Bücherschau

Herta Müller - Einheimisch und fremder Passagier

Christine Hoffer über Herta Müller

Herta Müller, die letzte deutsche Literatur-Nobelpreisträgerin (2009), kommt nach wie vor von Rumänien nicht los. Die ersten 34 Jahre ihres Lebens verbrachte sie dort, in einer Diktatur, die die Wirklichkeit diktierte, sie retuschierte, ausgrenzte und vernichtete, die Misstrauen und Hass säte. Sie okkupierte die Sprache und war ständig bemüht, jegliche Reflexion zu verhindern. Rumänien ist nicht nur ein geographischer Ort, den Herta Müller 1987 verlassen hat, sondern auch ein Zustand und ein Trauma, die über Grenzen hinweg weiterwirken. „In meiner Stirn sind die Beschädigungen einer Einheimischen, und die Bedenken eines fremden Passagiers“, so Herta Müller in „Hunger und Seide“ (1995). 
Zu Hause ist sie in ihrer Sprache. Es ist eine raue, fast körperliche Sprache, voll innerer Spannung, lyrisch und karg zugleich, eine Sprache, die im Grunde zwei Wurzeln hat, denn das Banater Deutsch ihrer Heimat vermischt sich mit der rumänischen Sprachwelt, die sie erst mit 15 Jahren kennengelernt hat. Diese Sprache ist voller eigentümlicher Bilder, wie man sie sonst nirgendwo findet. 
Sie gehörte zur nationalen Minderheit der Deutsch sprechenden Schwaben im Banat im westlichen Rumänien. Dort, in Nitzkydorf, im Kreis Timis, wurde sie am 17. August 1953 geboren. Von 1973 bis 1976 studierte sie an der Universität von Temeswar (Timisoara) Germanistik und Romanistik. Nach ihrer Entfernung aus dem Schuldienst (sie war als Deutschlehrerin tätig gewesen) arbeitete sie als Kindergärtnerin und Übersetzerin. Ihre letzte Arbeitsstelle als Übersetzerin verlor sie 1980, weil sie sich weigerte, für den rumänischen Geheimdienst zu arbeiten. Infolge der großen Anerkennung, die ihr erster Prosaband „Niederungen“ (1982) in Deutschland fand, konnte sie 1984 in ihren Beruf als Lehrerin zurückkehren. Des jahrelangen politischen Drucks schließlich endgültig müde, stellte sie im Oktober 1985 zusammen mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Richard Wagner, einen Ausreiseantrag. Bis zur Genehmigung dieses Gesuchs im März 1987 wurde sie mit einem strikten Reise- und Publikationsverbot belegt. Seit ihrer Übersiedlung lebt sie nun in Berlin. 
Aufgrund all dieser Erfahrungen ist Herta Müller überaus misstrauisch und hellhörig geworden, sie klopft Begriffe genau ab, erkennt falsche Zwischentöne, insistiert im Nachfragen und ist um Differenzierung bemüht. In ihrem schon genannten Prosadebüt „ (Niederungen“ (1982) beschreibt sie mit dem unerbittlichen Blick des Kindes den Geburtsort ihrer Wahrnehmung und Sprache, das abseits gelegene Dorf, alles nur in Augenhöhe, selbst die Sprache konnte nicht mitwachsen, eine „Kinderbettsprache“ (so nennt sie sie in „Herztier“, 1994) innerhalb einer sprachlosen Umgebung. Hier macht sie die Erfahrung, dass dieses kleine Dorf in seinen Strukturen für den Staat einsteht, archaisch, Menschen verachtend und brutal im Denken und Handeln: „Und wo man etwas berührt, wird man verwundet“, lautet ein Kernsatz dieser Prosa. Im Folgenden ist es die tägliche Nichtübereinstimmung mit dem totalitären System, in vielen Einzelheiten beschrieben. Der Schatten der Verfolgung legt sich auf die Dinge, die allgegenwärtige Bedrohung und die daraus entstehende Angst beschädigt die Wahrnehmungsfähigkeit – und sie sind das Grundmotiv all ihrer Texte. 
Der Sturz des Regimes und der Tod des Diktators Nicolae Ceausescu 1989 haben bei Herta Müller vieles freigesetzt, was sich verkapselt hatte. Verschwommene Bilder bekamen nun Konturen und Gefühle nahmen sprachliche Gestalt an. Aus der Sprache verjagt, mussten Worte wie Dinge in ihrer ursprünglichen Form, wie sie vor der Diktatur existierten, wiedergefunden, aus falschen Kontexten herausgeschnitten und neu zusammengesetzt werden. Ihre Bild-Text-Collagen, in mehreren Büchern erschienen, sind Beispiele dieser Bemühungen. 
In „Reisende auf einem Bein“ (1989), ihrem ersten Prosaband nach der Übersiedlung aus Rumänien nach Berlin ist eine bewegende Geschichte von Ferne und Nähe, Abreise und Ankunft – und der Leere dazwischen, in der man sich schmerzhaft selbst spürt. Für Irene könnte nach ihrer Ausreise aus dem Rumänien Ceauçescus ein neues Leben im Westberlin der späten 80er Jahre beginnen. Aber innerlich ist sie weder ganz abgereist, noch ist sie endgültig im Neuen angekommen. Sie hat die alte Heimat verloren und keine neue gewonnen, die neue bleibt verschlossen: „In dem anderen Land, sagte Irene, hab ich verstanden, was die Menschen so kaputtmacht. Die Gründe lagen auf der Hand … Und hier, sagte Irene. Ich kann sie nicht sehen. Es tut weh, täglich die Gründe nicht zu sehn.“ Im neuen Land tragen die Dinge Namen, die nicht zu ihnen passen, zersplittert die Welt in unzählige Detailbeobachtungen, die sie orientierungslos und handlungsunfähig zurücklassen. Einsam durchstreift sie Bahnhofslandschaften und Durchgangsorte, auch in ihren Beziehungen mit Männern bleibt sie innerlich allein. 
In einem Interview sagte Herta Müller, dies sei der Versuch, nicht sich selbst in Betracht zu ziehen, sondern eine kollektive Erfahrung literarisch zu verarbeiten. Und in einer späteren Poetik-Vorlesung: „Als schneide sie ihre Lebensaugenblicke aus, als halte sie das, was jeden Tag mit ihr und anderen geschieht in der Hand, so stellt sich Irene die Collage zusammen. So stellt sich für Irene die Collage nach ihren eigenen, undurchschaubaren Takten zusammen.“ 
Im Roman „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992) sind es das Gift des Verrats, die Nahtstelle zur Freundschaft und die Erpressung durch den Geheimdienst Securitate, die die Verfolgten zermürben und verletzen. Der Fuchs ist dabei nur das Symbol für die Allgegenwart der Verfolger, die anonyme Macht wird plötzlich sichtbar und verbreitet Angst, diese fast paradoxe Symbiose zwischen Staatsmacht und Oppositionellen treibt alle, wenn auch auf unterschiedliche Weise, an die Grenzen des Wahns. 
In „Herztier“ (1994), einem zentralen Text im Werk Herta Müllers, werden aus der Sicht einer Frau die Verstrickungen einer Clique von Freunden erzählt, die als Studenten in ihrem Aufbegehren gegen das System zusammenfinden und, vom politischen Gegner gezielt in alle Winde zerstreut, Kontakt zu halten suchen. An Lolas Schicksal hatte sich ihr Widerstand entzündet. Ihre Beziehung mit einem Parteifunktionär wurde angezeigt, kurz darauf war sie tot. Spuren werden verwischt, man statuiert ein Exempel, diffamiert die junge Frau und macht ein Opfer zum Täter. Alle, auch die Erzählerin, ducken sich, niemand erhebt die Stimme. Aus Gesprächen mit den drei jungen Männern entsteht jedoch eine intensive Bindung, sie lesen Bücher, schreiben Gedichte und dokumentieren mit Fotos. Behördliche Schikanen wie Zensur, Hausdurchsuchung, Verhör und Denunziation führen in die soziale Isolation. Der äußere Druck, der auf ihnen lastet, findet kein Ventil, gegenseitige Verletzungen sind die Folge. Allmählich schwindet ihre Kraft. Mürbe geworden, entschließen sie sich (mit einer Ausnahme) zur Ausreise. In Deutschland angekommen, erfahren sie, dass zwei Mitglieder ihrer Gruppe unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen. An bestimmten Punkten des Geschehens, das nie vom gesellschaftlichen Bezugssystem abgelöst wird, schaltet die Erzählerin in ihre eigene Kindheit zurück, und Stationen einer Entwicklung werden sichtbar gemacht, die in Verrat, Terror und Tod münden. 
SS-Väter, „Blutsäufer“ und andere dumpfe Gestalten prägen eine unheilvolle, verrohte Wirklichkeit, deren Beschädigungen für die politische Entwicklung mitverantwortlich gemacht werden. Ausgangspunkt bleibt jedoch stets die besondere Erfahrung. Die Überwachung zwingt die Opfer in eine überscharfe, nervöse Wahrnehmung. 
In ihren Bonner Poetik-Vorlesungen „In der Falle“ (1996) hat Müller im Hinblick auf Theodor Kramer, Inge Müller und Ruth Klüger betont, wie sie diese Autoren während ihrer Zeit in Rumänien gelesen und als Stütze gesehen hat, weil sie trotz aller Leiden sich und dem geschriebenen Wort treu geblieben waren. Es sind die zerbrochenen Lebensläufe etwa von Rolf Bossert und Roland Kirsch, beide Dichterfreunde, die unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen. Die Vermutung, dass der Geheimdienst Securitate seine Hände im Spiel hatte, ist wohl nicht abwegig. Wenn Schreiben zur existenziellen Notwendigkeit wird, wie dies für Herta Müller der Fall war und ist, verrät die Poesie in ihrer Intensität, ihren Skrupeln und ihrem Schweigen mehr von den Menschen, als es politische Kommentare jemals vermögen: „In Rumänien haben sich viele Menschen an Gedichte gehalten. Durch sie hindurch gedacht, um eine Weile nur für sich zu sein.“ 
Im Roman „Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet“ (1997) schildert Herta Müller sehr offen ihre Erfahrungen mit dem täglichen Terror der Staatsmacht und geht damit über „Herztier“ in manchen Passagen noch hinaus. Auf dem Weg zu einem Verhör, zu dem die Erzählerin bestellt ist und vor dem sie panische Angst hat, benützt sie die Straßenbahn. Unterbrochen durch das Zu- und Aussteigen der Passagiere an den zahlreichen Haltestellen entsteht gleichsam ein Stationendrama. Der jeweilige Halt gibt der Erzählerin Gelegenheit, die Beobachtung der Vorgänge in der Tram zu unterbrechen und in Erinnerungen abzuschweifen. Wie auf dem Weg zum Schafott drängen sich Schlüsselerlebnisse schlaglichtartig in ihr Bewusstsein. Die erste Ehe mit dem Sohn eines „Parfümkommunisten“, der die Deportation ihrer Großeltern zu verantworten hat; die Arbeit in einer Textilfabrik, in der sie, die Zettel mit Heiratsangeboten ins Ausland schmuggelt, bespitzelt und denunziert wird; die Liebe zu Paul, der auch bald schikaniert und bei einem absichtlich herbeigeführten Unfall gefährdet wird; die inzestuösen Gelüste ihrer Kindheit; ihre schrille Freundin Lilli mit ihrem Hang zu alten Männern, der ihr bei einem Fluchtversuch an der ungarischen Grenze zum Verhängnis wurde; Erinnerungen an Familie, Freunde und Kollegen, an ein Land, das dem ständigen Druck durch eine überbordende Sexualität, durch Brutalität und exzessiven Alkoholgenuss zu entkommen sucht. Diese ständige Hochspannung, in der Nerven wie „Glitzerdraht“ bloßliegen und die Totenlieder zum Galgenhumor zwingen, legt sich fest in jenen Traumata, die das Leben der Erzählerin prägen, seit sie „bestellt“ ist. Auf dem Weg zu ihrem sadistischem Peiniger, dem Major Albu, verpasst die Erzählerin die richtige Haltestelle und kann beobachten, wie Paul mit einem verdächtigen Mann vertraulichen Umgang pflegt. 
Als Herta Müller 2009 den Nobelpreis erhielt, war soeben der Roman „Atemschaukel“ veröffentlicht worden. Darin wird der 17-jährige Leopold Auberg als deutschstämmiger Siebenbürger Sachse von den anrückenden Sowjetsoldaten zum Arbeitsdienst in die Sowjetunion deportiert. Im Lager angekommen durchlebt er fünf Jahre voller Entbehrung und Hunger. Von den Bewachern und dem Natschalnik (vergleichsweise Kapo) Tur Prikulitsch unterdrückt, passt er sich geistig und körperlich an das Lagerleben an und arrangiert sich mit den Gegebenheiten. Naturgemäß steht er auch nach seiner Entlassung aus dem Lager weiter unter dem Eindruck des dort Erlebten. Alle Rumäniendeutschen zwischen 17 und 45 Jahren mussten nach dem Zweiten Weltkrieg für die Verbrechen der Nationalsozialisten büßen und beim Wiederaufbau der Sowjetunion helfen. Wobei nicht verschwiegen sei, dass unter ihnen natürlich tatsächlich überzeugte Nazis und Rassisten waren. 
Ähnlich wie in Imre Kertész‘ „Roman eines Schicksallosen“ wird die Lagererfahrung ebenfalls aus der Perspektive eines Heranwachsenden geschildert. Und selbstverständlich hat auch Herta Müller mit dem Stil gekämpft, der sowohl den Gesetzen historischer Wahrhaftigkeit als auch der Poesie gehorchen sollte, beides ist auf beeindruckende Weise gelungen. Es sind die Erfahrungen ihres Freundes, des Schriftstellers Oskar Pastior, die hier zu Literatur wurden. In vielen Gesprächen schilderte er Details aus seinen Erinnerungen daran. 
Auch hier ist das Anpassungsvermögen eine notwendige Triebkraft beziehungsweise eine Überlebenstechnik. Das Lager, in dem Pastior schuftete, lag in der Ukraine, und dort liegt auch das Lager, in das der Romanheld Leo Auberg für ganze fünf Jahre seines jungen Lebens verfrachtet wird. Abgeholt wird er im Januar 1945, Leo ist erst 17 Jahre alt, ein typischer Pubertierender voll Sehnsucht im Bauch, wohnhaft im rumänischen Hermannstadt als Deutscher, und zunächst sogar froh, rauszukommen aus der Familienenge.
Die Ansammlung von Lagerbaracken, nach Männern und Frauen getrennt, bleibt im Roman abstrakt. Wie unter der Lupe werden die Szenen beim Friseur betrachtet, die Liebeständel, die Schikane bis hin zur Folter, die Dramen ums Brot. Niemals ist Herta Müller versucht, ein Panorama zu liefern oder gar eine Theorie: Verdichtung ist Prinzip. Nach Erklärungen für das, was geschieht, sucht die Autorin auf fast schon akribische Weise nicht. Es ist eher so, als suche sie in der Erniedrigung aller die Würde des Einzelnen.
Auch Herta Müllers Mutter ist in einem russischen Lager gewesen, hat darüber aber wohl nur in vorwurfsvollen Andeutungen gesprochen – Literatur kann durchaus ein Aufbegehren gegen das Schweigen der Eltern, der Großeltern sein. Es ist nicht Jedermanns Wahrnehmung des Lageralltags, die sich in „Atemschaukel“ niederschlägt, es ist die Wahrnehmung eines der sprachlichen Benennung fähigen Menschen, eines Schriftstellers, ja eines Dichters, könnte man sagen, wenngleich Leo Auberg selbst kein Schriftsteller ist; aber Oskar Pastior, auf dessen Biografie der Roman zurückgreift, war ein Dichter, und was für einer!
Im Lager erfährt Leo alias Pastior die Auflösung seines Ich. Die Macht über das, was vom Lagersubjekt übrigbleibt, übernimmt nicht etwa der russische Lagerkommandant oder der Kapo, sondern ein Wort namens „Hungerengel“. Den Hungerengel muss man sich wie einen Geist vorstellen, den der Hungernde sich schafft, um gegen ihn kämpfen zu können. Das gelingt dem jungen Romanhelden auch, immerhin überlebt er die „Hautundknochenzeit“ im Unterschied zu vielen anderen, aber, und das ist ein gewichtiges Statement: Der Hungerengel nimmt Besitz von ihm für immer. Als nach drei Jahren härtester Haft plötzlich etwas Geld gezahlt wird und er auf dem Basar Essen kaufen kann und sein Fleisch wieder üppiger wird, da hat der Hungerengel ihn immer noch im Würgegriff. Das heißt: Das Lager hat seine Seele zugerichtet, auf Lebenszeit. Und: Niemandem wird Leo jemals wieder sein Herz schenken können.
Herz, übrigens, gehört zu jenen Wörtern, die Herta Müller oft und gern benutzt. „Und noch erschrickt unser Herz“ heißt etwa ein Text aus dem großartigen Essayband „Hunger und Seide“ (1995). Darin har sie etwa den Neofaschismus von heute vorausgesehen. Das Deutschland, das Herta Müller kurz vor dem Mauerfall kennenlernt, das „Land“ ihrer Muttersprache, ist ihr fremd und unheimlich. Warum? Ganz einfach: weil sie, die Deutsche aus Rumänien, als Fremde kategorisiert wird, als „Ausländerin“. 
Man erinnert sich an den Tod Nicolae Ceausescus. Oder besser, an das flimmernde, wacklige schwarzweiße Fernsehbild des toten rumänischen Diktators, seines im Schnee liegenden Kopfes. Es muss der 25. Dezember 1989 gewesen sein. Das rumänische Militär hatte sich auf die Seite des aufständischen Volkes geschlagen; zwei Offiziere erschossen Ceausescu und seine Frau, denen zuvor ein schneller Prozess gemacht worden war von einem schnell einberufenen Militärtribunal. Die Bilder wurden sofort verbreitet in alle Welt und verfehlten ihre Wirkung nicht. Das tote Diktatorenpaar, so Herta Müller, wurde bald schon wieder verklärt – von  den ehemaligen Nutznießern der Diktatur, vor allem aber von den Armen, denen es nach dem Ende der Diktatur nicht besser ging. In dem Text mit dem schönen Titel „ER und SIE – Armut treibt die Menschen an Ceausescus Grab“ beschreibt Herta Müller eine winterliche Szene auf dem Friedhof in Bukarest: „Da steht eine alte Frau in dünnen Kleidern neben SEINEM Grab. Ihr Kinn zittert vor Kälte, nicht vom Beten. ,Ich kann von meiner Rente nicht leben‘, sagt sie, ,ich habe kein Haus und kein Essen. ER hätte das nicht getan.‘„
Und Müller fährt fort: „Sie lügt nicht. Sie hat die Wahrheit des Elends, die Verklärung, die die Ärmsten erfasst. Sie trägt die Folgen einer vergangenen Zeit als Gegenwart. Als Hunger und Kälte. Die Veränderung zertritt sie, treibt sie an dieses Grab. Sie wird wie viele alte Menschen diesen Winter nicht überleben, auf den Straßen verhungern oder erfrieren. Meine Wahrheit, dass ER eine niedergetrampelte Welt hinterlassen hat, widerspricht der ihren nicht. Doch den Luxus der Logik kann sie sich nicht leisten.“
Diesen Text, erschienen am 28. Dezember 1993 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, also nur wenige Jahre nach den Ereignissen, „las man damals und liest man noch heute mit angehaltenem Atem, nicht weil man etwas historisch Neues erführe, das hatte ja das flimmernde Fernsehbild längst erledigt, sondern weil Herta Müller ihre unverwechselbare Sprache, ihren lakonischen Ton, ihre scheinbar einfache Wortwahl demonstriert, weil sie ihre Wahrnehmung, ihre Erfahrung, ihre Empfindungen und ihr Denken in den Ring wirft, und ihre Ethik“, so Ina Hartwig in einer Laudatio.
Die Armut der damaligen Zeit, den Hass auf die Armen als Ausdruck der Abwehr der eigenen Armut: Diesen historisch-psychologischen Mechanismus analysiert Herta Müller in ihren großartigen, mutigen Essays aufs Schonungsloseste. Die Armut der Zigeuner Rumäniens erscheint unter dieser Perspektive als die äußerste Manifestation der alle erfassenden Armut. „Die Scham und der Selbsthass durch Armut als Folge des dauerhaften, sozialistischen Mangels, dies schildert sie ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen, und so werden ihre Texte zu Kristallen der Erkenntnis, die das Kommende in der Vergangenheit viel früher erkennen als wir, die halbwissend Hoffenden. Wir, die damals dachten, die Auflösung der Sowjetunion würde quasi naturgemäß lauter glückliche Demokratien hervorbringen. Mit dieser Hoffnung haben wir uns Illusionen hingegeben, aus denen wir schockartig erwachen, spätestens jetzt, da die Autokraten und Nationalisten weltweit auf dem Vormarsch sind und rechtsradikale Parteien die Parlamente erobern und Polizisten in beunruhigender Zahl wegen rechtsradikaler Gesinnung suspendiert werden müssen“, so Ina Hartwig.
Dass der Hass auf die Armut einerseits immer den Fremden meint, andererseits identitätsstiftend wirkt, hat Herta Müller damals in Deutschland genau beobachtet: „Diese Lebendigkeit im Hass wird zur Selbstverständlichkeit. Das gemeinsame Feindbild muss nie korrigiert werden, weil seine Züge erfunden sind. Die Gesprächspartner erfahren durch das gemeinsame Feindbild Bestätigung ohne Verantwortung. Das macht süchtig.“
Und weiter: „Die Steinewerfer und Brandstifter, die Menschenjäger aus Hoyerswerda und Rostock sind nicht Randgruppen. Sie bewegen sich in der Mitte. Sie können sich nicht nur auf den Applaus am Straßenrand, sondern auch auf die Zustimmung derer verlassen, die äußerlich nicht als Skinheads zu erkennen sind. Brave Bürger, die sich die Köpfe nicht kahlscheren, sondern, unauffällig und still, an der persönlichen und öffentlichen Meinung stricken, die Menschenjagd gesellschaftsfähig macht. Die Neonazis mit den harten Fäusten sind seit mindestens zwei Jahren die Vollstrecker einer öffentlichen Meinung. Deshalb flüchten sie nicht. Sie agieren vor den Kameras der Reporter und toben eine Nacht nach der anderen sogar am gleichen Ort. Sie haben keinen Grund, sich zu vermummen oder in den Untergrund zu gehen. Denn sie fühlen sich beauftragt von der Gemeinschaft.“
Dank ihrer Fremdheit, die nicht die Ihre war, sondern ihr als Projektion entgegenschlug, erkannte Herta Müller diesen fatalen Geist des völkischen Deutschtums, jenes Gespenst, das nach Ende des Zweiten Weltkriegs weitergelebt hat und weiterlebt, in der DDR mit ihrem staatlich verordneten Antifaschismus genauso wie in der alten Bundesrepublik mit ihrer weltweit geachteten Gedenkkultur.
Ein besonders beeindruckendes Buch ist auch das lange Gespräch mit Angelika Klammer, das 2014 unter dem  Titel „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ (2014) erschienen ist. Herta Müller erzählt von dem, was sie zum Schreiben gebracht hat, von ihrem ungewöhnlichen Lebensweg, der vom Kind, das Kühe hütet, bis zur weltweit bekannten Schriftstellerin im Stadthaus in Stockholm führt. Sie erzählt von der Kindheit in Rumänien, vom Erwachsenwerden und dem erwachenden politischen Bewusstsein, von den frühen Begegnungen mit der Literatur, den Konflikten mit der Diktatur, dem eigenen Weg zum Schreiben, vom Ankommen in einem neuen Land.
Was man aus Herta Müllers wie gewohnt auf hohem Niveau verfassten Schilderungen herauszieht, ist nicht nur die Einsicht in ihre persönlichen Strategien des inneren Widerstands. Man wird zurückgeworfen auf die eigene Moral und fragt sich: Was hätte man an Herta Müllers Stelle getan, wenn man vor einem Geheimagenten der Securitate“ gesessen und gesagt bekommen hätte, dass man aus dem Vernehmungsraum nicht lebend herauskommt, wenn man das Dokument zur Zusammenarbeit nicht unterschreibt? Hätte man ebenso unbekümmert auf die innere Stimme gehört und das Papier einfach zerrissen?
Dabei muss man bedenken, dass selbst einige der moralisch unverfänglichsten Intellektuellen Rumäniens dem Druck nicht standzuhalten vermochten: wie etwa Herta Müllers Freund Oskar Pastior, der nach den Erpressungen durch die Securitate das Dokument zur Zusammenarbeit unterschrieb. Herta Müller kämpft um Verständnis: Sie verweist auf Pastiors psychisch labilen Zustand, seine aus der Zeit im sowjetischen Arbeitslager mitgenommenen Traumata und seine Homosexualität, die den Autor und Lyriker erpressbar gemacht hatte. Und sie weiß, dass nicht jeder die Kraft aufzubringen vermochte, jene innere Mauer aufzubauen, die notwendig war, um sich den Schikanen der Geheimdienstmitarbeiter zu widersetzen. Einige Oppositionelle flüchteten, andere knickten ein, wieder andere begingen Selbstmord. 
Auch Herta Müller zog, in Momenten der absoluten Trostlosigkeit, den allerschlimmsten aller möglichen Auswege in Erwägung: „Viele Jahre danach, in der Verleumdungszeit der Fabrik, habe auch ich an Suizid gedacht. Ich habe den richtigen Ort gesucht, am Fenster oben im Wohnblock, die richtigen Steine für die Manteltasche und die richtige Stelle am Fluss.“ Doch sie hat nicht aufgegeben. Nicht unbedingt aus Selbstschutz oder ungebrochenem Lebenswillen, sondern weil es für die Ceausescu-Schergen eine Genugtuung gewesen wäre, wenn auch ihre Stimme geschwiegen hätte. Die Konsequenz war ein Leben in Angst, die „sichtbar von der Stirn bis zu den Fußspitzen hing“.

 

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