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Bücherschau

John Irving - Wie er die Welt sieht

Simon Berger. Ein Porträt des amerikanischen Romanciers John Irving

John Irving ist einer der großen Meister der Erzählkunst. Der amerikanische Bestsellerautor erzählt in seinen Romanen von Liebe und Tod, Geborgenheit und Verlust. Seine Prosa ist das, was man sinnlich nennt, und es geht immer zur Sache: Bären, Prostituierte und Sportler (vor allem Ringer und Artisten) gehören zu den wiederkehrenden Figuren in seinen Romanen. Sie arbeiten leibhaftig, packen zu und sind physisch präsent – von der Hure bis zum Handwerker, vom Tier bis zu seinem Dompteur.
Irving ist einer der meistgelesenen Autoren der Welt: Mehr als zehn Millionen Exemplare seiner Romane sind in über 30 Sprachen verkauft worden. Mit "Garp und wie er die Welt sah" ist ihm 1978 der Durchbruch und sein erster, großer Bestseller gelungen, einige seiner Bücher sind seit Jahren an US-amerikanischen High Schools Schullektüre.
Er liebt es, vielschichtige Handlungen zu komponieren, Fäden zu spinnen und am Ende zu verweben. Sonderbarerweise spielen viele Irving-Geschichten nicht selten in Europa und schließen in der Erzählweise an Charles Dickens oder an Günter Grass an. Kein Zufall, dass ausgerechnet Wien in vielen seiner Romane vorkommt, denn dort hat er als junger Amerikaner Europa entdeckt – und sich im Spiegelbild Europas wiederum als Amerikaner.

Geboren wurde er am 2. März 1942 in Exeter im Staat New Hampshire als ältestes von 4 Kindern. Sein Vater war Lehrer und Spezialist für russische Geschichte und Literatur an der Exeter Academy, einer sogenannten Prep-School, die der Vorbereitung aufs College dient.
Kurse für Creative Writing gab es damals an dieser Schule noch nicht; aber der beste Freund seines Vaters, George Bennet, war ihm in dieser Zeit Mentor und Kritiker. John Irving als guten Schüler zu bezeichnen wäre eine glatte Übertreibung; damals wurde seine Legasthenie noch nicht erkannt und die Ursache seiner Leseschwäche in der Tatsache gesucht, dass er nicht von seinem leiblichen, sondern von einem Stiefvater aufgezogen wurde.
Im Alter von 15 Jahren begann Irving in Exeter mit dem Ringen in der 60-Kilo-Klasse. Dass er es in diesem Sport nie zur Meisterschaft bringen würde, war sein Coach, Ted Seabrooke, nie müde zu betonen. Aber sein mangelndes athletisches Talent könne er durch harte Arbeit, körperliche Fitness und kontrolliertes Kämpfen ausgleichen. John Irving meint selbst, dass seine Zeit auf den Ringermatten das beste Training für seine schriftstellerische Laufbahn war. Hier hatte er Geduld, unermüdliches Wiederholen und die Gewissheit, selbst das Tempo bestimmen zu können, kennengelernt.
Für einen Schüler mit Leseschwäche ist es natürlich fatal, wenn er sich ständig in seitenstarken Büchern verliert. Charles Dickens in erster Linie, aber auch George Eliot und Dostojewskij waren schuld daran, dass häufig die Hausaufgaben in Mathematik und Latein leiden mussten. Er entdeckt in dieser Zeit auch Robertson Davies und Graham Greene für sich, wie der Zufall so spielt, hat er Davies nach Erscheinen seiner Bücher auch persönlich kennengelernt und wurde von ihm getraut, während Greenes Nichte heute seine Literaturagentin in Kanada ist.
Nach einer Ehrenrunde in Exeter war es an der Zeit, sich für ein College zu entscheiden. Wisconsin wäre die Schule seiner Wahl gewesen - doch dort war er nur auf die Warteliste gelangt. Und weil der Reiz auch da war, mit den besten Ringern des Landes zu trainieren, wechselte er an die Pittsburgh University. Coach Seabrooke hatte an den Trainer am Pitts, Rex Peery, eine wohlwohlende Einschätzung von Irvings Begabungen geschickt. Aber, wie Irving bald selbst feststellen sollte: ein halbwegs passabler Ringer zu sein, reichte eben nicht, wenn man mit der Spitze mitmischen wollte. Nach dem einzigen Kampf in diesem Jahr in West Point war die Entscheidung dann auch klar: weg vom Pitt.
New Hampshire war die nächste Station. Zwar gab es hier keine Ringermannschaft, aber dafür einen Creative Writing Kurs, und John Yount, ein Romanautor aus dem Süden, sollte der erste von Irving bewusst als solche wahrgenommener Mentor werden. Zur gleichen Zeit begann Irving auch als Co-Trainer an der Exeter Academy; an Schulkämpfen kann er jetzt nicht mehr teilnehmen, aber an den sogenannten offenen Turnieren.
Und dann kommt der Tag der großen Beichte; Irving erzählt Seabrooke, warum er wirklich von Pitt weggegangen war. Blödsinn, meint dieser: Nur, weil man nicht zur Spitze gehört, sollte man nicht gleich aufgeben. Doch damals entsprach das nicht der Weltanschauung des knapp 20-jährigen John Irving – er bildete sich ein, nur das tun oder lieben zu können, worin er Spitze war. Und John Yount hatte ihm gesagt, er hätte das Zeug zum Schriftsteller. Er rät ihm, weit weg zu gehen, sich an ausländischen Universitäten zu bewerben. Was er auch tat – und das Institut für Europäische Studien in Wien nahm ihn dann auch an.
Im Sommer 1963, unmittelbar vor seiner Abreise, macht er noch einen Deutschkurs in Cambridge, und lernt dabei Shyla Leary kennen und lieben. Im Sommer darauf heiraten sie in Griechenland. Shyla wird schwanger, und Irving freut sich darauf, Vater zu werden, allerdings nur in seinem eigenen Land. Außerdem war er nie ein Freund der deutschen Sprache geworden, spricht sie nach eigenen Angaben auch heute nur mangelhaft, und Wien, wo er immerhin seinen ersten Romanstoff gefunden hatte, erlebte er als mitunter antisemitisch. Weder er noch seine Freunde Eric Ross (mit dem er sich eine Wohnung in der Schwindgasse teilt) und David Warren mochten die Stadt besonders.
Zurück in den USA und New Hampshire, nimmt ihn Thomas Williams unter seine Fittiche; ihm hat er es zu verdanken, dass er ein kombiniertes Stipendium als Autor und Dozent an der Universtität Iowa erhält. Thomas Williams und seine Frau Liz wurden rasch zu engen, guten Freunden. Liz wurde auch Patin seines ältesten Sohnes, Colin, der 1965 geboren wurde. Noch Student, verheiratet und Vater, entgeht er automatisch der Einberufung in den Vietnamkrieg. In diesem Jahr, seinem letzten Collegejahr, erscheint auch seine erste Kurzgeschichte. In der Nacht, in der sein Sohn geboren wurde, starb im selben Krankenhaus George Bennet, der väterliche Freund seiner Jugend.
Von 1965 bis 1967 besuchte Irving den Schriftsteller-Workshop an der Universität in Iowa. Sein erster Lehrer war Nelson Algren, der Irving eigentlich ebenso nicht mochte wie Kurt Vonnegut, sein zweiter Lehrer, aber die Zusammenarbeit funktionierte ganz gut. Seine erste Stelle als Dozent bekam er am Windham College in Putney, Vermont, der während der 18 Jahre währenden Ehe mit Shyla zentrale Ankerpunkt der Familie. Dort entstanden seine ersten vier Romane. Zwischendurch verbrachten sie ein Jahr in Wien, wo 1969 der zweite Sohn Brendan geboren wurde.
Sein erster Roman „Lasst die Bären los“ (1968) erzählt die Geschichte von Siggi Javotnik und Hannes Graff, zwei nicht gerade erfolgsverwöhnten Studenten. Sie treffen darin, die Geschichte spielt teilweise in Wien, auf ein großstadtsüchtiges Mädel vom Land, den österreichischen Bundesadler, Nachtwächter im Tiergarten Schönbrunn, einen mystischen Motorradmeister, Honigbienen, die Benno-Blum-Bande und einen asiatischen Kragenbären. Es ist eine wahrlich tragisch-komische und skurrile Geschichte. Aus heutiger Sicht interessant sind auch die in diesem Roman aus dem Jahr 1968 verpackten zeitgeschichtlichen Betrachtungen der südosteuropäischen Kriegs- und Nachkriegsjahre. Der Roman weist bereits alle Vorzüge auf, die Irvings spätere Bücher in noch größerem Ausmaß auszeichnen. Die Sprache, die in der deutschsprachigen Übersetzung des Romans verwendet wird, ist übrigens eine wienerische Kunstsprache, mit Wörtern, die so in Österreich nie gebraucht werden.
Der Erzählstil seines zweiten Romans („Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“, 1972) wechselt in kurzen Intervallen. Einige Abschnitte werden in der dritten Person erzählt, in anderen tritt Trumper, die Hauptfigur, als Ich-Erzähler auf. Einige Abschnitte werden auch in der Form eines Drehbuchs dargestellt. Die (oft sehr kurzen) Kapitel halten sich auch an keine chronologische Reihenfolge, sondern springen sehr frei zwischen unterschiedlichen Zeitebenen hin und her.
Fred „Bogus“ Trumper studiert Sprachen. Auf einer Studienreise nach Österreich lernt er in Kaprun die erfolgreiche Schiläuferin Sue „Biggie“ Kunft kennen. Sie verbringen einige Zeit zusammen, Biggie wird schwanger, und sie kehren nach Amerika zurück. Trumpers Vater streicht ihm die Unterstützung, Trumper lebt von kleinen Jobs, außerdem ist er Tontechniker bei Projekten des Dokumentarfilmers Ralph Packer, eine Tätigkeit, die ihm kaum Geld einbringt, Biggie arbeitet als Krankenschwester. Die finanzielle Situation der jungen Familie ist schwierig, Trumpers Dissertationsthema, eine Übersetzung eines Epos aus dem Altniedernordischen, wird von ihm vernachlässigt. Nach einem Streit mit Biggie macht sich Trumper aus dem Staub. In Wien versucht er seinen Freund Merrill Overturf zu finden, von dem er schon seit Jahren nichts mehr gehört hat. Merrill findet er nicht, aber ohne es zu wollen, gelangt er an eine größere Menge Haschisch. Deshalb versuchen amerikanische Drogenfahnder, mit seiner Hilfe einen österreichischen Drogenhändler zu überführen. Der Plan geht schief, und Trumper kommt ohne das Rauschgift, aber mit dem eigentlich für den Kauf bestimmten Geld nach New York zurück. Nun muss er erfahren, dass Merrill schon vor zwei Jahren bei einem Unfall starb.
In Maine will er seinen alten Freund Couth besuchen; er hofft, dass dieser ihm sagen kann, wie es Biggie geht. Als er entdeckt, dass Biggie mit ihrem Sohn Colm nun bei Couth lebt und die beiden schon Biggies Scheidung von Trumper und Heirat mit Couth vorbereitet haben, kehrt er nach New York zurück. Dort hat Ralph Packer sein Filmstudio hin verlegt, Trumper wird wieder sein Tontechniker. Er zieht mit Tulpen zusammen, die dort für den Schnitt zuständig ist, und die sich auch um seine Finanzen kümmert. Ralph Packer entscheidet, Trumper zum Thema seines neuen Films zu machen, als Dokumentation eines Fehlschlags. Es ist die Geschichte vom Glück und Unglück des fluchbeladenen Fred „Bogus“ Trumper, des eigenwilligen fahrenden Ritters im Kampf der Geschlechter, der ausschließlich seiner Waffe die Schuld an allem gibt. Ein Nichtstuer voller Charme und guter Vorsätze, ein mit allen Wassern gewaschener Schlawiner und Schwindler. Für viele Irving-Leser ist dieser frühe Roman sein bester. So unglaublich schrill, so wüst, so zärtlich, so humorvoll ist kaum eines seiner folgenden Bücher.
Der Ich-Erzähler (sein Name wird im Roman nicht genannt) und seine Frau Utsch in seinem nächsten Roman („Eine Mittelgewichts-Ehe“, 1974)
haben eine Partnertausch-Beziehung mit dem Ehepaar Severin und Edith Winter. Der Erzähler ist Dozent für Geschichte an einem College, nebenbei schreibt und veröffentlicht er historische Romane. Utsch ist in Österreich geboren; sie verlor während des Zweiten Weltkriegs ihre Eltern und wurde danach von einem hohen sowjetischen Offizier während der Besetzung Wiens aufgezogen. Auch Severin Winter wuchs in Wien auf, auch sein Vater, ein Maler, starb während des Krieges, seine Mutter war ein gefragtes Aktmodell. Severin hatte in den USA studiert, nun unterrichtet er am gleichen College wie der Erzähler Deutsch und Ringen. Edith ist Amerikanerin, sie schreibt Kurzgeschichten, am Ende erfährt der Leser, dass sie insgeheim auch an einem Roman gearbeitet hat.
Zunächst sieht alles nach ungetrübter sexueller Freude aus. Alle Beteiligten scheinen besser zu ihren „neuen“ Partnern zu passen als zu ihren eigenen Ehepartnern. Schließlich beenden Edith und Severin die Vierer-Beziehung, worunter vor allem Utsch leidet. Da sie meint, ihr Mann habe sie vor diesem Leid nicht ausreichend geschützt, verlässt sie ihn und geht mit den gemeinsamen Kindern nach Wien. Am Ende sind die Spannungen zwischen Edith und Severin deutlich hervorgetreten; sie gehen ebenfalls zusammen nach Wien, wo Severin sich um den Nachlass zweier verstorbener Freunde der Familie kümmern muss. Der Ich-Erzähler ist einsam zurückgeblieben, plant aber, seine Frau in Wien zu suchen.
1976 gelang Irving mit „Garp und wie er die Welt sah“ der internationale Durchbruch. Es ist die Geschichte von T. S. Garp, 1944 unehelich geborener Sohn von Jenny Fields, einer Feministin und ihrer Zeit weit voraus. „Garps Welt“ ist ein Buch voll von Wahnsinn, Komik und Kummer. Transsexuelle Football-Spieler, Bären auf Einrädern, Ringer, Schriftsteller, Männer, Frauen, Kinder und ein sehr großer Hund – bei John Irving werden sie alle zu Menschen. Alle versuchen sie, das Beste aus ihrem Leben zu machen, „doch in der Welt, so wie Garp sie sieht, sind wir alle unheilbare Fälle.“.
„Hotel New Hampshire“ (1981) ist eine gefühlvolle Familiengeschichte, in der motorradfahrende und feministische Bären, weiße Vergewaltiger und schwarze Rächer, ein Wiener Hotel voller Huren und Anarchisten, ein Familienhund mit Flatulenz im Endstadium, Arthur Schnitzler, Moby Dick, der große Gatsby, Gewichtheber, Geschwisterliebe und Freud vorkommen – nicht der Freud, sondern Freud der Bärenführer.
1980 beginnt Irving, sich Notizen zu einem Roman zu machen, der die Beziehung eines Waisenhausarztes zu einem der Heimkinder und Abtreibung thematisieren sollte. Vorbild bei der Erfindung der Figur des Dr. Larch war ihm sein Großvater. Dr. Frederic C. Irving war Arzt, Gynäkologe, und hatte ein Standardwerk zum Thema Geburtenhilfe verfasst, das an den amerikanischen Universitäten noch heute in Gebrauch ist.
Vieles in dem Roman „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ (1985) hätte bestimmt die Zustimmung seines Großvaters gefunden, meint Irving. Die Schilderung der ganzen gynäkologischen Praxis, die Abtreibungen; nur die Tatsache, dass im Buch Dr. Larch in Homer einen Geburtshelfer heranzieht, der nie eine universitäre Ausbildung genossen hat, das hätte ihm wahrscheinlich missfallen. Im Buch hat Irving mehr als eine Geschichte seines Großvaters verarbeitet, so zum etwa auch den Fall einer Frau, deren Gebärmutter sich buchstäblich auflöst, Folge eines Abtreibungsmittels, das den Körper veranlasst, keinerlei Vitamin C mehr aufzunehmen.
Der Roman spielt überwiegend in den 1930er bis 1950er Jahren und erzählt die Geschichte des Waisenjungen Homer Wells, der in der Obhut des äthersüchtigen Dr. Larch aufwächst. Dieser betätigt sich nicht nur als Erzieher und medizinischer Betreuer der Waisen von Saint Cloud’s, sondern führt entgegen der damals herrschenden Gesetzeslage auch Abtreibungen durch. Er handelt dabei in der festen Überzeugung, dass Frauen die Wahl haben sollten, ein Kind auszutragen oder die Schwangerschaft abzubrechen, sofern sie adäquat informiert sind. Das Buch skizziert den Weg des Dr. Larch vom Medizinstudenten, der im Zuge der Behandlung einer auf sexuelle Kontakte mit einer Prostituierten zurückzuführenden Geschlechtskrankheit der Äthersucht verfällt, zum erfahrenen Arzt, der sich angesichts des Todes der Prostituierten und ihrer Tochter bei unsachgemäß ausgeführten Abtreibungen entschließt, selbst Abtreibungen durchzuführen, und sich damit fortan sowohl Gottes Werk (der Frucht der Empfängnis) als auch dem Beitrag des Teufels (der ungewollten Schwangerschaft) widmet.
Während der Zeit, in der Irving diesen Roman schreibt, lebt er vor allem in den Hamptons, um die typische Atmosphäre aufzunehmen. Es ist auch die Zeit, in der er sich von seiner Frau Shyla trennt. Die Widmung in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ gilt noch ihr, der Frau, „deren Liebe für fünf Romane gereicht hat“. In den Jahren danach, bis er seine jetzige Frau Janet kennenlernt, verbringt er, wie man es von einem reichen, berühmten Junggesellen fast schon erwartet.
1989 erscheint mit „Owen Meany“ die bewegende Geschichte der einzigartigen Freundschaft zwischen Owen Meany und John Wheelwright. Man schreibt den Sommer 1953, die beiden elfjährigen Freunde Owen und John spielen Baseball, als ein fürchterliches Unglück passiert ... Irving erzählt die Geschichte dieser beiden Jungen, die Geschichte seiner Generation, die Zeit ihrer Kindheit in den 50er Jahren, die Jahre der Aufbruchstimmung unter dem charismatischen John F. Kennedy und des Kampfs für die Gleichberechtigung der Rassen, initiiert von Martin Luther King, die immer stärkere Verwicklung der USA in den Vietnamkrieg, der Kampf gegen diesen Krieg und das Trauma einer ganzen Nation nach der Niederlage, die Utopien und Träume von einer friedlichen, gewaltfreien Welt in den 60er Jahren, bis hin zu jenem Schauspieler als Präsident im Weißen Haus, seinen Verwicklungen in die schmutzigen Affären der 80er Jahre und seinem Versuch, die sandinistische Revolution zu ersticken. „Owen Meany“ ist John Irvings Auseinandersetzung mit einem halben Jahrhundert amerikanischer Geschichte, mit der Frage nach dem Glauben in einer chaotischen Welt, ein großer Roman in bester angelsächsischer Tradition.
Privat ist diese Zeit durch die Heirat mit Janet Turnball gekennzeichnet, die auch seine Agentin ist, sie ist auch die Mutter seines dritten Sohnes.
Mit seinem Roman „Bis ich dich finde“ (2010), den er bereits 2002 begann, hat er seinen bislang persönlichsten Roman geschrieben. Es geht darum, dass ein Junge seinen Vater nicht kennt, ihn sein Leben lang vergeblich sucht. Während der Arbeit zu diesem Roman wurde Irving auch selbst mit dem abwesenden Vater seiner Kindheit konfrontiert. Er war zwar mit seinem Stiefvater aufgewachsen, wusste aber immer, dass da noch jemand war, den er nicht kannte. Erst jetzt wurde ihm die Identität des Vaters bekannt leider zu spät, um ihn noch kennen zu lernen.
Es ist die Geschichte des Schauspielers Jack Burns. Seine Mutter ist Tätowiererin, sein Vater ein Organist, der verschwunden ist. Die Suche nach Jacks Vater führt über Kopenhagen, Oslo, Helsinki und Hamburg nach Amsterdam und von dort weiter nach Toronto, Neuengland, Nova Scotia, Hollywood ... und zuletzt nach Zürich. Es ist ein Roman über Obsessionen und Freundschaften; über fehlende Väter und (zu) starke Mütter, über Kirchenorgeln, Ringen und Tattoos, über gestohlene Kindheit, trügerische Erinnerungen und über die Suche nach der einen Person, die dem Leben endlich einen Sinn gibt.
In seinem bislang letzten Roman „Straße der Wunder“ (2015) wachsen auf einer Mülldeponie am Rande der mexikanischen Stadt Oaxaca der hinkende Juan Diego, der sich mit Hilfe einer entsorgten Klosterbibliothek selbst Schreiben und Englisch beibrachte, und seine fast stumme Schwester Lupe, die Gedanken lesen und unzuverlässig die Zukunft voraussagen kann, auf. Von ihrer Mutter, einer Prostituierten, im Stich gelassen, gelangen die Geschwister zuerst in ein von Jesuiten geführtes Waisenhaus und von dort in den „Circo las Maravillas“. Dort bietet sich ihnen die erste Chance, es im Leben zu etwas zu bringen: Lupe als Wahrsagerin und Juan Diego als Hochseilartist am Zirkushimmel, allabendlich pendelnd zwischen Leben und Tod.
Es ist die Geschichte des Autors Juan Diego, der in doppelter Hinsicht auf die Reise geht: Er fliegt auf die Philippinen, um einem verstorbenen Freund einen Wunsch zu erfüllen. Und er reist in seine Vergangenheit, auf die Müllkippe in der mexikanischen Stadt Oaxaca, wo er und seine Schwester Lupe aufwuchsen.
All dies rekapituliert der alternde Juan Diego in seinen Träumen, in denen er so sehr versinkt, dass ihn das Bordpersonal im Flugzeug nach Manila für tot hält. Wenn er nicht träumt, ist er mit Miriam und ihrer Tochter Dorothy beschäftigt, die er am Flughafen kennengelernt hat, zwei geheimnisvolle Gestalten, die – obwohl sie Juan Diego mit sehr irdischem Sex beglücken – nicht ganz von dieser Welt zu sein scheinen.
Dabei macht sich Irving ungewohnt selbstironisch über seinen Hang zu Wiederholungen lustig. „Wassertreten, ein wenig Hundepaddeln – das ist so ähnlich, als würde man einen Roman schreiben“, sagt Juan Diego. „Es kommt einem so vor, als würde man eine lange Strecke zurücklegen, aber im Grunde beackert man altes Terrain.“

John Irving veröffentlichte bislang 14 Romane, viele Motive, Begebenheiten finden sich in jedem seiner Romane wiederholt. Es sind dies vor allem körperbetonte Sportarten (Ringen, Football); wiederkehrende Regionalbezüge bzw. Schauplätze (Maine, New Hampshire, Staten Island, auch Europa, vor allem Wien und Amsterdam); Charakteristika von Figuren (schüchterne Männer, starke Frauenfiguren, vaterlos aufwachsende Söhne, Prostituierte); Beziehungen (sexuelle Beziehungen zwischen älteren Frauen und jüngeren Männern, Inzest, häufig homoerotische Beziehungen) und Milieus (Rotlichtmilieus, Internatsschulen, Hotels/Pensionen, Zirkus) sowie die Schriftstellerei, Motorräder, Religion und immer wieder Bären. Wie er dies aber immer wieder neu, und auch nicht immer gelungen variiert, ist einzigartig. So erschuf er einen ganz eigenen, merkwürdigen, bezaubernden, klugen, oft ganz und gar fesselnden Kosmos, der durchaus jenen seiner großen Vorbilder Charles Dickens und Günter Grass ebenbürtig scheint.



 

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