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Bücherschau

Ferdinand Sauter - Ein vergessener Biedermeierpoet

Friedrich Weissensteiner über Ferdinand Sauter, der vor 200 Jahren geboren und vor 160 Jahren gestorben ist

Er war so etwas wie der liebe Augustin der Biedermeierzeit und durchaus dem genialen französischen Vagabundenpoeten Francois Villon wesensverwandt. Ein gesellschaftlicher Aussteiger, ungebunden und unangepasst, ein verkommenes Genie, das im Suff endete. Von biedermeierlicher Bürgerlichkeit ist keine Spur bei diesem Erzpoeten zu finden, dessen dichterische Heimat die Wiener Vorstadt war. Das Wirtshaus war seine Dichterstube, er lebte, zum Teil selbstverschuldet, am unteren Ende der Biedermeiergesellschaft. Sauter brachte mit genialer Improvisationskunst  seine Stimmungen und seine persönliche Lebenssituation  zum Ausdruck und fing in seinen Versen, Vierzeilern, Heurigenliedern und Couplets das Vorstadtmilieu und die Volksmentalität unverfälscht ein. Mit mitleidloser Selbsterkenntnis charakterisierte er sich so:

Immer lustig lebt der Sauter,
Treu ist sein Gemüt und lauter,
Tausend Hirngespinste baut er
Und sich selber nicht vertraut er,
Alles was er hat, versaut er,
Wie ein Vogel Strauß verdaut er,
Wenn oft Selchfleisch ißt mit Kraut er,
Schöne Mädchen gerne schaut er,
Wie ein Kater dann miaut er,
Leider aber schon ergraut er,
Immer mehr und mehr versaut er.

Ferdinand Sauters Wiege stand nicht in der Wiener Vorstadt, sondern im Salzburgischen. Er wurde am 6. Mai 1804 in Werfen als Sohn eines fürsterzbischöflichen Rates geboren. Der Vater, der drei Jahre später im Alter von 38 Jahren verstarb, genoss gesellschaftliches Ansehen, die Mutter, eine Bierbrauerstochter, wurde wegen ihrer guten Charaktereigenschaften geschätzt und geachtet. Ferdinands ältere Brüder ergriffen durchwegs angesehene Berufe: der eine studierte Medizin, der andere Forstwirtschaft. Die einzige Schwester heiratete einen Ministerialrat in Graz. Nach dem Tod ihres Gatten schlug die Witwe Sauter ihren Wohnsitz vorübergehend in der fürsterzbischöflichen Stadt Salzburg auf. Die ereignisreichen Jahre von 1810 bis 1812, die ganz im Zeichen Napoleon Bonapartes standen, verbrachte sie mit den Kindern auf dem Landgut eines Onkels in der Nähe der Residenzstadt.
Der kleine Ferdinand war vom Landleben begeistert. Noch als reifer Mann dachte er wehmütig an diese Zeit zurück: „In meiner frühesten Jugend“, erinnerte er sich, „als mein Onkel noch den Hof in einer lieblichen Gegend drei Viertelstunden von Salzburg entfernt, besaß, hatte ich die glücklichsten Tage; wir liefen da in Wald und Flur herum und freuten uns recht der Fülle der schönen Freiheit und des Rechtes, alles, was in unserem Bereich blühte und reifte, pflücken und einsammeln zu dürfen.“ Die Kinder tollten auf dem Heuboden umher, fingen Schmetterlinge oder vergnügten sich auf einer Schaukel, die der Onkel zwischen den Obstbäumen angebracht hatte. Die ländliche Idylle fand mit dem Tod des Onkels ein jähes Ende. Der Haushalt wurde aufgelöst, die Witwe Sauter kehrte mit ihren Sprösslingen in die Stadt Salzburg zurück. Für Ferdinand begann ein neuer Lebensabschnitt.
Die ehrgeizige Mutter sah für den begabten Knaben eine akademische Laufbahn vor. Also schickte sie ihn in das humanistische Gymnasium. Dort lernte er Latein und Griechisch und entdeckte wohl auch seine Liebe zur Dichtkunst. Seine künstlerische Ader hatte er jedenfalls geerbt. Im Gegensatz zu seinen Brüdern hatte Ferdinand jedoch kein Sitzfleisch, es fehlte ihm an Beständigkeit und Selbstdisziplin. Das Gymnasium war nicht der richtige Ort für ihn. Nach ein paar Klassen stieg er aus. Es war der erste Bruch in seinem kurzen, aber abwechslungsreichen Leben, das von der familiären Geborgenheit Stufe für Stufe sozial nach unten führte. Die Mutter nahm es missbilligend zur Kenntnis.
Der Schulabbrecher machte eine Kaufmannslehre und war dann als Handlungsgehilfe in einem Krämerladen in der oberösterreichischen Kleinstadt Wels beschäftigt. Die Tätigkeit behagte dem jungen Mann freilich ganz und gar nicht. Nach der eintönigen Mühsal der Tagesarbeit kehrte er abends in seine enge, notdürftigst eingerichtete Schlafkammer zurück, verschlang schöngeistige Literatur und träumte von der Ungebundenheit eines frei schöpferischen Dichterlebens.
Nach dem Tod der Mutter im Jahr 1825, der ihn schwer traf, kehrte er Wels den Rücken und zog in die mauerumgürtete Residenzstadt des großräumigen Habsburgerreiches, wo er in der Niederlassung der Klein- Neusiedler Papierfabrik im „Schönbrunnerhaus“ (heute Tuchlauben Nr. 8) in der Innenstadt eine Stelle als Kommis fand. Was ihn dazu bewog nach Wien zu gehen, kann man nur vermuten. Möglicherweise suchte er in der Kaiserstadt Anschluss an gleichgesinnte Literaten oder Literatenkreise. Das scheint ihm zunächst auch gelungen zu sein. Über Vermittlung seiner Brüder, die sich in bürgerlichen Berufen etabliert hatten, wurde er im Kreis um Franz Schubert aufgenommen. Ein Porträt, das Moritz von Schwind, ein Freund des Komponisten, 1828 von ihm malte, lässt darauf schließen.
Das literarische Leben im Wien der Biedermeierzeit (1815-1848), die alles andere als biedermeierlich-idyllisch oder gar gemütlich war, war zwar reichhaltig und rege, aber die Arbeit der Stückeschreiber, Schriftsteller und Poeten wurde im Polizeistaat des Fürsten Metternich beargwöhnt, bespitzelt und behindert. Die Zensur war allgegenwärtig. Der sprachwitzige und unerbittliche Satiriker Johann Nepomuk Nestroy, der mit Ferdinand Raimund das Vorstadttheater beherrschte, formulierte messerscharf: „Die Zensur ist die jüngere von zwei schändlichen Schwestern, die ältere heißt Inquisition.“ Der aufgeklärte Josephiner Franz Grillparzer geriet mit einigen seiner Stücke immer wieder in das Schussfeld der Zensurbehörden, ging, wie man das heute formulieren würde, in die innere Emigration und vergrub seine Kritik am autokratischen Regime des vormärzlichen Habsburgerstaates in seiner Selbstbiographie. Einige Schriftsteller lernten, mit der Zensur und dem Zensor zu leben, andere verließen die Heimat und übten Kritik aus der Ferne, wie etwa Charles Sealsfield, alias Karl Postl, der 1823 vor dem Metternich- System nach Amerika entfloh und in seiner Schrift „Austria as it is“, die in Österreich verboten wurde, die politische, soziale und kulturelle Situation im Vormärz schonungslos kritisierte. „Ein gezähmteres Wesen als ein österreichischer Autor hat gewiss niemals existiert“, hielt er anklagend fest. „In Österreich darf ein Schriftsteller keine wie immer benannte Regierung angreifen, auch keine Minister, keine Behörde, falls sie Einfluss hat, nicht die Geistlichkeit oder den Adel. Er darf nicht liberal, nicht philosophisch, nicht humoristisch,- kurz, er darf gar nichts sein.“
Sauter, der sich der Tafelrunde um den heute  kaum mehr bekannten Schriftsteller Johann Nepomuk Vogl anschloss und auch mit Adalbert Stifter Kontakte zu knüpfen versuchte, dürfte mit der Zensur keine Probleme bekommen haben. Das lag wohl daran, dass seine Gedichte, die in einschlägigen Zeitschriften erschienen, keinen größeren Leserkreis erreichten und der Staatsgewalt nicht bedrohlich erschienen. Mit den herrschenden sozialen und wirtschaftlichen Zuständen war er aber gewiss denkbar unzufrieden. In seinem „Gassenlied“ sprach er die erbärmlichen Verhältnisse unmissverständlich an:

Auf der Gassen schaut der Dichter
Gern die wechselnden Gesichter,
Bringt in Reime die Grimassen
Auf der Gassen, auf der Gassen.

Auf der Gassen waltet Gleichheit
Zwischen Armut, zwischen Reichheit,
Arme betteln, Reiche prassen
Auf der Gassen, auf der Gassen.
Auf der Gassen rollen Leichen,
die kein hartes Herz erweichen,
Sonderbare Menschenrassen
Auf der Gassen, auf der Gassen!

Auf der Gassen lärmen Buben,
Purzeln aus den Schulenstuben
Ob der Weisheit, die sie fraßen,
Auf der Gassen, auf der Gassen.
Die soziale Lage breitester Bevölkerungsschichten im vormärzlichen Wien, vor allem in den Vorstädten, war mehr als beklagenswert. In Wien lebten um 1800 etwa 239.000 Menschen, kaum ein halbes Jahrhundert später (1846) waren es bereits 425.000, also fast um die Hälfte mehr. Der enorme Bevölkerungszuwachs, vorwiegend aus dem böhmischen und mährischen Raum, sowie die beginnende Industrialisierung bedeutender Wirtschaftszweige (Textil- und Metallwarenindustrie etc.) veränderten die Bevölkerungs- und Sozialstruktur grundlegend. Die Manufakturen wurden nach und nach durch die Fabriken verdrängt, die an der Peripherie aus dem Boden wuchsen. Die Arbeiter in den Fabriken wurden brutal ausgebeutet. Die tägliche Arbeitszeit betrug 14 bis 16 Stunden, die Arbeitsbedingungen waren unmenschlich. Die Hungerlöhne reichten nicht aus, um eine Familie ernähren zu können. Es gab weder eine Krankenversicherung und schon gar keine Altersversorgung. Dieses existenzielle Elend führte bereits 1830 zu Volksaufläufen, 1848 war es eines der Ursachen für den Ausbruch der Revolution.
Unvorstellbar schlecht war es auch um die Hygiene bestellt, das Wohnungselend der vorstädtischen Unterschichten ist heute kaum vorstellbar. In den Elendsquartieren lebten zehn und mehr Leute auf engstem Raum zusammengepfercht, es gab Bettgeher, die heute da und morgen dort schliefen. Zehntausende waren unterstandslos, ungezählte Massen ohne Arbeit. In den Palais‘ der Aristokraten, den Salons der Bankiers und der neureichen Unternehmer speiste man hingegen auf üppig gedeckten Tischen. In Wien tanzte man Walzer von Josef Lanner und Johann Strauß. Es war ein Tanz auf dem Vulkan.
Der Volksdichter Ferdinand Sauter, der sich mit seinem kargen Gehalt in der Hernalser Vorstadt bestenfalls eine Dachkammer leisten konnte, eine warme Mahlzeit pro Tag und etwas Heizmaterial, drückte seine Sympathie mit den Armen und Entrechteten in dem Gedicht „Den Proletariern“ offen aus:

Gott zum Gruß, ihr wackern Leute,
glaubt, ich kenne eure Not!
Lange schon des Kummers Beute,
gibt die Freiheit euch kein Brot …

Mag der Mund euch gierig wässern
Nach den Bissen jener Zunft,
Löffel seid ihr nur den Essern,
und euch sättigt nicht Vernunft.

Mögt ihr fluchen, mögt ihr jammern,
ewig taub ist der Besitz,
dessen dunkle Herzenskammern
nie erleuchtet noch ein Blitz.

Er selbst führte das Leben eines Bohemiens, ließ sich gehen, lebte von einem Tag auf den anderen, vernachlässigte sein Äußeres. „Er fiel in die Stube wie hereingeschneit. Seine Kleidung war meist in einer Weise defekt, welche ihn zu gymnastischen Künsten zwang, sollte er nicht in Gefahr kommen, unwillkürlich den Anstand auf das gröblichste zu vernachlässigen“, charakterisierte ihn eine Gastgeberin. „Kurz, seine Seele war das einzig Reine an ihm. Dazu sprach er mit einem Zynismus, der seinem Äußeren völlig entsprach.“ Sauter lungerte in Wirtshäusern herum, wo ihm seine Zechbrüder die letzten paar Gulden abknöpften, die er in der Tasche hatte. Den lästigen Job in der Papierhandlung vernachlässigte er, kam häufig zu spät, betrunken oder überhaupt nicht zur Arbeit. 1839 wurde er entlassen. Der Vagabundenpoet verließ Wien und fuhr zu seinen Verwandten nach Salzburg, die ihn gastlich aufnahmen. Er erhielt freies Logis, man unternahm Wanderungen in die Umgebung. Eines Tages passierte ein Missgeschick. Sauter stürzte von einer Felswand ab und blieb mit gebrochenem Bein liegen. Er verbrachte lange, schmerzerfüllte Monate im Krankenhaus. Bei seiner Entlassung musste er feststellen, dass das Bein nicht wieder voll funktionsfähig war. Von nun an hinkte er.
Sauter kehrte nach Wien zurück und fand über Fürsprache seines einflussreichen Dichterfreundes Friedrich Halm, alias Franz Joseph von Münch-Bellinghausen, einen Posten bei einer Versicherungsgesellschaft. Sein weiterer sozialer Abstieg war freilich unaufhaltsam. Er gab sich immer mehr dem Suff hin und verbrachte einen Großteil seiner Zeit in den Vorstadtbeiseln von Neulerchenfeld und Hernals. Der Wirt sorgte für die Getränke, während der Ferdl mit Stegreifgedichten, zotigen Versen auf Kellnerinnen und Vierzeilern für Stimmung sorgte. Von diesen Gelegenheitsgedichten, die er auf Papierfetzen, auf Speisekarten und auf die Rückseite von Formularen kritzelte, ist nichts  übrig geblieben.
Er hatte längst den Boden unter seinen Füßen verloren, als im Jahre 1848 die Revolution den habsburgischen Kaiserstaat erschütterte. Die Revolution wurde bekanntlich blutig niedergeschlagen, der Absolutismus wiederhergestellt. In Wien grassierte im Jahr 1854 wie schon 1830 die Cholera. Der verheerende Seuche, gegen die die damalige Medizin kein Rezept hatte, fielen zahllose Menschen zum Opfer. Sauter, der in seinen letzten vier Lebensjahren in der Hernalser Hauptstraße Nr. 63 wohnte, nahm am 29. Oktober1854 am Begräbnis eines Bekannten teil. Beim Totenmahl zeigten sich auch bei ihm die Anzeichen der Krankheit. Man brachte den körperlich völlig Entkräfteten in das Cholera- Notspital. Dort verstarb er am nächsten Tag zwei Stunden nach Mitternacht. Am Allerheiligentag dieses Jahres wurde der vollkommen verarmte Bohemien auf dem alten Hernalser Friedhof begraben. Nach dessen Auflösung erhielt er auf dem neuen Hernalser Gottesacker ein Ehrengrab, das noch heute besteht (Gruppe B, Reihe F, Nr.23). Seinen Grabstein ziert die von ihm selbst verfasste Grabschrift, die ihn als echten Dichter und großen Menschenkenner ausweist:

Viel genossen, viel gelitten,
Und das Glück liegt in der Mitten;
Viel empfunden, nichts erworben
Froh gelebt und leicht gestorben.

Fragt nicht nach der Zahl der Jahre!
Kein Kalender ist die Bahre,
Und der Mensch im Leichentuch
Bleibt ein zugeklapptes Buch.
Deshalb Wanderer, zieh doch weiter,
Denn Verwesung stimmt nicht heiter.



 

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