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Bücherschau

Michael Glawogger - Workingman's Death

Georg Pichler über den Filmemacher Michael Glawogger

Am 22. April 2014 starb überraschend der erst 54-jährige österreichische Filmemacher Michael Glawogger auf dem Rollfeld des Flughafens von Monrovia, der Hauptstadt von Liberia. Er starb aufgrund einer Fehldiagnose, die dem Erkrankten in der liberianischen Kleinstadt Harper gestellt wurde. Glawogger hatte Fieber, das die Ärzte zunächst für Typhus hielten. Erst drei Tage später wurde eine besonders aggressive Form der Malaria tropica an ihm diagnostiziert. Obwohl er sofort in die Hauptstadt nach Monrovia gebracht wurde, wohin ein Notflugtransport unterwegs war, ist er dort, noch bevor das angekommene österreichische Ärzteteam ihn sehen konnte, an multiplem Organversagen gestorben.
Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich schnell, und sie war tatsächlich unglaublich. Wie konnte einer, der schon so oft in Afrika unterwegs gewesen war, der über all diese Gefahren bestens Bescheid gewusst hatte, an einer tropischen Krankheit sterben, gegen die es überall erhältliche Medikamente gibt?
Bekannt wurde Michael Glawogger eben mit seiner „Global“-Trilogie (eben auch über Afrika): „Megacities“ (1998), „Workingman’s Death“ (2005) und „Whores‘ Glory (2011). Er beschrieb darin nicht nur die Armut und ihre Ursachen und Folgen in den überbordenden Metropolen Mumbai, Mexiko City, Moskau und New York, sondern auch die überaus einfallsreiche Anpassungsfähigkeit und das Improvisationstalent der Menschen unter absolut unmenschlichen Lebensbedingungen („Megacities“).
Er spürte (in „Workingman’s Death“) Menschen, die schwere körperliche Arbeit, die in unserer modernen Welt zunehmend verschwindet, verrichten, nach. In beeindruckenden Bildern sind da etwa ukrainische Bergarbeiter zu sehen, die in klaustrophobischer Enge aus aufgelassenen Minen mühevollst Kohle herausscharren, oder Arbeiter in einem Schlachthof in Nigeria, Schwefelarbeiter in Indonesien sowie Arbeiter bei der lebensgefährlichen Verschrottung von Tankschiffen in Pakistan.
„Whores‘ Glory“ schließlich ist ein einfühlsames filmisches Triptychon zur Prostitution: drei Schauplätze, drei Sprachen, drei Religionen (in Thailand, Bangla Desh und Mexiko), sich zu einem Bild des Verhältnisses zwischen Mann und Frau anhand der Prostitution verbinden.
Für diese wie für alle Filme Glawoggers gilt, dass er niemals weder einen romantizierenden noch einen moralisierenden Blick auf die Menschen und Dinge wirft. „Der Moralist war immer der Feind der Kunst“, meinte er einmal. Es ging ihm nie um das bloße Vorführen von Schrecknissen: „Ich bin ausgezogen, Filme über die Schönheit des Menschen zu machen. Deshalb ist es für mich ein Horror, wenn mir Leute sagen, meine Filme seien deprimierend oder zeigten ihnen das Grauen“.
Er wollte, wie der mit Glawogger eng zusammenarbeitende Schauspieler und Drehbuchautor Michael Ostrowski schrieb, der „grassierenden Biederkeit der Zeit“ seinen unbeirrbaren „Glauben an die Schönheit und das unergründliche Wesen der Welt“ entgegen setzen: „Die Leute sind nicht so, wie wir wollen, dass sie sein sollen. Sie sind so viel mehr und so viel uneinordenbarer, als man uns weismachen will“. Michael Glawogger enthielt sich, so Ostrowski, „sowohl als Filmemacher als auch als Mensch der allzu einfachen Wertungen und Einordnungen. Er ließ alles gelten, er hielt die Ungereimtheiten aus, er wollte nichts niederbügeln, was Falten hatte, er glaubte an eine andere Wahrheit“.
Er ließ sich nie schubladisieren, war so vielseitig wie kaum ein anderer Filemmacher. Neben den Dokumentarfilmen, für die er mehrere internationale Auszeichnungen erhielt, drehte er außergewöhnliche Spielfilme. Etwa die schwarzhumorige Komödie „Die Ameisenstraße“ (1995), in der, als der alte Hausbesitzer eines Zinshauses stirbt, sein Erbe und Neffe es sogleich zu Geld machen will. Mittels Gewalt, durch permanente Provokationen sollen die Mieter vertrieben werden, die sich im Geheimen wehren, wie sie auch ihre Individualität und Eigenheiten hinter den Wohnungstüren verstecken. Am Ende ist das Haus ein Trümmerhaufen, die Hälfte der Mieter hat der Tod dahingerafft, und der Besitzer, dem das Haus längst nicht mehr gehört und der nicht einmal mehr heimlich bekämpft werden muss, verbrüdert sich letztlich mit dem Rest der Mieter im Wirtshaus.
Die ins Absurde zielenden, zu einer Art „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie gewordenen überdrehten, irgendwo zwischen harmlosen Peter-Alexander-Klamotten, Hippiekultur und Lou Reed oszillierenden Komödien „Nacktschnecken“ (2004), „Contact High“ (2009) und das nicht realisierte „Rock and Roll. Double Trouble im Hotel“ sollten Versuche sein, die österreichische Komödie weiterzuentwickeln, Filme voll anarchistischem Überschwang und Heiterkeit.
In „Slumming“, seinem wahrscheinlich gelungensten Spielfilm, packen zwei gelangweilte Schnösel, die zu ihrer Art von Forschungszwecken bevorzugt Orte, die unter ihrer Schicht liegen, aufsuchen (zwielichtige Bars, Discos mit hohem Ausländeranteil), eines Abends den vollbetrunkenen Clochard und Dichter Kallmann in den Kofferraum ihres Autos und verfrachten ihn über die Grenze nach Tschechien. Einfallsreich wie er ist, findet der, der aus für ihn unerfindlichen Gründen plötzlich in der absoluten Fremde aufgewacht ist, dennoch seinen Weg zurück. Mittels parallel verlaufender Handlungsstränge (hier die im Doppelpack auftretenden sadistischen Yuppies, dort der hässliche Bürgerschreck, dargestellt übrigens von einem herausragenden Paulus Manker) und abgründigen Humor zeigt der Film gleichsam neue Erfahrungsräume: Wien rund um den Gürtel, wo Jugendkultur, Halbwelt und Migrantenviertel nahe beieinander liegen, und das Grenzgebiet zwischen Tschechien und Österreich, das wilde Weinviertel.
Wahrlich bitter ist, welche Projekte, die Michael Glawogger vorbereitete, nun nicht fertiggestellt werden: „Vor die Hunde“ (die Geschichte eines Globalisierungsgegners), „Pudel Colada“ (Komödie mit Stermann und Grissemann), „Ende gut“ (nach dem Buch von Sibylle Berg), „Love Sick“ (ein Film in Kambodscha, in der ein amerikanischer Journalist und ein Fotograf versuchen, ein Interview mit Pol Pot zu bekommen), „For Gods Only“ (zur Kunst der Oper) und eine Fortsetzung der „Nacktschnecken“. Und besonders, dass ein neues Projekt, für das Michael Glawogger mit seinem Team (Kameramann Attila Boa und Tonmann Manuel Siebert) mit einem roten VW-Bus ein ganzes Jahr lang unterwegs sein wollte, von Europa südlich nach Afrika und dann wieder durch den amerikanischen Kontinent gen Norden retour, nun Fragment bleiben wird. Der „Film ohne Namen“, ein Film, der sich erst im Reisen, im Kopf entwickeln sollte, ein Dokumentarfilm ohne Buch, nahe am Ereignis, spontan, dem Zufall mitverpflichtet. „Es wird“, so Glawogger vor dieser Reise, „ein Film über die Schönheit, über das Glück, jedenfalls ganz anders als alles, was ich bisher gemacht habe“. Mehr als 50 Stunden Rohmaterial waren schon abgedreht, auf ihrer Reise über Kroatien, Serbien, Albanien, Kampanien, Marokko und die westafrikanischen Staaten Westsahara, Mauretanien, Senegal, Guinea-Bissau, Gambia, Mali, Guinea, Sierra Leone und Liberia. Dieser Film sollte, so Glawogger, „ein Bild der Welt entstehen lassen, wie es nur gemacht werden kann, wenn man keinem Thema nachgeht, keine Wertung sucht und kein Ziel verfolgt. Wenn man sich von nichts treiben lässt außer der eigenen Neugier und Intuition“.

Geschrieben hat Michael Glawogger auf dieser Reise Berichte von diversen Stationen, die als Blogs im „Standard“ und in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen (und dort auch nachzulesen sind). Es sind wunderbare, subjektive Eindrücke und Wahrnehmungen, Bilder aus abgelegenen, nicht sehr bekannten, nur mittels Vermeidung von Vorurteilen und Vorausinformationen und -abbildungen wirklich erlebbare Zonen. Gespenstisch dabei mitunter einer seiner letzten Texte „Die Schlafenden“ aus Galahun in Sierra Leone, einer Provinzstadt, in der, als er ankam, fast alle schliefen: „Er fand kein Geschäft, in dem jemand wach gewesen wäre. Er sah keine Veranda, auf der man nicht friedlich schlummerte, und keine Seele, die nicht träumte.“ Auch der Erzähler bemerkte allmählich, wie seine Bewegungen und Schritte immer langsamer wurden und er hat gerade noch einen Plastiksessel, der irgendwo am Straßenrand stand, erreicht, indem er sofort einschlief. Als er erwachte, setzte der Regen ein, „so heftig, als Würde das Wasser auf Knopfdruck aus dem Himmel fallen. Und doch konnte man meinen, es verharre in der Luft. Der Regen schlief“.
Geschrieben hat Michael Glawogger diese lesenswerten Berichte übrigens konsequent in „Er“-Form, wie auch die Texte, die davor entstanden, und in der „Anderen Bibliothek“ im Frühjahr 2015 unter dem Titel „69 Hotelgeschichten“ erscheinen sollen.

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