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Bücherschau

Haruki Murakami - Der überhaupt nicht farblose Autor

Simon Berger über Haruki Murakami, anlässlich seines 65. Geburtstags

Er ist einer der populärsten und meistgelesenen Autoren der Gegenwart weltweit. Jedes Jahr zählt er zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis (letztes Jahr war er überhaupt erster Favorit bei den Wettanbietern). Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami, der heuer seinen 65. Geburtstag feiern konnte. Er lebt allerdings schon seit einiger Zeit nicht mehr in Japan, unterrichtet seit etwa zwei Jahren an der Universität von Honolulu, auf Hawaii. Journalisten, die ihn besuchen, staunen über die Enge und den Zustand seines ungefähr sechs Quadratmeter großen Büros, in dem er zweimal pro Woche zur Sprechstunde oder auch nur zum Signieren seiner Bücher empfängt. „Jede studentische Hilfskraft würde sich zu Recht beschweren. In dem beinahe leeren Metallregal stehen ein paar japanische Bücher, auf den Schreibtisch passen gerade einmal der Computer und eine Thermotasse“, so Ronald Düker in der „Zeit“. Und weiter: „Murakami trägt Joggingschuhe, bermudalange Jeans und über dem T-Shirt ein Holzfällerhemd. Das Schicksal hat es mit Haruki Murakami so gut gemeint, dass seine Erscheinung kaum auf einen Nenner zu bringen ist. Als sei er aus verschiedenen Personen zusammengesetzt, passen sein Körper zu einem dreißigjährigen Sportler und die Gesichtszüge zu einem Mann in den Vierzigern“. Zu Jahresbeginn wurde er 65.

Geboren wurde Haruki Murakami am 12. Januar 1949 in Kyoto. Sein Vater war der Sohn eines buddhistischen Priesters, die Mutter Tochter eines Händlers in Osaka. Seine Kindheit verbrachte er in einem Vorort der Stadt Kobe, in der beide Eltern japanische Literatur unterrichteten. Doch der junge Haruki interessierte sich weniger für japanische als für westliche Literatur und Musik. Wegen des Status Kobes als Hafenstadt konnte er relativ leicht an Second-Hand-Bücher von dort stationierten amerikanischen Marinesoldaten gelangen. Diese Vorliebe schlug sich in seinem späteren literarischen Werk nieder, wofür er in Japan bisweilen auch heute noch sehr kritisch beurteilt wird. Seine großen Vorbilder waren Franz Kafka und Fjodor Dostojewski, Ernest Hemingway und William Faulkner. Mit Nachdruck bemüht er sich darum, den japanischen Lesern die amerikanische Literatur näher zu bringen, und übersetzte F. Scott Fitzgerald, John Irving, Paul Theroux, Raymond Carver, Raymond Chandler und Truman Capote ins Japanische, was ihm von Seiten traditioneller japanischer Kritiker bis heute den Vorwurf „westlicher Einflüsse“ in seinen Werken eintrug.
Ab 1968 studierte Murakami an der Waseda-Universität Theaterwissenschaft, dort lernte er auch seine Frau Yoko kennen, die er nach Abschluss des Studiums im Jahr 1971 heiratete und mit der er bis heute zusammen ist. Gleichzeitig jobbte er in einem Plattenladen, bevor er 1974 in Tokio eine eigene Jazzbar unter dem Namen „Peter Cat“ eröffnete, die er bis 1982 leitete. Diese Erfahrungen finden sich in seinem Werk wieder: Mehrere seiner Bücher hat er nach bekannten Songtiteln benannt, beispielsweise „Noruwei no mori“ (japanisch für „Norwegian Wood“, nach dem Lied der Beatles; in deutscher Übersetzung: „Naokos Lächeln“) und „Dansu dansu dansu“ (japanisch für „Dance, dance, dance“, nach einem Song der Beach Boys; in deutscher Übersetzung: „Tanz mit dem Schafsmann“). Außerdem leitet etwa der Protagonist von „Kokkyo no minami, taiyo no nishi“ (japanisch für „South of The Border, West of the Sun“ (nach dem Lied „South of the Border“; deutsch: „Gefährliche Geliebte“) ebenfalls einen Jazz-Club.
Laut eigener Aussage begann Haruki Murakami mit dem Schreiben im Jahr 1978, inspiriert durch einen eindrucksvollen Schlag in einem Baseball-Spiel. In den beiden Folgejahren erschienen seine beiden ersten Romane: „Kaze no uta o kike“ (englisch: „Hear the wind sing“) und „Nen no pinboru“ (englisch: „Pinball“), von denen er sich später ausdrücklich distanzierte. 1984 verlegte er seinen Wohnsitz mehrmals (Fujisawa, Tokio, Oiso), ausgedehnte Reisen führten ihn nach Italien und Griechenland. 1991 wurde er an der Princeton University (New Jersey) zunächst Gastdozent, dann Gast-Professor, 1993 folgte er einem Ruf an die Tufts University in Medford, Massachusetts, um zwei Jahre später wieder in seine Heimat zurückzukehren, wo er sich in Oiso niederließ.
Ein immer wiederkehrendes Thema in Murakamis Büchern ist der Verlust geliebter Menschen und die oft vergebliche Suche nach ihnen. Der Stil seiner Romane, in denen sehr oft surrealistische Elemente und Anspielungen auf die Popkultur zu finden sind, erinnert häufig an einen magischen Realismus, in dem physische und psychische Realität nahtlos ineinander übergehen. Mystisch oder märchenhaft anmutende Passagen bilden dabei stets einen selbstverständlichen Teil der erzählten Wirklichkeit.
Wichtigen Figuren verleiht Murakami oftmals autobiografische Züge; so teilen sie etwa die Vorliebe ihres Schöpfers für einfaches, schmackhaftes Essen, hören Jazz oder Rock und verbringen viel Zeit in guten Bars.

Der Roman „Wilde Schafsjagd“ (jap. „hitsuji o meguru boken“, 1982, dt. 1991) mischt mit viel Witz Elemente Science-fiction- und Detektivroman, der in einem sehr modernen Japan spielt, mit der Murakami eigenen Mystik. Im Mittelpunkt steht der namenlose dreißigjährige Ich-Erzähler, Mitinhaber einer Werbeagentur in Tokio, Biertrinker und großer Rockmusik-Fan, der aufgrund eines Fotos in die Welt zwischen Leben und Tod gezogen wird, und ein Schaf mit übernatürlichen Kräften sowie einem unbeugsamen Willen zur Macht. Beide werden sie in einen Strudel von sich überschlagenden Ereignissen und Abenteuern hineingezogen. Als Leser kann man sich der bedrohlichen Atmosphäre des Romans und der „Zickzackfahrt ins Unwirkliche“ kaum entziehen, die in Wahrheit eine Variante einer klassischen Reise zur Selbstfindung ist. Murakami übt hier nicht in erster Linie Kritik an der japanischen Zivilisation, an der anonymen Warenwelt und an der Orientierungslosigkeit in einer unablässig ratternden Konsum-Maschine, sondern das Thema scheint die „Erlösung des gefühlsamputierten, rationalen modernen Menschen aus seiner mentalen Höhle“ zu sein, wie Kritiker vermuteten.

In „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ (jap. „sekai no owari to hadoboirudo wandarando“, 1985, dt. 1995) erzählt Murakami im Wechsel der Kapitel und der Zeiten von zwei parallelen und wundersamen Reisen. In einem futuristisch brutalen Tokyo der fernen Gegenwart tobt ein Datenkrieg zwischen dem „System“ der Kalkulatoren und einer Datenmafia, der „Fabrik“ der Semioten. Ein genialer und greiser Professor hat durch ein sicheres Codierverfahren im Unterbewusstsein allen Datendiebstahl unmöglich gemacht. Der Held und Ich-Erzähler überlebt die Bearbeitung seines Gehirns, jedoch ist der implantierte „Psychokern“ nach einem Überfall auf das unterirdische Geheimlabor des Professors wie eine Bombe im Hirn nicht mehr beherrschbar. Hier funktioniert auch Murakamis öfters angewandter Trick, das Alltägliche mit dem Bizarren zu kombinieren. Zwischen der sanften Melancholie und den bunten Phantasmagorien entdeckt der Leser langsam die großartig erzählte doppelsträngige Geschichte um Gedankenmanipulation. In der Hauptfigur und ihren detailliert geschilderten wie temperamentvoll kommentierten Vorlieben für Jazz und italienisches Essen ist wiederum fast unverhüllt natürlich der Autor zu erkennen.

Im folgenden Roman „Naokos Lächeln“ (jap. „noruwei no mori“, 1987, dt. 2001; englischer Titel „Norwegian Wood“) geht es um den 37-jährigen Literaturstudenten Toru, der sich zwischen der geheimnisvollen Naoko und der lebenslustigen Midori nicht recht entscheiden kann. Der Beatles-Song „Norwegian Woods“ ist für Toru Watanabe ein melancholischer Song der Erinnerung an den Aufruhr der Gefühle in einer schmerzvollen und schicksalhaften Jugend, die er zu bewahren und zu verstehen versucht. „Naokos Lächeln“ (Untertitel: „Nur eine Liebesgeschichte“) erzählt von einer komplizierten Liebe in den unruhigen sechziger Jahren. Auch hier spielt das Thema des Verlustes eine große Rolle, betrifft dies doch nicht nur die geliebte Naoko, sondern auch den Jugendfreund Kizuki, der Selbstmord begeht. Es ist eine einfühlsame Geschichte des Erwachsenwerdens, in der die Musik der Beatles eine überaus große Rolle spielt.

„Tanz mit dem Schafsmann“ (jap. „dansu dansu dansu“, Roman, 1988, dt. 2002) vermischt mystische Elemente mit Realem. Dem 34-jährigen Ich-Erzähler, einem großstädtischen Junggesellen-Nomaden, ist sein  Leben aus der Spur geraten: gerade von seiner Frau wortlos verlassen, ein Freund gestorben. Wiederkehrende Träume und die Erinnerungen an Kiki, die „professionelle Traumfrau“ und mysteriös verschwundene Geliebte, führen ihn von Tokyo nach Sapporo ins Dolphin Hotel, eine ehemals schäbig-schrille Absteige, die zum glitzernden Luxuspalast geworden ist. Hier begann alles, hier wird alles enden, hier haust verborgen der Schafsmann: ein weise-orakelnder Alter, Schutzengel und Schatten des Erzählers. Seine sanfte Botschaft lautet: Tanz, tanz, tanz. So gut du kannst. Du hast keine andere Wahl.

In dem Roman „Gefährliche Geliebte“ (englischer Titel „South of the border, West of the Sun“) (jap. „kokkyo no minami, taiyo no nishi“, 1992, dt. 2000) geht es um die Liebe und Leidenschaft, die den verheirateten Hajime an seine nach Jahren wiedergefundene Kinderliebe Shimamoto bindet. Hajime ist Ende dreißig, nach Jahren der Ziellosigkeit ein erfolgreicher Jazz-Bar-Besitzer, Ehemann und Vater. Frauen haben sein Leben geprägt. In der Kindheit war es Shimamoto, wie er selbst ein egozentrisches Einzelkind. Wie eine Halluzination taucht die Kindergeliebte Shimamoto wieder auf, unfassbar und geheimnisumwoben. Sie verkörpert für Hajime, was ihm im klugen Geschäftsleben und zusammen mit der ausgeglichenen Ehefrau Yukiku abhanden gekommen ist.
Bei der Besprechung des Buchs in der Sendung „Das Literarische Quartett“ kam es zum Eklat, als Marcel Reich-Ranicki seiner Kollegin Sigrid Löffler bei der Besprechung des Buchs vorwarf, sie verreiße erotische Literatur grundsätzlich. Frau Löffler erklärte, dass Murakami hier einen schlechten und oberflächlichen Roman geschrieben habe, der sich durch ein hohes Ausmaß an Vulgarität auszeichne. Im Anschluss an diese öffentliche Auseinandersetzung verließ sie die Sendereihe.

Auch in „Mister Aufziehvogel“ (jap. „nejimakidori kuronikuru“, Roman, 1994, dt. 1998) geht es um einen 30-jährigen Arbeitslosen, der sich an einem Scheidepunkt seines Lebens sieht, nachdem er ebenfalls von seiner Frau verlassen wurde. Eine große Rolle spielen dabei die Suche nach seinem Kater und die Bekanntschaft mit einem jungen Mädchen aus der Nachbarschaft. In die Handlung eingeflochten sind immer wieder erschreckende Erinnerungen der Protagonisten an die Zeit der grausamen japanischen Besatzung der Mandschurei und an den japanisch-sowjetischen Grenzkonflikt.

Murakami hat sich auch mit zwei Katastrophen auseinandergesetzt, die Japan 1995 in relativ kurzer Folge trafen. Dies war zum einen das Erdbeben von Kobe sowie der Sarinanschlag auf die Tokioter U-Bahn, verübt durch die als „Aum-Sekte“ bekannte Omu Shinrikyo. Zur Aufarbeitung des Sarinanschlags führte er Dutzende von Interviews mit Opfern oder Angehörigen und veröffentlichte diese in Japan 1997 im Buch „Underground“ (jap. „Andaguraundo“). Dabei werden die Interviews nach den fünf U-Bahn -Linien geordnet, in denen das Giftgas freigesetzt wurde. Murakami hält sich bei den Befragungen bewusst zurück und möchte die Opfer zu Wort kommen lassen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Sicht der Dinge wiederzugeben. In Deutschland erschien das Buch unter dem Titel „Untergrundkrieg“ im Jahr 2002, dort sind auch acht Interviews enthalten, die Murakami mit ehemaligen Mitgliedern der Sekte Omu Shinrikyo führte. Nach dem 11. September 2001 schrieb er in einem Brief an die „Süddeutsche Zeitung“: „Ich habe ein Buch über den Giftgas-Anschlag auf die U-Bahn von Tokyo verfasst. Dabei habe ich einen nachdrücklichen Eindruck davon erhalten, welch große Gefahr der Terrorismus für die moderne Gesellschaft darstellt.”

„Sputnik Sweetheart“ (jap. „suputoniku no koibito“, Roman, 1999, dt. 2002) vermischt wieder Fantastisches mit der realen Welt. Sumire ist eine junge weltfremd-romantische Möchtegernautorin, Miu eine siebzehn Jahre ältere erfolgreiche Geschäftsfrau. Miu ist unempfänglich für das Begehren der jungen Frau, von der sie „süßer Sputnik“ genannt wird. Auf einer Reise durch Frankreich und Italien bis auf eine kleine griechische Insel verschwindet sie dann plötzlich – alle Spuren ihres Schicksals verlieren sich. Ein junger Lehrer, der die betörende Sumire liebt, findet schließlich Aufzeichnungen bizarrer Vorfälle und Geschichten, die auch ein Geheimnis von Miu in der Schweiz aufdecken.

Kafka am Strand (jap. „umibe no kafuka“, 2002, dt. 2004) knüpft formal an „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ an. Wieder gibt es zwei Handlungsstränge, von denen sich der eine mit der Flucht des jungen Kafka Tamura befasst. Dieser verlässt seine Heimat, nachdem ihm von seinem Vater ein ödipaler Fluch prophezeit worden ist. Der andere Handlungsstrang behandelt das Schicksal von Nakata, einem geistig Behinderten, der nach einem Zwischenfall im Zweiten Weltkrieg mit Katzen sprechen kann. Nachdem Nakata jedoch von einem mysteriösen Mann namens Johnnie Walker gezwungen wird, den Vater Kafka Tamuras umzubringen, vermischen sich die fantastischen Handlungsstränge, in deren Zentrum eine alte Bibliothek steht.
„Als mein fünfzehnter Geburtstag gekommen war, ging ich von zu Hause fort, um in einer fernen, fremden Stadt in einem Winkel einer kleinen Bibliothek zu leben.“ Die Reise des Erzählers führt in Wirklichkeit aus der realen Welt hinaus in sein eigenes Inneres, entlang seines Bewusstseins. Eine schicksalhafte Prophezeiung, der Geschichte von Ödipus gleich, lenkt Kafkas labyrinthischen Weg. „Kafka am Strand“ heißt das Bild an der Wand von Saeki, der rätselhaften Leiterin jener kleinen Bibliothek. Und „Kafka am Strand“ heißt auch der Song aus der Zeit, als Saeki noch Pianistin war und einen jungen Mann leidenschaftlich liebte, sie waren ein Paar wie Romeo und Julia. Die Wege des Erzählers Kafka kreuzen sich auf geheimnisvolle Weise mit den ihren und denen eines alten Mannes, der die Sprache der Katzen versteht und Spuren folgt, die in eine andere Welt weisen.

In „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ (die japanische Originalausgabe erschien 2007) erzählt Murakami über seinen Lebenswandel sowohl als Barbesitzer in Tokio als auch später als erfolgreicher Autor. Er schildert, wie er zu dem Entschluss kam, ein Buch verfassen zu wollen und warum er seither ein unerbittlicher Marathon- und Langstreckenläufer ist. Mit vielen Begründungen hinterlegt, erzählt er von seinem Drang zum Laufen und warum er daraus Kraft schöpfen kann. Zugleich führt er die wichtigsten schriftlichen Arbeiten als auch eine Art Auflistung seiner sportlichen Höhepunkte an. Seine Frau erwähnt er nur knapp als die Person, die ihm die Verpflegung richtet und als die, die meist im Zieleinlauf auf ihn wartet.

„After Dark“ (jap. „afuta daku“, 2005) befasst sich mit den Ereignissen einer Nacht. Der Erzähler beschreibt im Wechsel das Leben zweier Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein können: während die eine schlaflos umherirrt, befindet die andere sich in einem komaähnlichen Zustand. Nicht nur die Bewusstseinszustände der Schwestern stellen einen Gegensatz dar, sondern auch die Erzählweise. Während der Handlungsstrang um die schlaflose Schwester durch eine temporeiche Schilderung ihrer Erlebnisse konstruiert wird, beobachtet der Erzähler (und damit auch der Leser) die schlafende Schwester stets wie durch eine Kamera.

Der große Roman „1Q84“ („ichi kyu hachi ju yon“, phonetisch identisch mit „1984“) besteht aus drei umfangreichen Teilen und stellt dar, wie das Jahr 1984 hätte sein können, im Gegensatz zu George Orwells Vorstellung. Aomame hat zwei verschieden große Ohren. Beim Rendezvous mit einem reichen Ölhändler zückt sie eine Nadel und ersticht ihn – ein Auftragsmord, um altes Unrecht zu sühnen. Tengo ist Hobby-Schriftsteller. Er soll einen Roman der exzentrischen 17-jährigen Fukaeri überarbeiten, damit sie einen Literaturpreis bekommt. Der Text ist äußerst originell, aber schlecht geschrieben, ein durchaus riskanter Auftrag. Aomame wundert sich, warum die Nachrichten ihren Mord nicht melden. Ist sie in eine Parallelwelt geraten? Um diese Sphäre vom gewöhnlichen Leben im Jahr 1984 zu unterscheiden, gibt Aomame der neuen, unheimlichen Welt den Namen „1Q84“. Der Roman  erzählt auch (im dritten Teil) vom Triumph der Liebe zwischen der Auftragskillerin Aomame und dem Schriftsteller Tengo Kawane. Bis es so weit ist, muss erneut gegen die bereits aus ersten beiden Teilen bekannte Sekte gekämpft werden, gegen Ushikawa, der schließlich in einer der spannendsten Szenen des Romans auf grausame Weise ermordet wird.
In seinem bislang letzten Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ (jap. „Shikisai o Motanai Tazaki Tsukuru to, Kare no Junrei no Toshi“) geht es um den etwas durchschnittlichen, farblosen Tsukuru Tazaki. Der junge Tsukuru Tazaki ist Teil einer Clique von fünf Freunden, deren Mitglieder alle eine Farbe im Namen tragen. Nur Tsukuru fällt aus dem Rahmen und empfindet sich (auch im übertragenen Sinn) als tatsächlich farblos. Als er nach der Oberschule die gemeinsame Heimatstadt Nagoya verlässt, um in Tokio zu studieren, tut dies der Freundschaft keinen Abbruch. Zumindest nicht bis zu jenem Sommertag, an dem Tsukuru voller Vorfreude auf die Ferien nach Nagoya zurückkehrt – und herausfindet, dass seine Freunde ihn plötzlich und unerklärlicherweise schneiden. Erfolglos versucht er immer wieder, sie zu erreichen, bis er schließlich einen Anruf erhält: Tsukuru soll sich in Zukunft von ihnen fernhalten, lautet die Botschaft, er wisse schon, warum. Verzweifelt kehrt er nach Tokio zurück, wo er ein halbes Jahr am Rand des Selbstmords verbringt. Viele Jahre später offenbart sich der inzwischen 36-jährige Tsukuru seiner neuen Freundin Sara, die nicht glauben kann, dass er nie versucht hat, der Geschichte auf den Grund zu gehen. Von ihr ermutigt, macht er sich auf, um sich den Dämonen seiner Vergangenheit zu stellen. Murakami umschreibt wieder einmal grandios den Abgrund von diversen uneingelösten Erwartungen, sowohl die des Lesers als auch die seiner Figuren, denn: „Nicht alles verschwindet im Fluss der Zeit“.

Für seine Leser bleibt eigentlich nur noch eine Frage, nämlich, wann Haruki Murakami denn endlich tatsächlich den verdienten Nobelpreis bekommt.

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