ist etwa der merkwürdige Drang zu lesen, was die Mutter liest. So kommt der junge Mann mit Doris Lessing, Marilyn French, Erica Jong und anderen Ikonen aus der „Frauenliteratur“ der 1980er in Berührung. Vor allem gibt es jedoch die vielen Mythen aus der Familiengeschichte, die er nun niederschreibt. Es zeigt sich, dass er ein aufmerksamer Zuhörer war, der die Fäden sorgfältig gesammelt hat und in diesem Buch verwebt. So ist der Zerstörer der Familientradition, als den Espedal sich gern sieht, erstmal ihr Vollender.

Wider die Natur
Das schmale Buch „Imot naturen“ („Wider die Natur“, 2011) beginnt damit, dass sich ein 48-jähriger Mann und eine sehr junge Frau in der Silvesternacht auf einem Fest ineinander verlieben. Kurz nach Mitternacht finden sie abseits der Festgesellschaft zusammen. Der Mann schläft mit der jungen Frau, während sie auf allen vieren durch die Bibliothek der Gastgeber kriecht. Lampen stürzen um, Stifte und Papier werden vom Schreibtisch gefegt, auf dem das Paar sein Liebeswerk vollendet. Es ist der Anfang einer großen Leidenschaft, der größten im Leben des Mannes.
Im Keller seines kleinen Hauses schreibt er die Geschichten seiner gescheiterten Lieben. Es sind genau drei Lieben. Die kurze Liebe zu einer jungen Frau aus dem Arbeitermilieu, dem er ebenfalls entstammt. Die ratlose Liebe zu einer exzentrischen Schauspielerin, die ihn dann auch nach Rom und schließlich nach Nicaragua lockt, mit der er eine Tochter bekommt und deren Asche er zehn Jahre später im Garten vergräbt. Und schließlich die selig-verzweifelte Liebe zu der jungen Frau, die er auf dem Fest kennengelernt hat und die man überall für seine Tochter hält (weshalb er sein Buch auch schuldbewusst „Wider die Natur“ nennt). Er wird sie alle drei schonungslos beschreiben, angefangen bei jener leidenschaftlichen Nacht auf dem Schreibtisch bis zu den Schreibtagen im Keller seines Lebens, zwei Meter unter der Erde. Und da er sich dabei ein wenig wie der alte Philosoph Abaelard vorkommt, der um die junge Héloïse trauert, erzählt er auch diese legendäre tragische Liebesgeschichte zwischendurch, so als wäre es seine eigene. Einmal denkt er über das Glück nach: „Unser Glück war beschämend, es war wider die Natur.“
Am Ende des Buches wird er allein sein und liebeskrank im Kleiderschrank in die Röcke weinen, die die junge Frau dort zurückgelassen hat. Es ist eines der berührendsten, intensivsten und ehrlichsten Bücher über die Liebe.

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