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Bücherschau

Michel Houellebecq - Unverschämt und böse

Simon Berger. Ein Porträt des enfant terrible der französischen Literatur

Sein englischer Schriftstellerkollege Julian Barnes hat die Schreibweise Michael Houellebecqs wohl am treffendsten beschrieben: als „unverschämt“. So wie einige wichtige Autoren in der Vergangenheit, von Voltaire über Samuel Beckett bis Philip Roth. Zur Zielscheibe des unverschämten Autors werden, so Julian Barnes, „Vorstellungen wie die eines lenkenden Gottes oder eines gütigen und wohlgeordneten Universums, der Altruismus des Menschen oder die Existenz eines freien Willens“. Das sind die Angriffspunkte in den Büchern von Michel Houellebecq.
Von vielen als der wichtigste Romancier Frankreichs seit Michel Tournier bezeichnet (und das ist nun auch schon lange her, auch wenn Tournier erst vor wenigen Wochen hochbetagt gestorben ist – sein letzter Roman datiert aus den 1980er Jahren), stößt er die Öffentlichkeit seit Beginn des medialen Umgangs mit ihm ab. Zuerst als „medienuntauglich“ verschrien, tendiert man nunmehr dazu, dass er, gerade weil er anti-medial agiert, sehr medienwirksam ist, bewusst den „bösen Buben“ spielt. So tritt er gerne (insbesondere bei Preisverleihungen oder Interviews) abgerissen im alten Pullover, dreckigen Jacken und ausgebeulten Hosen und Zigaretten rauchend mit gelbverfärbten Fingern auf. Mitunter erklärt er schon einer Journalistin, falls er weitere Fragen beantworten solle, sie mit ihm schlafen müsse.
Geboren wurde er als Michel Thomas am 26. Februar 1958 auf der französischen Insel La Réunion (gelegen zwischen Madagaskar und Mauritius im Indischen Ozean). Sein Vater René Thomas, ein Bergführer, und seine Mutter Janine Ceccaldi, eine Narkoseärztin, interessierten sich eigentlich nicht besonders für seine Existenz und fanden auch kaum Zeit für ihren Sohn. Als seine Mutter vier Jahre später von einem anderen Mann schwanger wurde und sich seine Eltern daraufhin scheiden ließen, zog er im Alter von sechs Jahren zu seiner Großmutter väterlicherseits, einer Kommunistin, deren Namen Houellebecq er später als Pseudonym annehmen wird.
Er lebt mit der von ihm geliebten Großmutter (die 1978 sterben wird) im Nordosten Frankreichs, zuerst in Dicy (Yonne), dann in Crécy-la-Chapelle und verbringt sieben Jahre in einem Internat des Lycée von Meaux, wo ihn seine Mitschüler Einstein nannten. Nach dem Baccalauréat besuchte er am Pariser Lycée Chaptal die Vorbereitungsklassen für technische Hochschulen. 1975 wurde er am Institut national agronomique Paris-Grignon zum Studium zugelassen. Hier gründete er die kurzlebige Literaturzeitschrift „Karamazov“, für die er einige Gedichte schrieb, und versuchte sich an einem Film mit dem Titel „Cristal de souffrance“ („Leidenskristall“). 1978 beendete er das Studium als diplomierter Landwirtschaftsingenieur. Statt jedoch berufstätig zu werden, bewarb er sich mit Erfolg um einen Studienplatz in der Sektion für Film der École nationale supérieure Louis Lumière, die er jedoch 1981 ohne Abschluss verließ.
Noch während des Studiums heiratete Houellebecq 1980 Jacintha, die Cousine seines besten Freundes, ein Jahr später wurde sein Sohn Étienne geboren. Das konnte er schwer verkraften. Er war ohne Anstellung, hatte Eheprobleme und litt an Depressionen. In der Folge trennte er sich von seiner Frau und begab sich in psychiatrische Behandlung.
In der Zwischenzeit hat er zu schreiben begonnen, besuchte diverse Schriftstellerzirkel. 1983 bekam er eine Stelle als Informatiker im Beratungsunternehmen Unilog, wechselte kurz darauf allerdings ins französische Landwirtschaftsministerium. Diese Zeit, rund drei Jahre, verarbeitete er später in seinem Roman „Ausweitung der Kampfzone“. Neben der Berufstätigkeit schrieb er Gedichte und auch Kritiken sowie Buchrezensionen. So kam er mit verschiedenen Leuten im Pariser Literaturbetrieb in Kontakt und begegnete etwa Michel Bulteau, dem Leiter der Zeitschrift „Nouvelle Revue de Paris“, der als erster Houellebecqs Gedichte veröffentlichte. Bulteau schlägt ihm auch die Beteiligung an der Reihe „Collection des Infréquentables“ vor, die er im Verlag Éditions du Rocher eingerichtet hat. Dort erscheint 1991 der Essay „Lovecraft, contre le monde, contre la vie“ („Gegen die Welt, gegen das Leben“), Michel Houellebecqs erstes Buch, eine ungewöhnliche Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk H. P. Lovecrafts, des amerikanischen Kultautors der fantastischen Literatur. Im selben Jahr lernt er Marie-Pierre Gauthier kennen, die er 1998 heiraten wird.  Und er veröffentlicht „Rester vivant, méthode“ („Lebendig bleiben“) bei Éditions de la Difference, wo 1992 auch sein erster Gedichtband „La Poursuite du bonheur“ („Suche nach Glück“), der den Tristan-Tzara-Preis erhält, herauskommt.
1994 gibt Maurice Nadeau „Extension du domaine de la lutte“ („Ausweitung der Kampfzone“) heraus, seinen ersten Roman, durch den er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird. In diesem schwarzen, verzweifelten, aber gleichzeitig humorvollen Roman arbeitet der namenlose, 30-jährige Ich-Erzähler als gut bezahlter Informatiker in einem Pariser Software-Unternehmen. Seine spärlichen und beschränkten sozialen Kontakte ergeben sich nur aus seinem Beruf, die Wochenenden verbringt er in der Regel völlig allein. Seine letzte intime Beziehung zu einer Frau liegt mehr als zwei Jahre zurück.
Er wird von seiner Firma abkommandiert, die Einführungen in eine neue Software für das Landwirtschaftsministerium zu übernehmen. Zusammen mit seinem Kollegen Tisserand muss er dazu drei Reisen in die Provinz unternehmen. Tisserand brüstet sich unentwegt mit Frauengeschichten, die er gar nicht erlebt, weil er furchtbar hässlich ist und alle Frauen die Flucht ergreifen, sobald er in ihre Nähe kommt. Obwohl er sich nach eigenen Angaben mit seinem Gehalt jede Woche eine Prostituierte leisten könnte, hat er noch keinerlei sexuelle Erfahrungen.
Der Erzähler überzeugt Tisserand davon, dass dieser niemals das Herz und den Körper einer Frau besitzen wird, aber durch einen Mord immerhin ihr Leben und ihre Seele besitzen kann. Sie fahren einem Pärchen nach, das sich zum Sex an den Strand zurückzieht. Tisserand verfolgt sie mit einem Messer, bringt den Mord dann aber doch nicht über sich. In der Nacht fährt er zurück nach Paris und stirbt bei einem Verkehrsunfall. Mit dem Erzähler geht es daraufhin ebenfalls bergab, er sitzt tagelang nur noch in seiner Wohnung. Nachts hat er Alpträume. Silvester will er im Heimatdorf seiner Eltern in Südfrankreich verbringen. Er kommt bis Lyon, wo er die Nacht im Bahnhof zwischen Junkies und Obdachlosen verbringt. Am nächsten Morgen fährt er zurück nach Paris. Schließlich begibt er sich in psychiatrische Behandlung, wo bei ihm eine Depression diagnostiziert wird. In der letzten Szene des Romans fährt er unter Aufbietung all seiner Kräfte mit dem Fahrrad in einen Ort im Gebirge. Das Ende der Reise bleibt offen.
1998 erscheint „Interventions“ („Die Welt als Supermarkt“), eine Sammlung von Kritiken und Chroniken, die Houellebecq als überaus unkonventionellen und humorvollen Kritiker und Glossisten zeigt. Die Literatur-, und Filmkritiken, Gespräche und offenen Briefe zum eigenen Werk werden ergänzt von Texten über die Rolle der Literatur und den Zustand der Gesellschaft. Aufsehen erregt er mit einem provozierenden Text mit dem Titel „Jacques Prévert ist ein Arschloch“. Im Vorwort schreibt er: „Der Roman, von gleicher Gestalt wie der Mensch, sollte normalerweise alles von ihm enthalten können ... Im Grunde müsste man alles in ein einziges Buch verwandeln können, an dem man bis zu seinem Tode schriebe ... Der offensichtlichste gemeinsame Nenner der hier versammelten Texte ist, dass man mich nicht gebeten hat, sie zu schreiben. Im Sinne des oben Gesagten hätte ich in Erwägung ziehen können, sie in einem größeren Werk weiterzuverwenden. Ich habe es versucht, es ist mir aber nur selten gelungen.“ 2009 folgt diesem Band eine Fortsetzung, „Interventions 2“ („Ich habe einen Traum“). Hier schreibt er über Pädophile und die Medien, über Feminismus, über Neil Young („Die elektrische Gitarre führt durch seltsame Landschaften, schreckenerregend und sublim“) und auch über die Sexualität und den Westen.
Mit „Les Particules élémentaires“ („Elementarteilchen“), seinem zweiten Roman, gelingt ihm im selben Jahr der endgültige, auch internationale Durchbruch. Hauptpersonen sind die beiden Ende der 50er Jahre geborenen Halbbrüder Michel Djerzinski und Bruno Clément, beide Söhne von Janine (Jane), die ihr Leben mit Sexabenteuern und Selbstfindungsversuchen verbringt, jedoch unfähig ist, eine emotionale Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Beide werden getrennt bei ihren Großmüttern aufgezogen.
Bruno, der Lehrer wird, entwickelt eine lebenslange Sexbesessenheit, hat aber bei Frauen kaum Glück. Der depressiv wirkende Michel, mittlerweile ein bekannter Forscher auf dem Gebiet der Molekularbiologie, zeigt dagegen zeitlebens eher wenig Interesse an Sex und Frauen. Die grundverschiedenen Halbbrüder verbindet nur das Schicksal, die einsamen und ungeliebten Söhne einer egoistischen Mutter zu sein. Das Schicksal scheint eine Wendung zu nehmen, als beide mit 40 zum ersten Mal die Liebe kennenlernen. Das Glück ist jedoch für beide nur von kurzer Dauer und endet tragisch.
Bruno lernt die ebenso sexbesessene Christiane kennen, die sich in ihn verliebt. Als sie durch eine Steißbeinnekrose gelähmt wird, begeht sie Selbstmord. Bruno verliert darüber den Verstand und verbringt den Rest seines Lebens in einer psychiatrischen Klinik. Michel trifft seine Jugendfreundin Annabelle wieder. Das Glück kommt auch hier zu seinem raschen Ende, als Annabelle an Gebärmutterkrebs erkrankt und ebenfalls Selbstmord begeht. Michel verliert jede emotionale Bindung an das Leben und widmet sich nun ganz der Forschung. Er entwickelt die theoretischen Grundlagen für eine neue geschlechtslose und unsterbliche Menschenrasse, die die bisherige Menschheit ablösen soll. Diese vermehrt sich durch Klonen, besitzt keine Individualität mehr und kennt weder Alter noch Tod.
Vor allem aufgrund der Anfeindungen der französischen Kritik an diesem Roman zog sich Houellebecq mit seiner Frau für einige Jahre nach Irland zurück. 2003 hat er sich jedoch von seiner Frau, mit der er ein Haus in der Nähe der spanischen Stadt Almería besaß, wieder getrennt. Seit 2013 lebt er wieder in Paris.
Im 2001 herausgekommenen Roman „Plateforme“ („Plattform“) arbeitet der 40-jährige Michel als Beamter im Pariser Kulturministerium. Tatsächlich haben Kultur und Kunst keine Bedeutung für sein Leben. Seine Freizeit verbringt er damit, Unterhaltungssendungen im Fernsehen und Peepshows anzuschauen bzw. die Dienste von Prostituierten in Anspruch zu nehmen. Als sein ungeliebter Vater bei einem Streit von einem Moslem erschlagen wird, weil er mit dessen Schwester ein Verhältnis hatte, gibt sich Michel für einen Moment dem Gedanken der Blutrache hin. Er erbt schließlich eine nicht unbeträchtliche Summe, sowie Haus und Auto seines Vaters, und fliegt nach Thailand, um sich, den Rat seiner Kollegin Marie-Jeanne befolgend, zu erholen. Dort verkehrt er mit Prostituierten und berichtet seinen Mitreisenden in erstaunlicher Offenheit davon.
Michel reist mit Valérie und Jean-Yves zu einem Urlaubsclub auf Kuba. Michel und Valérie leben sich sexuell sowohl bei einer ménage à trois mit einem Zimmermädchen, als auch mit einem anderen Pärchen aus. Jean-Yves vergnügt sich mit einer Prostituierten. Nach Michels kritischer Analyse der modernen zivilisierten Gesellschaft, der es an nichts fehlt und die trotzdem oder eben darum keine sexuelle Befriedigung findet, unterbreitet er Jean-Yves einen Vorschlag. Man müsste einen aus dem Katalog buchbaren Sex-Club-Urlaub anbieten. Zusammen mit Valérie macht sich Jean-Yves an die Realisierung der Idee und kann den deutschen Touristikkonzern TUI von seinem neuen Konzept überzeugen. Sogar die hoch gesteckten Erwartungen, die Jean-Yves und Valérie haben, werden von der tatsächlichen Nachfrage nach ihrem Sex-Club-Urlaub noch überboten.
Die drei reisen schließlich zur Eröffnung eines neuen Ressorts ins thailändische Krabi. Sie wollen für immer dort bleiben. Michel, der noch vor einem Jahr zu lebenslanger Frustration und Depression verdammt schien, glaubt endlich glücklich zu sein. Doch durch einen islamistischen Terroranschlag auf die „sündige“ Ferienanlage wird das Paar jäh aus seinen Träumen gerissen. Valérie stirbt, Michel überlebt das Attentat völlig unbeschadet. Psychisch verkraftet er Valéries Tod jedoch nicht. Nach mehrmonatigen Aufenthalten in Krankenhäusern und psychiatrischen Anstalten wird er entlassen. Er reist zurück nach Thailand und lässt sich in Pattaya, der Hauptstadt des Sextourismus in Asien, nieder. Das Glück mit Valérie bleibt für ihn eine Ausnahmeerscheinung, für die er keine Erklärung findet. Was nütze ihm, den Rest (des Lebens) verstanden zu haben, wenn er die Liebe nicht verstanden habe. Ohne jeden Rest von Lebenswillen schreibt er seine Geschichte nieder – und wartet auf den Tod.
Die Handlung von „La possibilité d‘une île“, 2005 („Die Möglichkeit einer Insel“) spielt auf zwei verschiedenen Zeitebenen: Einerseits im 20./21. Jahrhundert (der Ich-Erzähler ist Daniel Nr. 1), und dann 2000 Jahre später (der Ich- Erzähler ist zuerst Daniel Nr. 24, später Daniel Nr. 25). In der ersten Zeitebene beschreibt Daniel 1, wie er zum gefeierten Star wird. Zahlreiche sexuelle Begegnungen mit Frauen hinterlassen keinen wirklich bleibenden Eindruck. Lediglich zu zwei Frauen entsteht so etwas wie eine Beziehung. Zu Isabelle, die seine Frau wird, und, nachdem diese Ehe zerbrochen ist, zu Esther, einer Nachwuchsschauspielerin, 25 Jahre jünger als er. Beide Beziehungen enden unglücklich und Daniel bleibt allein und verlassen zurück. Sein einziger treuer Begleiter ist sein Hund Fox. Das Leben des Ich-Erzählers ist bis zum Schluss bestimmt von der Suche nach Liebe.
In der zweiten Zeitebene stellen erst Daniel  24, dann Daniel 25 Betrachtungen über Daniel 1 an. Daniel 25 entschließt sich erst am Ende des Romans, aus seinem ereignislosen Leben der Kontemplation auszubrechen. Er macht sich mit seinem Hund auf die Suche nach „einer Insel“, auf der vielleicht noch ein erfülltes Leben möglich ist.
Houellebecq hat sich mehrmals offen als Sympathisant des Raelismus gezeigt. Er ist mit dem Begründer der Bewegung, Claude Vorilhon, befreundet und besuchte 2003 eine Raelianer-Konferenz in der Schweiz. Houellebecqs Roman ist zum Teil durch raelianische Lehren inspiriert, zeigt aber zugleich auch eine kritische Distanz. Die von den Raelianern 2002 verbreitete Nachricht, man habe das erste geklonte Baby geschaffen, wurde von ihm mit Interesse kommentiert. Die Möglichkeit des Klonens von Menschen spielt eine zentrale Rolle für die Struktur der Möglichkeit, indem dort die Haupthandlung um den Protagonisten Daniel 1 durch seine späteren Klone Daniel 24 und Daniel 25 eingeführt, kommentierend begleitet und mit einem Epilog abgeschlossen wird.
Der 2010 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Roman „La carte et le territoire“ („Karte und Gebiet“) erzählt die Geschichte des in Paris lebenden, einzelgängerischen Künstlers Martin. Dieser weist deutliche Parallelen mit dem Autor auf: Jed Martin ist das Einzelkind eines Architekten und verlor die Mutter durch Suizid. Der Vater schiebt ihn in ein Internat ab und ist Workaholic. Nach dem Schulbesuch bewirbt sich der sehr belesene Jed Martin bei der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris und legt als Bewerbungsmappe ein Dossier mit dem Titel „Dreihundert Fotos von Objekten aus dem Eisenwarenhandel“ vor. Es handelt sich dabei um viele tausend Fotografien, die er von gewerblichen und industriellen Erzeugnissen mit einer auf dem väterlichen Dachboden gefundenen Fachkamera der Marke „Linhof“ angefertigt hatte.
Mit am Computer bearbeiteten Fotografien von Michelin-Straßenkarten, denen er Satellitenbilder der gleichen Regionen gegenüberstellt, gelingt ihm nach dem Kunststudium schließlich der Durchbruch in der Kunstszene. Eine Liebesbeziehung, die er zu dieser Zeit mit Olga, der russischen PR-Agentin von Michelin, eingeht, endet, als ihr von Michelin eine Stelle in ihrem Heimatland angeboten wird. Sie lässt Martin „sprachlos“ zurück. Als Olga später im Roman nach Paris zurückkehrt, kann Jed emotional nicht an die frühere Beziehung anknüpfen.
Er beendet seine Arbeit mit Straßenkarten und beginnt einen Zyklus figurativer Malerei mit dem Titel „Serie einfacher Berufe“, an der er viele Jahre arbeitet. Die Ausstellung dieses Zyklus, seine erste seit den Straßenkarten, bedeutet für ihn den großen Durchbruch und macht ihn innerhalb kurzer Zeit zum höchstbezahlten Maler Frankreichs. Nachdem sein Porträt Houellebecqs auf der Dezember-Ausstellung gezeigt wurde, reist er zu Michel Houellebecq in die französische Provinz, um ihm sein Porträt zu übergeben. Bei dieser Gelegenheit wird deutlich, dass Houellebecq praktisch ohne soziale Kontakte allein lebt. Geraume Zeit nach der Übergabe des Porträts wird der Schriftsteller in seinem Landhaus ermordet. Der Täter tötete den Schriftsteller und dessen Hund. Danach richtete er seine Opfer bestialisch zu. Die ermittelnde Pariser Polizei findet keine Spuren und Hinweise auf den Täter.
Der durchaus konventionell geschriebene Roman beinhaltet zwei ungewöhnliche Aspekte. Einerseits führt der Autor sich selbst als Handelnden in seinen Roman ein. Das kann als Reaktion auf die erhebliche öffentliche Resonanz seiner Person verstanden werden, möglicherweise auch als ein Kokettieren mit der eigenen Person und ihrer öffentlichen Wahrnehmung. Zum anderen handelt es sich bei „Karte und Gebiet“ um einen Zukunftsroman, die Perspektive des Autors auf das Romangeschehen mit deutlichem Zeitabstand zur Handlung liegt irgendwo in der Zeit nach 2035 (als Jed Martin 60 wird).
Er entwickelt die Geschichte um einen Zeitpunkt herum, der in den Jahren nach 2010 liegt, und führt die Vorgeschichte seines Protagonisten mit einigen Rückblenden ein. Den Charakter eines modernen Kriminalromans erhält das Werk ab der Ermordung der Romanfigur des Schriftstellers Michel Houellebecq. Der Roman nimmt zeitlichen Abstand zur Gegenwart mit seiner zeitlichen Perspektive und beschreibt im „objektiven“ Ton aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wie den Kunstmarkt, die Bedeutung von Internet und Fernsehen, die Rolle des Konsums in der Gegenwart.
Der 2015 erschienene Roman „Soumission“ („Unterwerfung“) ist eine grandiose politische Fiktion über das Frankreich im Jahr 2022, das von einem islamischen Präsidenten regiert wird. Ben Abbès ändert die laizistische Verfassung, führt die Theokratie, die Scharia, das Patriarchat und die Polygamie ein.
Die Hauptperson des Romans, François, ist ein Literaturwissenschaftler, Mitte Vierzig, Trinker und frühzeitig gealtert. Er hat über Joris-Karl Huysmans promoviert und publiziert und lehrt an einer Pariser Universität. Seine Beziehungen zu wesentlich jüngeren Frauen, meist Studentinnen, sind regelmäßig auf höchstens ein Jahr befristet, dann verlassen sie ihn mit der Erklärung, „jemanden getroffen“ zu haben. Trifft er sie später einmal wieder, stellt er fest, dass sie gealtert und vereinsamt sind. Als die Romanhandlung einsetzt, ist François gerade wieder Single, hat aber noch losen Kontakt zu seiner letzten Exfreundin. Diese teilt ihm allerdings mit, dass ihre Familie angesichts der Ereignisse in Frankreich nach Israel auswandern wird. Nach Beginn des Wahlkampfes brechen zwischen den Rechten auf der einen Seite und den Moslems, Sozialisten und anderen politischen Gruppierungen auf der anderen Seite bürgerkriegsähnliche Unruhen aus. François verlässt Paris und fährt ohne genaues Ziel Richtung Südwesten. Auf seinem Weg sieht er ermordete Menschen, aber in den Medien wird weiterhin weder über die Unruhen noch über die Toten berichtet.
Die rechten Bewegungen und der Islam stehen sich schließlich in ihren Zielen sehr nahe. Das Buch endet mit François’ Visionen, was geschehen würde, wenn er das Angebot, zum Islam überzutreten, annähme: Er profitierte dann von der Islamisierung Frankreichs, verdiente als Dozent nach der Machtübernahme wesentlich mehr als vorher, erfreute sich der neuen Unterwürfigkeit seiner auch minderjährigen Gespielinnen. Dass die Frauen außerhalb der Wohnungen mittlerweile stets verhüllt auftreten würden, was ihn zunächst noch gestört hat, stellte dann naturgemäß kein Problem mehr dar, da aufgrund des Dogmas der „natürlichen Auslese“ in den „Zehn Fragen zum Islam“ den Vertretern der geistigen Elite, zu der er sich zählen dürfte, von den Heiratsvermittlerinnen automatisch die schönsten Mädchen zugeführt werden; Polygamie ist ausdrücklich erlaubt und erwünscht.
Houellebecq wurde vorgeworfen, in diesem Roman islamfeindlich zu sein – er selber sieht das aber anders: „Nein, denn mein Buch ist nicht islamfeindlich. Das dürfte sogar bei unaufmerksamer Lektüre deutlich werden. Muslime sind da keineswegs verletzt. Muslime haben mir gesagt, ‚das schockiert mich nicht, worin auch?‘“ Am 7. Jänner 2015, dem Tag, an dem in Frankreich sein Roman erschien, fand bekanntlich ein schrecklicher terroristischer Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ statt, bei dem zwölf Menschen getötet wurden. Auf dem Titelblatt der aktuellen Ausgabe war eine Karikatur von Houellebecq mit den ihm in den Mund gelegten Worten „2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan“ abgedruckt. Unter den Opfern war auch Bernard Maris, mit dem Houellebecq gut befreundet war. Houellebecq brach daraufhin alle Auftritte mit seinem neuen Romans ab und zog sich zurück.


 

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