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Bücherschau

Franz Werfel - Ein Mittler zwischen Nationen und Kulturen

Marianne Sonntagbauer. Ein Porträt Franz Werfels

Franz Werfel, dessen erste Gedichte in Prag entstanden, avancierte in den zwanziger und dreißiger Jahren zu einem der erfolgreichsten und bedeutendsten Dichtern des deutschen Sprachraumes, fand 1940 in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat und war ein Mittler zwischen den Nationen und den Kulturen.
Er wird am 10. September 1890 als erstes Kind des Handschuhfabrikanten Rudolf Werfel und seiner Gattin Albine in Prag geboren. Die jüdischen Eltern führen ein Familienleben, das eher liberal als religiös geprägt ist. Werfels Kinderfrau Barbara Simunkova prägt durch ihre Frömmigkeit seine Beziehung zum christlichen Glauben, mit dem er sich ein Leben lang auseinandersetzen sollte. Seit 1896 besucht er die Volksschule bei den Piaristen, im Herbst 1900 das k. k. Deutsche Gymnasium am Graben, 1904 das k. k. Deutsche Gymnasium (Stefansgymnasium). Werfel ist ein wenig passionierter Schüler. Zu seinem Freundeskreis zählen sein Schulkollege Willy Haas, Max Brod, Franz Kafka sowie der Schauspieler Ernst Deutsch. Ernst Polak, Literaturkritiker und Literaturagent, redigierte später viele Werke Werfels. Schon während seiner Schulzeit schreibt er erste Gedichte. Durch Vermittlung von Max Brod druckt im Februar 1908 die Wiener Zeitung „Die Zeit“ das Gedicht „Die Gärten der Stadt“. Nach der Matura im Jahre 1909 betreibt Werfel lockere Studien als Gasthörer an der Prager Universität, er folgt einigen philosophischen und juristischen Vorlesungen.

Wanderjahre in Hamburg und Leipzig und Kriegsjahre
Im Herbst 1910 wird Werfel vom Vater nach Hamburg geschickt, um ein Volontariat bei einer Speditionsfirma zu absolvieren, welches er wieder abbricht. Bei einem Theaterabend in Lübeck kommt es zu einer Begegnung mit der einst von ihm verehrten Mitzi Glaser. Unter diesem Eindruck verfasst er den Einakter „Der Besuch aus dem Elysium“ (1910), in dem er unerfüllte Liebe im Rahmen einer Gespenstererzählung thematisiert. Zwischen 1911 und 1912 erscheinen in den Prager „Herder-Blätter“ Gedichte und erste Prosaskizzen. Im April 1911 erfolgt der Beginn der Bekanntschaft mit Karl Kraus, Herausgeber der Zeitschrift „Die Fackel“, der einen Vorabdruck von Gedichten aus „Der Weltfreund“ (1911) in der Zeitschrift bringt. Von Herbst 1911 bis September 1912 absolviert er seine Dienstzeit als Einjährig-Freiwilliger in Prag.
Als er im Herbst 1912 in Leipzig beim Kurt Wolff Verlag eine Stelle als Lektor antritt, steht sein Entschluss fest, sich künftig ausschließlich der Schriftstellerei zu widmen. Hier ist er mitverantwortlich für die Reihe „Der jüngste Tag“, die zum Inbegriff expressionistischer Literatur wird. Werfel wird zuerst als Lyriker bekannt. „Die Versuchung“ (1912), „Wir sind“ (1913), „Einander“ (1915), „Gesänge aus den drei Reichen“ (1917) erscheinen. Er wird zu einem Hauptvertreter des Expressionismus.
1914 muss sich Werfel bei seinem Prager Regiment melden. Vaterlandstreue und Tapferkeit sind nicht seine Ideale. Es gelingt ihm immer wieder, dass er vom aktiven Kriegsdienst beurlaubt wird. Im April 1915 wird er in Bozen für Bürodienste eingesetzt. 1916 bis 1917 befindet sich Werfel an der Front in Ostgalizien. Er bringt mit „Die Troerinnen des Euripides“ (1915) eine kongeniale deutsche Nachdichtung des Stoffes um das Schicksal der Troerinnen nach dem verlorenen trojanischen Krieg. Das Theaterstück „Stockleinen“ (1917) stellt eine Zukunftsvision der Lage Europas nach dem Ende des Weltkrieges dar.
1917 erhält Werfel die Zuteilung ins Kriegspressequartier nach Wien. 1918 wird er in die Schweiz zu einer Propagandareise für Österreich geschickt. Dort entfaltet er jedoch eine pazifistische Propagandatätigkeit. In der Wiener Novemberrevolution von 1918 sympathisiert er mit den Roten Garden, bei denen sein Prager Jugendfreund Egon Erwin Kisch eine führende Rolle spielt.

Leben in Wien, 1919-1938
Werfel integriert sich rasch in das Boheme-Leben der Wiener Kaffeehausszene. Durch den Literaten Franz Blei lernt er 1917 Alma Mahler-Gropius kennen. Sie ist die Witwe des Komponisten Gustav Mahler, verheiratet mit dem deutschen Architekten Walter Gropius, von dem sie 1920 geschieden wird. Sie hat zwei Töchter, Anna Mahler und Manon Gropius. Eine schwere Belastung für die Beziehung stellt auch Almas Antisemitismus dar. Sie lehnt sein Engagement ab und sorgt dafür, dass er sein Boheme-Leben einschränkt und in ihrem Haus in Breitenstein am Semmering zu konzentrierter Arbeit findet. Im August 1918 wird ihr Sohn Martin Carl Johannes, Werfels Kind, geboren, der nach wenigen Monaten stirbt.
Werfel hat aus seinem Kriegserlebnis Gedichte geschaffen, die unter dem Titel „Der Gerichtstag“ (1919) erscheinen. Im Zauberspiel „Die Mittagsgöttin“ (1918) wird Mara, die Erdmutter, das heidnische Urprinzip, in den Mittelpunkt gerückt. Sie bringt einen Knaben zur Welt, Sohn des Landstreichers Laurentin. Durch die Geburt empfindet er sich als Wiedergeborenen, der jetzt erst die Reife hat, seinen eigenen Lebensweg zu wählen.
Die Novelle „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig“ (1920) beinhaltet den Generationenkonflikt zwischen Vater und Sohn. Leutnant Karl Duschek, wird von seinem despotischen Vater, einem hohen k. u. k. Offizier, um seine Kindheit und seine Jugend geprellt. In einem galizischen Nest wird ihm die befohlene Wiederholung der väterlichen Karriere erst ganz bewusst. Als der zum Mord bereite Sohn den Vater um den Billardtisch jagt, geschieht die Umkehrung. Das irrsinnige Umkreisen des Tisches endet mit der Aufgabe der Mordabsicht.
Thamal erscheint in der „Der Spiegelmensch“ (1920) die Angst vor der Unzulänglichkeit des eigenen Schaffens. Von Selbsthass getrieben, schießt er auf sein eigenes Spiegelbild. Den Splittern entsteigt ein Mephistopheles ähnliches Alter Ego, der Spiegelmensch. Thamal erliegt seinen Verführungskünsten. In „Bocksgesang“ (1921) bricht das bocksähnliche Kind slowenischer Bauern am Hochzeitstag des jüngeren Sohnes aus und verbreitet Schrecken. Vaganten, die einen Aufstand gegen den Grundherrn angezettelt haben, erheben den Ausgebrochenen zur Gottheit, in der sie die „Erlösung des Tieres im Menschen“ verehren. Janitscharen unterdrücken die Revolte. Am Ende ist der neue Gott tot, eine junge Frau aber erwartet von ihm ein Kind. Die Übersetzung wird 1926 in New York gespielt und macht Werfel dort erstmals bekannt. Das Trauerspiel „Schweiger“ (1922) zeigt den Weg eines Privatgelehrten, der eines Tages ein Kind vor seinem Fenster erschießt. Nach der Behandlung beim Psychiater Professor von Viereck erhält er eine neue Identität und den neuen Namen Franz Schweiger. Er muss jedoch erleben, wie die eigene Vergangenheit ihn einholt.
1922 erwirbt Alma ein Haus in Venedig. Es wird nach Manon Gropius‘ Tod im Jahre 1935 verkauft. Die Inflation in Deutschland hat zur Folge, dass Werfel und Kurt Wolff ihre Geschäftsverbindung lösen. Der Verleger Paul von Zsolnay verspricht in stabiler Schweizer Währung zu zahlen.
Idee des Geschehens in Werfels erstem Roman „Verdi. Roman der Oper“ (1924) ist ein nicht historisch belegter Konflikt zwischen Wagner und Verdi. Erzählt wird die Schaffenskrise in Giuseppe Verdis Leben. Erst als Verdi den Versuch aufgibt, gegen Wagner zu kämpfen, als er das gescheiterte Dokument dieses Kampfes, die Partitur seines „Lear“, verbrennt, gelangt er aus dem Bann des Antipoden. Werfel lässt Verdi zur Karnevalszeit 1883 in Venedig sein. Als er Wagner die Freundschaft anbieten will, erfährt er, dass Wagner gestorben ist. Dem Tod Wagners folgt die Auferstehung Verdis. Diese Ambivalenz von Lebenskraft und Verfall ist das zentrale Motiv von Werfels Künstlerroman.
In „Juarez und Maximilian“ (1924) skizziert er die dramatische Historie des österreichischen Erzherzogs Maximilian. Hier vermischt er Geschichte und Erfindung. In der Inszenierung von Max Reinhardt im Mai 1925 im Theater in der Josefstadt in Wien ist Werfel auch der Durchbruch am Theater geglückt. 1926 erhält er den Grillparzer-Preis für das Stück.
Im Jänner 1925 tritt Werfel seine erste Reise in den Nahen Osten an. Mit Fragen des Judentums und des Christentums beschäftigt er sich in der dramatischen Legende „Paulus unter den Juden“ (1926). Im Oktober 1926 wird Werfel in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste aufgenommen. Die späten zwanziger Jahre bedeuten für Werfel die Anerkennung im literarischen Leben. Er ist inzwischen ein arrivierter Schriftsteller und zählt zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren.
1927 folgen der Novellenband „Geheimnis eines Menschen“ und „Das Trauerhaus“, ein Haus der Freuden, das ein Spiegelbild des morbiden Zustands der Gesellschaft der Donaumonarchie kurz vor ihrem Zusammenbruch ist. Zum Trauerhaus wird es, als die Schreckensmeldung des Attentats auf den Thronfolger vom 28. Juni 1914 übermittelt wird. Die Novelle „Der Tod des Kleinbürgers“ (1927) hat die Sicherstellung der Rente für die Familie zum Thema. Werfel schildert das Elend der kleinen Leute in ihren tristen Lebensumständen der Nachkriegszeit.
Der Roman „Der Abituriententag“ (1928) handelt vom kleinbürgerlichen Juden Franz Adler und vom Christen Ernst Sebastian von Portorosso. Anlässlich des 25-jährigen Maturajubiläums erinnert sich der Untersuchungsrichter Ernst Sebastian seiner folgenschwersten Jugendschuld. Er hat die Stellung des Klassenbesten Adler unterminiert, hat systematisch versucht die psychische und physische Existenz des Mitschülers zu zerstören. Ein Zweikampf entsteht, nicht zuletzt zwischen Judentum und Christentum, aus dem Adler als moralischer Sieger hervorgeht.
Im Roman „Barbara oder die Frömmigkeit“ (1929) schildert Werfel das Leben des Schiffsarztes Ferdinand R., seine Kindheit in Böhmen, seinen Kriegseinsatz an der Ostfront, das Kriegsende und die Revolutionswirren in Wien, seine Promotion und Wiederbegegnung mit der Kinderfrau Barbara. Werfel hat hier seiner Kinderfrau Barbara Simunkova ein Denkmal gesetzt.
Im Juni 1929 scheidet Franz Werfel aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus. Später betont er, dass er damit nicht aufgehört habe, ein Jude zu sein, dass er seine Herkunft nicht verleugnen wolle. Im Juli 1929 findet die Heirat mit der Katholikin Alma statt. Den Glaubenskampf thematisiert Werfel im Schauspiel „Das Reich Gottes in Böhmen“ (1930). In Prokop, dem Anführer der Taboriten, des radikalen Flügels der Hussiten,
und Julian Cesarini, dem päpstlichen Kardinallegaten in Angelegenheit der böhmischen Ketzerei, stehen sich die geistigen Köpfe der Parteien gegenüber. Die Erzählung „Kleine Verhältnisse“ (1931) handelt von Hugo und seinem aus kleinen Verhältnissen stammenden Kinderfräulein Erna Tappert und wurzelt in der Erinnerung an seine Gouvernante Erna Tschepper. Als sie schwanger wird, entlässt sie Albine Werfel fristlos. Werfel schildert diese Episode und die kleinbürgerlichen Verhältnisse von Ernas Familie in Prag.
Im Roman „Die Geschwister von Neapel“ (1931) skizziert Werfel die Überwindung der tyrannischen Herrschaft des Vaters, des neapolitanischen Kaufmanns Domenico Pascarella, der seine sechs Kinder durch die von ihm bestimmte Ordnung und den von ihm geforderten Gehorsam solange zusammenhält, bis wirtschaftlicher Zwang seine Hierarchie zusammenbrechen lässt und er sie in Freiheit entlassen muss.
1930 unternimmt Werfel wieder eine Reise in den Nahen Osten. Der Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917 veranlasst ihn den Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ (1933) zu schreiben. Darin beschreibt er das Schicksal einer armenischen Familie, die ausgegrenzt und mit Waffengewalt verfolgt wird. Auf dem Heimatberg, dem Musa Dagh, leistet ihre Dorfgemeinschaft gegen die Vertreibung Widerstand. Werfel verwandelt diese historische Katastrophe in ein eindrucksvolles Epos. In Österreich und in der Schweiz erfährt der Roman enthusiastische Aufnahme. Im Februar 1934 wird er dann in Deutschland verboten. Parallelitäten zwischen jungtürkischem Nationalismus und nationalsozialistischem Gedankengut wurden offensichtlich. In Hollywood hat das Filmstudio Metro Goldwyn Mayer die Rechte erworben. Ein Erfolg, der ihn von Geldsorgen enthebt.
Obwohl er im Mai 1933 von der Preußischen Akademie ausgeschlossen wird, seine Bücher bei den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen in Deutschland im Mai 1933 vernichtet werden, sucht er im Dezember 1933 um Aufnahme in den Reichsverband deutscher Schriftsteller an, aus grenzenlosem Opportunismus oder aus ahnungsloser Naivität.
Auf Initiative des amerikanischen Theaterproduzenten Meyer W. Weisgal widmet er sich schließlich dem Bibelspiel „Der Weg der Verheißung“ („The Eternal Road“) (1935). Ein Rabbiner erzählt einer auf der Flucht befindlichen Gemeinde die Geschichte Israels. Die Uraufführung findet im Jänner 1937 im Manhattan Opera House in New York statt.
Kindheit und Tod erscheinen als Leitthemen in dem Gedichtband „Schlaf und Erwachen“ (1935).
In der Villa auf der Hohen Warte in Wien etabliert das Ehepaar einen renommierten christlich-konservativen Salon. Hier ist die große Gesellschaft des Ständestaates zu Gast, darunter Kanzler Kurt Schuschnigg. Am 18. März 1937 erhält Werfel das Verdienstkreuz für Kunst und Wissenschaft Erster Klasse verliehen.
Mit „Höret die Stimme“ (1937) schreibt er einen Jeremias-Roman. Das Schauspiel „In einer Nacht“ (1937) ist eine Dreiecksgeschichte zwischen Felizitas, ihrem Gatten, dem Gutsbesitzer Eduard, sowie Gabriel, Felizitas Jugendliebe, zugleich Eduards Jugendfreund. Eduards Eifersucht gipfelt in der Ermordung seines Nebenbuhlers, der jedoch nur scheintot ist und in der Nacht von Allerheiligen zu Allerseelen zu neuem Leben erwacht.
Divergierende Ansichten über den Spanischen Bürgerkrieg entzweien Werfel und seine Gattin, die auf der Seite Francos steht, während Werfel sich mit der linken Regierung solidarisiert. „Die Legende vom gerissenen Galgenstrick“ (1938) schildert die Exekutions- und Lynchpraktiken der spanischen Faschisten.

Flucht und Exil
Im März 1938, als Hitler Österreich annektiert, hält sich Werfel auf Capri auf. Es erfolgt die Flucht nach Sanary-sur-Mer. Die im Herbst 1938 ausgestellten US-Visa für das Ehepaar werden nicht genutzt. Angesichts der Bedrohung durch die politische Situation widmet er sich vermehrt Tagesthemen und publiziert Aufsätze in Emigranten-Zeitschriften. Werfel schließt mit Gottfried Bermann-Fischer, der seine Verlagstätigkeit nach Stockholm verlegt hat, einen neuen Vertrag ab.
Im Roman „Cella oder Die Überwinder“ (1938) dokumentiert er mit dem Rechtsanwalt Hans Bodenheim die Heimatliebe österreichischer Juden und eine damit verbundene Sorglosigkeit gegenüber politischen Veränderungen und Gefahren. Er bringt seine christliche Frau und seine musikalische Tochter Cella in Gefahr. Bodenheim wird in Schutzhaft genommen. Schließlich wird ihm eine Ausreise in die Schweiz ermöglicht.
Im Roman „Der veruntreute Himmel“ (1939) schildert Franz Werfel den Niedergang der Familie Argan und die Hoffnungen der böhmischen Magd Teta Linek auf die Käuflichkeit des Jenseits. Sie muss jedoch erst über die Enttäuschung hinwegkommen, dass sie ihr Neffe, dessen Studium sie finanzierte und der als Priester ihr Seelenheil sichern sollte, sie nur ausgenutzt und betrogen hat. Teta findet im Katholizismus Geborgenheit.
1940 gelangen die Werfels auf der Flucht vor den Truppen Hitlers quer durch Frankreich nach Lourdes. Er gelobt einen Roman über die heiliggesprochene Bernadette Soubirous zu schreiben, falls ihm die Flucht nach Amerika gelinge. Über Barcelona und Madrid gelangen sie nach Lissabon und von dort mit dem Schiff „Nea Hellas“ nach New York. Finanziell haben sie keine Sorgen, da im November 1940 die amerikanische Übersetzung von „Der veruntreute Himmel“ als „The embezzled heaven“ herauskommt und reißenden Absatz hat. Die Dramatisierung des Erfolgsromans findet im Oktober 1944 im National Theatre in New York statt. Franz Werfel trifft Emigranten, nimmt an Wohltätigkeitsveranstaltungen teil und hält Vorträge in englischer Sprache und verfasst Essays. Die Einnahmen aus dem Verkauf des „Bernadette“-Romans ermöglicht Werfel den Erwerb eines Hauses in Beverly Hills, wohin sie im September 1942 ziehen.
Der Roman „Eine blassblaue Frauenschrift“ (1941) spielt im Oktober 1936 in Wien. Leonidas Tachezy, Sohn eines Lateinlehrers, tätigt eine reiche Heirat mit Amelie Paradini. Er ist zum Sektionschef avanciert. Ein Brief mit blassblauer Frauenschrift konfrontiert ihn mit der ehemaligen Liebesbeziehung zur jüdischen Studentin Vera Wormser und zieht ihm privat und beruflich den Boden unter den Füßen weg.
Der Roman „Das Lied von Bernadette“ (1941) ist die Geschichte von Bernadette Soubirous, eines einfachen Mädchens aus Lourdes, das behauptete, ihm sei Maria, die Mutter von Jesus Christus erschienen und ihrer Heiligsprechung. Der Verkaufserfolg des „The Song of Bernadette“ (1942) hat die Twentieth Century Fox bewogen, den gleichnamigen Film zu drehen. Werfels einfache Bildsprache, sein Hang Stoffe in etwas überladenem Stil zu handhaben, kommt den Bedürfnissen der Traumfabrik in Hollywood entgegen. So bleibt auch der finanzielle Erfolg nicht aus.
In „Jacobowsky und der Oberst“ (1944) verbinden sich die eigenen Fluchterfahrungen Werfels mit dem Anekdotenschatz des Stuttgarter Bankiers S. L. Jacobowicz, den Werfel in Lourdes kennengelernt hat. Mit Jacobowsky, mit seiner jüdischen Lebenserfahrung, und dem polnischen Oberst Tadeeusz Boleslav Stjerbinsky, einem eingeschworenen Antisemiten, Haudegen und Kavalier, der immer und überall Zeit für Damen hat, gelang Werfel ein Zeitstück über Frankreich von 1940 und die durch alle Kontinente gehetzten Juden zu skizzieren. Im März 1944 folgt dann die Broadway-Premiere des Stückes „Jacobowsky and the Colonel“ am Martin Beck Theatre in New York. „Between heaven and earth“ (1944; in der Übersetzung „Zwischen oben und unten“, 1946) umfasst Essays, Gedanken zu religiösen und ethischen Fragen, auch Vorträge Werfels aus den dreißiger Jahren.
„Der Stern der Ungeborenen“ (1946), erscheint posthum. Dieser Reiseroman in eine „astromentale“ Welt bewegt sich in der Verschränkung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Reisende „F. W.“ projiziert unter der Führung seines wiedererstandenen Freundes „B. H.“ den geistigen und den politischen Zustand seiner realen Zeit und Gegenwart in die Welt der Astromentalen in utopischen Dimensionen.
Werfel erhält 1943 das Ehrendoktorat der University of California, Los Angeles. Als seine Sekretäre in Amerika stehen ihm Albrecht Joseph und William W. Melnitz, der Wiener Regisseur und Theaterwissenschaftler und spätere Dekan der University of California in Los Angeles, zur Seite. Franz Werfel stirbt am 26. August 1945 in Beverly Hills. Er wird im Rosedale Friedhof in Hollywood begraben. Im Jahre 1975 werden die sterblichen Überreste in ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof überführt.
Die Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum durchzog das ganze Oeuvre Werfels. Er bekannte sich vor dem Hintergrund des zur Herrschaft gelangenden Antisemitismus zu seinem Judentum. Themen der expressionistischen Periode sind das Generationenproblem, Zivilisationskritik, der Einbruch des Dämonischen in das tägliche Leben. Die Zusammenfügung von Mythos und Alltag ist zentral für sein ganzes Werk. Die Frauenfiguren der Romane finden häufig Halt und Erfüllung in der Religion. Immer wieder machte Werfel Erlebnisse und Figuren aus seiner Kindheit zum Thema seiner Romane und Erzählungen.


 

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