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Bücherschau

Christian Morgenstern - Der ungewöhnliche Poet

Anmerkungen zu Christian Morgensterns 100. Todestag von Friedrich Weissensteiner

Christian Morgenstern starb am 31. März 1914, ein halbes Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, den er wahrscheinlich, das darf man annehmen, nicht so enthusiastisch begrüßt hätte, wie viele seiner schriftstellerischen Zeitgenossen. In seinem Gesamtwerk, den Gedichtbänden, den Aphorismen, den Briefen und Tagebüchern finden sich keine kriegerischen, nationalistischen und schon gar keine chauvinistischen Töne. Das war neben seiner Ausnahmestellung als Dichter  auch persönlich wie politisch in dieser Zeit höchst ungewöhnlich.
Seine Lebensspanne, die von 1871 bis 1914 reichte, deckt sich nämlich fast haargenau mit dem Aufstieg eines militarisierten  Deutschland zur europäischen Großmacht. Der junge deutsche Nationalstaat stieg innerhalb weniger Jahrzehnte wirtschaftlich zur Weltgeltung auf. Die gesellschaftliche Entwicklung hielt damit nicht Schritt, hinkte lahm hinterher. In der Ära Ottos von Bismarck und Kaiser Wilhelms II. war die deutsche Gesellschaft nach dem staatlichen Vorbild Preußens von einem tief wurzelnden und verwurzelten obrigkeitsstaatlichen Denken geprägt. Die Aristokratie und das Militär beherrschten das öffentliche Leben und besetzten in Wirtschaft und Politik die Machtpositionen. Der Frack und die Uniform waren die symbolträchtigen Kleidungsstücke dieser beiden gesellschaftlichen Gruppierungen. Der Offizier genoss höchstes gesellschaftliches Ansehen, der Zivilist galt als Bürger zweiter Klasse. Er wurde von der Obrigkeit als Untertan betrachtet und klassifiziert. Heinrich Mann hat in seinem berühmten Roman „Der Untertan“ die gesellschaftliche Realität der wilhelminischen Ära literarisch blendend abgebildet, Carl Zuckmayer in seinem Bühnenstück „Der Hauptmann von Köpenick“ den preußischen Militarismus und Untertanengeist humorvoll-satirisch dem Gespött preisgegeben.
Christian Morgenstern hat weder einen Roman verfasst, den er gerne hätte schreiben wollen, noch ein Theaterstück verfasst. Er hatte kein episches und kein dramatisches, sondern ein ausgesprochen lyrisches Talent und Temperament. An- und Bemerkungen zum politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehen sind in seinem Gesamtwerk selten, aber doch zu finden. So zeigt er durchaus Verständnis für die Frauenrechtsbewegung seiner Zeit und kritisiert die horrenden Militärausgaben zahlreicher Staaten. „Da sie sich nur Lehrer für 600 Mark leisten können, bleiben die Völker so dumm, daß sie sich Kriege für 600 Milliarden leisten müssen“, formuliert er durchaus antimilitaristisch. Aber das sind nur ein paar hingeschriebene Randbemerkungen. Morgenstern stand dem preußischen Militärdenken, das sich in der Person  Kaiser Wilhelms II. höchst augenscheinlich manifestierte und in seine kriegslüsternen Hetzreden artikulierte, ablehnend gegenüber Er war zwar kein Homo Politicus, ein Monarchist war er trotzdem.

Familiäre Notizen: Abkunft und Erziehung
Christian Morgenstern, der am 6. Mai 1871 in München zur Welt kam, entstammte einer Malerfamilie. Er war der Sohn junger Eltern. Der Vater war bei seiner Geburt 23, die Mutter 20 Jahre alt. Im Elternhaus verlebte er, wie er sich später in einer autobiographischen Notiz entsann, glückliche, eindrucksreiche Kinderjahre. Wörtlich spricht er vom „Sonnenschein seiner Kindheit“.
Die Morgensterns reisten viel. Väterlicherseits war der oftmalige Domizilwechsel berufsbedingt. Ein Landschaftsmaler braucht für sein Schaffen eine entsprechende Kulisse. Mütterlicherseits war er gesundheitsbedingt. Die musikbegabte, kunstsinnige Charlotte Morgenstern litt an Lungentuberkulose. Sie benötigte immer wieder einen Orts- und Klimawechsel. Die schulische Elementarausbildung des kleinen Sohnes, dem das elterliche Wanderleben natürlich Spaß machte, litt darunter. Seiner Karriere als lautmalerischen, tiefgründigen Reimeschmied und Sprachjongleur hat es keinen Abbruch getan. Die sonnige Kindheit Morgensterns wurde durch den Tod der Mutter, die am 19. April 1880 ihrem schweren Leiden erlag, beendet. Es war der tiefste Einschnitt in seinem Leben, sieht man davon ab, dass sie ihm ihre Krankheit vererbt hatte. Bei ihrem Ableben spürte er vom tödlichen Keim, den er in sich trug, noch nichts.
Der Vater, der nach dem Tod seiner Frau eine neuerliche Bindung einging, überließ den Sohn zur weiteren Erziehung dessen Taufpaten, einem Hamburger Großkaufmann. Aus nicht näher bekannten Gründen kehrte der Sprössling jedoch nach einem Jahr wieder zum Vater zurück, der ihn in ein Internat verfrachtete. Es dauerte wieder nur ein Jahr, bis der Bub abermals in die väterliche Obhut zurückkehrte, und diesmal blieb er für längere Zeit. Ernst Karl Morgenstern wurde als Professor an die Breslauer Kunst- und Kunstgewerbeschule berufen und schlug in der damals nach Berlin und Hamburg größten Stadt Deutschlands seine Zelte auf. Christian besucht dort das Gymnasium, maturiert und beginnt mit dem Studium der Rechte und der Nationalökonomie, das er jedoch nicht abschließt. Er spürt den Drang zum Dichter in sich. „Ach wüsstest Du“, schreibt er einer Bekannten, „wie das ist, wenn man innerlich quillt und gärt, wenn man ein Meer von Poesie in sich eindringen fühlt und zugleich zu schwach ist, davon zu singen u. zu sagen – das ist die alte Künstlerohnmacht.“
Er löst sich vom Vater, der die künstlerische Berufung seines Sohnes absolut nicht gutheißt, und erkrankt im Sommer 1893 im Alter von 22 Jahren zum ersten Mal schwer. Es ist der Beginn eines Leidensweges, der ihn in den nächsten beiden Jahrzehnten von einem Kuraufenthalt zum anderen zwingt. Christian Morgenstern führt bis zu seinem frühen Tod ein unstetes, durch seine Krankheit erzwungenes und seine innere Zerrissenheit bedingtes Leben. Auch seine späte Heirat mit Margareta Gosebruch von Liechtenstern ändert daran nichts. Morgenstern bleibt ein Unbehauster.
Nach dem Bruch mit dem Vater ist der ruhelose, zum Jüngertum neigende Poet auf der Suche nach einem Vaterersatz. Er findet ihn im Spirituellen, in geistigen Vorbildern, bei Friedrich Nietzsche zunächst und in seinen letzten Lebensjahren bei Rudolf Steiner, von dessen theosophischer Lehre er sich mit magischer Kraft angezogen fühlt.

Literarische Brotarbeit
Im Jahr 1894 geht Christian Morgenstern nach Berlin. Die Reichshauptstadt ist um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert neben und mit Wien das Mekka von Kunst und Kultur. Es herrscht eine ungeheure geistige Aufbruchsstimmung. In der Literatur, der Malerei, der Musik, der Architektur und am Theater werden neue Wege beschritten, vielfältige künstlerische Strömungen liegen miteinander im Wettstreit, lösen einander ab: Impressionismus, Naturalismus, Symbolismus, Expressionismus.
Für einen jungen, angehenden Dichter, der noch dazu von der Hand in den Mund leben muss, ist es schwer, sich in dieser verwirrenden Kunstwelt zurechtzufinden. Morgenstern beginnt ein Studium der Kunstgeschichte, verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Katalogisierungsarbeit in der Nationalgalerie und mit Artikeln in etlichen Zeitungen und Zeitschriften. Es gelingt ihm, in der Sonntagsausgabe der renommierten „Vossischen Zeitung“ Gedichte unterzubringen. Im Frühjahr 1895 publiziert er seinen ersten, Friedrich Nietzsche gewidmeten Gedichtband mit dem Titel „ In Phanta‘s Schloß“, zu dem ihm Rainer Maria Rilke, der ebenfalls am Beginn seiner Dichterkarriere steht, brieflich gratuliert. Morgenstern entschließt sich nun endgültig für ein Leben als freier Schriftsteller. Aber von  der Dichtkunst konnte man damals wie heute nicht leben. Er muss die ungeliebte Brotarbeit weiter führen und schreibt Feuilletons und Reportagen. Unter anderen für die Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ und für „Westermanns Monatshefte“.
Erfreulicher- und überraschenderweise erreicht ihn dann das Angebot eines Verlegers, August Strindbergs „Inferno“ aus dem Französischen zu übersetzen. Bald darauf lädt ihn der S. Fischer Verlag ein, im Rahmen einer Gesamtausgabe Henrik Ibsens Versdramen und Gedichte aus dem Norwegischen ins Deutsche zu übertragen. Das angebotene Honorar ist zwar alles andere als großzügig, aber es verschafft ihm für ein paar Jahre ein fixes Monatseinkommen. Er akzeptiert das Offert. Es gilt freilich noch eine kleine Schwierigkeit zu meistern. Er kann nicht Norwegisch. Er erlernt die Sprache in kurzer Zeit, verbringt ein Jahr in Norwegen und trifft mehrere Male den damals 70-jährigen, weltberühmten Dramatiker. Der alte Dichterfürst und der junge Poet verstehen einander ausgezeichnet. Ibsen schätzt das Einfühlungs- und Sprachgefühl Morgensterns, bezeichnet ihn als einen „höchst begabten, wirklichen Dichter“, was dessen Selbstbewusstsein erheblich steigert. Morgenstern kehrt nach einjährigem Aufenthalt in Norwegen, innerlich gefestigt, nach Berlin zurück. Für einige Zeit ist er noch mit der Übersetzung der Prosadramen des norwegischen Dramatikers beschäftigt, dann aber zwingt ihn seine Krankheit zu neuen Sanatoriumsaufenthalten in Arosa, Davos und an zahlreichen anderen Orten. Wieder zu Kräften gekommen, arbeitet er als Lektor für Bruno Cassirer, einen gebildeten jüdischen Intellektuellen, der in Berlin eine Kunst – und Verlagsanstalt leitet. Cassirer ist es dann auch, der 1905 Morgensterns „Galgenlieder“ veröffentlicht. Mit diesem Gedichtband katapultiert sich Christian Morgenstern in die vordersten Reihen der deutschen Literatur(geschichte).

Morgensterns Schaffen
Morgensterns „Galgenlieder“, ein Korpus von Gedichten, denen auch die teilweise nach seinem Tod veröffentlichten Versbände „Palmström“, „ Korf und Kunkel“ und „Gigganz“ zuzuzählen sind, stießen zu seinen Lebzeiten bei der Kritik und der Leserschaft im Wesentlichen auf Unverständnis und Ablehnung. Die Anerkennung erfolgte erst posthum, aber sie hat die Zeiten überdauert. Man sprach von „höherem Blödsinn“, von einer „Parodie moderner Lyrik“, von Gedichten mit „völlig verrücktem Inhalt“.
Morgensterns Galgenlieder, seine humoristisch-phantastischen Dichtungen sind keine herkömmlichen Naturgedichte, keine verstiegene Gedankenlyrik, sie sind aber auch keine sinnlosen, skurrilen Reimereien, wie es auf den ersten, oberflächlichen Blick scheinen mag. Sie sind ganz aus der Sprache geboren. Christian Morgenstern war ein wortwitziger Sprachrevolutionär, ein origineller Avantgardist, ein eigensinniger Dichter, der sein Spiel mit der Sprache trieb, formal wie inhaltlich. Seine Sprachwelt ist mit Dingen und Tieren bevölkert, die wir gut kennen (Huhn, Pferd etc.), und von anderen Lebewesen, die seiner blühenden Phantasie entsprangen (das Mondschaf, der Nachtwindhund, der Meerschoßdachs, das berühmte Nasobem). Ein Beispiel von vielen:

Das Mondschaf

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
         Das Mondschaf.
Das Mondschaf rupft sich einen Halm.
Und geht dann heim auf seine Alm.
         Das Mondschaf.
Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
„Ich bin des Weltalls dunkler Raum.“
         Das Mondschaf.
Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn‘ ist rot.
         Das Mondschaf.

In anderen Gedichten steckt ein hintergründiger, zeitkritischer Sinn, wie etwa in seinem oft zitierten

Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum hindurchzuschaun.
Ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da –
und nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein großes Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm, mit Latten ohne was herum.
Ein Anblick gräßlich und gemein. Drum zog ihn der Senat auch ein.
Der Architekt jedoch entfloh nach Afri- od- Ameriko.

Morgenstern hat aber auch Gedichte verfasst, deren lautmalerischer Klang sich erst beim gekonnten mündlichen Vortrag erschließt. Wer denkt da nicht, wenn er sich für die lyrische Moderne interessiert, etwa an Ernst Jandl, Gerhard Rühm und andere Dichter, ohne ihnen Epigonentum unterstellen zu wollen. An Morgensterns Sprachvirtuosität knüpften gewiss auch H. C. Artmann und Friedrich Achleitner an. Morgenstern selbst betrachtete sein humoristisch-phantastisches Werk als „Beiwerckchen“. Wesentlich höher schätzte er seine seriöse Lyrik ein, die heute nur noch der literaturkundige Liebhaber kennt.
Die stilistisch wie formal konventionellen Gedichte sind ein wichtiger Teil seines Gesamtwerkes, obgleich sie weniger Qualität haben als seine Galgenpoesie. Um seinem Schaffen gerecht zu werden, darf man sie auch in einem kurzen Artikel keineswegs ausklammern. Morgenstern schrieb für seine spätere Lebensgefährtin Margareta, die nach seinem Ableben einen großen Teil seiner unveröffentlichten Texte herausgab, zarte Liebeslyrik. Er widmete dem von ihm hoch verehrten, „unvergleichlichen Lehrer“ Rudolf Steiner vom Johannes-Evangelium inspirierte Gedankenlyrik („Wir fanden einen Pfad“). Er schrieb das Kinderliederbuch „Sausebrand und Mausbarbier“. Er hinterließ als bedeutsames Dokument seiner Persönlichkeitsentwicklung Aphorismen und Tagebuchnotizen „Stufen“, die eindringlich vor Augen führen, dass er nicht nur ein origineller Dichter, sondern auch ein tiefer Denken und ein keineswegs unbeteiligter Zuschauer des  Zeitgeschehens war.

Lebensende
Christian Morgenstern rang sein umfangreiches Werk buchstäblich seinem siechen Körper ab. Die zahlreichen Kuraufenthalte, die er aufsuchen musste, brachten nur eine zeitweilige Besserung seines todbringenden Leidens. In seinen letzten Lebenswochen konnte er sich, an Bett und Rollstuhl gefesselt, kaum noch bewegen. Seine Frau suchte einen Ort zum Sterben für ihn und fand ihn in der Villa Winkelweg in Meran, wo sie und sein ebenfalls lungenkranker Freund Michael Bauer ihn in den Tod begleiteten. In der Nacht vom 30. auf den 31. März 1914 hauchte er im buchstäblichen Sinn des Wortes sein Leben aus. Sein Leichnam wurde in Basel eingeäschert. Die Trauerworte sprach Rudolf Steiner, der die Urne bis zu seinem eigenen Tod im Jahr 1925 in seinem Arbeitszimmer aufbewahrte. 1992 wurde sie in dem von ihm geplanten anthrosophischen Zentrum „Goetheanum“ in Dornach, südlich von Basel, beigesetzt.

Literaturhinweis:
Jochen Schimmang: Christian Morgenstern. Eine Biographie. Residenz Verlag, 2013
 

 

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