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Bücherschau

Joseph Roth - Starjournalist, Reisereporter, Weltliterat

Marianne Sonntagbauer über Joseph Roth

Joseph Roths Epik zählt zum Kanon der bedeutenden deutschsprachigen Autoren der Weimarer Republik und des deutschen Exils. Sein schriftstellerisches Werk umfasst Romane, Erzählungen, Feuilletons, Rezensionen, Glossen. Die Romane Roths werden von einigen großen Themen bestimmt, die leitmotivisch immer wiederkehren, wie die Welt des Ostjudentums, die er in eindringlichen Farben schildert und die österreichisch-ungarische Monarchie und ihr Untergang. In Galizien geboren, macht sich Roth bald auf Wanderschaft quer durch Europa – Wien, Berlin, Frankfurt, Paris sind die großen Stationen seines Lebens. Das Emigrantendasein bildet eine der Konstanten in seinem Leben. Roths Werk, das Exil und Heimatlosigkeit beschreibt, ist von Rastlosigkeit und Sehnsucht geprägt. Sein Stil zeichnet sich durch Witz, sprachliche Pointiertheit und Klarheit aus.
Geboren wurde Moses Joseph Roth am 2. September 1894 in Brody, Galizien, als Sohn jüdischer Eltern. Nachum Roth, Getreideeinkäufer, kehrt von einer Geschäftsreise nicht mehr zurück. Seine Mutter Maria ist die Tochter des jüdischen Tuchhändlers Jechiel Grübel. Von 1901 bis 1905 besucht er in Brody die jüdische Gemeindeschule und von 1905 bis 1913 das Kronprinz-Rudolf-Gymnasium. Im Herbst 1913 inskribiert er an der Universität Lemberg und im Sommersemester 1914 studiert er ebenfalls Germanistik und Philosophie an der Universität Wien. Daneben arbeitet er als Hauslehrer. Im Oktober 1915 erscheint in „Österreichs Illustrierter Zeitung“ als Debüt das Gedicht „Welträtsel“. 1916 absolviert er den Einjährigen-Freiwilligendienst in der k.u.k.-Armee, ist in Mähren und Galizien stationiert und wird als Mitarbeiter der „Illustrierten Kriegszeitung“ eingesetzt.
In „Der Vorzugsschüler“ (1916) schildert Roth die Lebensgeschichte des Klassenprimus Anton. Er stellt in seinem Leben fast alles richtig an, nur das Lachen und das Lieben versagt er sich bis zu seinem Ende. Von der Mühsal der unteren Klassen erzählt er in der Kurzgeschichte „Barbara“ (1918), die in „Österreichs Illustrierter Zeitung“ abgedruckt wird.
Von 1917 an erscheinen Roths Feuilletons, Gedichte und Beiträge in Wiener und Prager Blättern und ab 1919 schreibt er zahlreiche Beiträge für die neugegründete linksliberale Wiener Zeitung „Der Neue Tag“. Seine Beiträge aus Alltag und Politik behandeln vor allem die sozialen Folgen des Krieges.

Die Berliner Jahre
Nach der Einstellung der Zeitung „Der Neue Tag“ geht Roth im Juni 1920 nach Berlin und arbeitet für deutsche Zeitungen und Zeitschriften, ohne seine Kontakte zu den Wiener und Prager Blättern gänzlich aufzugeben. Er schreibt Beiträge für die „Neue Berliner Zeitung“ sowie Filmkritiken für die „Freie Deutsche Bühne“ und ist ab 1921 Mitarbeiter des „Berliner Börsen-Courier“. 1922 beginnt seine Mitarbeit beim „Vorwärts“. Seine Beiträge zeichnet er gelegentlich mit „Der rote Joseph“, ein ostentatives Zeichen für sein politisches Engagement. Am 5. März 1922 heiratet er Friederike Reichler im Pazmanitentempel in Wien (sie wird 1940 dem Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten zum Opfer fallen).
Joseph Roth gelingt der Sprung vom Verfasser kurzer Lyrik und kleiner Erzählungen zum Journalisten und Schriftsteller. Andererseits gelingt es ihm jedoch nicht, in materieller Sicherheit zu leben. Sein rastloses Leben bietet ihm kaum Gelegenheit sich Besitz anzuschaffen. Er sammelt Taschenmesser, Taschenuhren und Spazierstöcke. Im Juni 1923, wegen der Inflation in Deutschland, nach Wien zurückgekehrt, schreibt er für die „Wiener Sonn- und Montagszeitung“, das Wiener „Neue Acht-Uhr-Blatt“, den „Wiener Tag“. Sie wohnen, wieder unterwegs, in Hotels, bedingt durch die journalistischen Aufträge, aber auch der Bedürfnisse seines Schreibens. Seine Schreibtische sind die Kaffeehaustische.

Frühe Romane und Erzählungen
„Das Spinnennetz“ und „Hotel Savoy“ analysieren den gesellschaftlichen Umbruch der Nachkriegszeit. In „Das Spinnennetz“ (1923), vor Hitlers Putschversuch in München erschienen, zeichnet Roth das Porträt einer Gesellschaft von Mitläufern, die der Katastrophe entgegeneilt. In „Hotel Savoy“ (1924) wird ein Hotel zur Metapher für die aus den Fugen geratenen Welt nach dem Ersten Weltkrieg. Das heruntergekommene Luxushotel, außen noch Zeuge der Vorkriegsepoche, beherbergt im Inneren wahrlich bunte Existenzen einer durcheinandergeratenen Zeit: Soldaten, Devisenschieber, Bankrotteure, Möchtegernkünstler, Varieté-Tänzerinnen. Gabriel Dan, aus dem Krieg zurückgekehrt, gerät auch im Frieden zwischen die Fronten. In der Stadt bricht ein Streik aus. Das Hotel geht im Kampf zwischen Arbeitern und Militär in Flammen auf, eine Welt versinkt.
Der Kriegsinvalide Andreas Pum wird in „Die Rebellion“ (1924), als er gegen die Gesetze des Staates verstößt, ein Opfer der von ihm zunächst noch immer bejahten Bürokratie. Im Gefängnis beginnt er dann zu begreifen ... Nach der Entlassung aus der Haft fristet er schließlich als Toilettenwärter seine Tage, verliert den Glauben an einen gerechten Gott und stirbt bald.
In „Der blinde Spiegel“ (1925) hat die junge Stenotypistin Fini mit keinem Mann Glück und ertrinkt im Fluss. Die Liebe zu einer Schönen wird wiederum in der Erzählung „April. Die Geschichte einer Liebe“ (1925) vereitelt.

Starjournalist 1923-1933
„Ich wurde eines Tages Journalist aus Verzweiflung über die vollkommene Unfähigkeit aller Berufe, mich auszufüllen“, schreibt Joseph Roth in koketter Untertreibung. Er wird einer der bekanntesten Mitarbeiter der „Frankfurter Zeitung“, für die er von 1923 bis Ende 1932 mit Unterbrechungen schreibt. Sie beschäftigt ihn zuerst als Feuilletonist in der Berliner Redaktion, sendet ihn nach Paris, dann als Reiseberichterstatter in verschiedene Länder Europas. 1925 bis 1926 ist er Feuilletonkorrespondent in Paris, bis er diese Position an Friedrich Sieburg verliert. 1926 bis 1928 bereist er Polen, Frankreich, die Sowjetunion, Albanien, Deutschland, Italien und schreibt Reisereportagen darüber. Unter dem Pseudonym „Cuneus“ (Pfeil) finden sich in den „Briefen aus Deutschland“ (1927) vergebliche antifaschistische Warnungen vor der gewaltig herangewachsenen Rechtsbewegung. 1929 bis 1930 nimmt er ein Angebot der „Münchner Neuesten Nachrichten“ an, die für großes Honorar nur wenige Beiträge fordern. 1930 schreibt er für „Das Tagebuch“ und „Die literarische Welt“ in Berlin.
1929 freundet er sich in Frankfurt mit der Schauspielerin Sybil Rares an. Er hat für seinen kostspieligen Lebensstil, für seine  Frau Friedl, für seine Lebensgefährtin Andrea Manga Bell und deren Kinder aufzukommen. Sie ist Redakteurin der Zeitschrift „Gebrauchsgraphik“, als Roth sie 1929 kennenlernt. Später, von 1934 bis 1935, übersiedeln Roth und Manga Bell aus finanziellen Gründen nach Südfrankreich.

Berühmter Schriftsteller
Als Roth die enge Bindung an die „Frankfurter Zeitung“ aufgibt, verschärft sich seine finanzielle Lage. In dem Essay „Juden auf Wanderschaft“ (1927) skizziert er liebevoll und auch ironisch die ostjüdische Kultur, das Elend, das so viele in die Welt hinaustrieb und gibt darin eine fesselnde Beschreibung der Judenviertel in Wien, Berlin, Paris und New York.
In „Die Flucht ohne Ende“ (1927) flieht Oberleutnant Franz Tunda im Ersten Weltkrieg aus der russischen Gefangenschaft. Auf seiner abenteuerlichen Reise gerät er in die Wirren des russischen Bürgerkriegs und in die Arme einer schönen Georgierin. Doch nirgends kommt Tunda an. Baku, Moskau, Wien, Paris – jeder Ort erweist sich bloß als weitere Etappe seiner Flucht.
Mit „Zipper und sein Vater“ (1928) legt Roth einen Zeitroman vor, der den problematischen Versuchen gewidmet ist, sich in das als Folge des Krieges entstandene neue soziale Gefüge einzuordnen. Der unvollendete Roman „Der stumme Prophet“ (1929), eine wehmütige Reminiszenz Roths an die untergegangene Donaumonarchie schildert die unglückliche Liebe und die Gefechte Friedrich Kargans, einem enttäuschten Revolutionär ohne Vaterland.
Mit „Rechts und Links“ (1929) skizziert er ein Zeitbild der deutschen Nachkriegszeit und bietet eine treffende Schilderung der alten und neuen Generation, die nach dem Ersten Weltkrieg, den politischen Umwälzungen und sozialen Veränderungen in ihrer Weltanschauung und in ihren politischen Zielen schwankend geworden ist. Das Romanfragment „Perlefter“, etwa zwischen 1929 und 1930 entstanden, ist die Geschichte eines Bürgers in Deutschland. Alexander Perlefter verdient sein Geld als Holzhändler, pflegt die bürgerliche Doppelmoral, ein heuchlerischer Moralist und ängstlicher Monarchist. Ihm stellt er in Leo Bidak, der aus den kleinbürgerlich-agrarischen Verhältnissen Galiziens kommt, eine Kontrafigur gegenüber, einen Rebellen, dem die Sympathie des Erzählers gehört.
„Hiob. Roman eines einfachen Mannes“ (1930) ist die alttestamentarische Geschichte von Hiob, dem von Gott geprüften Dulder. Der Lehrer Mendel Singer fristet in Ostgalizien ein bescheidenes Dasein. Schicksalsschläge treffen ihn. Der älteste Sohn kommt zum russischen Militär, der zweite desertiert nach Amerika, die Tochter lässt sich mit einem Kosaken ein und der jüngste Sohn scheint unheilbar behindert. Er wird zurückgelassen, als die Eltern mit der Tochter nach Amerika gehen, wo der Sohn Sam ihnen ein behagliches Leben bereiten will. Beide Söhne fallen im Krieg, die Frau stirbt, die Tochter endet im Wahnsinn. Als er zu zweifeln droht und sich von Gott abwendet, geschieht das Wunder. Aus dem behinderten Sohn ist ein begnadeter Komponist und Dirigent geworden, der nun den Vater zu sich nimmt. Mit „Hiob“ gelingt ihm der endgültge Durchbruch als Romancier.
Sehr lesenswert ist auch die Feuilleton-Sammlung „Panoptikum. Gestalten und Kulissen“ (1930), die größtenteils in der „Frankfurter Zeitung“ erschien, und das posthume Fragment des Romans „Erdbeeren“, um 1930 geschrieben, das vom Leben in Brody, Galizien, von der Landschaft seiner Kindheit, vom Leben der Juden erzählt.
Im berühmten Roman „Radetzkymarsch“ (1932) schildert Joseph Roth anhand von drei Generationen Glanz und Verfall des Habsburgerreiches. Carl Joseph von Trotta ist Offizier wider Willen. Er ist sensibel und sucht Ablenkung im Spiel, im Alkohol und bei den Frauen. Sein Großvater, der slowenische Infanterieleutnant Joseph Trotta, hat Kaiser Franz Joseph I. 1859 in der Schlacht bei Solferino das Leben gerettet. Er wird geadelt, mit Orden ausgezeichnet und verlässt den Weg seiner bäuerlichen Vorfahren. Mit diesem Roman über sein Lebensthema schuf Joseph Roth sein Meisterwerk.

Emigration
Unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten emigriert er 1933 nach Paris, da er in Deutschland als jüdischer Autor und als langjähriger Gegner im publizistischen Kampf gegen den Nationalsozialismus besonders gefährdet ist. Seine Werke stehen auf den Listen der für die Bücherverbrennung. Roth beginnt seine Mitarbeit bei Exilzeitschriften und Exilzeitungen. 1935 wird er Mitarbeiter bei der habsburgisch-legitimistisch ausgerichteten Zeitschrift „Der christliche Ständestaat“. Er wendet sich dem Katholizismus zu, der zeitlebens eine große Anziehungskraft auf ihn ausübt. 1936 werden seine Bücher in den Niederlanden verlegt. Die bereits konsumierten Vorschüsse der Verlage zwingen ihn zu hektischer Betriebsamkeit. Im Juli 1936 lädt ihn Stefan Zweig nach Ostende ein, wo er Irmgard Keun kennenlernt. Sie leben bis 1938 in Paris zusammen. 1937 bewirbt sich Roth um ein Stipendium bei der „American Guild for German Cultural Freedom“, einem Fonds zur Unterstützung emigrierter Intellektueller und im Frühjahr 1939 erhält er außerdem monatliche Zuschüsse aus dem von Zweig gestifteten „Jeremias Fonds“. Auf Einladung des polnischen PEN-Clubs begibt er sich 1937 auf eine Vortragsreise durch Polen. Er greift publizistisch in den Kampf gegen den Nationalsozialismus ein und lobt zugleich emphatisch die monarchistische Idee. Am 24. Februar 1938 reist er im Auftrag der österreichischen Legitimisten nach Wien, um die Rückkehr Otto von Habsburgs zu erwirken. Er verlässt Österreich drei Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen. Nach dem Anschluss veröffentlicht Roth am 26. März 1938 im „Neuen Tage-Buch“ seinen „Brief an einen Statthalter“. Darin fordert er den nationalsozialistischen Reichsstatthalter Seyß-Inquart auf, ihn aus dem Verband des Heeres zu streichen. 1939 erscheint die Artikelserie „Schwarz-Gelbes Tagebuch“ in der legitimistischen Exilzeitschrift „Die österreichische Post“.
Die Erzählung „Stationschef Fallmerayer“ (1933) führt ein in seine Erfahrungswelt des Ostens und der Kriegsjahre. Adam Fallmerayer verliebt sich in eine russische Gräfin, beweist aber im entscheidenden Moment seine Menschlichkeit, da er schließlich verzichten kann. In „Tarabas, ein Gast auf dieser Erde“ (1934) liest eine Zigeunerin dem russischen Revolutionär Nikolaus Tarabas in seiner Hand, dass er ein Mörder und Heiliger ist. Es ist die Legende eines in die Irre gehenden und wieder heimkehrenden Sohnes. Roths weltanschauliche Stellungnahme in der Emigration enthält sein 1934 erschienenes Buch „Der Antichrist“, verfasst als Warnung und Mahnung, damit man den Antichrist in allen Gestalten erkenne, in denen er sich zeigt.
In „Triumph der Schönheit“ (1935) berichtet ein Kurarzt von der Ehe eines Diplomaten. Der Verführer der etwas leichtlebigen Ehefrau Gwendolin ist Jenö Lakatos. Der Gatte schwärmt bis zu seinem Tod von ihrer Schönheit. Bald tanzt sie mit einem neuen Bräutigam. Ihre Krankheiten sind verflogen. Es ist eine charmante Satire über Frauen, aber nicht ohne boshafte Klischees. Graf Franz Xaver Morstin lässt in „Die Büste des Kaisers“ (1935) im ostgalizischen Dorf Lopatyny nach dem Kriege die Büste des verstorbenen Kaisers wieder aufstellen. Als Fazit der Inspektionsreise des Woiwoden von Lwow darf die Büste auf dem Boden Polens nicht aufgestellt bleiben. Daraufhin wird die Büste unter Anteilnahme der Bevölkerung beerdigt. Der Graf möchte später neben der Büste des Kaisers begraben werden. In dieser Novelle verkündet Roth sein politisches Credo und blickt wehmütig auf das verlorene Reich der Habsburger. Der Roman „Die hundert Tage“ (1935) schildert die letzten Tage Napoleons in Frankreich, seiner Rückkehr aus Elba und der Niederlage bei Waterloo. Daneben wird die Lebensgeschichte der korsischen Wäscherin Angelina Pietri aus Ajaccio erzählt, die ihre glühende Verehrung für den Kaiser der Franzosen mit dem Leben bezahlt.
In „Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht“ (1936) schildert der ehemalige Spitzel der zaristischen Geheimpolizei, Semjon Golubtschik, im russischen Emigrantenlokal „Tari-Bari“ in Paris seine Lebensgeschichte. Es ist ein Stück über das Ausgeliefertsein und die fatalen Verstrickungen eines Menschen, der sich nach Liebe sehnt. „Das falsche Gewicht“ (1937) ist die Geschichte vom Untergang eines redlichen Mannes, der aus Liebe schuldig wird. Eichmeister Anselm Eibenschütz gelingt es, den Mörder Leibusch Jadlowker hinter Gitter zu bringen und er verliebt sich in dessen Freundin, die schöne Zigeunerin Euphemia. Als sie sich von ihm abwendet, Frau und Kind an der Cholera sterben, beginnt sein Abstieg.
„Die Kapuzinergruft“ (1938) setzt die Familiengeschichte der Trottas fort, die er mit „Radetzkymarsch“ begonnen hat. Franz Ferdinand von Trotta gehört zur Wiener Jeunesse dorée, die in der gepflegten Langeweile der Kaffeehäuser zubringt. Er kehrt aus dem Ersten Weltkrieg nach Wien zurück und stemmt sich verzweifelt gegen den unaufhaltsamen Niedergang der einst so glanzvollen habsburgischen Epoche. Die Kapuzinergruft, Grabstätte der österreichischen Kaiser, wird hier zum Symbol der vergangenen Donaumonarchie.
Der Roman „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ (1939), der einen Staatsbesuch des Schahs von Persien in Wien vor dem Hintergrund diskreter Verwicklungen behandelt, ist ein ironisches Spiel. Sein Geschenk an die Geliebte einer Nacht offenbart sich als eine Unglücksgabe, die den verstrickten Personen nach Wechselfällen des Glücks Kriminalität und Tod bringt.
„Die Legende vom heiligen Trinker“ (1939), die Roth kurz vor seinem Tod vollendet, besticht durch ihre Unmittelbarkeit. Andreas, Clochard in Paris, erhält von einem Unbekannten 200 Francs. Dies setzt Wunder in Gang – warmes Essen, eine Begegnung mit einer verflossenen Liebe, mit einem alten Freund und immer wieder Alkohol. Er schwankt zwischen seiner Sucht und den guten Vorsätzen, sie der Kapelle der heiligen Therese von Lisieux zu stiften.
„Der Leviathan“ (1940) erscheint posthum. Korallen sind für den Korallenhändler Nissen Piczenik Tiere mit geheimen Kräften und auch nach der Verarbeitung zu Schmuck noch lebendig. Der Leviathan, dem Jehovah die Lebewesen des Meeres anvertraut hat, kümmert sich um sie. Im Nachbarort eröffnet Jenö Lakatos ein Geschäft mit künstlichen Korallen. So mischt der ehrbare Jude Piczenik echte und falsche Korallen. Die Kunden bleiben aus. Es zieht ihn zum Meer. Er besteigt ein Schiff nach Kanada, das untergeht. Mit ironischer Liebe beschreibt Roth die naiven, wundergläubigen Bauern Galiziens. Den Kern der Fabel bildet Roths Ablehnung der Moderne.
Von persönlichen Schicksalsschlägen und materiellen Nöten gezeichnet, alkoholkrank und enttäuscht über die politischen Zustände stirbt der große österreichische Schriftsteller am 27. Mai 1939 in einem Armenspital in Paris. Bei seinem Begräbnis auf dem Cimetière Thiais versammeln sich viele prominente Vertreter des deutschsprachigen literarischen Exils, Menschen unterschiedlicher politischer Richtungen – Ostjuden, Katholiken, Monarchisten, Kommunisten.
Er gehörte zu jenen Dichtern und Denkern, die die Gefährlichkeit der nationalsozialistischen Ideologie früh erkannten und mit prophetischer Voraussicht vor dem Ausbruch des Dritten Reiches warnten.


 

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