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Bücherschau

Erich Hackl - Berichterstatter und Mutmacher

Heimo Mürzl über den literarischen Chronisten Erich Hackl, der am 26. Mai seinen 60. Geburtstag feierte

„Mein Anspruch besteht darin, dass ich für
die Leute schreibe, über die ich schreibe.“

Er zählt zur rar gewordenen Spezies der Autoren, die Anspruch, Gesinnung und Verantwortung stimmig in ihre Bücher einfließen lassen.
Geboren am 26.Mai 1954 in Steyr, absolvierte Erich Hackl in den 70er Jahren ein Studium der Germanistik und Hispanistik. Neben seiner Arbeit als Lehrer, Lektor und Übersetzer begann er selbst zu schreiben. Seine Stoffe und Geschichten erfindet Hackl nicht – er findet sie in alten Zeitungen und Zeitschriften, in zeitgeschichtlichen Büchern und in Reportagen aus vergangenen Tagen. Die dort vorgefundenen Lebensgeschichten dienen ihm als Material für seine faktennahen, meist schnörkellosen, immer präzisen und eindringlichen Bücher, die das Genre der dokumentarischen Literatur im deutschen Sprachraum nicht nur zu neuem Leben erweckt, sondern in schier lichte Höhen geführt hat. Schon sein 1987 veröffentlichtes literarisches Debüt „Auroras Anlaß“ belegte auf eindrucksvolle Weise, mit welcher Meisterschaft Erich Hackl es vermag, private menschliche Tragödien in ebenso erschütternde wie beeindruckende Erzählungen zu überführen und so individuelles Leid und gesellschaftliche Realität zusammenzuführen. Der engagierte und immer um Wahrheit bemühte Autor Hackl legte in seinem literarischen Schaffen von Beginn an größten Wert auf Genauigkeit, Reduktion und Einfachheit, um auf diese Weise seiner Vorstellung von Authentizität möglichst nahe zu kommen. Wobei er sich aber als Chronist nie in den Mittelpunkt rückt, sondern als demütiger Berichterstatter hinter die „wahren Geschichten und realen Personen“ zurücktritt und ihnen auf diese Weise zumindest literarische Gerechtigkeit zu Teil werden lässt.


VERNUNFT UND OHNMACHT
„Eines Tages sah sich Aurora Rodriguez veranlaßt, ihre Tochter zu töten“. Es ist ein Eröffnungssatz von Kleist‘scher Wucht, mit der Erich Hackls Debüterzählung „Auroras Anlaß“ beginnt. Dieser Satz genügt, um den Leser sogartig in die Geschichte der Spanierin Aurora Rodriguez hineinzuziehen. In die Geschichte ihres Lebens und ihrer schrecklichen Tat. Hackl erzählt ausgehend vom außergewöhnlichen und wahren Fall der Aurora Rodriguez die erschütternde Geschichte eines engagierten Frauenlebens, das auf der Suche nach weiblicher Selbstverwirklichung und einer anderen, vermeintlich besseren Welt allmählich ins Rutschen gerät und schließlich in eine echte Katastrophe mündet. Aurora Rodriguez beschließt, ein Kind in die Welt zu setzen, das ihre Vorstellungen und Visionen zu realisieren vermag. Die Mischung aus Aberwitz, Wahnsinn, Pragmatismus und Rationalität mit der sie dabei vorgeht, erstaunt ebenso, wie die Stilsicherheit, mit der der literarische Debütant Hackl diese Geschichte erzählt. Konsequent enthält sich Hackl expliziter Wertungen und schafft so den Raum dafür, dass sich diese außergewöhnliche Geschichte in den Köpfen der Leser individuell entwickelt. Nachdem Aurora den ihr passend erscheinenden Mann gefunden hat und von ihm schwanger wird, übersiedelt sie in die Hauptstadt Madrid, wo sie 1914 das Mädchen Hildegart gesund zur Welt bringt. Sie kümmert sich rührend um das Mädchen, ohne je das erzieherische Ziel aus den Augen zu verlieren, ihre Tochter darauf vorzubereiten, die Welt zu verändern und die Frauen zu befreien. Das scheint auch zu gelingen – das außergewöhnlich begabte Mädchen schließt mit vierzehn Jahren ihre Schulbildung mit der Matura ab, mit siebzehn das Studium der Rechte, setzt sich in Buchveröffentlichungen und Broschüren für die Gleichberechtigung der Frau, für die Geburtenregelung und die sexuelle Freiheit ein. Als sie als Sozialistin und danach als Militante einer föderalistischen Partei auch engagiert in den politischen Alltag Spaniens einzugreifen beginnt, scheinen die Pläne der Aurora Rodriguez aufzugehen. Bis ihre Mutter sie im Juni 1933, im Alter von achtzehn Jahren „nach reiflicher Überlegung“ erschießt. Die pragmatische Beiläufigkeit und der protokollarische Pragmatismus, mit dem Erich Hackl diese Geschichte schildert und sie in ihrer Unentrinnbarkeit und Aussichtslosigkeit für den Leser erfahrbar macht, lässt „Auroras Anlaß“ zu einem Meisterstück der dokumentarischen Literatur werden.
Auch Hackls zweite literarische Veröffentlichung entstand aus dem Bestreben, das Leben und die Schicksale real existierender Menschen nachzuzeichnen und sie so vor dem Vergessen zu retten. Indem er nachforscht, recherchiert, rekonstruiert und danach mit großem Einfühlungsvermögen und noch größerem Bemühen um Authentizität erzählt, gelingt es ihm, der Einzigartigkeit des geschilderten Schicksals und der Unverwechselbarkeit der beschriebenen Menschen gerecht zu werden. Nicht er, als schonungsloser Chronist der zum Teil existenzerschütternden Schicksale, zwingt dem Leser seinen Blick auf, sondern die „wahren Geschichten“, deren Inhalt so ist, dass man als Leser manchmal fast nicht daran glaubt, dass sie sich tatsächlich so ereignet haben. „Am achtzehnten August 1933 entdeckte der Pförtner des Krankenhauses von Steyr ein schlafendes Kind. Neben dem Säugling, der in Lumpen gewickelt war, lag ein Stück Papier, auf dem mit ungelenker Schrift geschrieben stand: „Ich heiße Sidonie Adlersburg und bin geboren auf der Straße nach Altheim. Bitte um Eltern.“
Erich Hackls 1989 erschienene Erzählung „Abschied von Sidonie“ ist die ebenso präzise wie empathische literarische Bearbeitung eines unerhörten, jahrzehntelang verschwiegenen Falles – das Schicksal des Zigeunermädchens Sidonie Adlersburg und die Fragen nach Schuld und Verantwortung machen die Lektüre nicht nur bedrückend, sondern zu einer Pflichtlektüre für geschichtlich interessierte Leser. Hackl gelingt der Brückenschlag von gut recherchierten Fakten zu einer in ihrer einfachen und klaren Sprache und existenziellen Unerbittlichkeit anrührenden Geschichte, die von der Brutalität und der Feigheit der Menschen berichtet, ohne aber die Unersetzbarkeit von Humanität und Hilfsbereitschaft maßvoll angesprochen zu haben. Das vorübergehende Glück des Zigeunermädchens bei den Pflegeeltern und deren verzweifeltes Bemühen, Sidonie vor dem ihr zugedachten Schicksal zu bewahren, macht diese Erzählung erst zu der erschütternden Lebensgeschichte über die zeitweilige Unbedingtheit und Aussichtslosigkeit von Liebe und Mitmenschlichkeit. Weil Mut und Anstand nicht immer genügen, um einem furchtbaren Geschehen einen anderen, menschenwürdigeren Verlauf zu geben. „Sidonies Pflegemutter starb, als sie im achtundachtzigsten Lebensjahr stand. Verwunden hat sie das Schicksal des Mädchens bis zuletzt nicht. Das ist so ein Herzweh. So ein Herzweh ist das. Auch heute noch. Gerade sie suchte die Schuld bei sich. Hätte ich die Sidi nur nie genommen. Wer weiß.“


WIDERSTAND UND VERANTWORTUNG
Nach diesen zwei aufsehenerregenden und überaus erfolgreichen Erzählungen hätte es sich Erich Hackl gemütlich machen und sich auf sein literarisches Altenteil zurückziehen können. Der Name Hackl hätte nichts an literarischer Strahlkraft verloren und hätte als Marke und Musterbeispiel für ebenso einfühlsame wie eindringliche dokumentarische Literatur und einzigartige Schicksalsprotokolle seinen Platz im Literaturkanon gefunden. Doch der stets neugierige und hellwache Chronist Hackl recherchierte und schrieb unbeirrt von Ruhm und Tagesaktualität weiter und erwies sich Buch für Buch nicht nur als einer der besten Reporter unter den deutschsprachigen Schriftstellern, sondern als engagierter Mutmacher.
1995 erschien mit „Sara und Simon“ ein weiterer glänzend recherchierter Tatsachenroman aus der Feder Hackls. Die Geschichte der aus Uruguay geflohenen und kurz nach der Geburt ihres Sohnes Simon vom Geheimdienst verschleppten Sara Mendez steht exemplarisch für Hackls zwischen Tatsachenbericht und poetisch-erzählerischer Aufbereitung oszillierender Kunst. Wie in allen Büchern Hackls werden Opfer und Täter beim Namen genannt, er nimmt Anteil am Schicksal seiner Protagonisten und wie in allen Büchern ergreift Hackl Partei und bezieht (politisch) Stellung. Stets auf der Seite der Menschen, die etwas zum Besseren verändern wollen oder für ihre Rechte und ihre Freiheit kämpfen, macht sich Hackl in seinen Büchern zum Sprecher der Unterdrückten, Verfolgten und Missverstandenen. Wenig überraschend, dass ihm Preise wie der Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (1996) oder der Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln besonders gerecht werden.
Auch in „Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick“ und „Die Hochzeit von Auschwitz“ bleibt Hackl seinen bevorzugten Themen (Tatsachenberichte von Unrecht und Gewalt, aber auch von Liebe und Widerstand) wie auch seiner Erzählhaltung – aufrichtig und engagiert, aufklärend und mitfühlend – treu und überzeugt als Chronist der Leute, deren Lebensgeschichten sonst der Vergessenheit anheimfallen würden. Auch in seinem 2007 erschienenen „Als ob ein Engel“ (Untertitel: Erzählung nach dem Leben) betätigt er sich als Chronist der Menschen, die keine Stimme haben oder deren Stimme nicht gehört wird. Wieder bündelt er erschütternde menschliche Tragödien zu einem famosen Buch über die Unersetzbarkeit von Haltung, Mut, Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft in Zeiten des Faschismus. Die Protagonistin dieser dokumentarischen Erzählung, Gisela Tenenbaum, ist ein im Untergrund lebendes Mitglied der linksgerichteten argentinischen Montoneros. Der 8. April 1977 ist der letzte Tag, den sie noch mit Sicherheit erlebt hat. Ihr weiteres Schicksal ist ungewiss. Erich Hackl hat nach intensiver Recherche das Leben der Gisela Tenenbaum rekonstruiert und eine ebenso bewegende wie spannende (Familien)Geschichte von Verfolgung und Widerstand geschrieben, in der die Verfolgung durch und der Kampf gegen den Faschismus eine länder- und generationenübergreifende Thematik darstellt. Giselas Mutter, Helga Markstein, 1930 in Wien geboren, rettet sich mit ihrer Familie nach Hitlers Machtübernahme ins Exil nach Argentinien. So ist der Kampf der Enkelin wohl auch der Biographie und der Erziehung der naziverfolgten und in der demokratischen Linken Österreichs verwurzelten Eltern geschuldet. In diesem Zusammenhang ist auch die Reaktion der Mutter nach dem Verschwinden ihrer Tochter schlüssig und verständlich: „Sie ist aus freien Stücken und im Wissen um das Risiko ihren Weg gegangen. Sie ist zu nichts gedrängt worden. Sie hat nicht klein beigegeben. Und immer wieder sag ich mir, das war ihr Weg. Das ist kein Trost, aber.“


GLÜCK UND LEBENSMUT
Sehr oft geht es in Hackls Büchern um alles – um die Unbedingtheit und das Existenzerschütternde der Liebe und des Lebens. Die Lebensgeschichten, die Hackl in seinen Büchern literarisch aufbereitet, bestens recherchiert und stimmig rekonstruiert und erzählt, haben nur selten ein glückliches Ende. Es gibt Lektüremomente, wo man als Leser innehält und nicht mehr daran glaubt, die Traurigkeit und Dunkelheit dieser doch „wahren Geschichten“ auszuhalten. Aber die Realität lässt sich korrekterweise nicht schön schreiben und die große und unverwechselbare Meisterschaft Erich Hackls besteht darin, dem Leser glaubwürdig zu vermitteln, dass die Menschen trotz des vielen Unglücks und der großen Ungerechtigkeit, die sie erfahren, so gut wie nie ihren Lebensmut verlieren.
So glaubt man nach der Lektüre von Hackls „Familie Salzmann“ (Erzählung aus unserer Mitte) auch sofort, dass es mehr Widerstand gegen Hitler gegeben hat, als oft behauptet wird. Aber auch, dass Generationen danach ein bestimmtes Denken, eine tradierte Geisteshaltung noch immer Wirkung zeigen. Hanno Salzmann, Enkel des in Deutschland geborenen Metalldrehers Hugo Salzmann, den die Liebe nach Stainz in die Steiermark führte, arbeitet bei der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse und macht aus seiner Gesinnung kein Geheimnis. Seine Aussage „Meine Oma ist im KZ umgekommen“ reicht, um ihn zuerst zu mobben und schließlich zu kündigen, nachdem er sich über einen „Hitler lebt!“-Ruf beschwert. Wieder erweist sich der Autor Erich Hackl als nimmermüder Kämpfer für die Gerechtigkeit und als Anwalt der Menschen, über die er schreibt.
„Ich schreibe für die Leute, über die ich schreibe.“ Sogar wenn es sich um seine Mutter handelt, wie im Buch „Dieses Buch gehört meiner Mutter“, bleibt Hackl diesem Credo treu: „Soweit ich zurückdenken kann, hat meine Mutter von der Welt ihrer Kindheit und Jugend erzählt. Ich bin nun, nach ihrem Tod, darangegangen, mich dieser Welt zu versichern, sie mit ihrem Blick und ihren Worten wahrzunehmen, und deshalb gehört dieses Buch meiner Mutter.“ In einfacher, aber sehr poetischer Sprache werden über nur etwas mehr als 100 Seiten hinweg Geschichten, Anekdoten, Erinnerungsstücke in Form eines epischen Bewusstseinsstroms präsentiert und so entsteht vor dem Leser ein poetisches, sehr authentisches Lebensbild der Mutter von Erich Hackl. Die Welt von Hackls Mutter wird direkt und schonungslos, ohne Pathos und mit großer Glaubwürdigkeit geschildert  und so wird „Dieses Buch gehört meiner Mutter“ zur ungewöhnlichsten, aber auch persönlichsten Veröffentlichung von Erich Hackl. Gleich geblieben ist Hackls Lauterkeit im Umgang mit Biographien, seine Genauigkeit bei der Recherche, sein unermüdlicher literarischer Kampf für Gerechtigkeit und Lebensmut.
Indem er außergewöhnlichen Menschen eine Stimme verleiht und sie so vor dem Vergessen rettet, gelingen ihm nicht nur Bücher, die gleichermaßen Verstand und Gefühle der Leser ansprechen, sondern beeindruckt als literarischer Berichterstatter, der mit seinen Geschichten nicht nur bewegt, sondern auch Mut macht.

 

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