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Bücherschau

Vladimir Sorokin - Literatur als Horrortrip

Heimo Mürzl. Vladimir Sorokin und sein Werk – ein herausforderndes Lesevergnügen zwischen literarischem Sprengsatz und subversiver Absurdität

Literatur hat mich immer nur interessiert als eine Form des menschlichen Wahnsinns (…) was mich interessiert, das sind die Sümpfe.“  (Vladimir Sorokin im Gespräch mit Peter Urban)

Vladimir Sorokin, geboren am 17. August 1955 in Bykowo bei Moskau, ist ausgebildeter Ingenieur, arbeitete als Illustrator und Konzeptkünstler, ehe er sich voll und ganz der Literatur verschrieb. „Subversion durch Affirmation“ lautete sein ästhetisches Programm und die Traditionen der klassischen Avantgarde bildeten das theoretische Fundament für einige der eigenwilligsten und originellsten  Werke, die die russische Literatur in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten zu bieten hatte – sardonische Geniestreiche allesamt, suggestiv, absurd, subversiv, avantgardistisch, voll von anspielungsreicher Gesellschaftskritik und bitterböser, die Wirklichkeit von gefesselten Füßen auf den befreiten Kopf stellender Realitätsbeschreibung.  


Meister des Absurden
Schon mit seinem ersten, 1990 in der vorzüglichen Übersetzung von Peter Urban im Haffmans Verlag erschienenen Debüt im deutschen Sprachraum ließ Vladimir Sorokin die Alarm-Glocken der Sprache schrill läuten und die Literaturlandschaft gar nicht so sanft erbeben. „Die Schlange“ erwies sich in ihrer Mischung aus boshaftem Lachen über die sowjetischen Verhältnisse (laut Statistiken verbrachte der Sowjetbürger ein Drittel seines Lebens mit In-der-Schlange-stehen) und souverän-spielerischem Umgang mit Sprache und Text (der Roman beschreibt so spannend wie amüsant, wie das Absurde die Realität unmerklich durchsetzt, bis am Ende oft das nackte Entsetzen herrscht) als literarisches Kunststück, das Bosheit und Niederträchtigkeit mit Einfallsreichtum, Frechheit und viel Witz bekämpft. Das war große Literatur – Literatur, die Modernität mit Ironie und Zynismus verknüpfte, und mit ungeschönter Realität. Sorokin bediente sich an Szenen des sowjetischen Alltags und brachte sie zur jeweils groteskesten und schaurigsten Wendung. Seine Literatur kreiste um die Nöte und das Elend der Menschen, die alles tun beziehungsweise tun müssen, um einigermaßen zu überleben, und berichtet so auf höchst vergnügliche Art und Weise vom Trugbild des Sozialistischen Staates.
Auch in seinem zweiten ins Deutsche übersetzten Roman blieb der literarische Anarchist seinem Credo treu und hob mit diebischer Freude die Regeln des sogenannten „guten Geschmacks“ und die Verbindlichkeiten des allgemein-üblichen Sprachgebrauchs auf. „Marinas dreißigste Liebe“ ist ein auf ebenso explizite wie atemberaubende Art und Weise „freches“ und „mutiges“ Buch. Die Geschichte der Marina Ivanowna, die von der Brutalität und Geilheit der Männer genug hat und sich in die Arme ihrer Geschlechtsgenossinnen flüchtet, um dort Befreiung und Erfüllung zu finden, ist ein überaus gelungenes Beispiel pornographischer Reflexion. 390 Seiten lang tänzelt dieser Roman zynisch spöttelnd und derb lachend wie ein wild gewordener Derwisch lustvoll Faxen machend und sich am schockierten Gegenüber erfreuend einen Abgrund entlang. Leser, Staat, Gesellschaft, ja, wer und was eigentlich nicht, werden an der Nase herumgeführt und letztlich düpiert. Marina erweist sich Seite für Seite, Gespielin für Gespielin, als beispielhaftes lesbisches Luder, das raucht, säuft und klaut und mit Männern nur noch gegen Bargeld verkehrt. Die dreißigste Liebe, neunundzwanzig Geschlechtsgenossinnen hat die bildschöne und sagenhaft gebaute Marina schon verschlissen, verheißt ein Happy End. „Weiber lieben! Mit Dissidenten verkehren! Butter klauen wegen des tollen Gefühls! Was soll das Gewichse, entschuldige den Ausdruck?!“ Was für ein Roman – ein kleines Meisterwerk sardonisch-subversiven Humors.


Schock und Irritation
Mit Etikettierungen kommt man bei Vladimir Sorokin nicht weit. Schon wieder einer von diesen Russen? Ein Autor aus der von aller Welt beachteten Samisdat- und Dissidentenszene? Nein. Auch wenn seine Texte gerade da früh die meiste Verbreitung fanden, darf man den gekonnt mit Schockeffekten und Irritation arbeitenden Autor als prototypischen Untergrund-Poeten bezeichnen – da kommt Sorokin nämlich her; aus der Moskauer Subkultur.
Sein drittes in deutscher Übersetzung erschienenes Buch „Der Obelisk“ versammelt verstreute kleinere Arbeiten zu einem Erzählband mit großer literarischer Sprengkraft. Auch diese Texte weisen Sorokin als Meister pornographischer Reflexion und sexueller Provokation aus. Sorokin greift zurück auf die Traditionen der Groteske und des Absurden in der russischen Literatur, aber auch auf die Traditionen der klassischen Avantgarde, verknüpft sie aber so geschickt wie artifiziell mit der hohen Kunst des subversiven Schunds. Sorokin schockiert die prüde (russische Bürokraten-)Gesellschaft mit teuflischer Absicht.
Vielleicht auch deshalb, weil der sozialistische Realismus ja fast nur die Lust der Arbeit und des Parteilebens kennt und beschreibt, während er die Menschen mit seinen Erzählungen radikal konfrontiert mit einer anderen, ganz anderen schamlosen Lust an Orgien jeglicher Art. Da gibt es zum Beispiel Lochov („Der Wettbewerb“), der nicht nur Kiefern fällt, sondern auch seinen Kollegen Budzjuk um einen Kopf kürzer macht, um sich sodann mit zwei kreischenden Sägen ins Wasser zu stürzen. Oder Georgij Ivanovic, der eine Betriebsüberprüfung („Auf der Durchreise“) derart beendet, dass er das Entwurfsmuster der Firmenjubiläumsbroschüre mit seinen Fäkalien signiert. Wer außer Sorokin vermag es, eine Geschichte zu erzählen, die wie eine romantische Jagdidylle beginnt, um dann damit zu enden, dass das Leberchen der erlegten Beute am Spieß gebraten wird. Wer da aufs Korn genommen wurde, sei hier nicht verraten.
Es sind Erzählungen in der Tradition Daniil Charms, die dem Leser besonders seltsame Zeitgenossen präsentieren, deren Tun wohl so manchen Leser verwundert zurücklässt. Jeder Satz ist ein kunstvoller Tritt gegen die bigotte Dünkelhaftigkeit des gesellschaftlichen und literarischen Status Quo. Schilderungen hemmungsloser Ausschweifungen wechseln mit jenen absurder Gewalttätigkeit. In Sorokins Erzählungen passiert Ungeheuerliches ganz ungetrübt von Skrupeln und schlechtem Gewissen – er nimmt den Leser mit auf eine beklemmend-schamlose Sauf-, Fress-, Rauch-, Prügel-, Beischlaf- und Bescheiß-Tour – im wahrsten Wortsinn eine Mords-Gaudi.
Sorokin gehört zweifellos zu den avanciertesten und herrausragendsten Vertretern einer Literatur, die sehr drastisch und provokativ die Alltagslogik zu verbannen versucht. Die Kunst hat ihre eigene Logik und diese zerstört den Gegenstand der Betrachtung nicht, sondern hilft (dem Leser), ihn zu erkennen. Vielleicht hat das alles zu tun mit dem Zustand der Welt, wie sie sich dem russischen Schriftsteller darbot und darbietet. Nirgends war (und ist) die Kluft zwischen Sprache und Sein, zwischen öffentlich behauptetem Anspruch und Lebenswirklichkeit so groß, wie in der Sowjetunion seligen Angedenkens. Aus dieser Kluft resultiert die Verbindung des Komischen mit dem Tragischen in Vladimir Sorokins virtuos-absurden Erzählungen.


Tabubruch und Spiegelfechterei
Sorokins Texte beginnen nicht selten als launige Erzählentwürfe, die aber stets einer dem unweigerlich fatalen und katastrophalen Ende zustrebenden Logik folgen. Seine Romane spielen nicht nur mehr mit dem Tabubruch, mehr noch, Mitte der 90er-Jahre wurden Widerwärtigkeit, Ekel und Abscheulichkeit zu zentralen Elementen seiner Romane. „Spucken, am liebsten würde ich drauf spucken! – der Alte bebte, scheißen und pissen auf euch! Scheißen und pissen! Schweine! Ich bin für mich selbst verantwortlich! Selbst!“ Sorokins Romane werden mehr und mehr zu avantgardistisch-subversiven Literaturbaumodellen. Mit viel Hintergrundwissen, erzählerischer Finesse und schelmisch-ingrimmiger Lust an kunstvoll und ausgeklügelt konstruierten Geschichten, verknüpft er den Textkanon der russischen Literatur mit Folterorgien, Gewaltexzessen und Pornoversatzstücken, lässt biederen Realismus auf wüste Hardcore-Szene treffen und arbeitet ganz bewusst mit Tabubrüchen und Schockeffekten. Menschen werden in einem expliziten Show-Down abgeschlachtet, Personen wird ebenso selbstverständlich „ins Hirn geschissen“ wie sie „in den Arsch gefickt werden“. Scheinbar nichts am Tonfall verrät, dass hier Ungeheuerliches geschildert wird, Recht und Unrecht kaum noch zu unterscheiden sind, die Bestialität wird zur Normalität: „Ein Mann wälzte sich auf dem Grund der tiefen Betongrube. Ihm fehlten die Beine und der rechte Arm, er lag in seinen eigenen Exkrementen, die den Boden des Bunkers zur Gänze bedeckten.“ Sorokins Roman „Die Herzen der Vier“ sorgt bis heute mit seiner nüchtern-protokollarischen Darstellung der Bestie Mensch für Irritation und Beklemmung und gehört noch immer zum Aufregendsten, was in den vergangenen drei Jahrzehnten erschienen ist.
Auch in seinem folgenden Roman verzichtete Sorokin nicht auf die Zutaten Schock und Irritation, fand aber eine ausgewogenere Balance zwischen der ungestümen Freude am Tabubruch und der ebenso stolzen wie gekonnten Präsentation erzählerischer Kunst. „Roman“ beginnt ganz konventionell, geradezu ungewohnt beschaulich. Der Intellektuelle Roman zieht sich aufs Land zurück und will sich in der zeitlosen Idylle nur noch der Kunst widmen. Doch sehr bald schält sich aus der Darstellung einer Idylle eine wüste Gewaltphantasie: Roman tötet zunächst heimtückisch Verwandte, Bekannte, Knechte und Mägde, die sich auf dem Anwesen aufhalten und steigert sich in einen lustvollen Zerstörungsrausch, um seinen Amoklauf schließlich auf das gesamte Dorf auszuweiten, bis er letztlich auch seinem Leben ein unnatürliches Ende setzt. Die Virtuosität, mit der Sorokin in diesen zwei ebenso herausragenden wie herausfordernden Romanen („Die Herzen der Vier“ und „Roman“) mit den Lesegewohnheiten seiner Leser spielt und Wirklichkeitspartikel, erzählerische Fiktion und Versatzstücke der russischen Literatur zu beeindruckenden Texten zusammenfügt, ist unvergleichlich.
In seinen folgenden Büchern behielt Sorokin dieses Konstruktionsprinzip bei, verlor aber Buch für Buch ein wenig das Interesse für den russischen Alltag, die politischen Entwicklungen und die Menschen. Die Tabubrüche und Schockeffekte wirkten immer konstruierter und seine Texte glichen mehr und mehr einer rein literarischen Spiegelfechterei, künstlich, substanzlos, ohne wirklich große Bedeutung. In seinem Roman „Der Tag des Opritschniks“ schildert Sorokin ein fiktives Russland der Zukunft und kehrte als mitreißend-kraftvoller Erzähler und postmoderner Literatur-Berserker wieder und drehte die Spirale seiner drastisch-fesselnden Erzählkunst um einige Umdrehungen weiter.


Surreale Zukunftsromane und Schreckensvisionen
Mit seinem Appell „Schreiben und widersprechen“ widersetzte sich Vladimir Sorokin Zeit seines (Schriftsteller-)Lebens nicht nur den politischen Eliten und staatlichen Machtapparaten Russlands und dem gesellschaftlichen Status Quo weltweit, sondern machte sich schreibend (derb, schamlos, beklemmend, virtuos und hochartifiziell in seiner unvergleichlichen Verknüpfung von Horror und Groteske, Brutalität und Absurdität, Exzess und Normalität) auf die Suche nach futuristischen Gegenwelten und Alternativen. Seine surrealen Zukunftsromane gerieten mehr und mehr zu atemberaubenden Entwürfen einer neofuturistischen Welt, in der sich aber auch Vergangenheit und Gegenwart wiederfinden. In seinem Roman „Der Tag des Opritschniks“ schildert er ein fiktives Russland aus der Sicht eines Opritschniks. Der ist Teil der Leibgarde, einer gewissenlosen und rücksichtslosen Mörderbande unter staatlichem Befehl, und dient dem Alleinherrscher Russlands im Jahr 2027. Die Limousinen der Bewachungs- und Säuberungstruppe ziert ein Hundekopf und ein Stahlbesen, martialische Herrschaftszeichen der neuen Herrscherkaste. Eine Mauer schützt das fiktive Russland vor dem Rest der feindlichen Welt und der Gossudar (Alleinherrscher) regiert mit unerbittlicher Härte und größter Brutalität, dabei aber immer freundlich lächelnd und harmlos blickend.
Der Opritschnik verrichtet Tag für Tag im Auftrag des Alleinherrschers sein schmutziges Handwerk: Er beseitigt Adelige, metzelt beinahe gelangweilt die in Ungnade Gefallenen hin, vergewaltigt wehrlose Frauen und missbraucht deren Kinder. Mit Modedrogen und heiterer Ausgelassenheit werden nach verrichteter Arbeit in der Sauna des Alleinherrschers Feste gefeiert, die nicht selten mit homoerotischen Orgien enden.
Die Bestialität und Gewissenlosigkeit der herrschenden Unterdrückerbande schildert Sorokin mit drastischen Bildern und seine fast protokollarische Darstellung des Grauens im lakonischen Tonfall macht dieses Buch zu einem ebenso spannenden wie verstörenden Lektüre-Horrortrip.


Telluria
Mit seinem neuesten Roman „Telluria“ hat sich der zugleich berühmteste und umstrittenste zeitgenössische Autor Russlands mit Witz und Verve noch ein paar Schritte nach vor gewagt. Diese Schreckensvision in Form eines Romans bietet scharfe Zeit- und Gesellschaftskritik, verpackt diese in einem wahren Textmonster, das sich an allem bedient, was gut und brauchbar ist. Der Roman besteht aus fünfzig (eigenständigen) Kapiteln (von Science-Fiction über den Bauernschwank, theoretische Schriften, KGB-Texte, Thriller-Elementen, Fantasy, Reportagen, poetischen Beschreibungen der russischen Seele und reinster Satire reicht das Spektrum, das der Moskauer Schriftsteller in seinem Textmonster verarbeitet) und ist in Summe doch ein avancierter Roman, der dem Leser das Zerrbild einer neofuturistischen Welt vor Augen führt und in dem Vladimir Sorokin sich trotz allen Furors als skeptischer Humanist offenbart.
Nach Religionskriegen, Revolutionen und Aufständen ist Eurasien, der Kontinent zwischen Atlantik und Pazifik, zur Mitte des 21. Jahrhunderts in isolierte Kleinstaaten zerfallen. In Köln wird wieder ausgelassen Karneval gefeiert, da die Taliban nach dreijährigem Krieg besiegt werden konnten. Und die sagenumwobene Republik Telluria liegt im Altai-Gebirge und der Reichtum der Oligarchen gründet auf einer neuen Droge: Tellur.
Zwecks Erreichung des ultimativen Drogenglücks lassen sich die Menschen die glänzenden Tellurnägel in den Kopf schlagen. Bei richtiger Handhabung ist grenzenloses Wohlbefinden die Folge, bei unsachgemäßem Einschlagen jedoch der baldige Tod. In der von Sorokin so radikal wie surrealistisch erdachten und beschriebenen Zukunft leben wie selbstverständlich Zwerge, Gnome, attraktive Amazonen und böse Orcs mit den Menschen zusammen. Ein Umstand, den Sorokin so begründet: „Das (russische) Leben ist eine Groteske. Man kann es nur mit fantastischem Realismus beschreiben.“ Mit diesem Meisterwerk literarischer Vorstellungskraft hat sich Vladimir Sorokin wohl endgültig seinen Platz in der Ahnengalerie der russischen (Welt-)Literatur gesichert.


 

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