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Bücherschau

Thomas Glavinic - Der Florettfechter als Freistilringer

Heimo Mürzl über Thomas Glavinic und dessen literarischen Werdegang vom feinen Stilisten zum literarischen Märchenonkel

Der 1972 in Graz geborene Thomas Glavinic machte schon in jungen Jahren nie ein Hehl daraus, Schriftsteller werden zu wollen. Während er sich noch als Taxifahrer, Werbetexter und Kleinbauer versuchte, teilte er seinen Freunden und Bekannten schon wahrheitsgetreu und aufrichtig mit, dass er sich eigentlich als Dichter betrachte. Wenige Jahre später und um einige Erfahrungen reicher fand der junge steirische Autor mit Hilfe einer kundigen Literaturagentin endlich einen Verlag und im Jahr 1998 erschien sein Romandebüt „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“. Der Roman (die Geschichte des einstigen österreichischen Schachgroßmeisters Karl Schlechter) wurde im deutschsprachigen Raum viel gelobt, in mehrere Sprachen übersetzt und vom „Daily Telegraph“ sogar zum „Buch des Jahres“ 1998 gekürt. Eineinhalb Jahrzehnte später ist Thomas Glavinic zu einer Art Marke geworden und seine Buchveröffentlichungen sind sichere Erfolge bei Lesern und Kritikern. Und seit Alfred Kolleritsch einmal so offenherzig wie bedauernd meinte, „dass ich den Glavinic übersehen habe“, täte ihm besonders leid, hat er es auch in seiner Heimatstadt Graz wohl endgültig geschafft.

Grandezza des Scheiterns
Schon mit seinem Roman-Debüt „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ bewies Thomas Glavinic nicht nur, dass er sprachlich sein Handwerk versteht, sondern dass er ein feiner Stilist mit dem Fluidum eines geborenen Erzählers ist und etwas zu erzählen weiß. Wie zum Beispiel vom Schicksal des Schachspielers Carl Schlechter.
Der Österreicher Carl Schlechter war einer der weltbesten Schachspieler seiner Zeit. Er hielt 1910 einen Weltmeisterschaftskampf gegen den amtierenden Weltmeister Emanuel Lasker unentschieden. Mehr noch, vor der letzten Partie lag Schlechter voran, der Titel war zum Greifen nahe. Doch ausgerechnet in dieser wichtigsten Partie seines Lebens spielte der Defensivkünstler und Remis-König Schlechter auf Gewinn und verlor. Einige Jahre danach, 1918, verhungerte der Beinahe-Schachweltmeister einfach. Die Lebensumstände dieses Carl Schlechter waren das Vorbild für die Hauptfigur des Romandebüts von Thomas Glavinic.
Der Roman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ handelt vordergründig vom Leben des Schachspielers Carl Haffner – das Schachspiel dient dem Autor Glavinic jedoch nur als Folie für die Darstellung des Lebens schlechthin. „Was war das für ein Mensch, Carl Haffner? In dem Artikel stand, daß er oft bessere Stellungen remis gab, weil er seinem Gegner nicht weh tun wollte. Das paßte nicht zu dem Bild, das Anna sich von Schachspielern machte. Haffner wurde als jemand beschrieben, der nach nichts trachtet, was ein anderer begehrt. Warum strebte er dann nach einer Weltmeisterschaft?“ Glavinics Roman skizziert den Lebensweg einer Randfigur, eines Meisters des Unentschiedens, im Schach wie im Leben, berichtet in eindrucksvoller Weise von der Grandezza des Scheiterns eines außergewöhnlichen Menschen.
Glavinics Debütroman geht weit über das Genre eines „Schachromans“ hinaus. Es ist ein Roman über menschliche Sehnsüchte, über das Aufscheinen der Vergangenheit in allem, was man Gegenwart nennt. Und es ist ein Roman über die Undurchdringlichkeit jenes Netzes, das die Beziehungen und Ideen der Menschen umspannt. Mehr noch – Glavinics ebenso kurzweiliger wie tiefsinniger Roman handelt in außerordentlich präziser Art und Weise vom Leben, Lieben und Sterben um die Jahrhundertwende und wird so zu einem lebendigen Wienporträt.
Ein schier unerschöpfliches Figurenpandämonium aus der Welt der Spieler ebenso wie aus der Welt der großbürgerlichen Mäzene zieht am schier entzückten Leser vorbei. Glavinics Romanfiguren – männlich wie weiblich – sind alle Gefangene zwischen Anspruch und Wirklichkeit, sehnsuchtsgeleitete Träumer, die ihre Illusionen mit immer neuen Rückschlägen zu bezahlen haben. Dass der Roman bei der Anzahl der Vernetzung der Stimmen und Motive stets überaus lesbar bleibt, dass es Glavinic zudem glückt, dem Erzählstoff einen organischen „Drive“ zu geben – das war schon eine famose Leistung für einen Romandebütanten. Das Interesse von Glavinic besteht darin, die Auseinandersetzung von Emanuel Lasker und Carl Haffner nicht auf die Welt der 64 Felder zu beschränken, sondern sie als Aufeinanderprallen zweier Lebensauffassungen zu präsentieren. Er tut das mit einer wohlkalkulierten Dialektik von Nähe und Distanz.
Begeisterte das Romandebüt von Thomas Glavinic mit Raffinesse und Stilsicherheit, so überraschte er mit seinem zweiten Roman Kritiker wie Leser mit einem „Fußballroman“ mit viel Lokalkolorit. Auch wenn der Ton ein anderer, derberer wurde – die Schilderung des Aufstiegs eines vorbestraften Versicherungsvertreters und Immobilienmaklers zum verhaltensauffälligen Präsidenten eines steirischen Fußballvereins erforderte eine andere Sprache – bewies auch Glavinics zweiter im Fußball-Milieu spielender Roman „Herr Susi“, dass der Grazer sein Handwerk gelernt hat.
Auch „Herr Susi“ bietet eine effizient und spannend aufgebaute Geschichte und erzählt auf authentische Weise vom prallen Leben in einer österreichischen (Klein)Stadt. Und vom unaufhaltsamen Aufstieg des Georg Susacek, von allen nur „Herr Susi“ genannt, zum kurzzeitig hofierten und beliebten Vereins-Präsidenten. Mit Hilfe seiner attraktiven Frau Lori erhält Susacek Zugang zur sogenannten feinen Gesellschaft  und zu Kreisen und Seilschaften, derer er sich auf hinterfotzig-raffinierte Art bedient. „Herr Susi“ geizt auf seinem Weg nach oben nicht mit schmutzigen Tricks, geschickten Finessen und diversen Hinterhältigkeiten und wird alsbald Teil dieser „feinen Gesellschaft“. Sparkassendirektor Haller, Nachtclubbesitzer Rotter und Polizeichef Hoffer sind jetzt seine Freunde und seine Frau, diverse Geliebte, Geschäftspartner und Journalisten dienen ihm als „Aufstiegshilfe“.
„Scharmant“, wie er sich selbst gerne bezeichnet, gerissen und hinterhältig nützt er seine Kontakte, macht viele gefügig und dient Glavinic als gelungene, holzschnittartige Symbolfigur für die beschriebene Welt der (Fußball)Präsidenten und Funktionäre. Wie Glavinic den Aufstieg Georg Susaceks zum Vereins-Präsidenten schildert, ist ebenso gekonnt wie lausbübisch-raffiniert. Die Sprache in diesem Roman oszilliert zwischen fast poetischer Sanftheit und expliziter Derbheit, die beschriebene Lebenswelt wirkt bei aller satirischen Zuspitzung authentisch und nicht fern der Realität und der Protagonist des Romans wirkt in seinem einmal halbseidenen, einmal grobschlächtigen, dann wieder beinahe unbeholfenen Auftreten als der gar nicht so unsympathische Blender eines ganz eigenen Biotops. „Der FC wurde Herbstmeister, und dieser im Grunde wertlose Halbzeittitel machte die ganze Stadt verrückt. Die Spieler wurden beim Einkaufen belagert. Am Würstelstand durfte ich meine Knacker mit einem Autogramm bezahlen, und die Besoffenen sagten zu mir „Herr Scheff“.  Als ich mir hinter verschlossener Bürotür die Bundesland heute-Aufzeichnung vom Empfang beim Landeshauptmann ansah, stellte ich fest, daß man mir meinen Stolz nicht anmerkte.“

Protokoll eines Verbrechens
„Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben.“ Mit diesem Satz beginnt der Ich-Erzähler in Thomas Glavinics meisterhaften Erzählung „Der Kameramörder“ seinen Bericht über ein Osterwochenende, an dem er und seine Lebensgefährtin ein befreundetes Paar in der Steiermark besuchen. So ein heißes Osterwochenende hat es schon viele Jahre nicht gegeben, was unaufhörlich auch durch die Fernseh- und Radioanstalten bestätigt wird. Die aber auch rund um die Uhr über ein grausames Verbrechen berichten, das sehr bald über die Grenzen Österreichs hinaus die Welt in Atem hält. Ein Mann, von den Medien nur als der Kameramörder tituliert, hat drei Jungen in seine Gewalt gebracht, zwei von ihnen gezwungen, sich umzubringen, und alles mit der Videokamera gefilmt. Während die Medien minutiös über den am Karfreitag geschehenen Doppelmord an zwei Kindern berichten, pendeln die vier Freunde zwischen Fernseher, Radio, Kartenspiel, Küchengesprächen und Beziehungstratsch hin und her.
Einerseits angewidert, andererseits fasziniert und mit großer Lust an der Sensation kommentieren und diskutieren sie über den grauenhaften Kriminalfall und die Rolle der Medien. Glavinics mit leichter Hand, stilistischer Sicherheit und lakonischem Sprachduktus geschriebene Erzählung verknüpft auf kühne Art Suspense, Gesellschaftsbefund und Medienkritik miteinander und changiert zwischen Sensationslust, Beklemmung, Abscheu und Faszination. Auf nur knapp absatzlosen 160 Seiten liefert der Autor mit einem fast buchhalterisch genauen Protokoll des alltäglichen Grauens ein Täterpsychogramm, das sich auch über die Haltung des Ich-Erzählers erschließt.
„Der Kameramörder“ ist ein Buch, das einerseits aus seinem Stoff heraus lebt, andererseits aus der sachlich-unaufgeregten Erstellung eines Täterprofils. Zum Vorschein kommt letztlich der (Un)Geist einer Zeit, der sein Wertesystem zwischen den Abgründen einer Untat, dem öffentlichen Sensationswert und dem fortschreitenden Abbau des Gemeinwesens zu verlieren droht. „Der Kameramörder“ ist eine ebenso faszinierende, wie beklemmend-ernüchternde Lektüre und erhielt dafür zu Recht den Friedrich-Glauser-Preis 2002 für den besten deutschsprachigen Kriminalroman.
Berechenbarkeit zählte nie zu den hervorstechenden Eigenschaften des jungen Schriftstellers Thomas Glavinic und so vermied er es auch Buch für Buch an einer erfolgreichen Masche weiter zu stricken. So folgte auf „Der Kameramörder“ auch ein amüsanter Roman über die Nöte des Erwachsenwerdens. „Wie man leben soll“ ist zugleich Entwicklungsroman und Generationsstudie, lässt sich aber auch als Gesellschaftssatire lesen. Erzählt wird das Leben von Karl (Charlie) Kolostrum, einem in den Achtzigerjahren pubertierenden Antihelden, der das ist, was seine Lieblingszeitschrift „Die Persönlichkeit“ einen Sitzer nennt, also einen, der wartet, erduldet und zu träge ist, sein Leben wirklich selbst zu gestalten. Er weiß also nicht, wie man leben soll und ist auch sonst nicht glücklich. „Wieso wurde man in so einer blöden Zeit geboren? Wieso ist man kein Achtundsechziger? Das war eine Zeit, in der man dick sein durfte und Drogen probieren konnte und in Autos schlief, in denen man von Konzert zu Konzert fuhr, eine Zeit, in der es freie Liebe gab.“
Charlie ist übergewichtig, leidet an Hautunreinheiten und Antriebslosigkeit und an der besonders schmerzenden Tatsache, dass er sich immer mit den Mädchen begnügen muss, die übrig bleiben. So versucht er sich an einem Kunststudium, um diesem Problem besser beizukommen. Aber Charlie weiß, dass „man nicht alles glauben darf, was man denkt“ und schlittert weiterhin planlos und phlegmatisch durch sein Leben. Er macht eigentlich nichts – alles passiert ihm einfach. Und doch nimmt sein Leben Jahr für Jahr Züge einer erfolgreichen Komödie an und sein Leben steuert so überraschend wie zwingend auf einen Erfolg hin. Drei Leichen werden am Romanende seinen Weg zieren, aber auch, im Sinne der Tragikomödie des menschlichen Daseins, drei Erbschaften. Mit viel Verve und noch mehr Witz gelingt Glavinic mit diesem Roman  ein stimmiges Generationsporträt und ein moderner Bildungsroman. Er erzählt durchgehend in der unpersönlichen Man-Form, spielt gekonnt mit Elementen aus der Ratgeberliteratur und macht die Geschichte des Antihelden Charlie Kolostrum zu einem klugen Lesevergnügen.

Apokalyptischer Albtraum
Wurde Glavinic für seine ersten vier Bücher weit über die Landesgrenzen hinaus von der Literaturkritik in den allerhöchsten Tönen gepriesen und von Buch zu Buch auch von den Lesern mehr gekauft, so gelang ihm mit „Die Arbeit der Nacht“ nicht nur der Sprung auf Rang eins diverser Bestenlisten, sondern auch wohl sein Opus magnum.
Bietet der Roman doch ein Szenario, wie es Franz Kafka nicht absurder und beklemmender hätte entwerfen können. Als der Romanheld Jonas eines Morgens in seiner Wiener Wohnung aufwacht, scheint alles wie immer. Allein, es ist zu ruhig. Kein Wunder: Alle Menschen sind verschwunden und als auch der Fernseher nur flimmert und das Radiogerät nur Rauschen von sich gibt, beginnt sich Jonas unwohl zu fühlen. Quälende Fragen und diffuse Ängste beginnen ihn zu beschäftigen. Jonas beginnt die Stadt zu durchkämmen – die Streifzüge durch verlassene Stadtgebiete, zum Flughafen und auf den Donauturm schildert Glavinic so atmosphärisch-paranoid und schaurig-schön und zählen zum Besten was er je geschrieben hat – dann die Bundesländer bis nach Slowenien. Nirgendwo trifft er auf Überlebende, nirgendwo aber findet er auch Anzeichen einer eventuellen Katastrophe. Er beginnt in der Stadt Überwachungskameras zu installieren, filmt leere Straßen und sich selbst beim Schlafen. Sehr bald erkennt Jonas, dass er offenbar der letzte Bewohner des Planeten Erde ist.
Wie beim ganz anders gearteten Vorgängerbuch „Wie man leben soll“, findet Glavinic den perfekten Tonfall für die existenzialistische Geschichte. Wie subtil es ihm gelingt, eine Atmosphäre der Unheimlichkeit zu evozieren, indem er nichts erklärt und interpretiert, sondern einfach zusieht und beschreibt, ist von großer Könnerschaft. Das eigentlich Bedrohliche steckt in seinem durchgehend lapidaren Erzählton. Das genügt, um Unruhe zu verbreiten und Paranoia zu erzeugen und in die Abgründe einer einsamen Seele blicken zu lassen.
„Die Arbeit der Nacht“ geriet dem steirischen Autor zum Meisterwerk. Trotzdem blieb ihm ein Erfolg verwehrt – der Roman schaffte es nicht auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis. Davon handelt unter anderem auch sein Nachfolgeroman „Das bin doch ich“. Wie auch von ihm selbst, hat er ihn doch als semiautobiografischen Roman angelegt. Glavinic nennt sich in „Das bin doch ich“ nicht nur selbst beim Namen, sondern auch fast alle anderen Protagonisten. Von Jonathan Franzen über Thomas Maurer bis zu Daniel Kehlmann reicht die Palette der vorgeführten Persönlichkeiten – einzig der Wiener Kulturstadtrat wird nicht namentlich genannt, sondern tritt als „der Kasuar“ vor den Vorhang.
Es ist aber nur sanfter Spott und wenig Häme, die Glavinic über die Beschriebenen gießt. Und er schont sich auch selbst nicht, schreibt er doch auch über sich selbst, seine Ticks, Ängste, Macken und Handicaps. Auch vor seinen Aggressionen und seinem „Anlasstrinkertum“ („Habe ich keine Anlässe, trinke ich nicht“) macht er nicht halt. Glavinic erweist sich einmal mehr als überaus wandelbarer und stilsicherer Autor und „Das bin doch ich“ funktioniert als literarisch bearbeitete Wirklichkeitsschilderung sehr gut. Im Vergleich zu seinem Opus magnum „Die Arbeit der Nacht“  hat man es hier mit einer gelungenen und überaus vergnüglich zu lesenden literarischen Fingerübung zu tun. Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2007 stand das Buch dann aber doch.

Zu viele Wünsche
Mit seinem folgenden Roman „Das Leben der Wünsche“ knüpfte Glavinic nicht nur an sein Opus magnum „Die Arbeit der Nacht“ an, sondern versuchte dieses Werk durch eine noch kühnere Konzeption und eine Ästhetik des Mysteriösen noch zu übertreffen. Es blieb beim Versuch.
Das Zusammentreffen des Romanhelden Jonas mit einer zwielichtigen Gestalt, die ihm anbietet, drei Wünsche zu erfüllen, bildet das Ausgangsszenario für einen aberwitzigen Roman, in dem sich konstruierte Figuren und surreale Extremsituationen die Hand reichen. Jonas, glücklicher Familienvater und passionierter Fremdgeher, wünscht sich, dass sich alle seine Wünsche erfüllen. Die existenziellen Nöte und spektakulären Katastrophen, die Glavinic für seinen Romanhelden bereit hält, nehmen kein Ende und ermüden auf Dauer in ihrer aberwitzigen Vorhersehbarkeit: Jonas wird Zeuge eines tödlich endenden Überfalls, sieht den Absturz einer vollbesetzten Gondel, das Flugzeug, das er verpasst, stürzt ab, Überschwemmungen und Unfälle hindern ihn wiederholt auf seinen Reisen und seine Frau betrügt ihn auch – dass der Nebenbuhler während eines Ausflugs aber abstürzt und von Eichhörnchen bei lebendigem Leib aufgefressen wird, überrascht ebenso wenig wie die vage Hoffnung auf ein Happy End.
Die märchenhafte Ästhetik und die schier überbordende Erzählfreude machten diesen Roman zu einem Bestseller und passenderweise erhielt Glavinic für diesen quasi industriell gefertigten Roman auch den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft verliehen. Von der existenzialistischen Dringlichkeit und dem virtuosen Spiel mit literarischen Genres und Erzähltraditionen in „Die Arbeit der Nacht“ war nur mehr wenig geblieben – doch der Erfolg bei Kritik und Lesern gab Glavinic Recht und die Rolle als „Popstar unter Österreichs Literaturheroes“ (aus einer Rabenhof-Aussendung) schien ihm auch zu gefallen.
Die feine literarische Klinge hatte der virtuose Geschichtenerfinder scheinbar abgelegt, was auch sein folgender Roman bewies. „Lisa“ spielt mit der Angst vor dem Unheimlichen und bedient sich dazu einer verkaufsträchtigen Mischung aus Horror-, Kriminal- und Fantasyroman. Tom, der Romanheld, ist Tester von Computerspielen und befindet sich mit seinem achtjährigen Sohn auf der Flucht vor einer nebulosen Gefahr. Eine Massenmörderin, „Lisa“, die nach einem Einbruch im Besitz von Toms Computer ist, ist Verursacherin seiner paranoiden Angst- und Panikattacken, wobei Unmengen an Kokain und Alkohol auch eine Rolle spielen. Tom fürchtet um sein Leben und teilt seine Ängste via Internet-Livestream mit einer virtuellen Öffentlichkeit. Das Romanende wirkt so konstruiert wie der Roman an sich und nur noch wenig erinnert an den feinen Stilisten und virtuosen Erzähler Thomas Glavinic. Der Schritt vom (literarischen) Florettfechter zum (literarischen) Freistilringer schien mit diesem Buch endgültig vollzogen.

Bigger Than Life
Glavinics jüngster Roman „Das größere Wunder“ (die Hauptfigur heißt erneut Jonas und der Name von alttestamentarischer Größe gibt auch die Richtung vor) ist eine irrwitzige Biographie, ein vor Erzählideen schier überbordendes modernes Märchen. Der zweigeteilte Roman – einerseits erzählt Glavinic von der kommerziell ausgerichteten Expedition des erwachsenen Jonas zum Gipfel des Mount Everest, andererseits berichtet er chronologisch in Rückblenden davon, wie Jonas zu dem wurde, was er ist – ist Abenteuer-, Entwicklungs-, Bildungs-, Schicksals- und Liebesroman in einem und sein Motto heißt „Bigger Than Life“. Glavinic hat sich literarisch viel vorgenommen, zwar keine Erstbesteigung, aber eine Besteigung jener lichten Höhen, die vor ihm nur literarische Größen a là Dostojewski, Hemingway, Hamsun, Melville, Conrad oder Borges erblickten.
Die Hauptfigur Jonas kennt man als Glavinic-Leser schon. Er war schon Einrichtungsberater („Die Arbeit der Nacht“) und Werbetexter („Das Leben der Wünsche“). Dieses Mal ist er Privatier und wächst mit seinem behinderten Zwillingsbruder Mike bei Picco, dem Großvater ihres besten Freundes Werner in dessen luxuriösen Anwesen auf. Piccos Vergangenheit bleibt ebenso im Dunkeln wie sein unermesslicher Reichtum. Glavinic zeichnet ihn als diabolischen Menschenverführer, dem es gelingt Jonas dazu zu überreden, von ihm adoptiert zu werden. Nach Piccos Tod verfügt Jonas über mehr Geld, als er jemals ausgeben könnte und Glavinic mit dieser Erzählidee über eine gute Basis für seine ausschweifenden und märchenhaften Erzählungen, die von diversen Abenteuern und Schicksalsschlägen des Romanhelden handeln.
Jonas begibt sich, materiell abgesichert und bestens ausgebildet (er genoss in seiner Jugend den Privatunterricht von Nobelpreisträgern, Olympiasiegern und Schachgenies), auf die Suche nach dem „größeren Wunder“. Er reist zu Sonnenfinsternissen, ist einfach überall, wird auch Zeuge der Terroranschläge auf das World Trade Center in New York. Er beherrscht alle Sprachen, besteht alle Mutproben und reist philosophierend um die Welt – von Buenos Aires über Rom bis nach Norwegen, wo er sich ein mehrstöckiges Baumhaus bauen lässt. Auch der Besitz einer Insel im Indischen Ozean und eine Niederlassung in Tokio gehören zum Portfolio dieses modernen Jules Verne-Wiedergängers.
„Bigger Than Life“ lautet das Motto dieses Romans und entsprechend „groß“ gerät Glavinic alles in diesem Buch – überbordend die Phantasie, übermenschlich die Heldentaten und kaum zu fassen die Liebe. Als Jonas Marie, eine sanft-entrückte Singer/Songwriterin, trifft, scheint er angekommen zu sein auf der Suche nach „dem einzigen und wahren, für das es wert war zu leben: der Liebe“. Wenn der Romanheld einmal philosophierend konstatiert, „in einer Zuckergussphantasie voller komplexer Verzierungen, in einem elegant kalkulierten Traum“ gelandet zu sein, muss man ihm Recht geben. Unwahrscheinliche Ereignisse und  Kitsch häufen sich in diesem Roman zu sehr und verbreiten Talmiglanz und wirken wie Katzengold. Wie auch das Romanende wohl einer Vorstellungswelt, wo das naive Wünschen noch geholfen hat, geschuldet ist. Jonas, in der Todeszone des Mount Everest längst von Atemlosigkeit und Todesangst gequält, schleppt sich total erschöpft wieder Richtung Basislager und Tal. Dass ihn dort seine große Liebe Marie erwartet, passt in das Gesamtbild und überrascht dann den Leser nicht mehr. Mag „Das größere Wunder“ auch nicht der von vielen Kritikern herbeigeschriebene „große Wurf“ sein – ein ausufernd-amüsanter Schmöker ist es allemal. Und dass Thomas Glavinic auch mit dem literarischen Florett umzugehen weiß, hat er schon in vielen Büchern bewiesen.


 

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