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Bücherschau

Robert Menasse - Ein rücksichtsloser Aufklärer

Simon Berger über Robert Menasse, anlässlich seines 60. Geburtstags

Robert Menasse sei das mittlerweile schon durchaus selten gewordene Beispiel eines „Aufklärers vom alten Schlag“, so die Jury des Heinrich-Mann-Preises vor kurzem bei der Zuerkennung des Preises an ihn, und: „Er nimmt keinerlei Rücksichten, erst recht nicht auf die Aufgeklärten“. Damit trifft man die Grundintensionen des Schriftstellers und Philosophen (zum Glück weiß man nicht, in welcher Reihenfolge) ganz gut. Geprägt von Kant, Hegel und Marx und den legendären 68ern zeichnet Robert Menasse in seinen Romanen stets große Epochenbilder und beschreibt mit spekulativer Leidenschaft meist lange historische Linien, mitten hinein in unsere Gegenwart, in deren gesellschaftliche, politische und individuelle Verhältnisse.

Geboren wurde er am 21. Juni 1954 in Wien, wo er auch (wie später in Salzburg und Messina) Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften studierte. Sein Vater ist der ehemalige berühmte österreichische Fußballspieler Hans Menasse, der auch im Nationalteam spielte und mit der Vienna 1955 den Meistertitel holte. Seine Halbschwester ist die Schriftstellerin und Journalistin Eva Menasse.
Schon als Achtzehnjähriger veröffentlichte er seine erste Erzählung „Nägelbeißen“ (1973) in der Zeitschrift „Neue Wege“, danach arbeitete er (mit Unterbrechungen) von 1975 bis 1980 an einem Roman mit dem Arbeitstitel „Kopfwehmut“, einem Fragment gebliebenen Wien-Panorama der 1970er Jahre nach dem Vorbild der Gesellschaftsromane von Dostojewski bis Doderer, das unveröffentlicht blieb. Nach seiner Promotion mit der Arbeit „Der Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb. Am Beispiel Hermann Schürrer. Studie zum eigentümlichen Verhältnis von offiziösem Literaturbetrieb und literarischem ‚underground‘ im Österreich der Zweiten Republik“ ging Menasse nach Brasilien und lehrte als Lektor und Gastdozent von 1981 bis 1988 am Institut für Literaturtheorie der Universität São Paulo. Dort begann er dann auch, an seinem literarischen Großprojekt, der „Trilogie der Entgeisterung“, zu schreiben.
Dessen erster Band, der Roman „Sinnliche Gewissheit“, erschien – durchaus außergewöhnlich – 1988 als Rowohlt-Taschenbuch. Ausgangspunkt ist die „Bar jeder Hoffnung“ in São Paulo. Dort, beim Wirten Oswald, einem Wiener, treffen sich regelmäßig einige österreichische und deutsche Emigranten, redselig und gerne dem Schnaps zusprechend, von ihren Erlebnissen erzählend, „so als hinge ihr Leben davon ab, dass es erzählt werden könne“. Die diversen Bewusstseinszustände der Trinker waren da schon sozusagen postmodern, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Ihre Erlebnisse und Erzählungen erweisen sich als Wiederholungen von so noch nicht Dagewesenem, sind Folgen ohne vorangegangene Tragödien, gleichsam Originalkopien. Aber kann das, was einer wirklich erlebt hat, eine Fälschung sein? Oder sind es die Zusammenhänge, die gefälscht sind? Süchtig sucht Roman, der Ich-Erzähler, das Authentische, sowohl in den Abenteuern mit Frauen, in Alkoholexzessen und in den Vorträgen des „Bar-Professors“ Singer. Aber, was bleibt, ist nur die Gewissheit, etwas vergessen zu haben.
1991 erschien mit „Selige Zeiten, brüchige Welt“ (diesmal im Residenz Verlag) der zweite Band der Trilogie, der zugleich Kriminalroman, Liebesroman, philosophischer Roman und jüdische Familiensage ist. Leo Singer, ein Philosophiestudent und Sohn jüdischer Eltern, die in der Zeit des Nationalsozialismus nach Brasilien emigrierten, kehrt Anfang der 60er Jahre mit seinen Eltern nach Wien zurück. Dort verliebt er sich in die Jüdin Judith Katz, die seine Muse sein soll im Versuch, die Welt ein letztes Mal in ein philosophisches System zu zwingen. Judiths Tod eröffnet ihm das Geheimnis des Lebens – aber ist sie wirklich tot? Das Leben jedenfalls verläuft in überaus erstaunlichen Bahnen.
Der dritte Band, „Schubumkehr“ (1995), schildert vor dem Hintergrund der privaten Lebensumstände des Literaturdozenten Roman, der bereits in „Selige Zeiten, brüchige Welt“ eingeführt wurde, den Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 und damit das Zerbrechen der vertrauten Ordnung in einem kleinen niederösterreichischen Dorf. Nicht zuletzt stellt der Roman auch eine kunstvolle Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte dar. Im November 1989 also wird die Grenze feierlich abmontiert. Anhand einer Vielzahl von Figuren, Schicksalen und Geschichten beschreibt der Roman den Verlauf dieses Jahres, in dem schließlich „kein Stein mehr auf dem anderen bleiben“ sollte. Roman, die zentrale Figur des Romans, ist ein Mann mittleren Alters, der nach einem längeren Auslandsaufenthalt nach Österreich zurückkommt. Statt vertrauter Zusammenhänge erwarten ihn allzu private Grotesken und Tragödien, statt der erwarteten versteinerten provinziellen Verhältnisse erlebt er, wie diese zu tanzen beginnen.
Wie in dem Titel des Romans „Schubumkehr“ und in der „Trilogie der Entgeisterung“ bereits anklingt, kehrt Robert Menasse Hegels „Phänomenologie des Geistes“ um. Im Gegensatz zu Hegel, der eine Entwicklung des menschlichen Bewusstseins zum allumfassenden Geist annimmt, postuliert Menasse eine regressive Entwicklung, deren letzte Stufe die sinnliche Gewissheit ist.
In „Selige Zeiten, brüchige Welt“ wird von der fixen Idee des tragikomischen Gelehrten Leo Singer erzählt, ein Buch zu schreiben, das die Welt ein letztes Mal umfassend erklärt. Um dieses Buch zustande zu bringen, schreckt Singer auch vor Gewaltverbrechen nicht zurück, und scheitert dennoch. Robert Menasse hat dieses Buch für seinen Romanhelden geschrieben, es ist die „Phänomenologie der Entgeisterung“ (1995), eine Nachschrift der Trilogie (mit dem Untertitel: „Geschichte des verschwindenden Wissens“), eine Erzählung, die die Erzähltechniken Hegels noch einmal ernst nimmt.
Die sich zwischen Avantgarde und Realismus bewegende Erzählweise dieser ersten Romane Robert Menasses, deren Unterhaltsamkeit und witzig-ironische Gebrochenheit brachten ihm großes Kritikerlob ein. Er besticht dabei nicht nur seine Sprach- und Fabulierkunst, sondern besonders mit einer angewandten Technik der Zitat-Montage und der spielerischen Anlehnung an eine an Hegel geschulte Dialektik.

Neben Robert Menasses erzählerischem Werk haben ihn vor allem seine Essays, die meist in österreichischen Zeitungen veröffentlicht wurden und mitunter zu großen Kontroversen geführt haben, bekannt gemacht. Ihr Gegenstand ist meist Österreich und seine Politik bzw. sein kulturelles und politisches Selbstverständnis.
„Die sozialpartnerschaftliche Ästhetik“ (1990) etwa ist eine Art politische Literaturgeschichte der Zweiten Republik, in der Menasse die nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte „Sozialpartnerschaft“ Österreichs, also den Zusammenschluss von Regierung und Interessenverbänden zur gesellschaftlichen Konfliktvermeidung, in ihren „literar-ästhetischen“ Auswirkungen analysiert und kritisch aufs Korn nimmt.
Dieser Band und insbesondere die Essays des Bandes „Das Land ohne Eigenschaften“ (1992), in denen die österreichische Identität als ein in sich logisches Gebilde von Widersprüchen und Absurditäten erscheint, ließen naturgemäß vehemente Kritik wegen „Nestbeschmutzung“ laut werden. Ihnen folgten im Lauf der Zeit die Essaybände „Hysterien und andere historische Irrtümer“ (1996) sowie „Dummheit ist machbar“ (1999) und „Erklär mir Österreich“ (2000). In all diesen Texten setzt sich Robert Menasse auf kritisch-ironische Art und Weise mit der österreichischen Vergangenheit auseinander, bezieht zur gegenwärtigen kulturpolitischen Situation in Österreich Stellung und macht immer wieder auf den latenten Antisemitismus im deutschsprachigen Raum aufmerksam.
In „Dummheit ist machbar. Begleitende Essays zum Stillstand der Republik“ (1999) wird zwar an keiner Stelle die persönliche Intelligenz von Politikern in Frage gestellt, vielmehr wird darin eine „funktionale Intelligenz, die man für ein bestimmtes Amt einfach braucht“, eingefordert. Dort etwa, wo Sachzwänge vorgeschoben werden, um sich aus der Verantwortung des Handelns zu stehlen, dort, wo Politiker behaupten, politische Gegner zu verhindern, indem sie deren Forderungen realisieren, erweist sich Politik eben als dumm.
Nicht zuletzt die Essays in dem Band „Das war Österreich“ (2005) brachten Menasse in den Ruf, einer der geistreichsten Essayisten des Landes zu sein.
Die Frage nach der österreichischen Identität zählt zu einem der entscheidenden Motive für den intellektuellen Diskurs des letzten Jahrzehnts in Österreich. Robert Menasse war in diesem Diskurs nicht nur maßgeblich involviert, sondern er hat ihn durch seine brillanten Analysen des österreichischen Geisteslebens in hohem Maße initiiert und gestaltet.
Es gehe Menasse, so der Philosoph Konrad P. Liessmann einmal in einer Laudatio, „um das Prinzip Österreich, wie es sich nach 1945 als raffiniertes kollektives Selbsttäuschungsmanöver konstituierte und in der Wirklichkeit tatsächlich über weite Strecken erfolgreich durchsetzte.“
Menasses Auseinandersetzung mit der politischen Praxis in Österreich hat sich in den letzten Jahren im Ton geändert: Er wurde schärfer, im Wortsinn polemisch, hin und wieder auch persönlich. In Zeiten, in denen Politik immer stärker personalisiert wird, ist schließlich die Person des Politikers von der Sache kaum noch zu trennen. Menasse nimmt die Aussagen der Politiker beim Wort und entlarvt sie so schonungslos in ihrer Widersprüchlichkeit und Phrasenhaftigkeit.

In seinem Roman „Die Vertreibung aus der Hölle“ (2001) stellt er schließlich die Objektivierbarkeit der Geschichte in Frage, verknüpft dabei seine persönliche Geschichte mit dessen jüdischen Wurzeln. Er verwob also die Geschichte des im 17. Jahrhundert verfolgten Rabbi Menasse mit der Geschichte des im Schatten des Zweiten Weltkriegs lebenden Viktor Abravanel, Robert Menasses Bruder im Geiste.

Bei einem Klassentreffen, 25 Jahre nach dem Abitur, herrscht fröhliche Selbstzufriedenheit – bis Viktor seine ehemaligen Schulkollegen mit der Nazi-Vergangenheit ihrer Lehrer konfrontiert. Es kommt zu einem Eklat, der aus dieser Nacht eine Abenteuerreise in die Geschichte macht. Viktor Abravanel, geboren 1955 in Wien, stammt aus einer Familie von Nazi-Opfern. Er wurde Historiker, Spezialist für Frühe Neuzeit. Bei einem Spinoza-Kongress soll er einen Vortrag halten über das Thema „Wer war Spinozas Lehrer?“. Diese Arbeit und die damit verbundenen Recherchen bringen ihn eben auf die Idee, beim Klassentreffen, am Vorabend seiner Abreise nach Amsterdam, die Frage zu stellen: „Wer waren unsere Lehrer?“ Der Lehrer von Baruch Spinoza war der Rabbiner Samuel Manasseh ben Israel, geboren 1604 in Lissabon, der als Kind mit seinen Eltern vor der Inquisition nach Amsterdam flüchtete. Die Rekonstruktion der Biographie dieses Rabbi und Viktors Erinnerungen an seine Schüler- und Studentenzeit zeigen verblüffende Parallelen. Wäre das die Erklärung dafür, dass unsere Biographien nach den Tragödien unserer Väter und Vorväter nur noch Farcen sind? Oder finden wir in der Geschichte immer nur Geschichten, die uns bekannt vorkommen? Im Grunde sind es zu allen Zeiten immer dieselbe Lehrerin: die Geschichte. Und immer sind es naturgemäß schlechte Schüler. Anhand der individuellen Geschichten der Hauptfiguren rücken einem ganze Epochen in den Blick. Dank der detailgenauen, lebendigen Darstellung wird das schwierige Leben des Rabbis ebenso greifbar wie die 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Es ist ein großer Zeitroman, der locker zwischen die Zeiten gleitet. Am Ende zeigt die Erzählung, „wie es wirklich war“, unseren Umgang mit Geschichte.

Scharfe Kritik erntete Menasse, als er 2005 in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen „Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung“ den Terror des 11. September 2001 als „unsere Rettung im dialektischen Sinne“ und die Terroristen selbst als „Ideal einer individuellen Entfaltung“ bezeichnete. Auch wenn seine radikalen Gedankenspiele bisweilen als intellektuelle Zumutungen kritisiert werden, führen sie dennoch souverän den Kampf um die Interpretation überlieferter Begriffe und Allgemeinplätze vor.

2006 wurde „Das Paradies der Ungeliebten“, Robert Menasses „Schauspiel für 2 Damen und 10 Herren“, im Staatstheater Darmstadt uraufgeführt (es war ursprünglich ein Auftragsstück für das Wiener Burgtheater, das es dann aber nicht auf den Spielplan setzen wollte). Das Stück spielt in „Dänemark“, also „hier“, in einem Biotop staatspolitischer Fäulnis. Die Politik hat abgedankt, die Politiker haben keine Macht mehr, sondern nur noch ihre Ämter. Die Figuren, der hilflose Regierungschef, der besessene Vize, der demagogische Oppositionsführer, der ehrgeizige gescheiterte Shakespeare-Schauspieler, der in die Politik gewechselt ist, aber auch einen Politiker nicht glaubhaft darstellen kann, sie alle tragen die Namen jener dänischen Fußballer, die die Europameisterschaft 1992 gewonnen haben. Es ist also das erste Stück, in dem lauter „Europameister“ spielen. Aber sie meistern Europa nicht. Sie lassen sich in politische Verantwortung wählen – um dann, lethargisch oder eitel, ihre Verantwortung auf die „Sachzwänge“ abzuwälzen. Ein politischer Fieberkopf, der die politischen Phrasen mit dem verwechselt, was sie einst bedeutet hatten, plant ein Attentat. Aber was ist ein politischer Mord, wenn die Politik längst schon tot ist? Ein historisches Zitat? Eine Farce? Vielleicht ein Märchen: Obwohl sie schon gestorben sind, leben sie noch immer. Es ist ein Stück über eine Art Demokratiedämmerung in Europa.

2007 erschien der Roman „Don Juan de la Mancha“. „Es geht um Chilischoten und Sexualität, alles andere ist nicht zitierbar“, so ein Kritiker. Programmatisch sind schon die ersten Sätze, und die „pornographische Ouvertüre“ (so „Die Welt“) hat so manchen Kritiker in „Ehrfurcht und Schrecken“ versetzt: „Teuflisch brennt die Erkenntnis, dass einem das Zölibat zweierlei erspart: die Langeweile und den Schmerz“.

In dem Roman werden die mehr oder weniger fiktiven Begebenheiten aus dem (Liebes-)Leben des Zeitungsredakteurs Nathan – zwischen Lustlosigkeit, Trieb, Begierde und der Suche nach einer erfüllten Liebe – erzählt. Dem 53-Jährigen wird nichts erspart.: „Warum kann ich nicht genießen? Mein Vater hat es sich immer gut gehen lassen.“ Auf der Suche nach der verlorenen Lust der Nach-68er-Generation kreuzen viele Frauen seinen Weg. Freundinnen, eine Ehe, noch eine Ehe, viele Geliebte – nichts erfüllt ihn. Nathan befindet sich auf dem Weg der Unlust, und die erfüllt sich.

„Man kann nur mit der ersten Frau oder mit der letzten glücklich werden“, sagte der Vater und fasste so das Dilemma des Verführers zusammen. Auch Nathan, der nie ganz aus seines Vaters Schatten getretene Sohn, ist ein Verführer. Schnell verfallen sie ihm, dem melancholischen, tragikomischen Wiederholungstäter im ritterlichen Kampf um die Rettung der Liebe. Und schnell sympathisiert man als Leser mit den unverwechselbaren Frauen, die seinen Weg kreuzen. Nathans Vater suchte sein Glück bei den Frauen, Nathans Mutter fand ihr Unglück bei den Männern. Nathan bricht auf in die Welt, um alles ganz anders zu machen. Aber macht er etwas ganz anders? Nichts. Nur die Bedingungen haben sich geändert, die Ansprüche. Nathan, bei seiner Zeitung zuständiger Redakteur für das Ressort „Leben“, verkörpert die Generation der Nach-68er. Unter dem Diktat der Emmas und Bettys darf er seine Männlichkeit zwar ausleben, aber nicht mehr genießen. In einem der „unterhaltendsten Unterhaltungsromane der letzten Jahre“ (so „Die Zeit“) zeichnet Menasse das Porträt einer Generation, der Nach-68er-Gesellschaft. Kein Liebesroman im klassischen Sinn, sondern ein Roman über die Liebe in den Zeiten sexueller Befreiung: „Die Geschichte der Liebe als eine Geschichte von Befreiungskämpfen“.
In den Erzählungen von „Ich kann jeder sagen“ (2009) erinnern sich 13 Ich-Erzähler an Erlebnisse und Ereignisse, die prägend wurden für ihr Leben. Erinnerungen an den Tag, als John F. Kennedy erschossen wurde, als die RAF in Wien den Industriellen Palmers entführte, als Griechenland Fußball-Europameister wurde. An den 9. November 1989, als die Mauer fiel, als die Nachkriegsordnung zu Ende war, wird sich etwa das junge Paar, das die Hochzeitsnacht vor dem Fernseher verbrachte, ein Leben lang erinnern. Es hat in dieser Nacht deutsche Geschichte erlebt. Zufällig. Denn eigentlich wollten sie nur so schnell wie möglich heiraten. Und der nächste freie Termin beim Standesamt war der 9. November. Der 9. November war für den Vater des Bräutigams bis dahin mit dem Jahrestag der „Reichskristallnacht“ verknüpft: „Pah, Geschichte“, sagt der Nachgeborene. ‚Ich‘ kann jeder sagen“.

In seinem zweiten Stück „Doktor Hoechst“, einem „Faust-Spiel“ (2013) hat Doktor Hoechst, genannt „der alte Faust“, den Wissenschaften den Rücken zugekehrt und widmet sich mit Eifer der freien Marktwirtschaft. Statt Wissen vermehrt er nun Kapital. Doch der Global Player ist auch Familienvater. Sein Sohn Raffael verurteilt diese Machenschaften und versucht, gegen den übermächtigen Vater aufzubegehren. Nach einer Vorstellung von Goethes „Faust“ packt Hoechst die Wut. Verweilen im höchsten Augenblick? Wie unrentabel! Und Hoechst ist sich sicher: Statt Genuss im Stillstand geht es heute um unbegrenztes Wachstum und Expansion. Kapitalismus und Globalisierung ist die Devise. Menasse hat aus dem scheinbar alten Stoff ein überaus aktuelles Stück geschaffen.

Seit einigen Jahren widmet sich Robert Menasse in seinen Essays vermehrt EU- und globalisierungskritischen Themen. An diesen europa- bzw. weltweiten Zusammenhängen kritisiert Menasse vor allem die demokratiepolitischen Defizite, welche als vorgeblich strukturbedingt in den Sachzwang genommen werden und die Aussicht auf mögliche Alternativen verstellen. Dabei steht er der Europäischen Union nicht grundsätzlich kritisch gegenüber, sondern begründet in seinen Kritiken die demokratiepolitischen Defizite vor allem mit dem Einfluss und der Macht der einzelnen Nationalstaaten, wogegen er rein europäische Institutionen, wie etwa die EU-Kommission, positiv bewertet.
Für Roman-Recherchen nahm er sich in Brüssel eine Wohnung, um zu überprüfen, „ob die sogenannten Eurokraten sozusagen romantauglich sind“. Der ursprünglich geplante Roman wurde jedoch bald zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der theoretischen und praktischen Funktionsweise der europäischen Institutionen sowie jener Menschen, die in ihnen arbeiten. Seither wird er nicht müde, darauf hinzuweisen, wie integer, engagiert und zukunftsorientiert diese jungen europäischen Beamten sind, und wie notwendig eine Reform der europäischen Institutionen ist, um ihre Bedrohung durch den wieder aufkeimenden Nationalismus zu überwinden.
In „Der Europäische Landbote“ (2012) bildet er die nichtkleingeistigen übernationalen Organe und Bürokratien der EU in Brüssel ab und entwickelt dabei den „Habsburgischen Mythos“ von Claudio Magris weiter zum „Europäischen Mythos“. Dies führt auch zu einer anderen und durchaus positiven Rückschau auf die Habsburger Monarchie. Der europäische Rat, „diese Verteidigungsburg des Nationalismus im Inneren des Gefüges des nachnationalen Europa“, müsse „schnellstmöglich abgeschafft werden“, forderte Menasse: „Es kann auf Dauer kein supranationales Europa auf der Basis nationaler Demokratien geben. Wir müssen Demokratie neu erfinden.“
Neugierig erwarten wir seinen großen Europa-Roman!


 

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