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Bücherschau

Margit Schreiner - Die Fülle des Lebens. Die Fülle des Schreibens.

Karin Berndl über die österreichische Schriftstellerin Margit Schreiner

Von Margit Schreiner zu schreiben, bedeutet ein Stück weit über sich selbst zu schreiben. 2002 bei Literatur im März unter dem Titel „Frauen – was nun?“ begegnete ich Margit Schreiner zwar nicht persönlich, aber erlebte einen mir damals unverständlichen Zustrom zu ihrer Lesung. Sie sollte aus einem Buch, das den unsäglich platten Titel „Haus, Frauen, Sex“ trug, lesen. Ich war damals 26 Jahre alt und konnte mit der wehleidig anmutenden Tirade eines verlassenen Mannes und seinem Hab und Gut so gar nichts anfangen. In den Zwanzigern hat man nämlich noch die Hoffnung, sich von den Eltern lossagen zu können und will so gar nichts über das Scheitern der Generation der Fortysomethings lesen. Fehleinschätzung, Verfehlungen passieren immer wieder. Täglich. Auch darüber schreibt die Autorin. Ein Glück, wenn eine Leserin so wie ich ihren Fehler einsieht und sich dann Jahre später das Werk dieser großartigen Autorin in seiner Vielschichtigkeit erschließen kann.
So kann es sich wohl auch nur um eine solche Irrung handeln, dass Iris Radisch im Zusammenhang mit der Qualität des erwähnten Romans im Rahmen der Vorstellung im Literarischen Quartett von „völlig unerheblich“ sprach. Doch die heutige „Zeit“-Feuilletonchefin ist lediglich sechs Jahre jünger als die Autorin – das macht doch noch keine Generation?
Sieschreibt keine historischen Romane, keine Romane zur jüngeren Zeitgeschichte oder so etwas wie Künstlerromane, die aus sicherer Distanz über kollektives Verdrängen und Erinnern anhand von Einzelschicksalen, eines Arztes oder Kaufmanns beispielsweise erzählen, wie es beim deutschen Feuilleton seit gut einem Jahrzehnt sehr beliebt ist.
Margit Schreiners Texte sind auf ihre ganz spezielle Weise zutiefst persönlich. Dazu gehören Mut, Scharfsinn und eine Bandbreite an menschlichen Qualitäten. Ja freilich, das sind Mutmaßungen, Phantasien einer Begeisterten und ganz und gar subjektiv. So berühren auch Margit Schreiners Texte: unmittelbar – angenehm und auch unangenehm. Die Reaktionen und Resonanz darauf sind ebenso unterschiedlich: Zwischen Abwehr und Übermut. Zwischen Verleugnung und Überidentifikation. Und jetzt wird gleich ein Satz geborgt: „Stimmt auch manchmal. Aber nicht immer“ („Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur? Über Literatur, das Leben und andere Täuschungen“, 2008, S. 49).
Sie schreibt sicher in diesem Sinne „Autofiktion“. Martina Wagner-Egelhaaf beschreibt den Begriff im Vorwort des von ihr herausgegebenen Sammelbandes „Auto(r)fiktion“: „Nun werden unter dem Begriff ‚Autofiktion‘, der auf den französischen Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Serge Doubrovsky zurückgeht, ganz unterschiedliche ‚Mischungszustände‘ zwischen ‚Fiktion‘ und ‚Autobiographie‘ verstanden.“ Wagner-Egelhaaf zitiert auch Paul De Mans Überlegungen („Autobiographie als Maskenspiel“. In: „Die Ideologie des Ästhetischen“, Suhrkamp 1993), „dass das Leben nicht notwendigerweise der Autobiographie vorangehe, sondern umgekehrt auch die Vorstellung der Autobiographie eine Rückwirkung auf das realiter gelebte Leben ihres Autors haben könne “.
Ihr schriftstellerisches Konzept hat unweigerlich seinen literaturtheoretischen Hintergrund, der sich naturgemäß aus der ihren Texten eingeschriebenen existenziellen Notwendigkeit ergibt: „99 Prozent ist wahr und 99 Prozent ist erfunden“, das sagt die Autorin nicht nur in einem Interview. Da hält sie es jedenfalls mit Lacan: „Die Wahrheit hat die Struktur einer Fiktion“. Fakt ist: „Haus, Frauen, Sex“ zählt zu den erfolgreichsten Büchern der Autorin und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt u.a. in Hindi und wurde laut ihres Übersetzers 2004 zum meist verkauften Hindi-Roman Indiens.
Ihr neuer Roman „Das menschliche Gleichgewicht“ war Auslöser, mich mit dem inzwischen angewachsenen Œuvre der Autorin auseinanderzusetzen und bei der Re-Lektüre in Resonanz zu kommen, mit Vorurteilen aufzuräumen, mich diesen zu stellen, zu konfrontieren oder zu verweigern. Jedenfalls mich am Ende zu diesem Porträt zu entschließen. Um „Das menschliche Gleichgewicht“ geht es grundsätzlich in allen Texten Schreiners. Das Ausloten, die menschliche Sehnsucht nach Gleichgewicht und Gleichklang, die Brüchigkeit der menschlichen Existenz, das aus dem Lot geratene Leben, das Verlieren und Wiedererlangen von Sicherheit bestimmen ihre Texte. Sie markieren meist die Zeit vor und nach einer Pendelbewegung, extreme Gefühlslagen, krisenhafte Zustände, Zeiten der Leere und der Fülle.
Margit Schreiner selbst wurde 1953 in Linz geboren und wuchs dort auf. Auch ihre frühen Erzählungen und Texte kreisen um das klischeebeladene und triste Linz und eine Kindheit und Jugend in den 1950er und 1960er Jahren. Mit 18 Jahren geht sie zum Studium der Germanistik und Psychologie nach Salzburg. Ab 1977 verbringt sie drei Lebensjahre in Japan. Ihre erste Ehe wird dort geschlossen und auch die Entscheidung getroffen, Schriftstellerin zu werden. Sie bricht die Arbeiten an ihrer Dissertation ab und widmet sich fortan ihrer literarischen Arbeit. Ab 1983 lebt sie als freie Schriftstellerin zunächst in Salzburg und Paris, später in Berlin und Italien. Heute wohnt sie wieder in Linz. Sie ist Mutter einer Tochter mit Namen Oktavia. So weit die Fakten.

„Nichts kommt von nichts, alles geht seinen Weg, ist Gesetz und Notwendigkeit. Es gibt keine Zufälle, keine Überraschungen“ („Haus, Frauen, Sex“, S. 9).
Als einzige Autorin kam Schreiner damals mit ihrem ersten Buch, das unter dem Titel „Die Rosen des heiligen Benedikt. Liebes- und Haßgeschichten“ 1989 erschien, beim namhaften Haffmans Verlag in Zürich unter. Für die damals Mittdreißigerin ein Glücksfall. „Gerd Haffmans habe ich viel zu verdanken. 1989 brachte er meinen ersten Erzählband heraus. Sonst war da nichts. Ich verfügte über keine Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, nur über einen Stoß Manuskripte, die ich überall herumschickte“ („Süddeutsche Zeitung“, 17.11.2001)“.
Auch „Mein erster Neger. Afrikanische Erinnerungen“ (1990), „Die Unterdrückung der Frau, die Virilität der Männer, der Katholizismus und der Dreck“ (1995; heute unter dem Titel „Die Eskimorolle“ erhältlich) sowie „Nackte Väter“ (1997) erschienen im Haffmans Verlag.
Auch „Haus, Frauen, Sex“ wurde 2001 im Verlag des ehemaligen Cheflektors von Diogenes veröffentlicht. Zehn Tage vor Weihnachten 2001 soll dieser Roman im „Literarischen Quartett“ vorgestellt werden, was zu dieser Zeit einer sicheren Initiation in den Literaturbetrieb gleichkam. Doch Ende November 2001 gibt Haffmans seinen Konkurs bekannt. Die Lizenzen für Texte der AutorInnen wurden ohne deren Wissen vom Verleger bei einem Unternehmensberater belehnt. Doch Klaus Schöffling, der schon geraume Zeit um die Autorin „gebuhlt“ hat, leistet den erforderlichen Einsatz, um in sehr kurzer Zeit den Roman neu aufzulegen und somit auch den wirtschaftlichen Erfolg einzuläuten. Am 18. November 2001 autorisierte Margit Schreiner Klaus Schöffling zum Erwerb ihrer Autorenrechte.
Es gibt die Zeit des Erinnerns und des Vergessens. Margit Schreiner zieht dieses Konzept konsequent in ihren Texten durch.
In „Nackte Väter“ begegnet ihrer Ich-Erzählerin im Traum ein Mann, dem sie erklärt, dass es keinen Sinn habe, sie zu fragen. Sie erinnere sich an nichts. „Er lächelte. ‚Es gibt immer etwas‘, sagte er, „an das wir uns erinnern“ („Nackte Väter“, S. 35).
So ambivalent wie der Titel des Textes wirkt auch seine Ich-Erzählerin im Umgang mit dem Sterben und dem Tod des Vaters. Zwischen berührend wie im zweiten Teil des Romans, der titelgebend ist, wo sie im sich wiederholenden Satz „Komm, laß dich umarmen, Vati“ (ebd., S. 18) intime und verletzliche Seiten dieser Vater-Tochter-Beziehung aus der Erinnerung löst, rettet sie ihre Erzählerin mit der skurrilen Geschichte um das künstliche Gebiss des Verblichenen, das ihr die Mutter beim Begräbnis in die Hand drückt und das schließlich in einem Wasserglas in einer Berliner Wohnung endet, vor falschen Sentimentalitäten.
In der eingangs erwähnten Diskussion im „Literarischen Quartett“ wird schon die Spannweite und die Vieldeutigkeit dieser kraftvollen Prosa an den verschiedenen Reaktionen und auch starken Emotionen der KritikerInnen offenbar. Sich über Rollenprosa zu wagen und dafür die Figur eines gehörnten, enttäuschten und zutiefst gekränkten Mannes zu wählen und diese auch durchzuhalten, dazu gehört eine Menge Mut. Die Suada eines gekränkten Mannes, der seine Welt nicht mehr versteht, schwankt zwischen Verachtung und Selbstmitleid, zwischen Weinerlichkeit und Lächerlichkeit. Schreiner gelingt es ,das brüchige und desolate Wertesystem des Klagenden gekonnt darzustellen: „Ich habe investiert. Wer hätte denn sonst in dich investieren sollen?“ („Haus, Frauen, Sex“, S. 25).  und gleichzeitig den Leserinnen und Lesern Mitgefühl zu ermöglichen, wenn er so etwas wie Selbsterkenntnis anklingen lässt: „Seit ungefähr einem Jahr hast du manchmal etwas sagen wollen, das gebe ich ja zu, aber da war ich schon so gewöhnt, daß immer nur ich rede, da habe ich vielleicht das ein oder andere Mal übersehen, daß du auch etwas hättest sagen wollen“ („Haus, Frauen, Sex“, S. 89).
Zu „Haus, Frauen, Sex“ hat sie eine Hörspiel- und Bühnenfassung geschrieben, die über die Jahre einen wesentlichen Beitrag zur finanziellen Sicherheit ihrer schriftstellerischen Existenz beigetragen habe, wie sie in einem Gespräch im Rahmen der Fortbildung für BibliothekarInnen „Die neue österreichische Literatur und ihre Rezeption“ 2016 erzählt. Sie hätte auch sehr viel über ihre Figur gelacht, ja Tränen geweint vor Lachen, während sie daran geschrieben hat, sagt sie im selben Gespräch.

„Am Ende bringen wir unsere Mütter um, weil wir nicht mehr lügen wollen“  („Heißt lieben“, S. 7).
Nach einer Poetik der Vater-Tochter-Beziehung wagt sich Schreiner in „Heißt lieben“ an die weitaus schwierigere Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Eine Mutter stirbt, eine Hochzeit findet statt und ein Kind wird geboren. In diese drei Teile gliedert sich der 2003 erschienene Roman.
„Wir werden erwachsen, wenn die Mütter sterben“ (ebd., S. 46). Für die Ich-Erzählerin beginnt mit dem Tod der Mutter nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich ein neuer Lebensabschnitt: Sie heiratet und wird bald selbst darauf Mutter einer Tochter. Margit Schreiner unternimmt in diesem intensiven und traurigen Buch den Versuch, die beladene und schwierige Beziehung zwischen Müttern und ihren Töchtern nach dem Tod der Mutter neu zu bestimmen. Zwischen Anklagen der Ich-Erzählerin, die der Wut und den Ärger über das Verschwinden der Mutter Luft machen: „Unsere Mütter haben uns nie gesehen, wie wir wirklich sind. Unsere Mütter haben uns nie beachtet. Haben uns nie erkannt. Manchmal denken wir, alles war ihnen wichtiger als wir. Jeder Nachbar war ihnen wichtiger, jede Familienfeier, jeder Eindruck, den andere von uns hatten. Wir denken, der Eindruck, den jeder einzelne Lehrer von uns hatte, war ihnen wichtiger als wir, der Eindruck, den wir auf irgendeinen Arzt machten, war ihnen wichtiger als unser Wohlbefinden. Es war ihnen viel wichtiger, was andere über uns sagen, als das, was wir selbst sagen“ (ebd., S. 27). Viel darin erzählt auch über Bilder und Vorstellungen der Nachkriegsgeneration und das Frau-Sein und Frau-Werden in den 1960er und 1970er Jahren. Neben den stets humorvollen und ungeschönten Klagen wird auch gnadenlos analysiert: „Naturgemäß ist es am schlimmsten, wenn unsere Mütter uns ihre Liebe zeigen wollen. Denn unterschwellig ahnen wir natürlich, daß sie nicht uns, sondern ihre Vorstellung von uns, also sich selbst, lieben, und wir zucken ein Leben lang zurück. Aber wir können nie etwas beweisen. Das ist unser Schwachpunkt, Deshalb die Schuldgefühle dann später“ (ebd., S. 15).
Letztlich wird diese persönliche Ergründung der stets ambivalent bleibenden Mutter-Beziehung eine Liebeserklärung an das Leben: „Wer bereit ist, zu lieben, muss unweigerlich bereit sein, zu leiden, denn bei der Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz ist es schlechterdings unmöglich, ohne zu leiden zu lieben. Die Liebe erfordert daher großen Mut, den größten Mut überhaupt“ (ebd., S. 23). „‚Wer hätte gedacht‘, sagte die Tante Henriette zu meiner Mutter, die da auch schon fast siebenundsiebzig Jahre alt war und die mit meinem Vater, der damals siebenundachtzig Jahre war und Alzheimer hatte, mit dem Zug nach Bad Zell angereist war, um die Tante im Pflegeheim zu besuchen, ‚dass unsere Eltern uns einmal so im Stich lassen würden‘“ („Buch der Enttäuschungen“, S. 7).
Wohl der meist zitierte Abschnitt aus „Buch der Enttäuschungen“ (2005), weil Margit Schreiner darin (wie auch in ihren anderen Romanen) die Programmatik des Romans vorgibt. Waren es in den vorangegangenen Büchern die Poetik der ersten Beziehung zu Vater und Mutter, widmet sie sich in diesem Roman einer Poetik der ersten und letzten Dinge. Tante Henriette ist gestorben und resümiert ihr Leben. Was dabei herauskommt ist eine komische, bittere und nüchterne Bilanz der Lächerlichkeit menschlicher Existenz. Der Kreislauf schließt sich: „Zum letzten Mal ausatmen und niemals mehr einatmen bedarf keines großen Aufwand. Es ergibt sich fast von selbst. Wenn man erst einmal einverstanden ist. Das allerdings brauchte seine Zeit. Ich hatte noch nie gut loslassen können. Weder Menschen, noch Ideen, noch meine eigenen Ängste. Am wenigsten hielt ich an Materiellem fest. Auch meine Wohnung an sich war mir egal. Ich wollte aus dem einzigen Grund nicht in ein Pflegeheim, weil dort niemand rechtzeitig stirbt“ (ebd., S. 9).
Von dem paradiesischen Zustand im Bauch der Mutter, dem „Rauswurf“ aus diesem Paradies und den vielen Ernüchterungen und Fehlschlägen bei den Versuchen zu Bewusstsein zu gelangen, beschreibt sie liebevoll und ungeschönt die Lächerlichkeit und Fragilität menschlicher Existenz. Die Ich-Erzählerin analysiert dabei jede Lebens- und Entwicklungsphase mit ihren Vor- und Nachteilen: „Ich habe mich oft gefragt, früher, warum die Menschen zwischen vierzig und fünfzig Jahren am unsympathischsten sind. Jetzt weiß ich es. Sie sind am Höhepunkt ihrer Karriere und sind deshalb unausstehlich. Oder sie haben nie eine Karriere gemacht und sind deshalb unausstehlich“ (ebd. S. 79).
Dazwischen stellt sie auch fest: „Wir haben es längst aufgegeben, uns und andere zu täuschen“ (ebd., S. 84). Auch der Umgang mit Altern und Altwerden in der Gesellschaft betrachtet sie nüchtern: „Versorgt werden heißt nicht sterben dürfen. Fast niemand in den Heimen schafft es rechtzeitig zu sterben“ (ebd. S. 115).

„Kinder werden als Schriftsteller geboren“ („Haus, Friedens, Bruch“, S. 7).
Margit Schreiner hat sich durch die schönen und schrecklichen Zumutungen des Lebens geschrieben, um sich jetzt den Zumutungen einer Schriftstellerinnen-Existenz zu widmen. Ihre Ich-Erzählerin ist nunmehr eine Schriftstellerin mitten in der Schreibblockade zwischen Selbstverachtung, Selbsthass und Heißhungerattacken. Die alltäglichen Ablenkungen sind gegeben, an Motivation und literarischen Inspirationsquellen mangelt es, denn es wird ihr recht schnell, recht langweilig bei den „Kunsthandwerksbüchern, die da heute der Reihe nach erscheinen und gelobt und gepriesen werden, dass du nur so mit den Ohren wackelst“ (ebd., S. 35). Der Partner hofft auf den Durchbruch, die Tochter ist genervt vom Muttertier. Zwischen Wechseljahren und Pubertät bewältigt sie den Alltag mit ihrer Tochter, manchmal auch der Alltag sie.
So schafft sich die Ich-Erzählerin auch einen Massagesessel an. Der „Cumulus“ verspricht Entspannung in allen Lebenslagen und lädt zur bewussten Regression. Auch das Unbewusste beschäftigt: in die Träume der Autorin schleichen sich der Ex-Ehemann, die Schwiegermutter und dann auch noch ein Kinder-und Jugendpsychiater sowie die Ex-Frau des Neuen. Der Psychiater und die Ex des Neuen solidarisieren sich dann auch noch bei den nächtlichen Besuchen.
Dazwischen lässt die Ich-Erzählerin ihre Wut an dem männlich dominierten Literaturbetrieb aus: „Da schweigt ein Schriftsteller jahrelang, reist durch die Welt, steigt auf hohe Berge, und daheim setzt er sich hin und schreibt schweigend sein Meisterwerk. Aber ich sage ihnen: Dieser Schriftsteller ist in der Regel männlich, kinderlos und wohlhabend“ (ebd., S. 52).
Sie befragt ihre eigene Schreib-Intention: „Du kannst dich hinsetzen und haargenau aufschreiben, was du wie wann erlebt hast, es bleibt deine Erfindung. Da ist es praktisch gesehen völlig egal, ob du nun über Hannibal oder dich selbst schreibst“ (ebd., S. 57) und die Bedingungen des schriftstellerischen Schreibens heute: „Wir leben in dem Zeitalter der Mobilität, da bleibt niemand vormittags ruhig im Bett liegen. Nicht einmal die Schriftsteller. Darum schreiben sie ja so viel, glaube ich: Weil sie ohnehin schon auf sind und sowieso nicht in Ruhe schlafen können. Ich glaube, der Schriftsteller ist heute mehr wach als er schreiben kann“ (ebd., S. 41).
Sie macht sich so ihre Gedanken über Beziehungen im allgemeinen und im besonderen: „Niemand kann in eine Beziehung wirklich hineinschauen. Jedenfalls: Es sind in den meisten Fällen die Nerven, glaube ich. Das muss an unserer Zeit liegen“ und sich verändernde gesellschaftliche Verhältnisse: „Anforderungen, wo du hinschaust, das kannst du gar nicht mehr alles bewältigen, was da tagtäglich auf dich zukommt“ (ebd., S. 41).
Ihre Ich-Erzählerin hat eine gesunde Skepsis allzu optimistischen Haltungen gegenüber und findet sich am Ende in der einer positiven Pessimistin ganz wohl, wenn sie sagt, dass der Mensch „auf jeder Stufe seines Lebens (und sei sie noch so misslich) etwas findet, das ihm Kraft, Freude und Lust gibt“ (ebd., S. 41).

„Kaum ist das Kind geboren, fangen die Abmachungen an“ („Die Tiere von Paris“, S. 27).
Auch in „Die Tiere von Paris“ (2011) findet sich eine solche positive Pessimistin. „Wenn du den Typ erst mal los bist, wird alles besser, denkst du zuerst“ (ebd., S. 7). Dass es dann naturgemäß anders kommt, überrascht dann selbstverständlich nicht und wird bald in diesem lakonischen Selbstgespräch in der zweiten Person deutlich. Rückblickend wird dem Du deutlich, dass es so kommen musste, wie es gekommen ist – nicht mehr und nicht weniger. Die Vorstellung von einer Amour fou führt die Geographin in die Studette eines Literaturwissenschaftlers nach Paris und zu einem Projekt nach Italien und schließlich fluchtartig in ihr Heimatland und nach Wien zurück, wo sie als alleinerziehende Mutter wieder Boden unter den Füßen erlangt und ein neues Liebesversprechen in was Dauerhaftes führt. Während das erzählende Wissenschaftlerin-Mutter-Frau-Freundin-Du die Geschichte ihres ehelichen Scheiterns und Wiedererlangung ihrer Autonomie und Selbständigkeit berichtet, gerät weit leiser, aber eindringlich auch bei dem Getöse dieses unmittelbaren, die Handlung vorantreibenden Textes die Perspektive der Tochter der Erzählerin in den Blick, die zwischenzeitig mitläuft, Thema wird und letztlich, als sich alles zu beruhigen scheint, mit dem Verschwinden der Tochter endet. Es ist also auch ein Text über das Kindeswohl, Kindern in Patchwork-Familien, Scheidungskindern, die zwischen den Bedürfnissen und Interessen der Eltern hin – und hergerissen sind und zu verlieren drohen.
Nicht umsonst reift in der Erzählerin „die Idee zu einem Projekt über das Verirren in Natur, Kunstlandschaften und Städten“ (ebd., S. 51).

„Wahrscheinlich ist der Mensch von Natur aus ungeeignet für die Natur“ („Das menschliche Gleichgewicht“, S. 7).
Auch hier widerspiegelt ein Zitat auf der magischen Seite sieben die Grundthematik des Textes. Die Beschaffenheit und die Irrungen der menschlichen Natur im Zwischenmenschlichen und Umgang mit der Natur. Drei Paare Anfang sechzig reisen zum siebenten Mal auf eine unbewohnte kroatische Insel, die sie samt ihren Sprösslingen für ein Monat einnehmen. Die Kinder der Erzählerin verweigern sich in diesem Jahr dem Insel-Idyll. stattdessen taucht Sarah, die Tochter einer Freundin der Erzählerin aus früheren Tagen, samt ihrem Hund Habibi auf und begleitet die Gruppe auf ihrer spätsommerlichen Auszeit. Während die Ich-Erzählerin das Idyll in gewohnter Manier persifliert: „Die Generation der über Sechzigjährigen. Sie wissen grundsätzlich immer alles besser, sind dabei aber ständig unzufrieden: Sie hassen den Lärm und fürchten die Stille“ (ebd., S. 9),   wiegt in dieser kritischen Selbstbetrachtung der Ich-Erzählerin über ihre vermeintlich gesicherte Existenz und das ihrer Freunde mit den alltäglichen Irritationen zusehends das Gewicht von Sarahs traumatischer Geschichte: „Ich habe es durchgemacht: Wenn du deine Mitte verlierst, sagte Sarah mittags in der ihr eigenen, mir mittlerweile schon vertrauten Sprunghaftigkeit auf der Terrasse über dem Meer, während die anderen im Meer badeten und surften und paddelten und tauchten, dann schwankt die ganze Welt. Da ist mit einem Schlag nichts mehr auf seinem Platz“ (ebd., S. 9).
Sarah hat ihre Eltern auf eine sehr grausame Weise verloren. Ihr Stiefbruder hat die Eltern erstochen. Sarah und ihr Bruder haben den Anschlag augenscheinlich überlebt. Doch Sarahs Bruder Noah begeht Selbstmord und sie bleibt allein zurück. Die Ich-Erzählerin entscheidet sich, die junge schwer traumatisierte Frau „bedingungslos zu unterstützen“ und Sarah wählt sie, um eine Version ihrer Geschichte zu erzählen. Nach dem ersten Drittel des Romans findet die Ich-Erzählerin Sarahs Tagebuch auf ihrem Bett vor. Es ist ihr Klinik-Tagebuch, das Eintrag für Eintrag Einblick in die Leidensgeschichte der jungen Frau gibt, die unter einer schweren dissoziativen und posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Sie kann sich zum Schutz ihrer Seele nur schwer bis gar nicht erinnern. „Die Spaltung in verschiedene Welten“ hat für Sarah schon früh begonnen. Zahlreiche Umzüge, Schulwechsel, wechselnde Landschaften und Menschen. Es klingen auch Motive von Schreiners letztem Buch „Die Tiere von Paris“ an, in dem die Tochter der Ich-Erzählerin ebenfalls zwischen Landschaften und Elternhälften hin- und hergerissen wird und am Ende aufbricht und das mütterliche Zuhause verlässt. Auch Sarah geht und lässt die Ich-Erzählerin mit dem Tagebuch und ihren Erinnerungen, ihrer Version der Geschichte zurück. Der Ich-Erzählerin ist bewusst, dass sie nicht mehr auf die Insel zurückkommen werden und sie die Begegnung mit dieser jungen Frau tief verändert hat. „Alles verändert sich ständig. Menschen, Landschaften, Situationen. Selbst Erinnerungen. So wird jeder im Nachhinein an etwas anderes denken, wenn er an die Insel denkt ... Trotzdem (ebd., S. 193).
Literatur bewegt, und auch die, die schreiben, gestalten, entwickeln und verändern sich – oft mehr, oft weniger. So hat jedes Thema seine Zeit für den Schreibenden wie für den Lesenden. Ein Text erreicht seinen Leser, seine Leserin oder auch nicht. Diesem Grundton, der auf den ersten Seiten eines Textes bei einem anklingt, sollte man vertrauen. Der Text wirkt, ob man mitschwingt ist eine andere Frage. An Margit Schreiners Texten ist dies unmittelbar und unverstellt zu erproben. Oder wie es die Autorin zu formulieren weiß:
„Es gibt in der Literatur keine Gerechtigkeit, keine Objektivität und keine Rache. Auch Beschönigung von Tatsachen, Selbstmitleid oder Selbst-Rechtfertigungen rächen sich. Literatur ist nichts für Rechthaber“ („Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur?“, S. 26).


 

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