Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Marie von Ebner-Eschenbach - Chronistin der Franz Joseph-Ära

Friedrich Weissensteiner. Anmerkungen zum 100. Todestag von Marie Ebner-Eschenbach

Die Lebenseckpunkte der großen altösterreichischen Erzählerin Marie von Ebner-Eschenbach und Kaiser Franz Josephs, ihres obersten Landesherrn, sind beinahe deckungsgleich. Er wurde am 18. August 1830 geboren, sie am 13. September. Sie starb am 12. März 1916, er verschied am 21. November. Im heurigen Jahr wird hoffentlich beider Persönlichkeiten gedacht werden. Für den Kaiser steht das gewiss außer Frage. Bei der Dichterin bin ich mir nicht ganz so sicher. Ihr Werk ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Wer liest heute noch ein Buch von ihr? Die Zeit ist über die lebensnahe Schriftstellerin, die literarische Chronistin der Franz Joseph-Ära, hinweggerollt. Aber ihren Stammplatz in der österreichischen und deutschen Literatur kann ihr  niemand wegnehmen.

Abkunft und Kindheit
Marie Ebner-Eschenbach erblickte auf Schloss Zdislawitz (Zadislavice) bei Kremsier (Krmeric) das Licht der Welt. Der Vater, Franz Baron (ab 1843) Graf Dubsky entstammte dem böhmischen Landadel. Er war ein gestrenger Herr, der auf seinem Gut über ein großes Gesinde gebot: Dienstmägde, Knechte, Taglöhner, Stuben- und Kindermädchen. Die Familie verbrachte die Sommer- und Herbstmonate auf dem mährischen Landgut, während sie im Winter in ihrem geräumigen Haus in der Wiener Rotenturmstraße domizilierte. Auf diese Weise lernte das Mädchen Land- und Stadtleben aus eigener Anschauung frühzeitig kennen. Die kleine Marie verbrachte im Kreis ihrer Geschwister eine schöne Kindheit, obwohl die Mutter bald nach ihrer Geburt starb und auch die Stiefmutter in jungen Jahren verschied. Sie hat diesen Abschnitt ihres Lebens in ihrem Buch „Meine Kindheitsjahre“ auf dem Höhepunkt ihres Schaffens farbig, abwechslungsreich und eindrucksvoll zu Papier gebracht. Marie wurde, wie das damals in Adelskreisen üblich war, von Kinderfrauen umsorgt und von Gouvernanten und Hauslehrern erzogen. Lesen und schreiben, so erzählt sie, wurde ihr vom Gutsverwalter beigebracht. Sie war damals fünf. Und als sie nach einiger Zeit noch immer nicht gut genug schreiben und lesen konnte, musste sie zum Vater, den sie zwar duzen durfte, aber die Hand küssen musste, in dessen Arbeitszimmer zum Rapport. Ja, so war das damals. Der Vater, der den Kindern oft über seine Erlebnisse in den napoleonischen Kriegen erzählte, war kein sturer Kommissknopf. Er hatte einen Sinn für Poesie, liebte Raimund und war ein eifriger Besucher des k.u.k-Hofburgtheaters. Ein noch tieferes und breiteres Kunstverständnis hatte des Grafen vierte Gemahlin Gräfin Xaverine Kolowrat-Krakovsky. Sie sang französische Romanzen, rezitierte Gedichte und malte Aquarelle. Sie schenkte ihrer elfjährigen Stieftochter zum Geburtstag Schillers gesammelte Werke und nahm sie in ihre Loge in das Burgtheater mit.
Die sehr mütterliche Stiefmutter engagierte auch neue Lehrer, einen französischen Tanzmeister und eine Klavierlehrerin, der sie ob ihrer Strenge geringe Sympathien entgegenbrachte. Das Erziehungsprogramm umfasste neben dem Fremdsprachen- und Religionsunterricht auch hauswirtschaftliche Gegenstände (Stricken, Häkeln, Kochen usw.), war also ganz auf den damals für Mädchen bestimmten Aufgabenbereich abgestellt.
Die fürsorgliche Stiefmutter war es auch, die das schriftstellerische Talent ihrer Tochter erkannte und es nach Kräften förderte. Marie von Ebner-Eschenbach hatte schon als Kind eine rege Phantasie, las viel, schrieb zum Missfallen ihrer Familie Verse und verbrachte viel Zeit in der Schlossbibliothek. Das phantasiebegabte Mädchen träumte davon, ein weiblicher Shakespeare zu werden. Der Mädchentraum ging jedoch nicht in Erfüllung. Dazu fehlte ihr der große dramatische Atem.

Die Dramatikerin
Die beiden ersten Jahrzehnte ihres literarischen Schaffens widmete Marie von Ebner-Eschenbach dem Theater. Sie schrieb historisch-politische Dramen, Gesellschaftsstücke und Lustspiele. Ihre „Maria Stuart in Schottland“, ein Drama in fünf Akten,1860 in Karlsruhe uraufgeführt, wurde herb kritisiert. Nicht viel besser erging es dem in der französischen Revolution angesiedelten Trauerspiel „Marie Roland“. Mit dem Einakter „Doktor Ritter“, eine Huldigung für Friedrich Schiller, gelang ihr 1869 der Sprung auf die Bühne des ehrwürdigen Hofburgtheaters. Ferdinand von Saar gratulierte ihr zu dem schönen Erfolg und auch Franz Grillparzer, den sie einige Tage später in seiner Wohnung in der Spiegelgasse besuchte, spendete ihr Lob.  Zumindest legte sie seine Worte so aus. Im Alter hat sie in ihren  „Meine Erinnerungen an Grillparzer“ diese Auslegung etwas relativiert. Das Stück wurde sechsmal aufgeführt und auch in Prag, Leipzig und an anderen Spielorten gezeigt.
1873 brachte das Burgtheater das Lustspiel in drei Aufzügen „Das Waldfräulein“ zur Aufführung, in dem die Autorin heftige Kritik an der Adelsgesellschaft übte. Sie löste damit einen regelrechten Skandal aus. Enttäuscht und von Selbstzweifeln heimgesucht, entschloss sie sich, die Arbeit für das Theater aufzugeben. Ein guter Freund gab ihr den Rat, ihr großes schriftstellerisches Talent der erzählenden Prosa zu widmen. Sie nahm die wohlgemeinte Empfehlung an. Es war der entscheidende Wendepunkt in ihrem langen literarischen Leben.

Der vielseitige Ehegatte
Im Revolutionsjahr 1848 heiratete die Komtesse Dubsky, kaum achtzehnjährig, ihren um 15 Jahre älteren Cousin Moritz Freiherr von Ebner-Eschenbach, den sie im Haus ihrer Tante Helene kennengelernt hatte. Moritz war ein hoch gebildeter, vielseitiger Mann. Er absolvierte das Theresianum und besuchte dann gegen den Willen der Eltern die Ingenieurakademie, an der er im Alter von 22 Jahren als Ingenieurleutnant ausgemustert wurde. Drei Jahre später kehrte er als Professor für Chemie und Physik dorthin zurück. Als die Ingenieur-Akademie 1850 nach Klosterbruck (Louka) bei Znaim verlegt wurde, schlug das frischgebackene Ehepaar dort sein Domizil auf.
Der literarisch interessierte und versierte Mann unterstützte und förderte von allem Anfang an die schriftstellerische Arbeit seiner Frau. Gemeinsam besuchte das Ehepaar Theateraufführungen und umgab sich mit Persönlichkeiten aus Literatur und Kunst. Dies  gilt in erster Linie für Wien, wohin Marie und Moritz von Ebner-Eschenbach zurückkehrten, um auf Dauer zu bleiben. Die Ehe, die zum Leidwesen der beiden Eheleute kinderlos blieb, war glücklich und währte bis zum Tod des männlichen Partners, der 1898 aus dem Leben schied. Ein Vierteljahrhundert zuvor hatte er den Dank des Hauses Habsburg zu spüren bekommen. Obwohl er dem Kaiser treu gedient hatte und durch die Erfindung einer elektrischen Minen-Zündung, Torpedos und Scheinwerfer besondere Verbesserungen, vor allem für die Marine erbracht hatte, wurde er in Pension geschickt. Er war der Heeresleitung offenbar zu liberal gesinnt. Als Trostpflaster wurde er zum Feldmarschall-Leutnant befördert. Moritz von Ebner-Eschenbach widmete sich weiter seinen Erfindungen und unternahm zahlreiche Reisen in alle Herren Länder. Seine Gattin blieb zu Hause am Schreibtisch. Aus der Liebesbeziehung des Ehepaares war eine wunderschöne Partnerschaft geworden.

Der Weg zu Ruhm und Ansehen
Marie von Ebner-Eschenbach war bereits 45 Jahre alt, als sie Romane, Erzählungen und Novellen zu schreiben begann. Schon ihr erstes erzählerisches Prosawerk, die Erzählung „Bozena“ (1876), in dem sie die Lebensgeschichte einer Dienstmagd schildert, fand beim Leserpublikum eine freundliche Aufnahme. Es wurde mit einem Vorwort von Paul Heyse sogar in den ersten Band das „Neuen Deutschen Novellenschatzes“ aufgenommen, zweifellos eine hohe literarische Wertschätzung.
Ein paar Jahre später gelang ihr mit  „Lotti, die Uhrmacherin“ und ihren ersten Aphorismen 1880 der endgültige Durchbruch. Sie selbst hatte sich zur Uhrmacherin ausbilden lassen, was man mancherseits für einen adeligen Spleen hielt. Aber sie hatte einen Einblick in eine Berufswelt gewonnen, die ihr gesellschaftspolitisch völlig fremd war.
Bereits in diesen Werken zeigten sich die charakteristischen Merkmale ihrer Erzählkunst: eine scharfe Beobachtungsgabe, eine prägnante Dialogführung, ein ungewöhnliches Einfühlungsvermögen, eine realistische Weltsicht, ein tiefes soziales Empfinden. „Ihr Geringen, ihr seid die Wichtigen, ohne Eure Mitwirkung kann man nichts Großes mehr vollziehen. Von Euch geht aus, was Fluch oder Segen der Zukunft sein wird“, formulierte sie unmissverständlich und machte sich damit zur Anwältin der Armen und Entrechteten. In ihren Aphorismen andererseits bewies sie ihren scharfkantigen Witz, ihre hohe, mit Ironie gewürzte Intellektualität und ihre präzise Ausdrucksschärfe: „Eine kluge Frau hat Millionen geborener Feinde – alle dummen Männer.“ Das saß, war mitten ins Schwarze gezielt und getroffen. Frauenrechtlerisch ist dieser berühmte Satz aus ihrer spitzen Feder allerdings nicht zu verstehen. Diese Feststellung gilt auch für die gelegentliche Kritik an Staat, Kirche und Gesellschaft, welche die liberal gesinnte Frau des öfteren übte. Sie ist keineswegs sozialrevolutionär oder religionsfeindlich zu verstehen.
Die Türen der Verlage standen für Marie von Ebner-Eschenbach nun weit offen. Man riss sich um ihre Manuskripte. Auf Einkünfte für ihre literarische Arbeit war sie jedoch nicht angewiesen. Sie war finanziell unabhängig und arbeitete unentwegt weiter. 1883 erschienen ihre „Dorf- und Schlossgeschichten“, in denen sie das Spannungsverhältnis zwischen den Dorfbewohnern und den Schlossherrn, das sie aus persönlicher Erfahrung bestens kannte, darstellte. Sie tat es aus sozialkritischer Sicht, sprich: Aus der Sicht der Dienerschaft und der dörflichen Randexistenzen. Durch diesen Betrachtungswinkel schärfte sie das Bewusstsein ihrer Leserinnen und Leser für die Lebensrealität der sozialen Unterschichten. Gleichzeitig übte sie mit ironischer Schärfe herbe Kritik an der Adelsgesellschaft, die ihr das natürlich übel nahm. Diese Geschichten enthalten auch einige ihrer berühmtesten Werke, etwa die Geschichte des Hundes „Krambambuli“, die später verfilmt wurde. Mit dem Roman „Das Gemeindekind“ (1887), der noch heute seine Leser findet, erreichte sie den Höhepunkt ihrer Schaffenskraft.
Auf die literarische folgte die öffentliche Anerkennung. 1889 wurde ihr die höchste Auszeichnung verliehen, die das Kaiserhaus für Künstler zu vergeben hatte: Das Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft. Zu ihrem 70. Geburtstag erhielt sie als erste Frau das Ehrendoktorat der Universität Wien. In Österreich und Deutschland pries man sie als eine der hervorragendsten Schriftstellerinnen deutscher Zunge.

Lebensabend
Nach dem Tod ihres Mannes schrieb Marie von Ebner-Eschenbach unentwegt weiter, Novellen, Erzählungen, („Der Vorzugsschüler“, „Die Spitzin“ usw.), Romane und führte ihre Tagebücher fort (1862-1916), die ein wichtiges Zeitdokument sind. Sie entschloss sich sogar dazu, Reisen zu unternehmen. In hohem Alter war sie noch in Rom und war von der Stadt und dem Forum Romanum hellauf begeistert. Leider blieb es ihr nicht erspart, den Ausbruch des ersten Weltkrieges miterleben zu müssen. Die große, altösterreichische Literatin verstarb an den Folgen einer Lungenentzündung. Ihr Leichnam wurde nach der Einsegnung im Wiener Stephansdom an der Seite ihres Mannes in Zdislavice beigesetzt. Marie von Ebner-Eschenbach hat ein vom hohen Ethos erfülltes, völkerverbindendes Vermächtnis hinterlassen, das zu wahren wir uns im diesjährigen Gedenkjahr verpflichtet fühlen sollten.

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur